• kohero
  • >
  • Fokus
  • >
  • Menschenrechtsverletzung: Weibliche Genitalverstümmelung

Menschenrechtsverletzung: Weibliche Genitalverstümmelung

Genitalverstümmelungen- und Beschneidungen der Vulva verletzen die Rechte von Millionen Mädchen und Frauen weltweit. Auch in Deutschland sind viele Mädchen davon bedroht, tausende Frauen leben mit den Folgen der brutalen Praktik. Über FGM/C – Hintergründe, Maßnahmen und Perspektiven.

Illustration von Früchten, diese sind zugenäht und erinnern so an die Genitalverstümmelung bei Frauen
Fotograf: Illustration: Paula-Lu Wiedeking // zuerst verwendet bei FINK Hamburg: „Die andere Vulva – Wenn Frauen beschnitten werden“

Triggerwarnung: Dieser Text informiert über die Praktiken der global verbreiteten Genitalverstümmelung- und Beschneidung bei Mädchen und Frauen. Möglicherweise wirkt der Text auf Betroffene re-traumatisierend. Hilfsangebote sind am Ende verlinkt.

Darum geht es in diesem Text:

  • Genitalverstümmelung und Beschneidung (FGM/C) betrifft weltweit 200 Millionen Mädchen und Frauen, in Deutschland rund 70.000
  • FGM/C ist zielgerichtete Gewalt gegen das weibliche Geschlecht und eine der schlimmsten Formen von Kindesmissbrauch
  • Folgen können lebenslange psychische und physische Schäden sein, ein Viertel der Betroffenen stirbt daran
  • Gegenmaßnahmen: Strafrechtliche Konsequenzen bis zu 15 Jahre Haft, Entzug des Kindes-Sorgerechts oder Aufenthaltserlaubnis, Aufklärung und Bildung, Integration von Wissen in medizinische und soziale Arbeit, neu initiierter Schutzbrief für Auslandsreisen
  • Perspektiven: Einbezug von Männern für nachhaltige gesellschaftliche Veränderungen notwendig, Rekonstruktion der Vulva für weibliche Selbstbestimmung

 

Der Hamburger Senat hat im Februar 2021 einen Schutzbrief unter Schirmherrschaft von Familienministerin Franziska Giffey auf den Weg gebracht. Das erregte bundesweit mediale Aufmerksamkeit. Das Dokument wird als wichtiges Signal gegen weibliche Genitalverstümmelung- und Beschneidung gewertet. Es soll in Deutschland lebende Mädchen vor der frauenverachtenden Praktik in ihren Heimatländern schützen.

Die rituelle Genitalverstümmelung- und Beschneidung (kurz FGM/C für das englische Female Genital Mutilation/Cutting) ist ein globales Phänomen und besonders verbreitet in Ost- und Westafrika. Betroffen sind nach Angaben der WHO rund 200 Millionen Mädchen und Frauen. In Deutschland leben um die 70.000 Betroffene – die Zahlen steigen seit Jahren.

Durchgeführt wird der qualvolle Akt bei Mädchen zwischen dem Säuglingsalter und der Pubertät. Es gibt verschiedene Grade der Beschneidung: Klitoris und Schamlippen werden aus nicht-medizinischen Gründen teilweise oder ganz entfernt, die Vagina teils zugenäht.

Diese schwerwiegende Körper- und Menschrechtsverletzung endet bei 25% der Betroffenen tödlich. Überlebende berichten von tiefen seelischen und körperlichen Schäden. Und von FGM/C betroffene Mädchen und Frauen leiden neben Traumata an Infektionen, geschwürartigen Fisteln oder chronischen Schmerzen sowie Schwierigkeiten beim Urinieren und Menstruieren. Zudem ist ein erfülltes Sexualleben undenkbar und das Risiko bei einer Geburt für Mutter und Kind hoch.

