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„Asche und Sand“ – Literatur aus Mosambik

In „Asche und Sand“ beschreibt Mia Couto, ein portugiesisch-stämmiger Autor aus Mosambik, die Geschichte Mosambiks Ende des 19. Jahrhunderts und den Krieg gegen den König des Gaza-Reiches Ngungunyane. Skizziert wird ein Panorama, so alt wie die Menschheit: Liebe und Verzicht, Vertrauen und Treue, Verrat und Lüge, Kriegslüsternheit und Friedfertigkeit, Zivilisation und Wildheit, Moral und Unmoral. Dabei verbindet der Autor historische Fakten mit den Mythen der Afrikaner.

Asche und Sand
Fotograf: privat

Mia Couto ist ein portugiesisch-stämmiger Autor aus Mosambik, der in beiden Kulturen aufwuchs und sich beiden Kulturen verbunden fühlt. Er war als Journalist und Chefredakteur tätig, mit Sympathien für die Widerstandsbewegung Frelimo, studierte Biologie und lehrt an der Universität als Professor. Durch seine Feldforschungen im Land erspürte er die Mythen, die ihm oft als als Inspiration seiner schriftstellerischen Tätigkeit dienen.

Dieser dickleibige Band der Imani-Trilogie wird von einer illustren Schar höchst gegensätzlicher Menschen bevölkert. In „Asche und Sand“ sind Band II und III vereint. Mia Couto beschreibt die Geschichte Mosambiks Ende des 19. Jahrhunderts und den Krieg gegen den König des Gaza-Reiches Ngungunyane.

Schwarz, Weiß und dazwischen schillernd Buntes

Es dominieren zwei gegensätzliche Pole: die weißen Portugiesen und die schwarzen Mosambikaner. Europa und Afrika. Viel Schwarz und Weiß und dazwischen viel schillernd Buntes.

Die Erzählungen Imanis sind der rote Faden, immer wieder unterbrochen durch die Korrespondenz ihres Geliebten Germano de Melo mit seinem Vorgesetzten. Jedes Kapitel wird von einem Zitat, einem Sprichwort oder einer afrikanischen Sage eingeleitet.

Anschaulich werden einzelne Persönlichkeiten gezeichnet:

Da ist z.B. Imanis Vater, ein Marimba-Spieler, der von dem Baum, an dem sich Imanis Mutter erhängte, Holzstäbe geschnitten hatte. Sie sollten die Tasten für die perfekteste Marimba werden, auf der keine Menschen spielen würden, sondern die Melodie von selbst aus ihr herauswüchse.

Da ist Pater Rudolfo Fernandes, ein Mann zwischen zwei Hautfarben und zwei Geschlechtern, ein sog. Impundulu, und seine zauberkundige wundenheilende Gefährtin Bibliana. Ein Pater, für den Musik die Muttersprache Gottes ist. Der Schweizer Protestant und Arzt Georges Liengme ist auch Uhrmacher, Hypnotiseur und Fotograf und beherrscht mehrere der afrikanischen Sprachen. Und Bianca Vanzini, eine italienische Bordellbesitzerin, die sich Mouzinho de Albuquerque als ihren Prinzen erträumt.

Die Portugiesen: Andrea Alvaro, Kapitän der Kriegsmarine, der darunter leidet, dass die Bevölkerung am Flussufer bombardiert und niedergemetzelt wurde, wie Germano Republikaner. Und Mouzinho de Albuquerque, ein loyaler Monarchist und ein Pfau in Uniform und Oberbefehlshaber, der König Ngungunyane gefangen nimmt, um ihn in Lissabon siegreich zu präsentieren.

Weißer Mann und schwarze Frau

Am 13. März 1896 erreicht das Schiff „Africa“ mit seiner kostbaren Fracht Lissabon. Mit an Bord: die vielen königlichen Ehefrauen (dem portugiesischen König und seiner Entourage ein Dorn im sittenstrengen Auge) und auch die schwangere Imani, die auf ein Wiedersehen mit Germano hofft und die durch ihre Sprachkenntnis als Übersetzerin und als Spionin eingesetzt wird.

