Was Ramadan für uns bedeutet

Was heißt es, Ramadan zu feiern, wenn im Lebensumfeld die damit verbundene Religion, Gemeinschaft und Tradition kaum eine Rolle spielt? Manche verzichten im Exil lieber darauf. Andere fragen umso intensiver, was Ramadan bedeutet – auch wenn es in Deutschland anders erlebt wird als im vertrauten Kreis der Familie.

Fotograf: Sylwia Bartyzel on Unsplash

Der Ramadan kommt wie jedes Jahr. Und wie jedes Jahr freuen sich viele Musliminnen und Muslime auf ihn. Aber dieses Jahr wird Ramadan anders sein als in den letzten zwei Jahren. Corona hat vieles verändert. In der Coronazeit war Ramadan, besonders für große Familien, ganz anders. Sie konnten nicht zusammen feiern, das Fastenbrechen, höchstens vielleicht über Skype.

 

Ramadan in Syrien

Als ich in Syrien lebte, haben wir Ramadan auch anders erlebt. Wir arbeiteten nur sieben Stunden am Tag, hatten fast jeden Tag viele Gäste, kochten sehr viel. Wir aßen sehr viel und gingen mehrmals täglich in die Moschee. Morgens und abends beteten wir gemeinsam.

Ramadan bedeutet Zusammensein und Gemeinsamkeit. Zusammen fasten, zusammen Fastenbrechen, zusammen beten. Den ganzen Abend zusammen sein oder kurz vor Fastenbeginn essen, trinken und dann beten. “Suhoor” wird diese letzte Mahlzeit vor Sonnenaufgang genannt.

In Deutschland haben ich mit vielen Freund*innen das Fasten gebrochen. Wir haben viele arabische Serien angeschaut, weil Ramadan der “Serienmonat” in den arabischsprachigen Ländern ist. Die Unternehmen der Filmproduktion arbeiten das ganze Jahr, um im Ramadan ihre Serien zu zeigen. Das ändert sich allmählich, weil viele Unternehmen kostenpflichtige Streamingangebote für arabischsprachiges Publikum anbieten. Besonders Netflix versucht, mehr neue arabische Serien zu produzieren. 

Für viele arabischsprachige Menschen bleibt das Fernsehen ein wichtiges Medium, weshalb es gerade im Ramadan besonders viel Werbung und auch Serien zu sehen gibt. Vielleicht ist es mit der Advents- und Weihnachtszeit in Deutschland vergleichbar: So wie es die “Weihnachts-Spots” von Supermarktketten oder anderen Firmen gibt, so gibt es auch Ramadan-Spots. 

 

Ramadan im Exil

Viele Musliminnen und Muslime, die im Exil leben, leben alleine. Ihre Familien, besten Freund*innen oder Bekannte, mit denen sie das Fasten brechen könnten, sind auf der Welt verteilt. Sie müssen alleine Fasten brechen. Das macht für sie Ramadan sehr schwierig und die Erinnerung an die Heimat kann besonders in dieser Zeit schmerzen. Es macht sie einsam, nicht nur im Ramadan, sondern das ganze Jahr über, nicht nur in Coronazeiten, sondern zu allen Zeiten. Studien zeigen, dass viele Geflüchtete unter einem Kriegstrauma leiden, aber ich glaube, die größte Gefahr für uns Geflüchtete oder ex-refugees ist die Einsamkeit. Auch Deutsche, die zum Islam konvertieren, können einsam sein im Ramadan. Sie haben keine Familie, die mit ihnen fastet und auch noch keine muslimischen Freund*innen und Bekannten. Auch sie müssen alleine das Fasten brechen.

Ramadan in Deutschland – und immer die gleichen Fragen

Im Ramadan bekomme ich persönlich sehr viele Fragen. Diese Fragen nerven mich nicht, aber ich überlege, warum so viele Deutsche immer noch so wenig über Menschen muslimischen Glaubens wissen, obwohl sie seit über 40 Jahren in Deutschland leben und fasten.

Immer wenn der Fastenmonat kommt, kehren auch die Fragen der Deutschen wieder. Es sind jedes Jahr die gleichen Fragen und stets beantworten die Muslim*innen sie gerne aufs Neue:

Trinkst du nicht? – Nein! – Warum nicht? – Ich faste, jetzt ist Ramadan, ich darf nicht essen. Und sie fragen nach: Auch nicht trinken? Nein, auch nicht trinken. Manchmal ist es Neugier, ja, ich weiß. Aber meistens fühle ich mich dann komisch fremd. Und dann fühle ich, was ich besonders im Ramadan suche: die Gemeinsamkeit. 

Ramadan bei Deutschen ist anders

Wenn man die muslimischen deutschen Influencer*innen betrachtet, wie sie Ramadan erleben, dann ist das ganz anders als bei uns in Syrien oder in anderen islamischen Ländern.

Wenn ich einen Post auf Instagram sehe, der die Ziele für Ramadan 2022 beschreibt, erinnert mich das an die Ziele, die viele junge Deutsche am Ende eines Jahres formulieren, an die Neujahrs-Resolutionen.