Hintergrund

Genitalverstümmelungen bei Mädchen und Frauen sind zielgerichtete Gewalt gegen das weibliche Geschlecht und eine der schlimmsten Formen von Kindesmissbrauch. Ihren Ursprung findet der jahrtausendalte Brauch in patriarchalen und frauenfeindlichen Strukturen. Das Ritual gilt als wichtiges soziales Ereignis, das den Übergang vom Mädchen zur Frau symbolisieren soll.

Diese Praxis ist – entgegen vieler Vorurteile – losgelöst von religiösen Zusammenhängen. Stattdessen ist FGM/C tief verwurzelt in gesellschaftliche Zusammenhänge. Jahrhundertealte medizinische Mythen oder das Ziel des Unterbindens von außerehelichem Geschlechtsverkehr lassen diese Praktik fortwähren.

Durchgeführt wird die Praktik üblicherweise in familiären Zusammenhängen. Über die Gründe für FGM/C berichtet Jawahir Cumar im Deutschlandfunk Kultur von einem paradoxen Verhältnis von Liebe und Fürsorge durch die (Groß-) Eltern zu ihrem Kind. Sie erinnert sich an ein Gespräch, in dem sie ihre Großmutter zu ihrer Beschneidung befragt. Zu den Beweggründen erklärt diese: „Weil es das Beste für dich ist. Ich wollte, dass du ein gutes Leben hast, dass du einfach in dieser Gesellschaft dazugehörst“. Ein hoher sozialer Druck wirkt auf die Familien. Denn nicht-beschnittene Mädchen werden nicht verheiratet – ein gesellschaftlicher Ausschluss droht. Das Ritual FGM/C soll die Mädchen beschützen, ihre Existenzen und Zukunft sichern.

Maßnahmen

FGM/C ist in vielen Ländern weltweit verboten – in Deutschland seit 2013. In der Bundesrepublik machen sich auch Angehörige und Mitwisser*innen strafbar. Es drohen bis zu 15 Jahre Haft, der Sorgerechtsentzug des Kindes sowie ggf. ein Entzug der Aufenthaltserlaubnis – auch wenn der Tatort im Ausland liegt. Zudem ist die Flucht vor einer Genitalbeschneidung Asylgrund.

Der neue Schutzbrief des Hamburger Senats soll dem familiären Druck in den Heimatländern etwas entgegensetzen und Konsequenzen aufzeigen. Es enthält eine Auflistung von Konsequenzen, die den Täter*innen in der Bundesrepublik drohen. Zu den Sommerferien besteht eine besonders hohe Gefahr der Durchführung von FGM/C bei Familienbesuchen im Ausland. Der Schutzbrief sollte deswegen als Passeinlage mitgeführt werden. Zu erhalten ist dieser kostenlos in mehreren Sprachen u.a. im Internet zum Download.

Mariame Sow von Forward for Women weist im Deutschlandfunk Kultur mit Blick auf den Bildungsbereich auf ein notwendiges breites Verständnis bei der Bekämpfung von FGM/C hin. Beschnittene Mädchen brauchen länger beim Urinieren und Menstruieren – und bleiben während ihrer Periode zuhause, wenn in der Schule die Toiletten nicht funktionieren. Die Konsequenz: Durch den regelmäßig versäumten Unterricht bestehen diese Prüfungen nicht und heiraten früh. Deswegen ist eine gute Ausstattung der Schulen im Umgang mit FGM/C von hoher Bedeutung.

Darüber hinaus ist ein wichtiger Schritt, Wissen über Beschneidungen der Vulva in die Ausbildung von Erzieher*innen, Sozialarbeiter*innen und Mediziner*innen zu integrieren. Derzeit ist Personal oft im Umgang mit FGM/C nicht geschult: Sensibilität und medizinische Kenntnisse fehlen. Das kann re-traumatisierend wirken.

