Physiotherapie auf Rädern – wie Fina die Ungleichheit im Gesundheitssystem ausbessern will

Fina Steen, 22 Jahre alt und ausgebildete Physiotherapeutin, wusste schon immer, dass sie lieber selbstständig statt angestellt arbeiten möchte. Im leetHub, einer Bürogemeinschaft, in der Menschen mit und ohne Fluchthintergrund bei der Unternehmensgründung unterstützt werden, ist sie ihrem Traum vom PhysioMobil einen Schritt nähergekommen – was genau das „PhysioMobil ohne Grenzen“ ist, erzählt Fina uns im Interview.

Fina, eine Physiotherapeutin aus Hamburg

Fina, wie hast du zum leetHub gefunden?

Von Anfang Januar bis Ende März hat das leetHub eine Online-Projektwerkstatt veranstaltet, bei der den acht Teilnehmerinnen innerhalb von zehn Wochen von der Idee bis zur Projektplanung verholfen werden sollte. Ich hatte zu der Zeit nur die Idee für das PhysioMobil, und es hat mir sehr geholfen, dass wir uns gemeinsam Anstoß gegeben haben. Mittlerweile vermisse ich es fast schon ein bisschen!

 

Erklär doch mal, was genau ist das PhysioMobil, das du in der Projektwerkstatt entworfen hast?

Das PhysioMobil ist eine Physiotherapie auf Rädern. Ich möchte Physiotherapie für Menschen ohne Krankenversicherung zugänglich machen. Dafür gebe ich kostenlose Behandlungen in einem Bus, den ich zu einem Behandlungszimmer ausbaue. Denn einige Klient*innen können nicht in eine Praxis kommen, haben aber auch selbst keinen Ort, an dem ich sie behandeln könnte.

 

Und wie bist du auf die Idee des PhysioMobils gekommen?

Nach meiner Ausbildung habe ich mich als mobile Physiotherapeutin selbstständig gemacht, das heißt, ich gehe zu meinen Klient*innen nach Hause. Nach einem Gespräch mit einem Anwalt über meine Rechte und Vorgaben ist herausgekommen: Ich darf nur Selbstzahler*innen und privat Versicherte behandeln. Denn die gesetzlichen Krankenkassen zahlen keine Behandlungen in mobilen Praxen. Ich fand es ungerecht, dass ich nur die Reichen behandeln kann, und habe nach einem Weg gesucht, mit dem ich alle behandeln kann. Bei der Recherche habe ich dann gedacht: Was ist mit denen, die gar keine Versicherung haben? So bin ich auf eine Lücke im System aufmerksam geworden, die viele überhaupt nicht wahrnehmen.

 

Ist das Problem tatsächlich so groß? Es ist ja eigentlich völlig normal, eine Krankenversicherung zu haben.

Ja, denn Menschen ohne Krankenversicherung leben oft unter dem Radar. Ich habe bei verschiedenen Praxen und Organisationen nachgefragt, die Menschen ohne Krankenversicherung behandeln, ob es überhaupt Bedarf an physiotherapeutischer Behandlung gibt. Die Praxis ohne Grenzen hat mir mitgeteilt, dass schon so viele ihrer Klient*innen eine Physiotherapie benötigt hätten. Auch die Ärzte der Welt und das Arztmobil haben mir ähnliches bestätigt.

 

Und wen genau betrifft dieses Problem?

Laut des statistischen Bundesamtes waren 2019 etwa 60.000 Menschen in Deutschland nicht krankenversichert. Das sind oft Geflüchtete und wohnungslose oder erwerbslose Menschen. Aber beispielsweise auch Rentner*innen, die lange in einer privaten Versicherung waren und jetzt nicht mehr in eine gesetzliche Versicherung aufgenommen werden. Auch Selbstständige können sich teilweise keine Krankenversicherung leisten, die um die 180€ kostet und prozentual immer teurer wird. Wenn man ein Drittel vom Lohn an die Krankenversicherung abgeben muss und mit dem Geld eigentlich eine Familie durchbringen müsste, lässt man das möglicherweise lieber.

 

Wie findet die Behandlung im PhysioMobil konkret statt?

Ich kaufe einen Bus, in dem ich ein Behandlungszimmer im Miniformat aufbaue. Den stelle ich an verschiedenen Standorten auf, denn Menschen ohne Krankenversicherung können keinen Arzttermin machen. Das heißt, ich muss beispielsweise immer freitags um 15 Uhr an einem bestimmten Ort stehen. Meine Klient*innen kommen dann dort vorbei. Oder ich fahre zu anderen Praxen, die Behandlungsbedarf haben, zum Beispiel den Ärzten der Welt, und behandle dort Klient*innen, die eine Physiotherapie benötigen.

 

„Ich würde mich freuen, wenn ähnliche Projekte auch in anderen Städten entstehen.“

Wovor hast du Respekt beim Gründen des PhysioMobils?

Darüber habe ich noch gar nicht so viel nachgedacht. Am meisten Respekt habe ich davor, alles selbst organisieren zu müssen und die Verlässlichkeit zu geben, immer zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort für meine Klient*innen da zu sein. Die Mitarbeiter*innen des Arztmobils haben mich außerdem darauf vorbereitet, dass das eine ganz andere Arbeit als in einer Praxis ist: Um mit Menschen mit Suchterkrankungen oder wohnungslosen Menschen zu arbeiten, braucht man ein anderes Auftreten, man muss wirklich in sich ruhen. Außerdem ist die Behandlung von Menschen ohne Krankenversicherung eine rechtliche Grauzone, richtig abgesichert bin ich da nicht. Aber ich bin gespannt auf die Arbeit mit Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen.

Am schwierigsten ist eigentlich der erste Schritt, wenn man sich informieren und durch viel Bürokratie durchbeißen muss. Deswegen möchte ich gerne andere unterstützen, die auch mobile Behandlungsmöglichkeiten aufbauen möchten. Das Physiomobil soll es keinesfalls nur in Hamburg geben, sondern ich würde mich freuen, wenn ähnliche Projekte auch in anderen Städten entstehen. Dafür teile ich auch gerne das Wissen und die Erfahrungen, die ich bisher gesammelt habe.

 

Zu guter Letzt – Wie kann man dich unterstützen?

Der nächste Schritt ist, einen Bus zu kaufen, den ich zu einem Behandlungszimmer ausbauen kann. Dafür brauche ich etwa 10.000€, die ich mit einer Spendenaktion sammeln will. Man kann mich durch Spenden unterstützen, und wenn mein Projekt auf social media geteilt wird, erfahren mehr Leute davon. Und Reichweite hilft mir sehr viel.

 

Mehr über Fina und das PhysioMobil lest ihr hier auf ihrer Webseite.

Spenden für Finas Projekt könnt ihr hier, außerdem findet ihr Fina auf Instagram und Facebook.

Emily ist Wahlhamburgerin, Sinologiestudentin und außerdem begeistert von Sprache und Politik. Bei kohero möchte sie diesen beiden Leidenschaften zusammenbringen und mehr über Migration und die Herausforderungen, denen Menschen dabei begegnen, lernen. Sie schreibt Artikel und arbeitet am Newsletter mit.
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