Eine Geflüchtete ohne Aufenthalt

Ich bin Taghreed Dawas, ich bin 25 Jahre alt, ich habe in meiner Tasche 2 Euro und 75 Cent. Ich bin eine gescheiterte Schriftstellerin und eine Mutter ohne Sohn, ein Herz ohne Liebe, eine Palästinenserin ohne Heimat, eine Tochter ohne Vater, eine Aktivistin ohne Arbeit, eine Geflüchtete ohne Aufenthalt.

Fotograf: Angello Lopez. Unsplash


Bei uns sagt man: ” Wenn man in der Nacht nicht geschlafen hat, sieht man die Nacht unter den Augen.“ Unter meinen Augen ist tiefste Nacht und es gibt zwei Sterne. Ich habe unter meinen Augen jeweils sieben Falten. Das sind die Pointen vom Witz des Alters und der Zeit und des Krieges.
Mein Name ist Taghreed, ich habe eine Sehschwäche und ich vergesse immer meine Brille zu tragen. Ich werde von meiner Brille gezwungen,  die Sachen und die Personen klarer zu  sehen. Aber ich habe Angst… davor, die Sachen klarer zu sehen, deshalb trage ich meine Brille nicht.
Ich habe elf Abendkleider, aber ich habe keine Einladung, um die Abendkleider zu tragen. Ich öffne aber gerne meinen Schrank, um die Abendkleider zu sehen, weil sie mir ein unbekanntes Gefühl der Weiblichkeit und der Verwöhnung in dem Land, in dem man morgens den Spiegel zu stehlen vergessen hat, geben.

Wenn eine Frau in unserem Land Make-up trägt, ist sie alt. Hier dürfen sich auch junge Frauen schminken.
Ich beobachte die Gesichter der Greisinnen… der jungen Greisinnen. Du findest sie hier in der U-Bahn in allen Farben und aller Leichtigkeit, Eleganz und Schönheit. Sie tragen ihr Buch, sie achten darauf, dass die Farbe des Nagellacks passend zu ihrem Pelzmantel und ihren Schuhen ist.

Dann
erinnere​ ich mich an meine Oma, möge sie in Frieden ruhen, und ich muss lachen. Wie lange wird es dauern- meine Oma musste 60 Jahre alt werden, bis sie meinem Opa ihre Haare zeigte – wie lange wird es dauern, bis ich eine elegante und ruhige Greisin sein werde, die Nagellack tragen und Bücher lesen kann?

Übersetzung: Birte Nielsen

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2 Antworten

  1. Liebe Taghreed Dawas, kennen Sie das Projekt „Fluchtpunkt Hamburg“? Migranten, die ihre Muttersprache als „Schreiber“, z.B. als Schriftsteller, Journalisten, Lehrer, Theaterleute, wegen ihrer Flucht nicht mehr benutzen können, schreiben für dieses Projekt über ihren Sprachverlust. Wäre das etwas für Sie?

  2. Liebe geflüchtete Autorin,
    bitte schreib mir, ich möchte Dich gerne kennenlernen um mit Dir über Deine schriftstellerische Arbeit zu sprechen. Ich bin eine Bosnierin, Autorin und Malerin. Bitte melde Dich, vielleicht kann ich Dir helfen.

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