Die universelle Sprache der Schokolade

Familie Hadhad flieht 2012 vor dem Krieg aus Syrien nach Kanada. Nach einiger Zeit baut sie quasi über Nacht den Familienbetrieb, eine Schokoladenfabrik, wieder auf. Inzwischen leitet Tareq Hadhad ein großes Schokoladenunternehmen. Im Interview erzählt er seine Geschichte über seine Leidenschaft für Schokolade.

Als Familie Hadhad in Kanada ankommt, hat sie fast nichts mehr. Durch den Krieg in Syrien haben sie Familienmitglieder, ihr Zuhause und ihre Schokoladenfabrik verloren. Doch nur wenige Wochen nach ihrer Ankunft in der Kleinstadt Antigonish beginnt die Familie in ihrer Küche wieder mit der Herstellung von Schokolade und begeistert damit schnell die örtliche Gemeinschaft. Heute, sechs Jahre später, leitet Tareq Hadhad eine schnell wachsende Schokoladenfabrik.

 

2012 haben Sie ihr Heimatland Syrien wegen des Krieges verlassen, Sie flohen damals mit Ihrer Familie in den Libanon. Was ist seitdem passiert?

Ja, also 2011 begann der Krieg in Syrien. In dieser Zeit habe ich viele Familienmitglieder verloren, die verschwunden sind, und viele von ihnen wurden verhaftet. Wir haben unser Haus verloren, nachdem es zuerst von den Soldaten eingenommen und dann verbrannt und später bombardiert wurde.

Ein paar Monate später, Ende 2012, arbeitete mein Vater in der Fabrik. Wir hatten damals die zweitgrößte Schokoladenfabrik in der Region und um Damaskus herum, wir hatten Hunderte von Angestellten. Die Fabrik wurde an diesem Tag im Dezember 2012 bombardiert, und alle fünf Stockwerke wurden nach dem Luftangriff dem Erdboden gleichgemacht.

 

Wie viele Menschen starben bei diesem Angriff?

Alle Mitarbeiter haben überlebt. Mein Vater verließ die Fabrik tatsächlich 10 Minuten vor der Explosion. Aber auch nachdem alles weg war, sind wir in Damaskus geblieben, weil das unsere Heimat war. Wir wollten dort leben, wir wollten im Land bleiben und am Wiederaufbau mitwirken. Drei Monate später explodierte eine Rakete in der Nähe von mir und meinem Bruder. Ich wurde am Bein verletzt, mein Bruder verlor das Bewusstsein.

Ich trug ihn und brachte ihn zurück ins Haus. Damals studierte ich Medizin und wollte mein Studium gerne noch abschließen. Aber als wir nach dem Angriff ankamen, waren meine Familie und ich uns einig, dass wir fliehen mussten, um zu überleben. Also eilten wir zur libanesischen Grenze und wurden als Flüchtlinge registriert.

 

Wie war es für Sie, ein Flüchtling zu werden?

Ein Flüchtling zu sein, ist keine Entscheidung. Es ist kein Lebensziel. Ein Flüchtling zu sein, ist die schwierigste Art zu leben. Wir wurden gezwungen, unsere Heimat zu verlassen, nachdem wir alle anderen Möglichkeiten ausprobiert hatten.

Wir blieben drei Jahre lang im Libanon. Ich wollte nicht die Rolle des Opfers spielen. Ich wollte die Rolle des Siegers einnehmen, denn wir haben überlebt.

Also arbeitete ich ehrenamtlich mit dem UN-Flüchtlingskommissariat zusammen und aufgrund meiner medizinischen Erfahrung auch mit der WHO, der Weltgesundheitsorganisation. Ein paar Monate später beantragte ich bei der kanadischen Botschaft, nach Kanada zu kommen, um mein Studium fortzusetzen. Und tatsächlich, meine Bewerbung war erfolgreich, meine Familie und ich wurden eingeladen, nach Kanada zu kommen. Ich konnte es nicht glauben.

Als ich meiner Familie davon erzählte, sagten zu zuerst: „Kanada ist zu kalt“. Aber ich versprach ihnen, dass es ihnen gut gehen würde. Ein paar Monate später, 2015, kam die neue kanadische Regierung und versprach, 25.000 syrische Flüchtlinge aufzunehmen.

