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Geflüchtete Frauen in Deutschland: Balanceakt zwischen zwei Welten

Souad Abbas lebt seit drei Jahren in Deutschland. Derzeit arbeitet die Syrerin als Chefredakteurin für die arabischsprachige Zeitung Abwab, die in Deutschland veröffentlicht wird. Ihr Hintergrund in humanitärer Arbeit mit Geflüchteten in Syrien und im Libanon gaben ihr viele Einblicke in die Probleme aller, die gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen – und die Herausforderungen, denen speziell Frauen gegenüberstehen. In folgendem Interview mit Franziska Bauer für das "Flüchtling-Magazin" erzählt sie davon:

Fotograf: Abdul Razzaq Shablout

Flüchtling-Magazin: Ich nehme an, du stimmst mit mir darin überein, dass geflüchtete Frauen größere Hürden zu überwinden haben als Männer. Was ist die erste, die dir einfällt?

Souad Abbas: Man muss den kulturellen Faktor im Blick haben: Für viele Frauen, die aus der gleichen Region kommen wie ich ist es hier das erste Mal, dass sie beruflich tätig werden. In ihren Heimatländern konnten oder durften sie oft nicht arbeiten. Hier sind sie unabhängiger, aber sie sind auch gezwungen, zu arbeiten. Das erzeugt Stress. Natürlich ist es aber auf lange Sicht positiv: für sie selber, ihre Unabhängigkeit und ihre Familien.

Flüchtling-Magazin: Kennst du ein Beispiel einer Frau, die nach ihrer Flucht eine Karriere bzw. eine neue Karriere beginnen konnte?

Souad Abbas: Eine Freundin von mir lebt jetzt in Südfrankreich. Stell dir vor: Sie hat vorher 23 Jahre lang als Lehrerin gearbeitet. In Frankreich kam dann der totale Bruch: Sie absolvierte eine Ausbildung zur Schweißerin. Sie fand eine Arbeit und hat in diesem Metier Fuß gefasst, aber auch hier in Europa ist es sehr hart für eine Frau, in einem männerdominierten Feld zu arbeiten. Sie beißt sich durch.

Flüchtling-Magazin: In welchen anderen Lebensbereichen haben es Frauen schwerer, die gezwungen sind, außerhalb ihres Heimatlandes zu leben?

„Es ist wichtig, dass Frauen ihre Rechte im Land kennen, in dem sie wohnen.“

Souad Abbas: Ehen, Beziehungen, Scheidungen, Kindererziehung. Das sind alles kritische Themen für Frauen. Für manche Ehemänner, Väter und Brüder ist es hart zu sehen, dass Frauen auf einmal wirtschaftlich unabhängig sind. Mann und Frau bekommen nun mal gleich viel Geld vom Jobcenter. Die Männer kommen aus dem Gleichgewicht, fühlen sich verloren oder sogar nutzlos. Sie verlieren die Kontrolle über alles. Das spiegelt sich oft schlimm in der Beziehung zu der Frau wider.
Außerdem müssen sich die Neuankömmlinge alle an deutsches Recht halten. So genannte Ehrenmorde – und jegliche Gewalt gegen Frauen – sind ein Zeichen, dass das bei Weitem noch nicht alle verstanden haben. Ich kann auch nicht genug betonen, wie wichtig es ist, dass Frauen ihre Rechte im Land kennen, in dem sie wohnen. In diesem Bereich muss noch viel mehr getan werden. Es betrifft verschiedene Lebensbereiche, wie Gewalt im häuslichen Bereich, aber auch Arbeit oder Kleidung. Es ist ein kulturelles und ein religiöses Thema.

Flüchtling-Magazin: Das klingt wie ein Riesenhaufen von Herausforderungen. Kannst du daran irgendetwas Positives sehen?

Souad Abbas: In diesen Herausforderungen liegen natürlich auch viele Chancen – aber vor allem für die nächste Generation. Denk an all diese Leute, die in ein neues Land kommen, wenn sie in ihren 40ern oder 50ern sind. Es ist für sie nicht leicht, einfach alles zu vergessen, was sie im Krieg erlebt haben. In vielen Fällen haben sie alles verloren, wurden gezwungen, zu fliehen, eine neue Sprache zu lernen, und stehen der ständigen Herausforderung gegenüber, akzeptiert zu sein. Es ist wie ein neuer – für Außenstehende oft unsichtbarer – Krieg, in dem sie kämpfen müssen.

Flüchtling-Magazin: Zurück zu den Frauen: Du sagtest, dass du mit einigen geflüchteten Frauen hier gesprochen hast. Von welcher Art von Problemen haben sie dir erzählt?

„Es geht um die persönliche Entscheidung der Frau, was sie tragen möchte.“

Souad Abbas: Geflüchtete Frauen stehen oft einem dreifachen Dilemma gegenüber: Sie müssen gegenüber der Gesellschaft zu Hause beweisen, dass sie „ehrenhaft“ geblieben sind. Gegenüber der Gesellschaft im neuen Land müssen sie zeigen, wie anpassungsfähig sie sind. Und in der Gemeinschaft von Geflüchteten müssen sie zeigen, dass sie irgendwie den Balanceakt zwischen beiden Welten schaffen. Bei muslimischen Frauen ist ein Beispiel natürlich Kleider. Für Frauen, die von ihrem Äußeren her offensichtlich muslimisch sind, ist es mit all den politischen Diskussionen hier nochmal viel härter. Viele verstehen nicht, dass es um die persönliche Entscheidung der Frau geht, was sie tragen möchte, und nicht, was die Mehrheitsgesellschaft darüber denkt. Wenn man sagt, Frauen sollten frei sein, dann sollte man nicht seine Nase in diese private Angelegenheit stecken. Es schafft eine Spannung, die lächerlich ist, weil sie nichts damit zu tun hat, ob man ein aktives Mitglied der Gesellschaft ist oder nicht.

Flüchtling-Magazin: Das sind große Themen, die sicher noch lange brauchen, bis eine Lösung in Sicht ist. Wohin können sich Frauen für ihre Alltagsprobleme wenden?

Souad Abbas: Es gibt verschiedene Facebook-Gruppen, die ziemlich aktiv sind, in denen Frauen ihre Geschichten, Sorgen und Ängste über alles Mögliche teilen. Beispiele sind „syrische Frauen in Deutschland“, „arabische Frau in Deutschland“ und „Syrian Women‘s Network“. Oft geht es um persönliche Dinge wie Kinder, Schulen oder die Uni. Ein Thema, das sehr häufig auftaucht, ist Gesundheit. Gruppenmitglieder erzählen zum Beispiel von stressinduzierten Krankheiten oder Beschwerden, die lange Wartezeit für einen Arzttermin und Kommunikationsproblemen.

Flüchtling-Magazin: Vielen Dank für das Interview.

Franziska arbeitet in den Bereichen Marketing, Redaktion und Social Media in Berlin. Sie interessiert sich für interkulturelle Verständigung und für alles rund um die Themen Migration und Integration. „Das Tolle am Flüchtling-Magazin finde ich, dass es einen partizipativen Ansatz hat und einen Dialog schafft – für alle, die in Deutschland leben.“
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Franziska arbeitet in den Bereichen Marketing, Redaktion und Social Media in Berlin. Sie interessiert sich für interkulturelle Verständigung und für alles rund um die Themen Migration und Integration. „Das Tolle am Flüchtling-Magazin finde ich, dass es einen partizipativen Ansatz hat und einen Dialog schafft – für alle, die in Deutschland leben.“

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