Der Fluch eines Flüchtlings

Nach dreißig Jahren bin ich das Kind, das sich nie von seiner Mutter, vom Damaszener Jasmin, von den Straßen und Gassen Damaskus' getrennt hat. In diesen Straßen und Gassen hing ich dreißig Jahre Tag und Nacht herum. Ich habe mein ganzes Leben zwischen Damaszener Jasmin und seinem Geruch verbracht. Dem Geruch von Damaskus!

Fotograf: Privat. Fluchtpunkt Hamburg. Texte im Exil

Die schönsten Tage meines Lebens sind die Tage, die ich in Damaskus gelebt habe. Ich war Damaskus‘ verwöhntes, lebendiges, munteres und energisches Kind. Aber hier habe ich meine Geschichte, meinen Schutz, meine Liebe, meinen Frieden verloren. Jetzt habe ich keine Ahnung, zu welchem Land ich überhaupt gehöre. Ich habe das Gefühl, dass alles, was ich in Syrien erlebt habe, ein Traum war.

Exil oder Rückkehr, irgendwann …

Und du Mutter! Ist das mein Schicksal, weit weg von dir zu leben? Seitdem ich nicht mehr in deiner Nähe bin, habe ich vieles gesehen und erfahren, und ich fühle mich alt. Als wäre ich fünfzig Jahre alt. Ich fühle mich nicht mehr jung. Die Sorgen begleiten mich Tag und Nacht. Die Hoffnung fehlt mir! Ist das mein Schicksal, im Exil weiter zu leben? Ist es Schicksal oder ist es die Folge des Krieges und der Fluch der Politik, ob Geliebte und Freunde beieinanderbleiben oder voneinander getrennt sind? Hier bin ich allein in meinem Zimmer, das nach Zigaretten und Double Apfel Schisha-Tabak riecht, und höre oder singe sehr traurige Musik.

Von Europa ist mir alles bekannt. Alles über Männer und Frauen, alles über Geografie und das Wetter. Ich habe alles probiert, um hier weiter leben zu können. Ich habe sogar versucht, Damaskus zu vergessen, aber ich habe festgestellt, dass das nicht machbar ist! Das syrische Sprichwort sagt “Wer den Geruch des Damaszener Jasmin gerochen hat, vergisst ihn nie wieder.” Und das stimmt!
Jeden Tag, jede Stunde nehme ich meinen Reisepass und schaue, ob er noch gültig ist, um zu sehen, ob ich wieder nach Syrien kann. Immer wieder hoffe ich, dass es irgendetwas gibt, das den Krieg beendet und mich wieder zu meiner Mutter bringen kann.
Ich lese alle möglichen Zeitungen, Internet-Webseiten und Nachrichten in der Hoffnung, dass ich die Nachricht vom Kriegsende lesen werde. Kriegsende – heißt das auch das Ende meiner Einsamkeit!?

Vom Vermissen der Heimat und der Frage, wo ist Damaskus jetzt?

Facebook und Twitter sind die einzigen Zugänge zu Bildern und Filmen aus Syrien. Das reicht mir aber nicht. Durch einen Bildschirm ist es nicht das Selbe.
Meine Heimat habe ich auf den Bildern nicht mehr erkannt. Liegt das am Krieg? Die Straßen und Gassen, die ich kenne, sehen nicht mehr so aus, wie ich sie in Erinnerung habe. Ich vermisse alles: die syrische Nacht, die Moscheen, die Kirschen und unsere alte Nachbarin, die jeden Tag betet, dass sie, wenn sie stirbt, nur in Damaskus beerdigt wird und NIE woanders. Als Kind habe ich nicht verstanden, was sie damit meinte, aber jetzt verstehe ich es und wünsche mir, ebenfalls in Damaskus beerdigt zu werden.

