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Capoeira: Ein brasilianischer Kampftanz erobert die Welt

Manoel dos Reis Machado oder "Meister Bimba" hätte sich damals in den 30iger Jahren des 19. Jahrhunderts nicht vorstellen können, dass sein „regionaler Kampf aus Bahia“ irgendwann einen solchen Bekanntheitsgrad und eine derartige Popularität erreichen würde. Capoeira wird mittlerweile weltweit in mehr als 130 Länder praktiziert.

Capoeira
Fotograf: Eingangsritual einer Capoeira-Roda. Aufgenommen in Paris Anfang März 2004. Das Bild zeigt Mestre Liminha und einen Schüler der Gruppe „Biriba Brasil“ in Paris.

Zusammen mit seinem Freund, Vicente Ferreira Pastinha oder „Meister Pastinha“ gründete Manoel dos Reis Machado die erste Akademie für Capoeira. Es ist eine Kampfart, die bis dahin vorwiegend auf den Straßen stattfand. Lange Zeit war sie verboten und gesellschaftlich verachtet, da sie ihren Ursprung auf der Straße hatte. Noch heute genießen diese beiden Meister eine ganz besondere Würdigung in der Welt des Capoeira. Verschiedene Lieder, Geschichten und Erzählungen berichten von ihnen. Mit ihrer wichtigen Arbeit wurden sie zu Wegbereiter des modernen Capoeira.

„Capoeira ist Vergnügen, Capoeira ist ein Fest, Capoeira ist Freude…, aber im richtigem Moment ist sie Verteidigung“ (Meister João Pequeno)

Aber wie ist dieser faszinierende Kampftanz entstanden? Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit entwickelte sich Capoeira von den als Sklaven verschleppten Afrikanern gegen Ende des 15. Jahrhunderts im Kampf gegen die Unterdrückung und Ausbeutung. Unter ihnen waren unter anderem Mitglieder der Stämme Nagó, Yuruba, Bantus, Ewes und andere. Etwa fünf Millionen Menschen dieser Stämme wurden allein nach Brasilien deportiert.

Die Feststellung, wie die Capoeira entstanden ist, kann nicht genau nachvollzogen werden, da gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein Großteil der spezifischen Literatur vernichtet wurde, als Zeichen eines Neuanfangs nach Abschaffung der Sklaverei.

Capoeira als Sportart

Eines steht aber fest, Capoeira diente der Emanzipation und Selbstbefreiung der Sklaven gegen die Herrschaft ihrer Unterdrücker. In der heutigen Zeit wird es als Sport trainiert und praktiziert.

Zwei der Spieler versuchen, sich zu rhythmischer Musik aus drei Berimbaus und anderen Instrumente wie der Atabaque, dem Pandeiro, der Agogo oder dem Reco-Reco spielerisch, tänzerisch oder gar kämpferisch umeinander herumzubewegen und um sich stets nach dem Prinzip von Angriff – und Gegenangriff zum Ausweichen oder mit Hilfe von Wurftechniker zu Boden zu bringen. Dabei verwenden die Capoeiristas ihre ganz eigenen Tricks und Finten, um die Camarada ( Mitspieler, -Kämpfer oder Tänzer ) in die Irre zu führen.

Die Capoeira verlangt Körperbeherrschung, fordert aber darüber hinaus noch viel mehr. Es ist auch die Entwicklung des Gefühls für die Kunst des Lebens oder Überlebens, Deshalb hat jeder Spieler seine eigene Art, sich zu bewegen. Der eine tanzt eher, der anderer ist sehr kämpferisch. Und deshalb ist sie eine Verbindung von Tanz und Spiel. Die Anhänger dieser Kampfart sehen sich als „sanfte Krieger“, sie legen es nicht auf den Kampf an, können ihn aber sehr gut beherrschen.

