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Baba Noel – physikalisch betrachtet. Eine Weihnachtsgeschichte

Als Kind habe ich mich immer riesig gefreut, als Weihnachten näher rückte, sagt Rakan Fares, 28 Jahre alt und als Christ in Syrien aufgewachsen. Und er erinnert sich:

Fotograf: Bruno Martins auf Unsplash

Am Heiligabend wussten wir: Jetzt kommt er, der alte gütige Mann mit seinem weißen Bart und dem Schlitten voller Geschenke. Ich konnte kaum schlafen vor Aufregung. Und auch später als Erwachsener hatte ich diese innige Freude an meinem Glauben an dieser Legende Namens Baba Noel, oder wie er hier heißt: Weihnachtsmann. Oder auch Santa Claus, wie er woanders genannt wird, das ist aber egal.

Irgendwann wurde ich aber eines Besseren belehrt. Durch meine deutsche Freundin, Mathematikerin und Physikerin. Diese zwei bedeutungsschweren Fächer bedeuteten für sie schlicht und einfach die Wahrheit. Und zwar absolut und unwidersprüchlich. Daran hat sie mich erinnert, als sie mich beim Dekorieren der Wohnung mit Weihnachtsmotiven beobachtete und meinte: „Bist du nicht schon etwas zu alt, um an einem solchem Blödsinn zu glauben?“ Ich sagte nichts, denn ich wusste: Jeglicher Widerstand wäre fehl am Platz und würde höchstens zu einer großen Menge Stress an den Feiertagen führen.

Rekordverdächtig: 822,6 Besuche pro Sekunde

Sie ließ aber nicht locker: „Pass auf, das Volkszählungsbüro hat ausgerechnet, dass etwa 15% der Gesamtzahl von Kindern auf der Welt irgendetwas mit Weihnachten zu tun haben. Das sind 378 Millionen Kinder. Bei einer durchschnittlichen Kinderzahl von 3,5 pro Haushalt ergibt das 91,8 Millionen Häuser. Lass uns davon ausgehen, dass in jedem Haus mindesten ein braves Kind lebt, das auf sein Geschenk wartet. Kannst du mir folgen?“. Hmm hmm, murmelte ich, während ich versuchte, ziemlich erfolglos ein paar Renntierfiguren am Baum zu befestigen. „Der Weihnachtsmann oder Baba Noel, wie du ihn nennst, hat einen 31-Stunden-Weihnachtstag, bedingt durch die Zeitzonen, wenn er von Osten nach Westen reist“. Das schien mir irgendwie logisch, auch wenn ich das Ganze nicht ganz verstanden habe. „Und das heißt wiederum, dass der gute Mann 822,6 Besuche pro SEKUNDE absolvieren muss, was wiederum bedeutet, dass dieser Supermann 1/1000 Sekunde Zeit hat, um seinen Job zu erledigen. Parken, aus dem Schlitten springen, den Schornstein runterklettern, die Socken füllen, die übrigen Geschenke unter dem Baum verteilen, die Reste des Weihnachtsessen vertilgen, den Schornstein wieder raufklettern und zum nächsten Haus fliegen. Verstehst du mich?“.

Ich wollte sie mit meiner mathematischen Ignoranz nicht zum Zorn reizen und nickte nur brav. Jetzt war die Figur des Baba Noel am Baum dran. „Was mich umhaut ist die Geschwindigkeit von deinem Baba. Selbst wenn diese 91,8 Millionen Stopps gleichmäßig auf der Erde verteilt wären, hätten wir bei einem Abstand von 1,3 km von Haus zu Haus eine Gesamtentfernung von 120,8 Millionen km. Sein Schlitten müsste schneller sein, als alles was wir bis heute auf der Erde gesehen haben. Sage und schreibe 1040 km pro Sekunde würde er schaffen!“

Superstarke Rentiere

Mein weiblicher Einstein wurde lauter und wirkte extrem überzeugend. „Kennst du den Ulysses Space Probe? Natürlich nicht. Das schnellste Auto auf der Erde schafft lächerliche 43,8 km pro Sekunde. Ein Rentier bringt es auf höchstens 24 km pro STUNDE!!!“ Sie ließ eine kleine Pause gelten und ich ließ mich nicht von meiner Aufgabe ablenken. „Kannst du mir folgen?“, fragte sie mit einer scharfer Stimme, die sich wie ein Sushimesser anhörte. Definitiv, sagte ich, du bist brilliant!.

