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Wir müssen die Erinnerung wach halten

Yad Vashem. Ein Ort, der viel mehr als nur ein Museum ist. Bei weitem mehr als eine Stätte, wo die Erinnerungen an den größten Völkermord in der modernen Geschichte der Menschheit wach gehalten werden. Wir werden mit Ton- und Filmaufnahmen konfrontiert. Wir stöbern durch Bilder, die Schicksale erzählen. Es sind nur 73 Jahre her, seitdem die letzten Überlebenden aus den Einrichtungen der totalen Vernichtung befreit werden konnten.

Holocaust Mahnmal in Berlin Foto von Hussam Al Zaher
Fotograf: Hussam Al Zaher .Holocaust Mahnmal in Berlin.

„Das ist es, was die Deutschen uns angetan haben …“

Die sechsmillionen Opfer des grausamen Mordes waren jüdische Bürger aus allen Herrenländern Europas – vorwiegend aus Deutschland und osteuropäischen Ländern. Es waren die Opfer der, von einer brutalen Diktatur ausgedachten, finalen Lösung. Die Auslöschung der Sündenböcke: Juden, die nach der Machtübernahme durch die Nazi-Regierung für alle Sorgen, Entbehrungen und Probleme Deutschlands verantwortlich gemacht wurden. Dieser Ort lässt die Worte des jungen Zvi Korolevich sehr tief in jeden von uns vordringen: „Und so war es, in nur sieben Monate verlor ich meinen Vater, meinen Bruder und meine Mutter. Ich war der einzige Überlebende. Das ist es, was die Deutschen uns angetan haben, und solche Sachen sollten niemals vergessen werden. Auf der anderen Seite haben wir doch unsere Rache erlebt. Diejenigen, die überlebt haben, konnten wunderschöne Familien großziehen. Auch ich gehöre dazu. Das war zugleich die Rache und der Trost.“

Begriffserklärung: Holocaust und Churban

Der Begriff Holocaust kommt eigentlich aus dem Griechischen und bedeutet „die vollständige Verbrennung“. Er bezog sich auf eine religiöse Praxis, in der Tiere als Opfer durch Flammen vernichtet wurden. Der Historiker Xenophon übersetzte die griechische Bibel ins Lateinische und so drang das Wort „Holocaustum“ in die englische Sprache. Ein Übersetzungsfehler von Martin Luther ließ den Ausdruck als Brandopfer in der deutsche Sprache gelten. Der Völkermord an den europäischen Juden wurde zunächst nur in der englischen Sprache als Holocaust bezeichnet, und zwar im Dezember 1942 in der Zeitung News Chronicle. Der Begriff deutete auf den Vernichtungsplan von Adolph Hitler an den Juden hin – zu jenem Zeitpunkt allerdings ohne Kenntnis über die Vernichtungslagern.

Bei vielen Rabbinern wird das Verbrechen des NS-Reichs seit etwa 1980 als der dritte Churban genannt. Ein hebräisches Wort, das Verwüstung oder Vernichtung bedeutet, und sich auf große historische, von Menschen gemachten Katastrophen bezieht. Schon bei den beiden Zerstörungen des Jerusalemer Tempels in 586 vor und 70 nach Christus wurde der Begriff verwendet, um die Zielrichtung der Auslöschung des Judentums zu bezeichnen.

Wissensvermittlung ohne moralischen Zeigefinger ist wichtig

Dieser archaischer Antisemitismus macht sich in der heutigen Zeit auch in Deutschland wieder bemerkbar. Schon aus diesem Grund sollten wir uns heute weiterhin mit den Grausamkeiten des Holocausts beschäftigen. In einem fünf Jahren alten Interview mit der Deutschen Welle*, klärt uns die Antisemitismus-Forscherin Juliane Wetzel auf, dass wir längst nicht alles über den Holocaust wissen, und wie sich der Judenhass äußert. Sie ist unter anderem Koordinatorin des Expertenkreises, der dem Bundestag regelmäßig Bericht über diesen besorgniserregenden Trend in Deutschland erstattet: „Die Forschung der vergangenen Jahre fragt: Was haben die Menschen damals von den Massentötungen gewusst? Lange wurde kolportiert, dass die Deutschen nichts hätten es wissen können, weil die Orte des Geschehens so weit weg waren. Man wies zumeist weit von sich, dass viele Gerüchte und Informationen z.B. durch Feldpostbriefe verbreitet wurden. Jüngste Publikationen zeigen etwas anderes – nämlich wie viel die Menschen davon wussten, und wenn auch vieles nur im Ungefähren war. Aber man konnte sich schon ein Bild malen, wenn man wollte. Viele junge Menschen glauben, alles über den Holocaust zu wissen. Tatsächlich aber beruht ihr Wissen auf ein paar Spielfilme. Viele haben sich mit dem Geschehen nicht auseinandergesetzt. Der Begriff Holocaust Education hat sich international eingebürgert und seit den 1970er und 1980er Jahren stark verändert. Damals war der Unterricht stark von der Betroffenheitspädagogik dominiert. Die jungen Menschen bekamen eine Bürde auferlegt, die sie nicht tragen konnten und nicht tragen mussten. Deren Reaktion schlug häufig ins Gegenteil des Unterrichtsziels, indem sie sagten: Ich kann das nicht mehr hören. Viel wichtiger wäre, auch noch heute, nicht mit dem moralischen Zeigefinger daherzukommen, sondern das historische Wissen zu vermitteln. Das ist die Basis, und daran fehlt es in vielerlei Hinsicht immer noch – oder wieder. Man müsste auch heute mit Schülern über Fragen diskutieren, unter anderem: Was wusste man? Wie stark war der Verdrängungsmechanismus nach 1945, und wie deutlich hat das die Geschichte der Bundesrepublik dominiert – und vor allem, warum? Wir dürfen nicht mit 1945 aufhören, sondern müssen uns die Wichtigkeit des Themas auch bei heutigen politischen Erscheinungen und Entwicklungen klar machen. Die aktuelle Erscheinungsform des Antisemitismus ist der Israel-bezogene. Die völlig legitime Kritik an der israelischen Politik, wegen des militärischen Vorgehens im Gaza-Streifen, kann dann Grenzen überschreiten, wenn die Haltung der israelischen Regierung mit dem Holocaust gleichgesetzt wird, indem man sagt: Die Israelis machen das mit den Palästinenser, was die Deutschen damals mit den Juden machten. Hier findet eine Täter-Opfer Umkehr statt: Die einstigen Opfer werden zu Tätern stilisiert. Diese Formen des Antisemitismus sind dominant im heutigen Deutschland“.

