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Geflüchtete im Ehrenamt: Anas hilft an der Grenze zur Ukraine

Im Interview mit kohero spricht Anas über den Beitrag, den Geflüchtete im Ehrenamt in Deutschland leisten können, insbesondere im Bereich der Flüchtlingshilfe und die Arbeit seiner Freiwilligen-Gruppe. Gerade ist Anas in Katowice und organisiert Hilfe für Geflüchtete aus der Ukraine.

Fotograf: privat

Anas ist gut vernetzt: Gemeinsam mit anderen Freiwilligen hat er bereits 2021 die Gruppe „Syrische Freiwillige in Deutschland“ gegründet, um bei der Flutkatastrophe zu helfen. Seit er Ende 2015 nach Deutschland kam, hat sich Anas an vielen Stellen engagiert. Heute studiert der 29-Jährige internationale Betriebswirtschaft, ist seit fünf Jahren Ausbilder für arabisch-sprachige Menschen in einer Rettungsdienstschule im Saarland und hat nebenbei ein Start-up für bilinguale E-Learning Kurse aufgebaut.

 

Kannst du mir etwas zur Gründungsgeschichte von der Gruppe „Syrische Freiwillige in Deutschland“ erzählen? Ihr habt euch während der Flutkatastrophe 2021 gebildet, richtig?

Angefangen hat es mit meinem E-Learning Start-up, das Menschen hilft, Sprachprobleme zu überwinden. Wir haben während der Flutkatastrophe im Juli 2021 gesehen, dass auf deutschen sozialen Medien viel Hilfe organisiert wurde. Aber viele arabisch-sprachige Menschen hatten keinen Zugriff auf diese Hilfeaufrufe und Informationen. Also haben wir diese Informationen und Aufrufe übersetzt.

Einer der späteren Gründer unserer Gruppe hat auf Facebook gepostet, dass auch Syrer*innen bei der Flutkatastrophe helfen sollen. Denn Deutschland hat uns damals auch geholfen. Ich habe ihn auf unsere Facebook-Gruppe „Syrische Freiwillige in Deutschland“ hingewiesen, damit konnten wir gemeinsam schnell viele Menschen aus ganz Deutschland vernetzen. Schließlich haben wir auch vor Ort geholfen, aufzuräumen und den Schlamm wegzutragen. Unser Ziel ist es, Migrant*innen für Ehrenämter zu engagieren, denn viele kennen sich mit diesem Thema nicht so gut aus.

 

Woran liegt es, dass Freiwilligenarbeit unter Migrant*innen bisher nicht so populär ist?

Ich selbst habe das erste Mal 2016 ein Ehrenamt beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) im Ortsverein Püttlingen übernommen. In diesem und vielen anderen Vereinen ist die Anzahl von Migrant*innen aber niedrig. Viele wissen einfach nicht, was genau man dort macht, oder wie man mitmachen kann. Ihnen fehlen Informationen dazu, wo man Kontakte zu neuen Menschen knüpfen und sein Deutsch verbessern kann. Einige erzählen mir auch: „Ich kann mir das nicht leisten, denn ich müsste mit meiner Arbeit aufhören, damit ich ein Ehrenamt machen kann.“

Ich habe beim DRK gelernt, was für eine große Welt das Ehrenamt in Deutschland ist. Man kann sich ausbilden, verschiedene Kurse belegen und sich weiterentwickeln. Gleichzeitig können die, die ein Ehrenamt übernehmen, neue Menschen kennenlernen und ihr Deutsch verbessern.

 

Stimmt, umsonst zu arbeiten, muss man sich ja auch erstmal leisten können. Wie setzt sich euer Team denn zusammen?

Die Mehrheit sind junge Männer, bis etwa 50 Jahre alt. Es gibt auch einige Frauen, die sich engagieren. Viele kommen aus dem Saarland, wie Faris, der andere Gründer, und ich. Dort haben wir unsere Initiative nach der Flutkatastrophe verbreitet. Aber viele sind auch aus Berlin, Cottbus, Hamburg oder München angereist, um zu helfen. Eigentlich sind aus jeder Ecke Deutschlands Menschen gekommen, um zu helfen.

