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Die Frauen wurden auf dem Schlachtfeld allein gelassen

Homaira Adeel stammt aus Afghanistan und lebt seit neun Jahren in Deutschland. Was gerade in Afghanistan passiert, beschäftigt sie sehr. Aus ihrer Sicht droht dem Land der Rückschritt in einen Zustand, den sie leider nur zu gut kennt. Der 20 Jahre andauernde Kampf der afghanischen Frauen ist verloren.

Fotograf: Shamsia Hassani (Illustration)

Immer, wenn ich das Profilbild meiner Nichte bei WhatsApp sehe, tut mir das Herz weh. Es ist das Bild einer afghanischen Graffiti-Künstlerin und zeigt ein Mädchen, das verzweifelt vor einem schwarz gekleideten Talib kniet. Maryam, meine 18-jährige Nichte, schloss mit 17 Jahren ihr Abitur ab und studierte im zweiten Semester Diplomatie und Politik, als das Land an die Taliban übergeben wurde. Wenn ich sehe, wie schnell ihre Träume zerbrochen sind, tut mir das Herz weh.

Homaira Adeel
Homaira Adeel

Meine Schwester

Meine Schwester, Maryams Mutter, erlebte dasselbe, als sie jung war. Als die Taliban 1996 Afghanistan eroberten, ging meine Schwester in die fünfte Klasse. Während der Herrschaft der Taliban wurde sie aus Angst vor einer Entführung gezwungen, einen Mann zu heiraten, der schon eine Frau hatte.  Meine Schwester sagte immer: „Wenn die Taliban das Land nicht erobert hätten, hätte ich das Abitur gemacht und studiert.“ Sie hätte nie gedacht, dass ihre Töchter das gleiche Schicksal erwartet.

Ein bitteres Leben

Wir Schwestern lebten ein bitteres Leben unter den Taliban. Man kann sich schwer vorstellen, was eine alleinerziehende Mutter mit vier Töchtern, die nicht einmal allein ohne Mann das Haus verlassen durfte, in all den Jahren der Taliban-Herrschaft erlebt hat. Aber meine Mutter hat nicht aufgegeben. Sie schickte uns in geheime Schulen. Sie hat viel riskiert, damit wir gebildet werden. Und wir haben weiter dafür gekämpft. Als Mädchen während des Taliban-Regimes und später als junge Frauen. Nach dem Sturz der Taliban im Jahr 2001, haben Frauen mit viel Energie neu angefangen. Wir dachten, die Länder, die nach Afghanistan kamen, um unsere Rechte zu sichern, meinten es ernst.

Wir haben gegen eine Gesellschaft gekämpft, die nicht nur traditionell geprägt war, sondern in der das Talibanische Gedankengut herrschte. Selbst wenn freiheitsliebende Frauen erschossen wurden, haben wir weitergemacht. Selbst wenn wir gezwungen waren, zu fliehen und das Land zu verlassen, gaben wir den Kampf nicht für einen Moment auf, damit der Schmerz, den wir erlitten hatten, nicht an die nächste Generation weitergegeben würde.

Damit keine weitere Frau wegen ihres Geschlechts ermordet, eingesperrt und ausgepeitscht würde. Damit die Schultore für Mädchen nicht wieder zugemacht würden. Um die Kinderheirat zu verbieten und um in einem Land der Gleichberechtigung zu leben. Wir haben gekämpft, um die Gedanken der Taliban mit ihren Wurzeln zu verbrennen. Trotz tausender Opfer, die wir gebracht haben, hatte wir Erfolg. Die neue Generation war nicht wie die Generation vor 20 Jahren. Die neue Generation an Frauen war meist gebildet. Frauen haben studiert, auch Fächer, die man nicht weiblich nennt. Sie waren politisch, gesellschaftlich und sportlich aktiv.

Keine Gleichheit zwischen Männern und Frauen

Innerhalb von ein paar Stunden ist all das verschwunden. Das Land wurde in einem heimlichen Deal an die Taliban übergeben. Die Taliban, die in den letzten 20 Jahren Menschen massakriert haben, wurden mit einem neuen Label nach Afghanistan zurückgebracht. Die Medien propagieren, dass die Taliban sich geändert haben. Aber Frauen sitzen wieder in ihren vier Wänden. Indem die Taliban einer Moderatorin erlauben, im Fernsehen aufzutreten, wollen sie globale Unterstützung gewinnen. Fakt ist gleichzeitig, dass Frauen nicht wieder in ihre Büros dürfen. Die Aussagen der Taliban, ob Frauen Schulen besuchen dürfen, ändern sich ständig.

Selbst wenn die Taliban Frauen erlauben sollten, in die Schule zu gehen, unter welcher Ideologie wird dort unterrichtet? Es gibt keine Gleichheit zwischen Männern und Frauen im Scharia-Recht. Mit dem Rückzug der westlichen Länder wurden die afghanischen Frauen, die jahrelang gegen die Taliban und Talibanisches Gedankengut gekämpft haben, auf dem Schlachtfeld allein gelassen. Nach 20 Jahren des Kampfes wurden afghanische Frauen dahin zurückgeworfen, wo sie angefangen haben. Die Geschichte wiederholt sich in Afghanistan. Die Taliban, die seit Jahren Blut vergießen und Terror verbreiten, beherrschen das Land wieder und haben die Träume jedes und jeder einzelnen in der Bevölkerung zerstört. Dafür sollten sich die Politiker*innen dieser Welt, die diese Entscheidung getroffen haben, schämen.

Die Autorin lebt und studiert in Greifswald. Sie setzt sich seit Jahren für die Rechte von Frauen in Afghanistan ein, z.B. indem sie Bibliotheken in ländlichen Gebieten baut, wovon sie kohero in diesem Interview berichtet hat. Mit ihrem Verein Asna e.V. will sie auch jetzt afghanische Frauen unterstützen. Spenden werden auf  Konto entgegengenommen.

 

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Steve Fotso ist Theaterschriftsteller, Poet und Dichter. Seine Wurzeln liegen in Kamerun, seit Kurzem schreibt er auch auf Deutsch….

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