Diese Kampfart eignet sich praktisch für jeden, der seine Fitness verbessern möchte und dazu gerne musiziert. Gestärkt werden die Koordination, die Schnelligkeit und Kondition. Die Sportart eignet sich für Kinder, Frauen und Männer gleichermaßen. Elemente aus der Akrobatik, die häufig in die tänzerischen (Schau-)Kämpfe eingebaut werden, sind nach Angabe von Kursanbietern nicht unbedingt erforderlich. Hier entscheidet der Capoeirista selbst, wie er seine Performance vollführt. Erfahrungen in Kampfsportarten oder turnerisches Können sind nicht notwendig.

Das passende Outfit

Wie in jedem Kampfsport gibt es auch in Capoeira einen „Kampfanzug“. Dieser ist abhängig von der Stilrichtung und besteht immer aus Hose und T-Shirt in unterschiedlichen Farbkombinationen. Zusätzlich gibt es ein Gürtelsystem, dass den Entwicklungsgrad eines Capoeiristas anzeigt. Um die nächste Stufe zu erreichen, muss der Spieler bestimmte Anforderungen erfüllen z.B., mit einem oder mehreren Meistern in der „Roda“ (Kreis) spielen, Kenntnis der Musik nachweisen sowie bestimmte Angriffs- und Verteidigungsbewegungen ausführen.

Die ersten Kordeln oder Gürteln werden normalerweise einmal jährlich im Rahmen einer feierlichen Zeremonie, der Batizado (sinngemäß: „Feuertaufe“) verliehen. Für bereits graduierte Schüler heißt es dann nur noch „Troca de cordas“, da sie ihre Kordeln nur noch wechseln. Es steht schon vorher fest, wer welche Kordel bekommt, lediglich zur Demonstration der eigenen Fähigkeiten wird dies nochmals in unterschiedlichen Spielen in der Roda überprüft. Üblich ist, dass jede*r Schüler*in sich einen höher Graduierten als „Paten“ sucht, der eine bestimmte Rolle während der Zeremonie hat. Spielt der Schüler oder die Schülerin mit einem Meister im der Roda, so versucht der Meister, sie oder ihn auf den Boden zu werfen, und lässt dann – auf spielerische Weise – so lange nicht ab, bis der „Pate“ ihn oder sie rettet.

Capoeira in Europa und weltweit

Die Capoeira ist heute durch Akademien und Treffen stark in Deutschland und Europa vertreten. Bereits 1987 initiierte der Meister Paulo Siqueira (Capoeira Schule Nzinga, Hamburg, Hannover und Kiel) ein „Capoeira Sommer-Meeting“. Die 7-tägige Begegnung war mit 300 Teilnehmern eines der längsten Treffen Europas und das größte außerhalb Brasiliens. Zum Abschluss gab es eine Capoeira-Performance in der „Fabrik“ in Hamburg wo bis zu 600 Teilnehmer anwesend waren. Einer der größten Vereine weltweit, Abada-Capoeira, zählt etwa 41.000 Akademien in über 30 Länder. Seit 2014 gilt die Capoeira als Weltkulturerbe der UNESCO.

Quellen: Wikipedia, Homepage der Capoeira-Akademie Nzinga, Homepage der Capoeira-Akademie Artejogando in Hamburg.

Leonardo De Araujo
Leonardo De Araujo, geboren in Rio de Janeiro, Brasilien lebt seit etwas mehr als 30 Jahren in Deutschland, vorwiegend in Hamburg. Nach einigen Berufsjahren in Werbeagenturen hat er 35 Jahre in der Fernsehproduktion gearbeitet. Nebenbei hat er sich auch als Drehbuchautor und Fotograf beschäftigt – und für das Flüchtling-Magazin, heute kohero, geschrieben.
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Leonardo De Araujo
Leonardo De Araujo, geboren in Rio de Janeiro, Brasilien lebt seit etwas mehr als 30 Jahren in Deutschland, vorwiegend in Hamburg. Nach einigen Berufsjahren in Werbeagenturen hat er 35 Jahre in der Fernsehproduktion gearbeitet. Nebenbei hat er sich auch als Drehbuchautor und Fotograf beschäftigt – und für das Flüchtling-Magazin, heute kohero, geschrieben.

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