Anas und seie Freunden
Die Freiwilligen im Einsatz

Die Gruppe heißt ja „syrische Freiwillige in Deutschland“. Habt ihr auch Freiwillige aus anderen Ländern?

Wir sind zu 70% Syrer*innen, aber es gibt auch Menschen aus dem Irak, aus dem Iran, aus Afghanistan, und auch Deutsche, viele verschiedene Nationalitäten. Bei uns kann man unbürokratisch und direkt helfen, nicht wie bei anderen Organisationen, wo man zum Beispiel erstmal eine Mitgliedschaft braucht.

 

Wie waren die Reaktionen, auch von deutschen Ehrenamtlichen?

Sehr gut, die fanden das super! Denn es ermöglicht ihnen, näher an eine migrantische Zielgruppe zu kommen. Außerdem erlebt man einerseits die ehrenamtliche Zusammenarbeit mit Migrant*innen und außerdem, wie man Betroffenen helfen kann. Die betroffenen Einwohner*innen hat es auch gefreut. Wir haben uns oft mit ihnen getroffen, gemeinsam Mittag oder Abend gegessen, das war gut für unsere Integration. Alle waren sehr glücklich damit.

 

Nach der Flutkatastrophe habt ihr aber nicht aufgehört.

Richtig, irgendwann wurde der Bedarf an Hilfe an der Flutkatastrophe etwas kleiner, und dann haben wir uns umgeschaut, wo wir uns sonst engagieren können. Ich bin im Oktober 2021 ins Auslandssemester nach Polen gegangen, und dort eskalierte bald die Situation an der Grenze zu Belarus. Da haben wir gedacht, wir müssen etwas machen. Also haben wir eine Spendenkampagne gestartet und uns mit polnischen Organisationen verknüpft. Zwei Wochen nach der ersten Kampagne hat der Krieg in der Ukraine angefangen.

 

Jetzt gerade helft ihr auch an der polnisch-ukrainischen Grenze. Was genau macht ihr dort?

Wir sammeln Spenden, entweder selbst oder mithilfe von Kooperationspartnern in Deutschland. Wir schicken eine Bedarfsliste und sie kümmern sich vor Ort um das Sammeln der Spenden. Vor kurzem haben wir einen Bus gespendet bekommen. Mit dem Bus nehmen wir die Sachspenden mit und fahren sie an die ukrainische Grenze. Auf dem Rückweg transportieren wir Geflüchtete nach Deutschland.

Wir haben zum Beispiel eine siebenköpfige Familie von Polen nach Deutschland gebracht. Denn es gibt ein großes Problem mit öffentlichen Verkehrsmitteln in Polen. Da kommen gerade sehr viele Geflüchtete an, und alle Züge und Busse sind ausgebucht. Besonders für Familien mit Kindern und Gepäck ist das sehr schwer.

 

Ihr habt auch vor dem Ausbruch des Krieges an der polnisch-belarussischen Grenze geholfen. Könnt ihr an der ukrainischen Grenze gerade einen Unterschied beobachten?

Auf jeden Fall. Ich glaube, das liegt einfach an der Politik – wenn Politiker*innen behaupten, die Geflüchteten an der belarussischen Grenze sind alle Terrorist*innen, reagieren die Leute eher ablehnend und wollen, dass die Geflüchteten draußen bleiben. Wenn die Politiker*innen aber sagen, wir müssen den Ukrainern helfen, dann bewegt es das ganze Land. Wirklich ganz Polen hilft gerade den Geflüchteten.

Aber an der belarussischen Grenze ist es illegal, den Leuten da zu helfen. Es wird einfach akzeptiert, dass die Leute dort erfrieren. Wer jedoch den Ukrainern hilft, ist wie ein Held. Da sehe ich einen großen Unterschied. Und nicht nur ich, sondern auch verschiedene polnische Organisationen. Alle sollten das Recht haben, nach Polen und an einen sicheren Ort zu kommen.

 

Ich habe auf Facebook gesehen, dass ihr unter anderem syrischen Familien aus der Ukraine helft, nach Deutschland zu kommen. Sind es Familien, die in der Ukraine gelebt haben? Gibt es viele Syrer*innen in der Ukraine?