„Es gibt noch etwas.“ Ich stand kurz vor einer Tinnitus-Attacke. „Das Gewicht. Wenn jedes Kind ein Geschenk von etwa 1 kg bekommt, trägt der Schlitten ein Gewicht von 378.000 Tonnen. Der fette Santa Claus kommt hinzu. Die Rentiere, die ich kenne, ziehen etwa 175 kg. Selbst wenn diese wundersamen, außerirdischen Wesen das zehnfache ziehen würden, bräuchten wir 216.000 dieser niedlichen Tiere. Das erhöht das Gesamtgewicht auf 410.400 Tonnen. Und jetzt aufgepasst: Das ist das Vierfache des Gewichts der Queen Elizabeth, und die kennst du mit Sicherheit oder?“

Glück wiegt mehr als 400.000 Tonnen

Ich traf die weise Entscheidung, einfach die Klappe zu halten, bevor ein Unglück geschah. „Und nur noch eins zum Schluss: Der Luftwiderstand, der von 410.400 Tonnen bei 1040 km/s erzeugt wird! Wie bei einem Raumschiff. Das vordere Paar Rentiere müsste 16,6 Trillionen Joule Energie absorbieren. Pro Sekunde. Jedes. Sie würden augenblicklich in Flammen aufgehen. Jedes Tier innerhalb von 5/1000 Sekunden. Einfach so, vaporisiert. Und dein Baba mit seinem 120 kg würde der 17.500-fachen Erdbeschleunigung ausgesetzt werden. Er würde am Ende seines Schlittens festgenagelt werden. Und zwar mit einer Kraft von 20,6 Millionen Newton.“

Ich wusste nicht was das bedeutet. Es hörte sich aber nach viel an. „Und jetzt gehe ich laufen. Ich muss meinen Kopf frei kriegen vor lauter Berechnungen“. Sie verschwand und ein innerer Seufzer hätte mich beinah das Gleichgewicht auf der Leiter verlieren lassen. Ich schaute mir die Figur von Baba Noel am Baum an: Egal, was diese Rechenmaschine von dir sagt. Es gibt dich und basta. Und Millionen von Kindern auf der ganzen Welt scheißen auf Mathe und Physik. Du machst sie glücklich und nur du weißt wie. Weißt du was? Sie kriegt dieses Jahr kein Geschenk. Und schon gar nicht von dir, mein Lieber. Gut schaust du aus.

Leonardo De Araujo
Leonardo De Araujo, geboren in Rio de Janeiro, Brasilien lebt seit etwas mehr als 30 Jahren in Deutschland, vorwiegend in Hamburg. Nach einigen Berufsjahren in Werbeagenturen hat er 35 Jahre in der Fernsehproduktion gearbeitet. Nebenbei hat er sich auch als Drehbuchautor und Fotograf beschäftigt – und für das Flüchtling-Magazin, heute kohero, geschrieben.
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Leonardo De Araujo
Leonardo De Araujo, geboren in Rio de Janeiro, Brasilien lebt seit etwas mehr als 30 Jahren in Deutschland, vorwiegend in Hamburg. Nach einigen Berufsjahren in Werbeagenturen hat er 35 Jahre in der Fernsehproduktion gearbeitet. Nebenbei hat er sich auch als Drehbuchautor und Fotograf beschäftigt – und für das Flüchtling-Magazin, heute kohero, geschrieben.

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