Ich saß im zweiten Flugzeug, das Flüchtlinge aus dem Libanon nach Kanada brachte, und es war eine sehr, sehr bemerkenswerte Reise, um ehrlich zu sein.

 

Sie sind also nach Kanada gezogen! Wie war die Umstellung?

Ich kam im Dezember 2015 nach Kanada. Und meine Familie ist mir dann nach drei Wochen gefolgt. Wir wurden in einer kleinen Stadt namens Antigonish untergebracht. Die Umstellung von Damaskus, einer Stadt mit fünf Millionen Einwohnern, auf eine kleine Stadt mit fünftausend Einwohnern – diese Veränderung war enorm.

Aber wir haben schnell gemerkt, dass wir in Antigonish eine große Familie um uns herum gefunden haben. Die Menschen hier sind die freundlichsten, großzügigsten und gastfreundlichsten Menschen, die man je treffen wird. Sie öffneten damals ihre Türen und ihre Herzen für uns und wollten uns wirklich dabei unterstützen, unser Leben neu zu beginnen. Das war sicher einer der Gründe, warum wir das so schnell geschafft haben.

Von Anfang an haben wir allen gesagt: Wir sind nicht hierher gekommen, um Arbeit zu finden. Wir sind hierher gekommen, um sie zu schaffen. Wir haben wahrscheinlich alles verloren, was wir in Syrien aufgebaut haben, aber wir haben unsere Fähigkeiten und Talente nicht verloren. Und wir haben unsere Leidenschaft mitgebracht. Unser Ziel war es, so schnell wie möglich etwas zurückzugeben. Ich glaube, das Zurückgeben hatte für mich wirklich oberste Priorität.

 

An diesem Punkt kommt sicher auch die Schokolade ins Spiel. Warum ist Schokolade eine so bemerkenswerte und wichtige Sache in Ihrem Leben?

Schokolade ist universell. Sie ist die universelle Sprache der Liebe und des Glücks, der glücklichen Anlässe und der schönen Erinnerungen. Zum Beispiel der Moment, wenn man in einen Schokoladenladen kommt und die Schokolade riecht. So stelle ich mir wirklich den Himmel vor.

Und Schokolade ist ein wichtiger Teil der Geschichte meiner Familie, die auf fast vier Jahrzehnte Herstellung und Vertrieb von Schokolade zurückblickt. Wir haben nicht nur in Syrien verkauft, sondern auch in die Nachbarländer.

Als wir nach Kanada kamen, wurde uns klar, dass wir etwas herstellen können, das die Kanadier lieben: Schokolade.

 

Sie haben also wieder mit der Herstellung von Schokolade begonnen, als Sie nach Kanada kamen? Warum haben Sie nicht weiter Medizin studiert?

Ich wollte zunächst wieder Medizin studieren. Ich habe mich an vielen Schulen beworben, aber es war schwierig, weil sie meine akademischen Leistungen nicht anerkannten. Einige verlangten sogar, dass ich erstmal zurück in die Schule gehe. Also habe ich beschlossen, das Familienunternehmen wieder aufzubauen.

Zwei Wochen nach unserer Ankunft setzten wir uns an einen Tisch und beschlossen, endlich wieder etwas mit Schokolade zu machen. Also gingen wir spontan in den Supermarkt und kauften ein: Kakao, Butter, Kakaobohnen. Über Nacht haben wir wieder angefangen, Schokolade herzustellen.

Am nächsten Tag hatten wir etwa 100 Stück Schokolade. Wir sind damit in die Stadt gegangen und haben die Stücke an Passanten verschenkt. Die waren begeistert. Die Leute waren wirklich erstaunt über die Qualität, obwohl wir die Schokolade mit Eiswürfeln und ohne professionelle Ausrüstung hergestellt hatten.

Sie haben Ihr Familienunternehmen über Nacht in Ihrer Küche wiederbelebt? Wie ging es dann weiter?

Wir haben 2016 in unserer heimischen Küche angefangen. Recht schnell haben wir lokale Bauernmärkte besucht und gesehen, wie die Leute Schlange standen, um die Schokolade zu kaufen. Ab diesem Zeitpunkt haben wir darüber nachgedacht, die Schokolade mit einer Botschaft zu verbinden, weil wir so viele Menschen damit erreichen konnten.

