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Polizeidebatte: Wer ist die Mitte der Gesellschaft?

Der Moment, als der amerikanische Polizist auf dem Kopf von George Floyd kniete und der sagte "ich kann nicht atmen", wurde gefilmt und auf Social Media veröffentlicht. Das hat alles verändert. Nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Viele Leute haben das auf Social Media kommentiert und in vielen Städten Demos gegen die Polizeigewalt organisiert.

Foto: Erik Witsoe on Unsplash
Fotograf: Erik Witsoe on Unsplash

Junge Demonstranten in Hamburg

Die Hamburger*innen waren auch auf der Straße und haben gegen die Polizeigewalt demonstriert. Mehr als 14.000  junge Teilnehmer*innen, die zwischen 16 und 22 Jahren alt waren.

Ich war auch bei der Demo am 5. und 6.6. und ich stellte mir die Frage, warum die Jungen Menschen für dieses Thema aktiv waren? Obwohl die Corona-Gefahr noch da ist, haben viele junge Menschen demonstriert. 

Deutung des Autors

Meiner Meinung nach hat sich hier etwas gezeigt:

Erstens: Ich glaube, viele junge Menschen waren demonstrieren, weil dieses Thema sehr stark auf den Social Media vertreten war und viele Influencer*innen darüber geschrieben haben. Dadurch bekamen die Jungen neue Infos, die sehr schlimm waren. Wie die amerikanische Polizei die People of colour behandeln, und in welche Gefahr man kommt, nur weil er oder sie People of color sind. 

Zweitens: 50 Prozent der Hamburger Grundschüler*innen und mehr als 40 Prozent der Gymnasiast*innen haben einen Migrationshintergrund.

Diese Fakten zeigen uns, dass viele junge Menschen in Hamburg Freund*innen mit Migrationshintergrund haben. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie wissen, was Vorurteile und/oder Rassismus, den diese Leute und/oder ihre Familien in Hamburg und/oder in Deutschland erleben, bedeuten.

Die Schüler*innen kennen wohl sehr viele Geschichten von Diskriminierung und von Polizeieinsatz gegen ihre Freund*innen. Deswegen waren sie dabei und wollten auch hier teilnehmen. Sie sind nicht wie ihre Eltern, die in ihrer Schule nur mit Deutschen ohne Migrationshintergrund waren. Diese haben vielleicht bis jetzt noch keine Deutschen mit Migrationshintergrund getroffen. Vielleicht lesen sie auch nur die konservativen Medien. Sie sehen vielleicht nur die negative Berichterstattung über Migrant*innen, ohne zu wissen, dass eine Minderheit auch Rassismus in Deutschland erlebt. 

Anteile der Schülerinnen und Schüler mit und ohne Migrationshintergrund im Schuljahr 2019/20

Anteile der Schülerinnen und Schüler mit und ohne Migrationshintergrund im Schuljahr 2019/20
Quelle: Schuljahresstatistik 2019 Bild: © IfBQ

Gewalt gegen die Polizei

Diese Jungen demonstrieren nicht nur gegen das, was in den USA passiert, sondern auch gegen die Polizeigewalt und Diskriminierung gegen schwarze Menschen, und gegen Migrant*innen in Deutschland.

Dieses Thema wird sich auf jeden Fall in Deutschland weiter entwickeln. Vor allem auch wegen der Ereignisse in Stuttgart oder Frankfurt im Juli 2020 und der Gewalt gegen die Polizei. Die Frage, die viele danach beschäftigt hat: wer hat das gemacht? Junge Leute, deutsch oder nicht deutsch, gemischt von allem?

Die Polizei wird jetzt eine Forschung über den Stammbaum der Jungen durchführen, weil es für die Polizei sehr wichtig ist zu wissen, woher die jungen Menschen kommen. Das bedeutet also, wenn wir von “wir Deutschen” sprechen, müssten wir immer zuerst fragen, ob Deutschen ohne Migrationshintergrund oder Deutsche mit Migrationshintergrund gemeint sind. Andere Medien finden oft schönere Begriffe, aber am Ende meinen sie das gleiche: es gibt uns und es gibt sie. 

Was bedeutet diese Stammbaumforschung für mich? Am Ende bestimmt sie auch die Diskussion darüber was passiert ist. Weil, wenn die Polizei nun sagt dass die Demonstrant*innen „Biodeutschen“ waren, dann führt uns das in eine Diskussion darüber, ob wir ein Generationsproblem haben. Das sollten wir miteinander diskutieren. Das bedeutet auch, dass wir das System angucken und verändern müssen. 

Andererseits, wenn die Polizei nun sagt, dass die Demonstrant*innen Deutsche mit Migrationshintergrund waren, oder vielleicht gar keine deutsche Staatsbürgerschaft haben, dann ist es für die Gesellschaft leicht gemacht. Denn dann können wir vereinfacht sagen: „Guck mal, sie akzeptieren uns, unsere Werte und unsere Polizei nicht.“ Dann können wir weiterhin gegen sie sein und sie gegen uns. Es bleiben diese zweie Gesellschaften.

Ist es wirklich so einfach?

Wer ist die Mitte der Gesellschaft?

In diesen Diskussionen hören wir die rechte und die linke Seite und meine Frage ist:  Wo ist die Mitte der Gesellschaft beim Diskutieren? Hier meine ich nicht nur die SPD, sondern auch die Grünen. Warum versuchen sie nicht, beide Seiten zu verstehen und auf einer gemeinsamen Ebene zu diskutieren? Warum könnten sie nicht ein paar Vorschläge dafür und dagegen machen? 

Ja, es gibt Probleme für Migrant*innen in der deutschen Gesellschaft. Die Polizei ist ein Bild der deutschen Gesellschaft. Ja, wenn Menschen hier Diskriminierung auf der Straße erleben, dann erleben sie auch diese Diskriminierung bei der Polizei.

Gleichzeitig ist die Polizei wichtig in der Gesellschaft und es hilft nicht, sie nur als schlecht oder Teufel zu zeigen. Wenn für eine Polizei der Zukunft sind, können wir sagen: Ja, wir müssen mehr Stellen bei der Polizei schaffen. Aber die neue und die alte Polizei sollten sehr gut ausgebildet sein, sie sollten lernen, wie sie ihre Vorurteile abbauen und wie sie mit bestimmten Gruppen der Gesellschaft umgehen soll. Und wir sollten auch einen neuen Behörde schaffen, die die Polzei beobachtet und über sie berichtet.

Denn es gibt Misstrauen zwischen den jungen Menschen, vielen Migrant*innen und der Polizei. Die Frage ist wie wir neues Vertrauen aufbauen können und nicht, wer hat recht oder wer kann mit diesem Misstrauen am meisten Wählerstimmen sammeln. 

Hussam studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland. Er ist Gründer und Chefredakteur von kohero. „Das Magazin nicht nur mein Traum ist, sondern es macht mich aus. Wir sind eine Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen.“
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Hussam studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland. Er ist Gründer und Chefredakteur von kohero. „Das Magazin nicht nur mein Traum ist, sondern es macht mich aus. Wir sind eine Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen.“

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