Ihr Sohn, Tsanga, kommt in Lissabon zur Welt und wird ihr von Germanos Mutter weggenommen. Sie wird weder ihn noch Germano je wiedersehen. Germanos letzter Brief, von seiner Mutter überreicht, ist ein feiger Abschiedsbrief: Er liebe sie und sei ihr treu, aber es gebe keine gemeinsame Zukunft, habe es nie gegeben. Weißer Mann mit schwarzer Frau. In Briefen zuvor hatte er noch von einem baldigen Wiedersehen, einer baldigen Wiedervereinigung, einer baldigen Heirat fantasiert.

Neben der Liebesgeschichte von Imani und Germano nimmt der Krieg zwischen den Portugiesen und dem König des Gaza-Reiches einen bedeutsamen Platz ein. Denn der König ist nicht nur Herrscher, sondern auch ein Nkossi, ein Gott. König Ngungunyane aber kämpft nicht nur gegen die weißen Eroberer, sondern auch gegen seine eigenen Völkerschaften. Sein Gegenspieler ist Zixaxa, der trotz der Gefangenschaft aristokratische Haltung zeigt, während der Nkossi sich gehen lässt und verfällt. Er sammelt Korken, um daraus ein Boot für die Heimkehr zu bauen.

Die Weißen brauchen einen Feind

Zixaxa landet später auf den Azoren und wird auf den Namen Federico getauft. Aber er weiß: Namen verändern nichts, sie sind wie eine Tätowierung.

Sinistre rassistische Denkgebäude, die doch nur ein gut verstecktes Minderwertigkeitsgefühl darstellen: Die Weißen fühlen sich klein in ihrem Denken und brauchen einen Feind wie König Ngungunyane, um von der eigenen Unwichtigkeit abzulenken. Sie brauchen diesen gedemütigten Herrscher, um den Afrikanern und auch den konkurrierenden Europäern ihre Macht zu demonstrieren. Als ob sie die Herren des Kontinents seien, von dem sie doch gar nichts wissen und nichts kennen außer ein paar Weilern. Sie sehen in den Afrikanern nur Wesen, die feiern, laut reden, singen und tanzen und für die Gott nichts existiert. Die Afrikaner wiederum verstehen nicht, dass die Weißen nur einem einzigen Gott huldigen. Und sie sehen in deren Gesängen einen klangvollen Trost für den zur Einsamkeit verdammten Gott. Sie haben in ihrer Sprache auch kein Wort für die Hölle. Europa hat Afrika nicht erobert. Die hochgepriesene Zivilisation ist nicht anderes als ein Firnis über Machtbesessenheit und Geopolitik.

Ein Panorama, so alt wie die Menschheit

Mia Couto skizziert ein Panorama, so alt wie die Menschheit: Liebe und Verzicht, Vertrauen und Treue, Verrat und Lüge, Kriegslüsternheit und Friedfertigkeit, Zivilisation und Wildheit, Moral und Unmoral und setzt eindrucksvolle Wort-Bilder. Er verbindet historische Fakten mit den Mythen der Afrikaner.

Imani, eine starke junge Frau, die sich zwischen den beiden Welten in den unruhigen Zeiten bewegt wie ein Fisch im Wasser, und die doch der eigenen Herkunft, dem eigenen Schicksal nicht entgehen kann, strahlt wie ein Leuchtturm in diesem umfangreichen Werk.

Ganz unerwartet der narrative Schluss: ein gekonnt eingesetzter stilistischer Überraschungseffekt dieses Romans, aus dem Traurigkeit atmet. Traurigkeit über die Unvereinbarkeit der Welten, der Menschen, der Seelen.
Mia Couto ist es gelungen, in ausführlichen Schilderungen die komplexen Denk- und Handlungsweisen beider Parteien zu verfolgen und nachzuvollziehen.

Die Fotos einiger real existierenden historischen Personen im Anhang komplettieren dieses unbedingt lesenswerte, unbedingt empfehlenswerte Buch.

Für mich eine der schönsten Metaphern zu der afrikanischen Denkweise:
Ein Paar Schuhe statt bloßer Füße. Die Schuhe werden Teile Deines Körpers werden. Deine Schritte werden nie mehr Deine eigenen sein. Du wirst Wege beschreiten, die Dich von dir selbst weit weg führen. Und wenn Du die Schnürsenkel zusammenziehst, wird es Deine Seele sein, die Du einschnürst.

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