Perspektiven

Zur Bekämpfung von Genitalverstümmelung- und Beschneidung ist ein komplexes Ineinandergreifen von Aufklärung, Prävention und Therapie notwendig. Wichtig dafür: Eine Enttabuisierung des Themas. Für nachhaltige gesellschaftliche Veränderungen versuchen Projekte wie „Men Standing Up for Gender Equality“ des Lessan e.V. Männer miteinzubeziehen. Hier werden Männer zu sogenannten Change-Mediatoren ausgebildet mit dem Ziel, dass diese Sensibilisierungsarbeit leisten und neue Denk- und Verhaltensmuster etablieren.

Seit einigen Jahren ist eine Rekonstruktion der Klitoris durch operative Methoden möglich. Durch einen chirurgischen Eingriff erhalten Betroffene Lustgefühle zurück und ein freies Ausleben der Sexualität ist wieder möglich. Darüber hinaus erklärt Sow über die Rekonstruktion ihrer Vulva: „Für mich persönlich hatte das mit Sexualität nichts zu tun. Natürlich, wenn danach der Sex anders ist, das ist ein Bonus. Aber es hatte mit mir und meinem Körper zu tun. Ich hatte das Gefühl, irgendwas wurde mir genommen […] Keiner hat mich gefragt. Für mich war es wichtig zu sagen: Ich habe es wieder genommen! […] Ich fühle mich vollkommen und ich bin sehr zufrieden“. Das verdeutlicht: Beim Kampf gegen FGM/C geht es vor allem um Selbstbestimmung des eigenen Körpers, der eigenen Identität und Zukunft.

Direkte Beratung und Hilfe bei FGM/C und weiterer Formen von Gewalt gegen Frauen* gibt es 24/7 in mehreren Sprachen hier online und telefonisch. Kostenlose medizinische und sozialpsychologische Hilfe für Betroffene von FGM/C gibt es beim Desert Flower Center Waldfriede. Über das Netzwerk Integra organisieren sich bundesweit Initiativen gegen FGM/C – z.B. die Vereine Lessan, Nala oder Stop Mutilation.

 

Luisa hat Kultur der Metropole in Hamburg studiert und beschäftigt sich gern mit politischen Themen, v.a. im Kontext feministischer Diskurse. Bei kohero ist sie seit Januar 2021 und möchte sich hier für einen Dialog zwischen Menschen mit den verschiedensten Hintergründen einsetzen.
Share on facebook
Share on twitter
Share on google
Share on xing
Share on linkedin
Share on telegram
Share on email
Share on reddit
Share on whatsapp

Dir gefällt die Geschichte? Unterstütze das Magazin

Engagement ist unbezahlbar, aber ohne Geld geht es nicht. Damit wir weiter unabhängig arbeiten können, brauchen wir finanzielle Mittel. Mit deinem Beitrag machst du kohero möglich. Spende jetzt!

Schreiben für ein Miteinander.

Wir freuen uns auf dich. Komm ins Team und werde ein Teil von kohero. Die Möglichkeiten der Mitarbeit sind vielfältig. Willkommen bei uns!

Kategorie & Format
Autorengruppe
Luisa hat Kultur der Metropole in Hamburg studiert und beschäftigt sich gern mit politischen Themen, v.a. im Kontext feministischer Diskurse. Bei kohero ist sie seit Januar 2021 und möchte sich hier für einen Dialog zwischen Menschen mit den verschiedensten Hintergründen einsetzen.

Newsletter

Was gibt’s Neues im multikulturellen Deutschland? 

Dein kohero-Newsletter mit exklusiven Stories, Events & Tipps.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Abonniere unseren Newsletter

Was gibt’s Neues im multikulturellen Deutschland? 

Dein kohero-Newsletter mit exklusiven Stories, Events & Tipps.

Du möchtest eine Frage stellen?

Du möchtest uns untersützen?

Du möchtest Teil des Teams werden?

Du möchtest einen Artikel schreiben?

Kohero Magazin