Es ist Sommer, und er ist mit allen meinen syrischen Sommer-Erinnerungen gekommen. Aber ich frage mich jetzt, wo ist Damaskus, wo ist meine Mutter, wo bin ich überhaupt? Wo ist der Süßholzsaft- und Tamarindensaft-Verkäufer, der in Suq al-Hamidiya rumläuft und geschickt mit den Gläsern spielt? Wo ist der Dschabal Qāsiyūn? Wo ist die Stimme von Fairuz?
Ein Freund von mir hat mir von seinen Erfahrungen mit demselben Gefühl, was ich jetzt empfinde, erzählt. Er konnte die Vergeudung und den Schmerz, die zur Depression führten, nicht mehr erdulden. Deswegen hat er seine Koffer gepackt und ist nach Syrien geflogen. Trotz des Kriegs und der Gefahr. Seine Entfremdung und der Schmerz haben dort aber nicht aufgehört, einfach weil sein Heimatland nicht mehr wie früher ist!

Das Gefühl der Entfremdung folgt uns, egal wohin wir gehen

Was für ein blödes Gefühl, in seiner Heimat zu sein, aber trotzdem nicht zufrieden zu sein! Alles hat sich geändert. Auch die Menschen, die wir kannten, sind jetzt nur noch lebende Körper ohne Seele oder Gefühle.
Morgens stand er auf und er hatte dieselben schlechten Gefühle, obwohl er jetzt in Damaskus ist! Man fühlt die Entfremdung in der Heimat wegen des Fehlens der Gerechtigkeit, wegen des Fehlens der Freiheit, wegen der Abwesenheit deiner Lieblingsfreunde, wegen der Korruption aller Art und wegen der Tötung von unschuldigen Menschen.
Man fühlt die Entfremdung in der Heimat auch wegen der ständigen Beleidigungen der Bürger durch das Regime. Wegen der Gefängnisse, die voll mit unschuldigen Menschen sind. Wegen der Vergewaltigung von Frauen überall, wegen der lügenden Medien, die die Wahrheit verfälschen.

In meiner Heimat lebt ein Korrupter in einem Palast und die unschuldigen Menschen sind jetzt unter der Erde! Was für ein Fluch. Das Gefühl der Entfremdung folgt uns, egal wohin wir gehen. Die syrische Bevölkerung ist jetzt in zwei Gruppen geteilt: entweder Mörder oder Todesopfer.
Die Heimat sollte keine Kriegszone sein. Die Heimat soll Liebe, Toleranz, Sicherheit, Gerechtigkeit, Wärme, Zugehörigkeit und Hoffnung bedeuten. Der Preis von Freiheit und Würde ist teuer. Egal wo ich auf der Welt meine Freiheit erreiche, das ist dann meine Heimat!

Viele ungeklärte Fragen

Ich habe sehr viele Fragen und dazu brauche ich auch Antworten. Was ist Heimat? Wer bin ich? Wozu gehöre ich? Das sind Fragen, über die ich immer wieder nachdenke. Noch eine Frage hat mich verwirrt: Ob ich, wenn ich wieder nach Syrien zurückkehre, meine jetzige Heimatstadt Hamburg und ihre Straßen, Bäume und Flüsse vermissen werde? Werde ich alle Leute, die ich hier in Hamburg kennengelernt habe, vermissen? Werde
ich die deutsche Bürokratie vermissen? Bin ich jetzt der Verlobte, dessen Liebe wegen der Trennung ein Ende fand?
Aber auch weiß ich: die Trennung an sich ist gar nicht schmerzhaft. Was ganz schmerzhaft ist, ist die Zeit danach. Trotz allem sollen und müssen wir einfach weiter leben, weiter lieben und die Hoffnung nie verlieren.

Übersetzung aus dem Arabischen: Ebaa Hamadah. Aus dem Buch „Fluchtpunkt Hamburg. Texte im Exil„.

Ahmad al Zaher
Ahmad ist syrischer Journalist und Chefredakteur der Seite arap-culture. Er lebt in Hamburg.
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