Für mich ist Ramadan das Ziel. Und deswegen formuliere ich ungerne andere Ziele. Ich finde, viele deutsche Muslim*innen, die hier geboren oder zum Islam konvertieren sind, versuchen, nicht nur ihren Glauben als besonders zu sehen, sondern auch durch den Ramadan diesen Glauben nach außen zu präsentieren, ihm eine deutsche Bedeutung zu geben.

Zum Beispiel gibt es hier auch Ramadankalender – so wie Adventskalender. Für mich ist das neu, allerdings zeigt dieses Beispiel, wie Ramadan und Menschen muslimischen Göaubens doch integriert werden können! 

 

Was bedeutet Fasten für mich?

Warum faste ich? Über diese Frage habe ich mit einem Bekannten diskutiert, einem jungen Syrer, der hier mit einem syrischen Vater und einer deutschen Mutter aufgewachsen ist. Er fastet, seit er 13 Jahre alt war und damals war sein Grund, dass er machen wollte, was sein Vater macht. Mit 20 Jahren hat er sich gefragt: Will ich fasten und warum faste ich? Welche Gründe habe ich? Wie fühle ich mich, wenn ich faste?

Er hat sich lange mit dieser Frage beschäftigt und ist zu der Entscheidung gekommen, dass er gerne fasten möchte, weil seine Seele das braucht, weil er sich besser fühlt.

Er sagt: Wegen meines Glaubens finde ich den Ramadan nicht schwierig, auch wenn ich ihn nur in Deutschland erlebt habe. Ich kenne Ramadan in einem islamischen Land nicht.

Viele junge Syrer*innen, die in Deutschland nicht mehr fasten, sagen: Wir sind doch nicht so dumm, hungrig und durstig zu sein. Ein Freund meines Bruders hat das einmal gesagt. Diese jungen Syrer*innen haben den Ramadan in Syrien oder in anderen muslimischen Ländern mitgemacht, weil alle das machten. 

 

Einfach machen, was alle anderen machen?

Ein arabisches Sprichwort besagt: Wenn dein Volk verrückt wurde, nützt dir dein Verstand nichts. Das bedeutet: Es ist dann besser, auch verrückt zu sein.

Leider leben viele Muslim*innen in diktatorischen Systemen, in politischem und gesellschaftlichem Kontext. Deshalb hat sich der Islam seit langer Zeit nicht entwickelt und ist noch sehr mit der Tradition verbunden.

Die Psychologie beschreibt den Menschen als soziales Wesen, das nur in einer bestimmten Gruppe leben kann. Weil in vielen diktatorischen Systemen und Gesellschaften die Tradition sehr wichtig ist und weil die Menschen Angst vor Veränderung haben, durften sich viele Muslim*innen keine Fragen stellen, sondern sie sollten einfach das machen, was alle anderen machen.

Aber leider haben sie sich diese Entscheidung nicht gut überlegt. Sie möchten sich nicht als Fremde fühlen. Deswegen fasten sie nicht gerne. Das Problem für sie ist allerdings: Wenn sie Rassismus erleben, werden sie sehr enttäuscht sein von der neuen Gesellschaft. Dann spüren sie das Gefühl des Fremdseins und sie vermissen die Zugehörigkeit zur alten Heimat, die durch Fasten eine religiöse und traditionelle Verbundenheit entstehen lässt. Und so werden sie unter der alten Identität, die ihre Heimat war, und unter der neuen Identität, die sich in der neuen Heimat entwickelt, leiden und Zwiespalt erfahren.

Islam und Fasten sollten eine ganz persönliche Entscheidung sein, wie Kopftuch tragen oder halal Fleisch essen. Ohne Druck durch die Gesellschaft. Weil die Beziehung zwischen den Menschen und “Gott” Allah sehr individuell ist. Jede*r darf seinen Glauben leben. Das sagen die Demokratie und der Islam, wenn ich sie richtig verstanden habe.

 

Was Ramadan bedeutet

Für viele Muslim*innen bedeutet Ramadan Hoffnung. Im Ramadan spüren sie Spiritualität und Gemeinschaft. Der Ramadan verändert den Alltag und die üblichen Bequemlichkeiten durch die verschiedenen Rituale und Traditionen.

Das friedliche Miteinander steht im Mittelpunkt. Die Muslim*innen sollen sich darauf fokussieren können, Streit und negative Gedanken zu vermeiden. Durch innere Einkehr können sie ihr Ziel, sich Zeit für Gebete und Selbstreflexion zu nehmen, erreichen. 

Man verzichtet auf die Grundbedürfnisse, aber lebt in der Hoffnung, diese nach 16 oder 18 Stunden wieder zu genießen. Dieser Verzicht ist freiwillig und man kann mit den Menschen mitfühlen, die aus Not hungern.

Man kann dankbar sein, aber es gibt auch Einiges auf der Welt, wo man Gott fragen kann, warum er das so gemacht hat. Was sind meine Pflichten in dieser Welt? Darüber machen sich nicht alle Muslim*innen Gedanken. Aber für viele Muslim*innen wie mich ist das Gefühl der familiären Gemeinschaft die wichtigste Bedeutung des Fastenmonats Ramadan.

Hussam studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland. Er ist Gründer und Chefredakteur von kohero. „Das Magazin nicht nur mein Traum ist, sondern es macht mich aus. Wir sind eine Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen.“
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