Hautfarbe durch die Augen eines Kindes

Foto: Alexas_Fotos_viaPixabay

Unsere Autorin Genia Loginova erzählt, wie sie die Hautfarbe anderer Menschen als Merkmal bewusst wahrnimmt. Für ihre Tochter ist es ganz anders. Eine Anekdote, die uns unsere persönliche Wahrnehmung hinterfragen lässt.

Ein klarer Fall von positivem Rassismus

Im Jahr 1994 kam ich nach Sankt-Petersburg. Es war ein unglaublich heißer Sommer gewesen. Drei Wochen lang gab es keine einzige Regenwolke. Die Stimmung war dennoch ausgelassen und heiter, überall fröhliche Menschen. Es waren gerade Goodwill Games in St. Petersburg. In der Menschenmenge sah ich ihn: einen Olympischen Gott, über zwei Meter groß, er trug nichts außer knallroten Shorts. Der Gott war schwarz. Wahrscheinlich ist es ein Basketballspieler aus den USA gewesen. Ich war 24 und vollkommen begeistert. Ja, Schwarz lässt Farben viel schöner leuchten. „Ein klarer Fall von positivem Rassismus!“ – würde meine Tochter jetzt kommentieren. So lernen sie es heute in der Schule. Für mich aber ging damals eine Tür in eine andere, größere Welt auf. Das war das erste Mal, dass ich einen Menschen mit einer anderen Hautfarbe gesehen habe.

Ein ganz anderes Niveau

Jahre später, ich, selber Mutter, mit Mann und Kind in Brügge, Belgien unterwegs. Die Stadt wie eine mittelalterliche Kulisse, eine warme Mitternacht, Touristen von überall auf der Welt wimmelten auf den Straßen. Wir trafen auf eine Gruppe Studenten aus Tansania, quatschten, lachten, tauschten unsere Erfahrungen aus. Am nächsten Tag fuhren wir weiter. Irgendwann fragte mich meine Tochter:
– Weißt du noch Mama, diese lustigen Leute…
– Welche denn?
– Na, diese jungen Leute, die wir getroffen haben…
– Es waren ja so viele… Welche?
– Die mit coolen Klamotten!
– …?
– Na, die Studenten aus Tansania!
– Ach, sie!
Sie hat nicht gleich als erstes gesagt, dass sie die Jugendlichen mit schwarzer Hautfarbe meinte. Nein, das war ihr ehrlich nicht aufgefallen! Nur das sie jung und lustig waren. Die Hautfarbe war nicht das wichtigste Merkmal, es spielte für sie gar keine Rolle! Das ist ein ganz anderes Niveau. Werde ich das mal erreichen können? Zum Glück gibt es heute in den Schulbüchern kein Kapitel Rassenkunde mehr, es werden keine hässlichen, ekligen Wörter in Kindermünder gelegt. Schoko-Küsse heißen Schoko- Küsse und sie werden nicht in den Kolonialwaren-Läden verkauft. Wenn Kinder zum Tierpark Hagenbeck fahren, dann nicht zu einer Völkerschau. Und ich hoffe, ihre Kinder werden schon in einer anderen Zeit leben, wo die Hautfarbe gar keine Rolle spielen wird.

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Alltagserfahrungen Hautfarbe Rassismus
Genia ist freie Künstlerin und für Bilder und Illustrationen bei kohero verantwortlich. "Ich liebe meine [...]

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