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Zuhause auf dem Papier 2: Unter sieben Schichten der Erde

Seit Maryam 2015 nach Deutschland gekommen ist, sucht sie nach ihrer Identität, nach Stabilität, nach einer dauerhaften Heimat. Auf der Suche hat sie viel verloren und viel erreicht. Durch das Schreiben hat Maryam auf dem Papier ein Zuhause gefunden. Dort fühlt sie sich wohl und kann sein, wer sie ist.

Fotograf: Irem Kurt (Illustration)

Unter sieben Schichten der Erde

Die geschriebenen Worte wiegen schwer und sind nicht leicht zu ertragen, weil du nicht ich bist
oder ich bin nicht in dir.
Deswegen dränge dich nicht selbst, nur lies weiter und fühle es mit mir.

Der Mensch in seiner Art findet nur im Kollektiv Sinn
Er wächst und entwickelt sich in der Gesellschaft
Der Mensch allein ist ein leerer Unsinn
Der Mensch findet Sinn in der unvernünftigen Gesellschaft

Begleitung ist wichtig, füreinander und Miteinander sind ein menschliches instinktives Bedürfnis.
Wir begleiten unsere Mutter seit der Kindheit oder seit dem wir ein lebloser Fötus im Mutterleib
sind. Miteinander gibt uns Leben
Wir atmen mit ihrem Atem und wir existieren von ihr in ihr drin! Das ist Miteinander:
ich in dir oder du in mir tief versunken
Das ist aber nur da drin möglich, falls du rauskommst, wirst du keine Miteinander mehr spüren und
riechen können, weil du dann in dir selbst versunken sein wirst.

Einsamkeit der Vielfalt
alle zusammen, jeder in sich, wie die kränkliche Gesellschaft das vorschreibt
eine Verbindung, ohne dass du dich mit mir verbunden fühlst

Danksagung und Respekt verbinden mich und dich das ist „Miteinander“
Wie ein Adapter an einer Steckdose, verbunden, jedoch ohne dass der Strom fließt
wie ein Kind, das an der Brust der Mutter hängt, gebunden, ohne dass die Milch fließt
dieses Miteinader hier ist künstlich, falsch und erfunden

wenn du denkst, dass du auf dieser Erde, „Miteinader“ erleben kannst oder erlebst, irrst du dich,
denn das ist nur eine Illusion.

Es gibt viele Probleme, der Respekt vor der Vielfalt der Menschheit und der Individualität der
Menschen geht verloren und wird eingegraben.
Denn der Mensch sucht seit Jahren nach absolutem perfekten Weiß und hat vergessen, dass nichts
und niemand absolut sein kann.
Selbst die Farbe Weiß, kann in Wahrheit nicht weiß sein, denn wir nehmen das wahr, was unsere
Augen wahrnehmen wollen, was wir wahrnehmen, soll nicht immer die Wahrheit sein.

Ich bin nicht absolut und du auch nicht!
Ich bin ein bisschen blau und ein bisschen grün mit einem grauen Herzen und einer roten Seele!
Eventuell auch kleines winziges Weiß mit schwarzen Strichen, die das Weiß streicheln.

Was ist deine Farbe? Was bist du? Bist du der Mensch, der vom unbekannten Gott erschaffene oder
der Mensch aus dem Schimpansenzeitalter?
Kannst du mich mit einer roten Seele akzeptieren oder ist das dir zu rot?
Hat deine Seele auch Farbe oder ist sie eine unsichtbare Frau, die in dir liegt?

Verstehst du das Problem? Ich kann dich nicht verstehen, weil ich nicht du bin!
Ich bin in mir mit mir selbst, du in dir mit dir selbst.

Am blauen Himmel fliegen selbst die Vögel nicht alleine, aber in der grünen Erde, die allmählich
grau wird, sind alle enttäuscht und gehen ihren eigenen Weg alleine.

Manchmal frage ich mich: Es gibt so viele Früchte auf der Welt, so dass kein Mensch hungrig
bleiben soll, aber die Menschen werden hungriger: Weil es kein Miteinader gibt.

Wohin geht all diese Frucht? Woher kommt all diese Unterdrückung? Wer hat uns all dieses Übel
angetan? Sind wir nicht dieselben Kinder, die die Quelle der Liebe sind? Wann und wo ist diese
Quelle ausgetrocknet?
Und diese Übel, dieser Staub und diese Verschmutzung sind überall. Wir atmen das ein, ausatmen
einatmen

Wo hat das Problem angefangen?
Von da wo die Toten ehrenhafter wurden
Und die Vielfalt der Gräber mehr als die Vielfalt der lebenden Herzen respektiert wurde.

Ich laufe einfach an den Gräbern vorbei
Ich sehe, wie die Toten aufwachen, sich begrüßen, einander schätzen
Und Nachts lesen sie sich gegenseitig Geschichten vor und schlafen wieder, als ob sie schlafend
wach waren.