Syrer*innen sind mittlerweile eigentlich überall auf der Welt, mit 6,2 Millionen Vertriebenen außerhalb des Landes. Auch in der Ukraine sind sicherlich Viele aus dem arabischen Raum. Das sind aber nicht unbedingt Geflüchtete, sondern die meisten sind Studierende oder Arbeiter*innen. Die suchen jetzt nach Möglichkeiten, ihr Studium fortzusetzen. Wir bekommen dazu gerade viele Anfragen: wie wo wann sollen wir einen Asylantrag stellen, wie geht unser Studium weiter? Bisher ist die Situation dazu aber noch nicht sehr klar.

Die Familie, der wir halfen, lebte schon lange in der Ukraine. Zwei Männer aus der Familie hatten gerade seit vier bis fünf Monaten einen ukrainischen Pass und durften das Land dann nicht mehr verlassen. Deswegen mussten sie ihre Frauen und Kinder allein nach Polen schicken.

 

Glaubst du, ehemalige Geflüchtete können einen besonderen Beitrag in der Flüchtlingshilfe liefern? Sie haben ja selbst Erfahrung mit Situation, in der ukrainische und andere Geflüchtete jetzt stecken.

Ja, ich glaube Viele können und wollen helfen. Denn sie wissen genau wie es sich anfühlt, in ein neues Land zu kommen und die Sprache nicht zu sprechen. Wir haben mehr als 50 Anmeldungen von Menschen, die helfen wollen. Viele Syrer*innen und Araber*innen haben mich kontaktiert und gefragt, was sie tun können. Sie sagen, sie können als syrische Geflüchtete mehr Empathie aufbringen für Menschen, die gerade aus der Ukraine flüchten. Wir haben etwas gemeinsam mit ihnen, denn wir haben auch so eine Reise hinter uns.

 

Nervt dich das manchmal, dass dir immer diese Rolle als Geflüchteter zugewiesen wird? Dass man immer diesen Stempel hat?

Nein, ich nehme das mit Stolz. Es ist ein Titel, den man nicht freiwillig bekommen hat. Das ist uns einfach so passiert. Wir müssen das Beste aus diesem Titel machen und ein Vorbild für andere sein, die auch flüchten müssen. Wir müssen zeigen, dass Geflüchtete nicht nur arme Menschen sind, die Unterstützung vom Staat brauchen. Sondern Geflüchtete sind aktiv in der Gesellschaft, auf dem Arbeitsmarkt, in der Politik. Sie können viel leisten in dem Land, das sie aufgenommen hat. Ich bin sehr stolz auf diesen Titel und ich versuche, ihm ein besseres Image zu geben.

 

Was stört dich in der Berichterstattung über Geflüchtete?

Es nervt mich, wenn muslimische und nicht-muslimische, arabische und nicht-arabische Geflüchtete verglichen werden. Wenn man von „guten“ und „schlechten“ Geflüchteten spricht. Aber wir müssen auch als Geflüchtete alle zusammen was dagegen tun.

 

Gibt es noch etwas, dass du sagen möchtest?

Ja, sehr gerne: Wir möchten in dieser Situation mit der Ukraine nicht nur einmalig helfen. Wir haben ein Projekt gegründet namens impact-chain, wo wir die Zusammenarbeit von internationalen NGOs vereinfachen wollen, zum Beispiel um polnische und deutsche Organisationen zu verbinden. Dadurch kommen jetzt am Wochenende 8 Tonnen Spenden von Deutschland an die ukrainische Grenze. Und gleichzeitig haben wir zwei Busse organisieren können, die Menschen aus meiner Stadt, Katowice, wegbringen können. Und das ist erst der Anfang der Kette, die wir in Deutschland, und in der Zukunft möglicherweise auch in den Niederlanden weiterführen können. Denn manchmal hilft es viel mehr Menschen, Informationen zu vermitteln und Organisationen zusammenzubringen, als selbst an die Grenze zu gehen und dort zu helfen.

Emily ist Wahlhamburgerin, Sinologiestudentin und außerdem begeistert von Sprache und Politik. Bei kohero möchte sie diesen beiden Leidenschaften zusammenbringen und mehr über Migration und die Herausforderungen, denen Menschen dabei begegnen, lernen. Sie schreibt Artikel und arbeitet am Newsletter mit.

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