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Fliegeralarm: Die Tonspur des Krieges

Olya Robion berichtet über ihre Erinnerungen an den "Soundtrack des Krieges". Jetzt, in einer neuen Stadt, spricht sie sowohl über die damit verbundenen Gefühle als auch über einen Wunsch für die Zukunft.

Fotograf: Kateryna Shelevytska luftalarm

Manchmal versuche ich absichtlich, diesen Ton in meinem Kopf einzuschalten, diese auf Dauerschleife gepresste Tonspur. Fliegeralarm. Als ob ich versuchen würde, mich in eine andere Dimension zu versetzen. Hier, in einem anderen Land, ein paar tausend Kilometer weg von Zuhause, ertappe ich mich unwillkürlich beim Gedanken, dass mich der Ton hier in meiner neuen  Realität in den Schlaf singen kann. Es ist so, als würde man einen Schleier vor die Augen legen, damit man vergisst, einschläft. Versteckt die Realität von dir.

Aber ich hatte Glück. Ich wuchs in einem Land auf, in dem die Menschen keine Angst vor der Realität haben. In einem Land, das am Bruch zwischen zwei Welten und Ideologien steht. Also strebe ich nach ihr. Ich kann nicht ohne sie. Es ist mein Sauerstoff und mein Wesen.

Jemand hat den Krieg vertont

Heute ertönte der Fliegeralarm in der Aufnahme im Herzen von Hamburg. Es ist eine von zahlreichen regelmäßigen Demos von den Ukrainern gegen Genozide in ihrem Land. Demonstranten standen starr mit Flaggen und Fotos der inhaftierten Verteidiger. Und ich dachte wieder, dass mich dieses Geräusch hält. Die Sirene ist unsere Tonspur geworden, sie ist ein dauerhafter Soundtrack dieses Krieges und all der vorherigen. Eine bizarre Erleichterung, dass es existiert. Jemand hat den Krieg vertont. Dieser Klang saugt das ganze Leben auf, lässt das Wesen zu einem winzigen unsichtbaren Punkt schrumpfen, alles in ihm fokussieren. Die Singularität unserer Zivilisation, ihr Untergang. Wir wissen, wie unser Ende aussieht. Dennoch dreht sich die Geschichte wie im Teufelskreis weiter.

Wenn man zum ersten Mal dieses Geräusch hört, gehört man in dem Moment nicht mehr sich selbst. Die Sirene ist wie ein Gong. Ein Nachhall unserer Urinstinkte. Wir werden nur von unserem Angstgefühl gesteuert, eine sogenannte Stimme, die sagt, dass man sich retten muss. Man verwandelt sich in einen Volksstamm. Vielleicht nennt man dies Selbsterhaltungstrieb.

 Wie Obelisken

Aber die Leute in der Innenstadt bemerken es nicht, sie gehen weiter vorbei, um Sachen im saisonalen Ausverkauf zu erwerben. Und die Ukrainer stehen weiter, stehen standhaft wie ägyptische Obelisken, von deren Oberflächen der Himmel reflektiert wird. Und dann denke ich: Vielleicht ist einer von ihnen aus Mariupol? Wie fühlen sie sich? Die Ukrainer haben sich in mehrere Kategorien eingeteilt: diejenigen, die im Krieg überlebt haben und ihre Familie und Heimat verloren haben, diejenigen, die noch in der Ukraine sind, aber glücklicherweise den Schrecken des Krieges nicht persönlich erlebt haben, Ukrainer, die nicht alles verloren haben, aber der Sicherheit halber beschlossen, zu fahren, und letztendlich die Ukrainer die schon vor Beginn des Krieges im Ausland waren.

Aber sie alle sind jetzt durch ein gemeinsames Gefühl verbunden, einen Wunsch zu überleben, diese Geschichte an ihre Nachkommen weitererzählen zu können und zu verhindern, dass die schrecklichen Fehler der Vergangenheit sich wiederholen. Damit wir in Zukunft nur noch von lebenspendenden Tonspuren begleitet werden können.

„Schreiben ist für mich eine Möglichkeit, sich durch das Wort auszudrücken. Bei kohero schreibe zu Themen die sich auf die Gegenwartskultur, Weltereignisse, Krieg in der Ukraine beziehen, und analysiere diese aus der Linse meiner persönlicher Erfahrung der Migration. Des Weitern interessiern mich menschliche Psychologie, Unterschiede in der Weltanschauung und einfache alltägliche und soziale Probleme.“

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