Als ob es egal wäre welche Hautfarbe, welche Religion, welche Nationalität sie haben?
Sie haben eine Gemeinschaft, sie liegen alle unter der Erde und sind auf gleicher Augenhöhe
Gebildet oder Analphabet, gebildeter Analphabet, der Analphabet
Angestellt oder arbeitslos, arbeitslose Erwerbstätige, arbeitslose beschäftigt
Schwarz oder weiß, weiße Schwarze, schwarze Weiße
Groß oder klein, Kleine groß, Große klein
unter der Erde
sind alle gleich groß
sind alle unterirdisch
sind alle tot
Es spielt keine Rolle, wer sie sind, wann sie tot sind.
Wichtig ist, sie sind nicht das und dass sie Tod sind.

Aber auf Erden zählt, was du bist.
Schwarz oder weiß? Die Gesellschaft erlaubt es dir nicht weiß mit bisschen schwarz sein oder
andersrum. Du musst absolut sein, was du nie sein kannst.

Deswegen kannst du dich nicht lieben, weil von oben gesagt wird, sei absolut
was du nie und niemals sein kannst
dann kannst du dich nicht respektieren, akzeptieren
dann kannst du die anderen nicht respektieren, akzeptieren
je mehr Vielfältigkeit, desto schwerer die Akzeptanz und der Respekt
weil alle gleich sein müssen, langweilig, sehr eintönig

weil der Mensch ist nichts als listig
Von mir zu dir
offensichtlich …
Es ist wie das Unterbewusstsein und direkt in jeder lebenden Zelle
Es hat ein Haus… das Böse in uns… dieses Monster
Unter sieben Schichten unserer Haut, mit Ausnahme von Blut und Organen
Etwas Böses ist begraben!
Der Gott, der uns den Geist eingehaucht hat
Das Glück mag ihn ins Herz getroffen haben … weil er vor Freude in Wahnsinn getrieben ist.
Dass er uns erschaffen hat
Aus Erde? Mit der Hoffnung, dass wir zusammen leben? Irrige Ansicht

Der Boden selbst riecht nach Unwissenheit
Denn am Ende bemitleidet er sich selbst nicht
Er drückt sich selbst
Zerquetscht sich selbst, im Grab der Helligkeit

Was erwartest du von einem anderen Menschen !!!
Selbst die Erde hat keine Gnade zu der Erde selbst.

Du siehst die Kriege
Erden greifen sich gegenseitig an
Und verwandeln sich in Nichts, außer Blut und Knochen, die dann auch das Essen der Bakterien
werden

Erden töten sich gegenseitig
Sie trinken ihr Blut
Sperren ihre Seele ein
Und sie vergessen ihren Körper

Wir, ich und du
Von deiner Erde bis meiner Erde
Wir trinken Wein und trinken Wein, den rotblutigen Wein

Schau einfach nach
Unter sieben Schichten unserer Haut
Es gibt einen hinterlistigen Gerissen
Unter sieben Schichten unserer Haut, ist jemand, der keinen Respekt versteht, der alles tut um zu
überleben

Bist du bis jetzt mitgekommen? Hast du verstanden?
Du kannst nur verstehen, wenn das Monster in dir drin sich bewegt hat.
Mach die Augen zu, dann wirst du es sehen können.

Das Monster, der arrogante Unmenschliche im menschlichen Körper
nur das kann das nachvollziehen, was ich sage
denn das was ich sage, sagt dieses Monster, da dieses Monster andere Monster kennt und
menschlich sein würde

absolut menschlich
genau das was es nicht gibt
selbst das Monster in mir drin irrt sich.

Wie geht’s deinem Monster?
Respekt, Miteinander
sind nur dann möglich, wenn wir alle tot sind unter die Erde, unter sieben Schichten der Erde…
was begreift dann ein Lebender, was Miteinader ist, wenn die Menschen auf anderer Erden mit
einem vollen Magen aus Nichts schlafen gehen?

 

 

Der Text entstand in Schreibtandem mit Nils Tremel. Maryams Texte werden in ihrer regelmäßigen Kolumne „Zuhause auf dem Papier“ veröffentlicht. Die Reihe wird von Irem Kurt illustriert.

„Zuhause auf dem Papier 1“ kannst du hier lesen.

Maryam Jamalzade
Maryam Jamalzade ist im Iran geboren und aufgewachen. 2015 ist sie mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen.  

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Erste Post auf Instagram über Sprachweham 11.4.2019
Als ich Ende 2015 in Deutschland angekommen bin, habe ich mich entschieden, dass ich hier in die Gesellschaft integriert,…

Schreiben für ein Miteinander.

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Maryam Jamalzade
Maryam Jamalzade ist im Iran geboren und aufgewachen. 2015 ist sie mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen.  

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