Was sollten die Kanadier hören und was ist unsere Geschichte? Wir entschieden uns für das Thema „Frieden“. Der Grund dafür ist, dass die Kanadier in Frieden leben, aber sie wissen es nicht. Frieden ist ein versteckter Wert: Niemand spricht darüber, bis er nicht mehr da ist. Frieden wird in vielen Bereichen als selbstverständlich angesehen. Aber ohne Frieden kann niemand zur Arbeit gehen. Keiner kann Kinder großziehen. Niemand kann zur Schule gehen.

Heute heißt unser Unternehmen Peace by chocolate, also Frieden durch Schokolade. Wer unsere Schokolade kauft, lernt unsere Geschichte in drei Worten kennen. Ich hoffe, dass niemand mehr die gleichen Erfahrungen machen muss, die unsere Familie machen musste, und ich hoffe, dass die Menschen die Geschichten von Geflüchteten und Menschen, die unter den Kriegen in Syrien gelitten und überlebt haben, reflektieren werden.

 Wie schwierig war es, ein Unternehmen in einem fremden Land zu gründen?

 Ein neues Unternehmen zu gründen ist nie einfach. Wir haben sehr bescheiden angefangen und bekamen viel Unterstützung aus der Gemeinde. In den ersten sechs Monaten erhielten wir sogar ein zinsloses Darlehen von der Gemeinde, mit dem wir die ersten Maschinen zur Schokoladenherstellung kaufen konnten.

Als ich in Kanada ankam, gab ich viele Interviews, und dann hörte mich jemand im Radio und wandte sich an mich und sagte: Wir können dir mit deiner Website helfen, und wir können das für dich tun… Viele Menschen haben sich freiwillig gemeldet und versucht zu helfen.

Es war absolut unglaublich. Wir meldeten das Unternehmen an, legten den Namen, das Logo und das Produkt fest und arbeiteten an der Verpackung und all diesen Dingen. All das geschah nur ein paar Monate nach unserer Ankunft in Kanada, was wirklich großartig war.

 

Nun, das ist eine ziemliche Erfolgsgeschichte. Dieses Jahr kommt ein Film über Sie und ihre Geschichte ins Kino. Im Trailer dazu heißt es, dass Sie den kanadischen Traum leben. Würden Sie dem zustimmen?

 Auf jeden Fall, sogar mehr als das. Dieses Land hat uns nicht nur die Möglichkeit gegeben, groß zu träumen, sondern auch die Chance, wieder zu leben. Als wir nach unserer Flucht aus Syrien als Geflüchtete lebten, hatten wir keine Hoffnung. Und ich glaube, jeder Traum, den wir seither hatten, war, in Frieden zu leben und etwas zurückzugeben. Das ist es, was wir in Kanada tun.

Wir wenden uns an die Kanadier und fragen ‚Wie können wir helfen?‘ Wir haben die Peace on Earth Society ins Leben gerufen, deren Gewinne wir zum Beispiel an die kanadische Vereinigung für psychische Gesundheit, an das Rote Kreuz, an indigene Gemeinschaften und viele andere im ganzen Land spenden. Wir glauben, dass Frieden alle einschließt. Frieden bedeutet, Menschen zusammenzubringen, und genau dafür steht das Unternehmen jetzt.

 

Geflüchtete werden schnell zu einer Masse von Menschen. Man spricht über viele Einzelpersonen, aber man fasst sie zusammen. Ich habe gesehen, dass Justin Trudeau schon recht früh über Ihr Unternehmen und Ihre Arbeit gesprochen hat. In den ersten Monaten und Jahren der Unternehmensgründung in Kanada haben Sie viel Unterstützung und Aufmerksamkeit erhalten.

Glauben Sie, dass die Anerkennung von Geflüchteten als Einzelpersonen oder eine größere Sichtbarkeit ihnen helfen würde, anzukommen?

Ich denke, es ist sehr wichtig, dass die Länder wissen, dass jede*r Geflüchtete seine und ihre eigenen Erfahrungen gemacht haben. Wir alle haben eine Geschichte. Und wenn man den Menschen eine Plattform bietet, auf der sie ihre Geschichten erzählen können, wird das nicht nur ihnen selbst helfen. Sondern es wäre auch für Menschen, die diese Erfahrungen nicht gemacht haben, lehrreich und informativ.

