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Kultur der Liebe #5: Offene Grenzen, freie Liebe

Welche Erfahrungen machen Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung in Deutschland beim Daten und in der Liebe?  Salah aus Hamburg erzählt vom Dating in Deutschland und dem Libanon.

Dating und Liebe – das kann sehr schön aber auch sehr anstrengend sein. Schön, weil man auf eine Person treffen kann, die einen inspiriert, mit der man Nähe und Intimität austauschen kann. Anstrengend, weil wir in einer Gesellschaft leben, die immer schnelllebiger wird, mit sexistischen und rassistischen Stereotypen und Normen. Welche Erfahrungen machen Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung in Deutschland beim Daten und in der Liebe? 

Zwei Menschen treffen aufeinander und damit auch zwei (kulturelle) Identitäten mit unterschiedlichen Erwartungen, Sozialisierungen und Erfahrungen. Unterschiedliche Wünsche, Freiheiten und manchmal auch Sprachen. Dabei kann es zu Missverständnissen, Vorurteilen, neuen Einblicken und Gemeinsamkeiten kommen.

Salah ist 25 Jahre alt. Er ist in Hamburg geboren und aufgewachsen. Seine Eltern kommen aus dem Libanon. In Hamburg ist Salah zur Schule gegangen und hat sein Abitur gemacht. Seine Kindheit beschreibt er als sehr arabisch und muslimisch geprägt. Aus seiner Perspektive hat die Religion vieles eingeschränkt in Bezug auf erste sexuelle und romantische Erfahrungen, da diese durch die Religion meistens schon vorgegeben sind. Mittlerweile ist er sehr offen und selbstbewusst im Dating-Leben aktiv. Dabei hat er Erfahrungen in Deutschland, im Libanon und in anderen Ländern gemacht.

Von meinen Eltern habe ich nicht viel über Liebe und Sex gelernt, das war eher ein Tabuthema

Ich bin in einem schwierigen Verhältnis in Bezug auf die Themen Liebe, Romantik und Wertschätzung aufgewachsen. Ein Grund dafür ist die Religion, würde ich sagen. Ich bin in einem religiösen Haushalt aufgewachsen und war als Kind auch selbst noch religiös, das war irgendwie ein Muss. Ich hatte gar keine andere Wahl. Von meinen Eltern habe ich nicht viel über Liebe und Sex gelernt, das war eher ein Tabuthema. Und dadurch bin ich in einem Zwielicht aufgewachsen.

Einerseits gab es da das Interesse an Befriedigung und den Wunsch, das zu tun, worauf ich Lust habe, und andererseits Restriktionen und Disziplin, das, was von mir erwartet wurde. Das war für mich ein persönlicher Konflikt, aber ich habe mich dafür entschieden, nach dem Leben und der Freiheit zu streben und meinen Gefühlen und Wünschen nachzugehen. Die Themen und Erfahrungen musste ich mir erstmal selber aneignen. Durch das Aufwachsen in Deutschland konnte ich aber schon früh Ideen und Erfahrungen sammeln, die darüber hinausgingen, was mir durch meine Eltern vorgegeben wurde. Vieles ist durch das Internet gekommen, einiges durch die Zeit in der Schule und den Austausch mit anderen Kindern und Teenager*innen.

Sich in einem Land, in wirtschaftlichen geschwächten Umständen zu daten, ist eine ziemlich andere Erfahrung

Obwohl ich zu Hause in dieser arabischen Kultur aufgewachsen und mit dieser Denkweise groß geworden bin, muss ich sagen, dass ich sehr frühreif in meinem freien Willen und Denken war. Ich war früh daran interessiert, neue Menschen kennenzulernen und Beziehungen aufzubauen. Zu Beginn habe ich heimlich gedatet, das war mal ein kritisches Thema in meiner Familie. Es war ein Prozess für mich, darüber kommunizieren zu können und dazu zu stehen. Entscheidungen waren mit Rücksicht verbunden, denn Offenheit führte eher zu unterschiedlichen Ansichtsweisen, die unter dem religiösen Aspekt eh nicht wirklich zu diskutieren waren. Deshalb nahm ich Rücksicht auf die Lebensweise meiner Familie und erlaubte mir erst später, meine Art der Offenheit zu erforschen.

Das ist alles sehr viel einfacher geworden als ich nicht mehr zu Hause gelebt habe. Und da habe ich dann schon gemerkt, dass die Leute, mit denen ich intim geworden bin, unter ganz anderen Umständen aufgewachsen sind, was den Umgang mit und das Reden über Sexualität und Liebe, aber auch was Erfahrungen angeht. Aber ich habe alles nachgeholt, so schnell es geht.