Die Welt erlebt eine neue Welle des Hasses

Aber auch in Europa und der ganzen Welt erleben wir eine neue Welle der Ablehnung und des Hasses gegen das Fremde, gegen die Andersdenkenden, gegen diejenigen, die nicht unbedingt in unsere Weltvorstellung passen. Wir erleben heute eine Vielzahl von Holocausts oder Churbans, auch wenn die Gründe dafür andere sind, als vor fast 75 Jahren. Wenn z.B. ein Großteil der syrischen Bevölkerung vom eigenen Staat verfolgt und vernichtet wird. Oder wenn eine andersgläubige Gemeinschaft, wie die Hunderttausenden Rohingyas in Myanmar, von einer Regierung außer Landes vertrieben wird, die von der ehemaligen Friedensnobelpreisträgerin San Kuy geführt wird. Dies sind wenige Beispiele für die heutige Migration und Flucht weltweit. Etwa 65 Millionen Menschen versuchen dem Krieg, dem Hunger oder – schlicht und einfach – der Perspektivlosigkeit ihres Lebens zu entkommen.

Heute, im Vergleich zu den Zeiten der größten, jemals geplante Vernichtung von Menschen, weiß jeder von uns, wo und was genau passiert. Die Bilder und Berichte im Hörfunk und in anderen Medien kann keiner von uns ignorieren. Aber Einige tun das, und versuchen dieses ignorante Verhalten mit der Begründung zu verteidigen, die eigene Identität oder Nationalität nicht preisgeben zu wollen. War es damals, am Anfang der nationalsozialistische Herrschaft, anders?

Wir müssen aufpassen!

Viele Deutsche fanden damals schnell einen Sündenbock für den wirtschaftlichen Niedergang und die aussichtslose Lage des Landes. Heute wollen viele – auch in Deutschland – den erreichten Status Quo verteidigen. Nichts und niemand soll diese Insel der Glückseligkeit mit seiner fremden Religion oder Lebensweise ändern oder gar bedrohen. Deutschland ist eine starke und liberale Demokratie. Menschenrechte und Freiheiten werden geachtet. Und das, obwohl wir schon seit etwa vier Monaten offiziell keine Regierung haben. Wir müssen aber aufpassen. Angesichts der neuen Hasskampagnen, der schnellen Verbreitung von falschen Fakten und Informationen, der geduldeten rechtsradikalen Parolen – sogar in einer etablierten Partei – ist eine neue Aufklärung nötig. Ein neuer Verhaltenskodex müsste von einem Leitsatz begleitet werden: „Wehret den Anfängen!“

Mit schönen Grüßen des großen römischen Philosophen Marcus Tullius Cicero.

*Deutsche Welle. Interview mit Antisemitismus-Forscherin Juliane Wetzel: Warum der Holocaust uns heute beschäftigt. Beitrag vom 27.01.2013. Abgerufen am 16.01.2018.

Leonardo De Araujo
Leonardo De Araujo, geboren in Rio de Janeiro, Brasilien lebt seit etwas mehr als 30 Jahren in Deutschland, vorwiegend in Hamburg. Nach einigen Berufsjahren in Werbeagenturen hat er 35 Jahre in der Fernsehproduktion gearbeitet. Nebenbei hat er sich auch als Drehbuchautor und Fotograf beschäftigt – und für das Flüchtling-Magazin, heute kohero, geschrieben.
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Leonardo De Araujo, geboren in Rio de Janeiro, Brasilien lebt seit etwas mehr als 30 Jahren in Deutschland, vorwiegend in Hamburg. Nach einigen Berufsjahren in Werbeagenturen hat er 35 Jahre in der Fernsehproduktion gearbeitet. Nebenbei hat er sich auch als Drehbuchautor und Fotograf beschäftigt – und für das Flüchtling-Magazin, heute kohero, geschrieben.

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