Der Premierminister von Kanada ging auf die Bühne der Vereinten Nationen vor Barack Obama und Angela Merkel, den führenden Politiker*innen der Welt, und erzählte ihnen: Dies ist das Beispiel einer Familie, die hier ankam, ihr Unternehmen wieder aufbaute und Kanada auf eine andere Art und Weise etwas zurückgab. Das war herzerwärmend und ermutigend zugleich.

Ich hoffe wirklich, dass jede*r politische Führer*in, jede Organisation da draußen auf Geflüchtete zugeht, sie nach ihrer eigenen Geschichte und ihren Erfahrungen fragt und sie ermutigt.

Haben Sie kein Mitleid mit den Flüchtlingen, unterstützen Sie sie und glauben Sie an sie. Ich denke, dass uns damals Vertrauen entgegengebracht wurde, ist der Hauptgrund dafür, dass wir heute dort sind, wo wir sind.

 Da Sie eine Marke und ein Unternehmen aufbauen, das auf Ihrer Geschichte basiert, befürchten Sie nicht, für den Rest Ihres Lebens mit dem Stigma eine Geflüchteten behaftet zu sein?

Wir vermarkten unsere Schokolade nicht damit und wir haben in unserem Branding auch nichts darüber geschrieben, dass wir Geflüchtete sind. Wir heißen Peace by Chocolate. Unser Slogan lautet ‚One Piece won‘t hurt‘ (Anm. der Redaktion ‚Ein Bissen Frieden tut nicht weh‘).  Und unser Untertitel lautet: Eine syrische Familientradition. Wir sagen den Kunden und Kundinnen, dass wir stolz auf unsere Wurzeln sind.

Ich habe 2020 die Staatsbürgerschaft erhalten, und wenn ich auf Bühnen gehe oder öffentliche Auftritte oder Interviews gebe, sage ich den Leuten einfach, dass ich ein ehemaliger Flüchtling bin. Das ist ein Teil meines Weges und ein Teil von dem, was ich bin. Meine Großmutter hat uns immer gesagt: Du musst wissen, woher du kommst, um zu wissen, wohin du gehst. Aber das ist nur ein Teil von mir, der Status als Geflüchteter definiert nicht, wer ich heute bin.

Was sind Ihre nächsten Ziele mit Ihren Familienbetrieben?

Nicht mal der Himmel ist die Grenze! (lacht) Unsere Schokolade war kürzlich mit einem Astronauten der NASA im Weltraum. Wir haben einen Film geplant, der unsere Reise dokumentieren soll, und auch ein Buch. Ich möchte wirklich, dass Peace by Chocolate in den nächsten Jahren zu den fünf größten Unternehmen in Kanada gehört, und wir arbeiten auf dieses Ziel hin. Ich hoffe, dass wir in den nächsten zwei Jahren die dreifache Anzahl an Arbeitsplätzen anbieten können, als wir jetzt haben, und wir arbeiten daran, dass unsere Produkte bald in jedem größeren Land der Welt erhältlich sind.

Wir haben sehr große Träume, was das Unternehmen selbst und seine Expansion angeht. Aber unser größter Traum ist es, mit unserem Unternehmen tatsächlich einen Beitrag zum internationalen Frieden zu leisten.

Eine andere Erfolgsgeschichte könnt ihr hier lesen.

Porträt Hannah Lesch
Hannah Lesch ist freie Journalistin und schreibt am liebsten über Lösungen. Dafür besuchte sie zum Beispiel Klimaaktivist:innen in Tansania, filmte Nacktmulle im Labor und sprach mit jungen und alten Menschen über den Tod. Sie studiert im Master Digitale Kommunikation an der HAW Hamburg.

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In ihrer Freizeit engagiert sich Marah sehr stark und möchte den Menschen die arabische Kultur und Sprache näher bringen….
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Porträt Hannah Lesch
Hannah Lesch ist freie Journalistin und schreibt am liebsten über Lösungen. Dafür besuchte sie zum Beispiel Klimaaktivist:innen in Tansania, filmte Nacktmulle im Labor und sprach mit jungen und alten Menschen über den Tod. Sie studiert im Master Digitale Kommunikation an der HAW Hamburg.

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