Der Friseur war auch ein Community- Ort

Jedes Mal, wenn ein Friseurbesuch ansteht, findet bei unserem Autor ein Dialog in ihm statt. "Ich gehe auch nicht oft zum Friseur", sagt er, "damit ich nicht so viel darüber nachdenken muss."

Photo by Allyson Carter on Unsplash
Fotograf: Allyson Carter on Unsplash

An einem Samstag beschloss ich, zum Friseur zu gehen, um meine Haare schneiden zu lassen. Aber ein Friseurbesuch ist keine einfache Entscheidung für mich, weil ich darüber nachdenken muss, zu welchem Friseur ich gehe.

Innerer Dialog

Gehe ich zur Steindamm am Hauptbahnhof, wo es viele syrische Friseure gibt? Nein, zum Steindamm gehe ich nur, wenn ich mir dort etwas zum Essen kaufen möchte und das mit dem Friseurbesuch verbinden kann. Oder gehe ich zur Grindelallee? Da gibt es einen jungen Friseur, der nicht teuer ist. Na ja, aber das ist ein bisschen weit weg von mir. Für mich soll der Friseur ein Nachbar sein. Dann gehe ich doch zur Schanze, da wo ich jedes Mal hingehe, aber jedes Mal besuche ich einen neuen Friseur.

Der Friseur in Syrien als Treffpunkt

Als ich dann endlich beim Friseur saß, überlegte ich, dass ich doch darüber einen Artikel  schreiben könnte, weil der Friseurbesuch für mich viel mehr ist als nur eine neue Frisur. Das Friseurgeschäft war für mich und meine Nachbarn auch immer ein Ort, um sich zu treffen. Wenn uns langweilig war, gingen wir dorthin und unterhielten uns miteinander.

Die Friseure waren ein Cousin und ein Nachbar. Wir waren alle zwei Wochen dort zum Haareschneiden und fast jeden Tag, um uns zu unterhalten und um zu erfahren, was es Neues gab in der Nachbarschaft. Der Friseur war für viele so etwas wie eine Presseagentur. Wir haben ihn immer Al Jazeera genannt, wie der große arabische Sender Al Jazeera. Dieser war – vor dem arabischen Frühling – für viele arabischsprachige Menschen eine verlässliche und uneingeschränkte Quelle. 

Wenn du aber etwas über Nachbarschaft und lokale Nachrichten wissen wolltest, gingst du zum Friseur und fragtest dort. Manchmal musstest du gar nicht fragen, weil er von alleine erzählte. Er erzählte dir alles, während er dir die Haare schnitt oder den Bart rasierte. Jeder syrischer Friseur, den ich kenne, war ein großer Erzähler. 

Die Gespräche beim Friseur vermisse ich sehr. Seit sechs Jahren gehe ich in unregelmäßigen Abständen zum Friseur und ich kann mich an keine Unterhaltung erinnern. Vielleicht, weil ich fast nur zu türkischen Friseuren gehe und wir uns beide nicht sicher in der deutschen Sprache fühlen? Vielleicht auch deshalb, weil ich jedes Mal zu einem anderen Friseur gehe? Ich weiß es nicht.

Der Friseur in Deutschland

Eine deutsche befreundete Familie spricht oft über den Friseur der Familie. Dieser Friseur kennt die Familie seit 15 Jahren und die Männer dieser Familie gehen regelmäßig zu ihm. Ich höre zu und bin fast ein bisschen eifersüchtig. Sie erzählen über ihn und über seine große Erzählung, die manchmal auch Quatsch sein darf. 

Die Menschen in Deutschland, die in einem Dorf leben, kennen diese Beziehung zu ihrem Friseur auch. Aber in der Stadt, besonders in einer großen Stadt, ist diese Beziehung für viele junge Menschen bedauerlicherweise abwesend. Denn das Leben ist schnell und im kapitalistischen System ist es wichtig, wie viel Geld am Ende des Tages verdient wird. 

Allerdings gilt das kapitalistische System auch auf dem Dorf – auch da müssen die Friseure Geld verdienen. Trotzdem haben sie einen persönlichen Kontakt zu ihren Kund*innen. Vielleicht weil sie am Ende nur bestimmte Kund*innen haben, um die sich kümmern sollten, damit sie regelmäßig kommen. Und auch weil der Friseur seine Kund*innen sehr gut kennt, verbinden sie Beziehung und Geschäft.

Der Friseur nur für einen Mann?

Ich erinnere mich an eine große Diskussion 2016. An der Tür eines Friseurgeschäfts, in dem ein geflüchteter Friseur arbeitete, hing ein Zettel.  Darauf stand, dass dieses Geschäft nur für Männer geöffnet hat, weil er einen neuen Mitarbeiter aus Syrien hatte, der nur einen Mann frisieren kann. Es war ein großes Thema, warum sie keine Frauen akzeptierten. Das wurde als ein Verstoß gegen die Gleichberechtigung gesehen und es wurde gesagt, dass die Geflüchteten die Gesellschaft veränderten.

Ich glaube, das Hauptproblem war, dass es in Syrien zwei Möglichkeiten gibt, Friseur zu werden. Die erste Möglichkeit ist, bei einem Friseur zu arbeiten und dort langsam das Friseurhandwerk zu lernen. Wenn sie es gelernt haben, können sie sich beim Friseurverband anmelden und dort eine Prüfung ablegen. Das machen viele Jüngere mit 15 Jahren, weil sie nicht mehr zur Schule gehen wollen. Weil sie bei einem Friseur gelernt haben, zu dem nur männliche Kunden kommen, haben sie nicht das Handwerk eines Friseurs für Frauen gelernt.

Die zweite Möglichkeit ist, einen Intensivkurs zu machen, in dem man lernt Haare zu schneiden. Hier gibt es zwei verschiedene Kurse: Einen für männliches Haar und Bart und einen für weibliches Haar und Make-up. Viele möchten möglichst schnell fertig werden und machen deshalb nur einen Kurs.

Der Friseur war in meiner Heimat, ein Treffpunkt, ein Community-Punkt für viele Männer und dieser Community- Punkt oder Ort fehlt leider im Exil. Das ist nicht nur mein Problem, sondern für viele Männer besonderes mit Migrationsgeschichte, die neu in eine Stadt oder in ein neues Land kommen. Sie suchen einen Ort, wo sie sich treffen und austauschen können und glauben, dass sie den beim Friseur finden.

Besonders groß ist dieses Problem mit dem Friseurbesuch jedoch bei Frauen, die ein Kopftuch tragen. Nicht nur, weil viele Friseur*innen deren Bedürfnisse nicht spüren, sondern auch deshalb, weil der Friseur ein sicherer Ort für sie sein soll. Bei uns war ein Friseurgeschäft ein Treffpunkt und für viele Frauen ein sicherer Raum, in dem sie ohne Kontrolle durch Männer und die Gesellschaft miteinander reden und ihre Probleme und Gesellschaftsdruck austauschen konnten.

Am Ende möchte dich fragen, welche Erfahrung hast du beim Friseur? Findest du, dass die Friseure ein Community-Ort sein könnten? Gerne teile mit mir deine Erfahrung hier als Kommentar. Ich freue mich auch auf Vorschlage von dir, worüber ich nächste Woche schreiben sollte.

 

Hussam studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland. Er ist Gründer und Chefredakteur von kohero. „Das Magazin nicht nur mein Traum ist, sondern es macht mich aus. Wir sind eine Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen.“

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