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Begegnungsort in Ottensen: Kaffee, Kuchen und Kultur

Das Café "why not?" im Hamburger Stadtteil Ottensen ist Begegnungsort für Menschen aus aller Welt. Neben Kaffee- und anderen Spezialitäten bietet es Workshops und Seminare an – und einmal die Woche ein Friedensmenü.

Glen Ganz, Geschäftsführer und Gründer des why not Café Ottensen
Fotograf: Sophie Martin. Glen Ganz, Gründer und Geschäftsführer des „why not?“

Kalt ist es an diesem verregneten Samstagvormittag: kalt, stürmisch und ungemütlich. Das hell beleuchtete Café „why not“ in der Daimlerstraße 38 in Hamburg-Ottensen lädt zum Verweilen ein. Doch noch dürfen Glen Ganz und sein Team die Türen für Gäste aufgrund von Corona nicht öffnen. Einzig auf der kleinen Terrasse vor ihrem Café ist es möglich, Menschen zu bewirten. Vor zwei Jahren, im Sommer 2019, hat Glen gemeinsam mit seiner Frau Natalie die Räumlichkeiten  angemietet. Ihr Ziel: Im lebendigen Ottensen einen Begegnungsort für Menschen aus aller Welt zu schaffen. Denn das „why not“ ist gleichzeitig eine NGO, die sich für ganzheitliche Integration und das Zusammenleben unterschiedlicher Menschen stark macht. Vor allem Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund werden an dieser Stelle angesprochen.

Ein Wohnzimmer für die Nachbarschaft

Mit vielen helfenden Händen wurde aus den kahlen Zimmern ein gemütliches Café. Es erinnert an ein Wohnzimmer: Hinten rechts in der Ecke steht ein braunes Ledersofa, davor ein kleiner Tisch. Es gibt viele Grünpflanzen auf den Fensterbänken, ein Regal mit alten Vinylplatten. Im vorderen Bereich befindet sich die Bar, ausgestattet mit einer Siebträgermaschine, rundherum viele Tassen, Gläser und Teller. Es riecht nach Kaffee: nach gutem, frisch aufgebrühtem Kaffee, vermischt mit dem süßlichen Duft von aufgeschäumter Milch.

„Willkommen im ‚why not‘-Café Ottensen“, beginnt Glen das Gespräch mit unserem Magazin. Er rückt seine Brille zurecht und nippt an seinem Cappuccino. Dann fängt er an zu erzählen, mit einer angenehm ruhigen Stimme, der sein Gegenüber gerne zuhört: „2019 haben wir uns entschieden, den Mietvertrag für dieses Café zu unterschreiben. Es ist für mich und meine Frau Natalie ein Herzensprojekt. Intention war von Anfang an, ein Nachbarschaftsprojekt daraus zu machen. Was ist unserer Nachbarschaft also wichtig? In Ottensen wird viel Wert auf gesunde, frische und hochwertige Küche gelegt. Also kochen wir in Bio-Qualität, bieten vegane und vegetarische Gerichte an.“

Leckerer Kaffee in familiärer Atmosphäre

Die Tür geht auf, zwei Frauen und ein kleines Kind treten herein. Sie fragen, ob es schon erlaubt ist, wieder drinnen zu sitzen. Glen verneint dies, bittet die Frauen, draußen auf der Terrasse Platz zu nehmen, und gibt ihnen noch drei Kissen für die Stühle mit.

Matthias hilft seinem Vater im why not CaféWenige Minuten später nimmt Glens Sohn Matthias die Bestellung der neuen Gäste auf: zwei Becher Kaffee und ein Croissant für das Kind. Matthias arbeitet viermal die Woche in dem Café seines Vaters, sowohl hinten in der Küche als auch im Service. „Ich arbeite sehr gerne hier, unterstütze meinen Vater und genieße die familiäre Atmosphäre“, berichtet er. „Und es ist gut, eine Aufgabe zu haben. Das Geld, das ich hier verdiene, spare ich für Italien. Denn dort werde ich ab Anfang September meinen Freiwilligendienst absolvieren.“ Inzwischen ist der Kaffee fertig und Matthias bringt das Tablett mit zwei dampfenden Tassen nach draußen. Danach verschwindet er wieder in der Küche.

Bio und Fairtrade

Der Kaffee, den das Café „why not“ verkauft, stammt aus der Kaffeerösterei Torrefaktum, die ebenfalls in Ottensen ansässig ist. 2018 wurde sie zu einer der besten Kaffeeröstereien Deutschlands gekürt. Die Bohnen werden dort von Hand geröstet; alles ist bio und fair gehandelt, die Verpackungen sind umweltfreundlich und recycelbar.

Das „why not“ ist montags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Neben den klassischen Kaffeespezialitäten gibt es auch diverse Latte-Getränke wie den hausgemachten Kurkuma-Latte oder den Rote-Beete-Latte. Außerdem ist eine große Auswahl an Tee verfügbar – ebenfalls in bester Bio-Qualität. Ergänzt wird das Angebot durch selbstgemachte Limonade und Eistee in ausgefallenen Sorten wie Holunderblüte-Lemon oder Heidelbeer-Lavendel. Und es wird gekocht: Morgens und vormittags können die Gäste ausgiebig brunchen. Es gibt diverse Snacks und Kleinigkeiten, aber auch einen wechselnden Mittagstisch mit Gerichten aus aller Welt.