Das eigenständige Leben, was ich als eine Art von Unabhängigkeit empfand, öffnete viele Türen, um andere Denkweisen und Perspektiven kennenzulernen. Es erleichterte mir im Nachhinein meinen eigenen Umgang über die Aussprache meiner Sexualität, aber auch die Erfahrungen, die ich damit verknüpfe, nach außen zu teilen.

Undercover-Dates

In der Zeit, wo ich im Libanon gelebt habe, habe ich gemerkt, dass es dort eine ganz andere Art und Weise des Datens gibt. In Beirut war es zwar schon fast ein europäischer Style, und da konnte ich auch Frauen daten. Aber in der Gegend wo ich herkomme, wohnen viele junge Menschen noch bei ihren Familien und das Leben ist sehr muslimisch geprägt. Da gibt es wenig Frauen, die daten. Dort habe ich mich eher mit Männern getroffen und das waren dann wirklich Undercover-Secret-Dates. Das ist eine ganz andere Welt von Dating in der schwulen, lesbischen und bisexuellen Szene.

Ich bin eigentlich ziemlich humorvoll und locker damit umgegangen, weil ich gar nicht gewusst hätte, dass das ein strukturelles Problem ist

Eigentlich bin ich der Meinung, keine rassistischen Erfahrungen beim Dating gemacht zu haben. Mit gewissen Vorurteilen bin ich ziemlich humorvoll und locker umgegangen. Das liegt bestimmt auch daran, dass ich in einer multikulturellen Großstadt aufgewachsen bin. In dörflichen Gegenden hätte das wahrscheinlich anders ausgesehen. Aber dazu muss ich auch sagen, dass ich mich bis vor ein paar Jahren gar nicht mit Rassismus als strukturelles Problem auseinandergesetzt habe.

Heute habe ich einen anderen Blick auf diese Dinge als damals. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass die Personen, die ich gedatet habe, mich falsch behandelt haben. Ich bin irgendwie mehr zu Menschen hingezogen, die mich wirklich mögen für die Person, die ich bin. Das einzige, was in der Richtung dann vielleicht passiert ist, war wegen meiner Körperbehaarung. Aber da denke ich dann auch wieder, dass es einfach Geschmackssache ist, manche mögen es und manche nicht.

Wie lernt man jemanden kennen?

Die meisten Menschen lerne ich über Dating-Apps kennen. Das ist zwar nicht meine allerliebste Art Menschen kennenzulernen, aber es ist ein einfacher Weg heutzutage. Es ist wie ein Katalog, wo du dir etwas raussuchst und dann swipest, wenn es dir gefällt. Wenn es nach mir geht, dann würde ich lieber Menschen auf ganz spontanen, zufälligen Wegen kennenlernen. So wie man auch Freund*innenschaften schließt. Und ich denke auch, das sind die wertvollsten und längsten Beziehungen, weil es sich einfach so fühlt, als wäre es Schicksal gewesen, anstatt die Menschen über eine Online-Dating-App zu stalken.

Salah’s Wunsch ist es, dass alle Menschen offener im Dating werden und solidarischer im Allgemeinen. Dazu gehört auch, dass Menschen die Möglichkeit haben, zu reisen, neue Menschen kennenzulernen und dadurch Neues zu erfahren. Denn das kann dazu führen, dass Vorurteile abgebaut werden und die Dating-Welt sich verändert. Dafür müssen sowohl Grenzen geöffnet und Visa-Strukturen abgebaut werden als auch wirtschaftliche und bildungstechnische Möglichkeiten geschaffen werden damit nicht mehr so viele Menschen in ihren Ländern wie in Gefängnissen wohnen müssen.

Emma Bleck
Emma kommt aus Hamburg und hat dort “Kultur der Metropole” an der Hafencity Universität studiert. Seitdem ist sie kritische Alltagsforscherin und befasst sich mit machtkritischen Gesellschaftsanalysen. Sie liest gerne und interessiert sich für Sprachen, Feminismus und Migration. Nebenbei engagiert sie sich politisch.

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Emma Bleck
Emma kommt aus Hamburg und hat dort “Kultur der Metropole” an der Hafencity Universität studiert. Seitdem ist sie kritische Alltagsforscherin und befasst sich mit machtkritischen Gesellschaftsanalysen. Sie liest gerne und interessiert sich für Sprachen, Feminismus und Migration. Nebenbei engagiert sie sich politisch.

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