Freundschaft verbindet Kulturen

Wir gehen zurück zu unseren Anfängen und veröffentlichen Portraits aus unserem Archiv. Viele Geflüchtete haben uns ihre Geschichten erzählt, als sie noch nicht lange in Deutschland waren. Gerade jetzt, wo auch Geflüchtete sich in der Corona-Krise solidarisch zeigen und unsere Gesellschaft stützen, wollen wir sie nochmal in den Mittelpunkt stellen - als Menschen und unsere Nachbarn.

Fotograf: Hussam Al Zaher

Moaayad Audeh erzählt die Geschichte einer Bekanntschaft, die zu einer sehr verbundenen Freundschaft wurde. Beide Seiten lernen viel voneinander und vor allem unterstützen sie sich gegenseitig. Als ein schwerer Schicksalsschlag passiert gibt die Freundschaft halt und Moaayad erlebt zum ersten Mal eine Seebestattung. 

Der Beginn einer tiefen Freundschaft

Im Dezember 2016 habe ich eine nette Frau auf der Party eines Freundes kennengelernt. Wir haben uns dann auf Facebook befreundet. Damals lebte ich in einem Flüchtlingscamp und sie hat mich dort manchmal besucht. Kurz darauf habe ich jedoch ein Zimmer gefunden. Dieses Zimmer war komplett leer und ich kannte kein Möbelgeschäft. Also habe ich es ihr erzählt, sie hat sich sehr für mich gefreut und mir angeboten, dass wir gemeinsam zu einem Geschäft gehen könnten. Ich fand das wirklich sehr nett von ihr.

Wir haben uns dann einmal pro Woche entweder bei mir oder bei ihr getroffen. Damals konnte ich noch nicht so gut Deutsch, am Vormittag bin ich immer in die Sprachschule gegangen. Am Nachmittag jedoch war ich für den Rest des Tages im Flüchtlingscamp, wo ich nur Arabisch gesprochen habe. Ich habe leider nur wenig Kontakt zu Deutschen außer zu ihr. Wir schreiben uns täglich und wir treffen uns, um Deutsch zu sprechen. Wir sind wirklich gute Freunde geworden und lernen viel voneinander, sie auch von mir.
Zum Beispiel, dass man hartnäckig und geduldig sein muss und dass man nie aufgeben darf. Denn ihr Vater musste vor ein paar Monaten am Herzen operiert werden und danach für eine lange Zeit im Krankenhaus liegen. Sie konnte ihn leider nicht jeden Tag besuchen, wegen ihrer Arbeit.
Und auch ihre Mutter musste an der Hüfte operiert werden.

Moaayad Audeh
Moaayad Audeh

Ein Schicksalsschlag

Doch es kam noch schlimmer: am letzten Tag im Fastenmonat ist ihr Vater leider gestorben. Sie war zu dem Zeitpunkt bei uns zum Fastenbrechen, als sie den Anruf bekam. Ich kannte ihn gar nicht und war trotzdem traurig. Sie hatte große Angst und hat sehr viel geweint.

Ich bin dann mit ihr ins Krankenhaus gefahren. Dort habe ich ihren Schwager, ihre Schwester und ihre Mutter kennengelernt. Sie waren sehr nett. Ihr Vater kam übrigens ursprünglich aus Indien. Er ist nach Deutschland gekommen als er 18 Jahre alt war. Seine Mutter ist kurz danach gestorben und sein Vater war verschwunden. Er konnte damals gar kein Deutsch, hatte aber Glück, dass er eine Frau kennenlernte, die ihm Deutsch beigebracht und ihm sogar ein Zimmer und einen Ausbildungsplatz besorgt hat. Eigentlich wollte er Medizin studieren, aber sein Abitur wurde leider in Deutschland nicht anerkannt. Seine Frau lernte er auf einem Kirchentag kennen und sie haben sehr schnell geheiratet. Später bekamen sie dann zwei Töchter.

Ich habe zum ersten Mal eine Seebestattung miterlebt

In seinem Testament hat er festgehalten, dass er, wenn er stirbt, möchte, dass seine Asche im Meer verstreut wird.

Vor zwei Wochen hat sie mir gesagt, dass wir zusammen zur Nordsee fahren, zur Seebestattung. Für mich war es die erste christliche Beerdigung, die ganz anders war, als die Beerdigungen, die ich bisher kannte. Als wir auf dem Schiff waren, war die Familie sehr traurig und es gab viele, viele Blumen. Der Trauerredner hat die Geschichte ihres Vaters erzählt und es gab auch traurige Musik. Später haben wir dann gemeinsam die Blumen auf das offene Meer geworfen.

Wenn bei uns in Syrien jemand stirbt, kommt ein Mann, der den Toten wäscht und in ein Leichentuch einwickelt, um ihn danach in den Sarg zu legen. Man geht mit der ganzen Familie und den Freunden in die Moschee, wo gebetet wird. Später geht man zum Friedhof, um den Toten schließlich zu beerdigen. Danach lädt die Familie Gäste und Nachbarn zum Essen ein. Ich finde so eine Beerdigung auf einem Friedhof besser, denn dann haben die Familie und die Freunde einen Ort, den sie besuchen können und wo sie bewusst trauern können. Sie können mit dem Toten reden und vielleicht hört er sie ja. Aber indische Beerdigungen sind eben anders. Ich fand das schon ein bisschen seltsam.

 

 

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 Ich war ungefähr ein Jahr dort, länger durfte ich nicht bleiben, weil ich aus Syrien komme. Ich musste Saudi-Arabien…

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