Frieden geht durch den Magen

Ein Highlight ist das Friedensmenü. „Das Friedensmenü ist dadurch entstanden, dass der Pastor der Gemeinde, Mauricio Cavallo, leidenschaftlich gerne kocht“, erzählt Glen. „Eines Tages fragte er mich, ob er in unserer Küche etwas für die Nachbarschaft zubereiten dürfe. Natürlich habe ich ja gesagt, und der Pastor hat nicht nur gekocht, sondern sich auch gleich ein Thema ausgedacht. Er nannte das Ganze dann das Friedensmenü.“

Die Idee dahinter ist einfach, aber genial: Es werden Rezepte aus zwei verfeindeten Ländern genommen, also zum Beispiel aus Israel und Palästina, und daraus entsteht dann ein gemeinsames Gericht. Glen ergänzt: „So kann also Frieden schmecken – das ist das Motto unseres Pastors. Er steht einmal pro Woche bei uns in der Küche und kocht. Das ist wirklich toll!“

Bildungsprogramm zu Integration, Diversität und Partizipation

Und das ist noch längst nicht alles. Als Begegnungsort macht das „why not“ auch Beratungs- und Bildungsangebote. Es gibt verschiedene Seminare und Workshops – alles rund um die Themen Integration, Diversität und politische Partizipation. Glen erklärt dazu: „Wir sind institutionell, politisch und religiös unabhängig. Bei uns arbeiten ganz unterschiedliche Menschen mit verschiedenen religiösen und ethnischen Hintergründen. Wir sind also offen für Menschen aus aller Welt.“

Eine davon ist Johanna. Seit Mitte Mai absolviert sie ein Praktikum im „why not“. Zuvor studierte die sympathische junge Frau Religionswissenschaften in Würzburg. Bei einem christlichen Festival im Sauerland lernte sie Glen und Natalie kennen. Johanna absolviert ein Praktikum im why not Café„Ich bin hier im Café für die Bereiche Kultur und Bildung zuständig. Darüber hinaus betreue ich unsere App; sie trägt den Namen ‚why not community‘. Und ich arbeite natürlich auch im Café mit, ich koordiniere Veranstaltungen“, erzählt Johanna. Dabei hat sie ein Lächeln im Gesicht, ihre Augen leuchten und ihre Begeisterung für die Arbeit ist deutlich zu spüren. „Ich kann mich sehr mit den Werten, die hier gelebt werden, identifizieren“, ergänzt sie. „Die Atmosphäre gefällt mir, sie ist sehr familiär und trägt dazu bei, dass ich mich einfach wohlfühle.“

Und genau das ist der Ansatz des „why not“ in Ottensen: einen Ort schaffen, an dem humanitäre Werte gelebt werden, an dem Menschen aus aller Welt gerne zusammenkommen und sich bei einer Tasse Kaffee austauschen können.

Auch Seminare für die Bundeswehr

In den Bildungsveranstaltungen im „why not“ werden Informationen und Hintergründe zu aktuellen Themen vermittelt und Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens diskutiert. So bietet Glen beispielsweise Seminare für die Bundeswehr an. „Unser Schwerpunkt hierbei ist der zivil-militärische Dialog“, erklärt er. „Als Grundlage dient ein Theorieteil mit und von Experten. Themen sind unter anderem Migration und Integration, Religion und Interkulturalität, aber auch Extremismus und Demokratieverständnis. Es kommen verschiedene Experten zusammen, wobei ich Haupt-Seminarleiter bin.“

Zum Teil finanziert sich das „why not“ durch diese Seminare. Ein anderer Teil der Finanzierung beruht auf Spenden sowie privaten und staatlichen Fördermitteln. Glen ergänzt: „Wir sind eine Non-Profit-Organisation und die Gewinne, die wir mit unserem Café erzielen, fließen in unsere sozialen Projekte. Dies sind beispielsweise länderspezifische Kochabende, Filmabende, Live-Musik, Lesungen oder Diskussionsabende.“ So sammeln Glen und sein Team auch ihr Trinkgeld, um dies in soziale Projekte zu investieren. Im vergangenen Jahr wurde dadurch zehn Kindern in Kamerun der Besuch einer Schule ermöglicht.

Mit Erfahrung und Leidenschaft

Das Telefon klingelt. Glen geht ran und nimmt eine Reservierung für den Nachmittag entgegen. „Das ist typisch für das ‚why not‘: Gäste fragen, ob sie kommen können. Und es ist nicht irgendein Gast, nein, es ist unser Briefträger“, erzählt Glen. „Er hat letztes Jahr den Geburtstag seiner Frau hier bei uns gefeiert. Beide kommen aus dem Kosovo und sind immer gerne im Café gesehen.“ Während er spricht, ist seine Begeisterung, die Leidenschaft für seine Arbeit an diesem Begegnungsort, deutlich zu spüren.

Und: Glen bringt sehr viel Erfahrung mit. Er studierte und arbeitete in den USA, in Ecuador und Deutschland in interkulturellen Teams, mit Ehrenamtlichen und Migrant*innen. In der Vergangenheit engagierte er sich in diversen kirchlichen und sozialen Projekten. Über seine Arbeit hat er ein Buch geschrieben: Es beschreibt anschaulich – mal ernst, mal humorvoll –, wie man ein Integrations-Start-up gründet. Es ist ein Werk über Menschen und Begegnungen, aber auch Marketing, Finanzierung und juristische Aspekte werden behandelt.

Der Regen ist immer noch nicht weniger geworden; draußen hält das ungemütliche, kalte Wetter an. Doch die Atmosphäre im Inneren des Cafés in Ottensen ist herzerwärmend und hinterlässt ein angenehmes, heimeliges Gefühl. Daran kann auch der Regen nichts ändern, so stark und ergiebig er auch sein mag.

 

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