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Kultur der Liebe #2: Wunsch nach sexueller Aufklärung in Ägypten

Obwohl Homosexualität in Ägypten nicht offiziell verboten ist, konnte Kahled seine Identität nie richtig ausleben. Im zweiten Beitrag unserer Reihe "Kultur der Liebe" spricht er über das Aufwachsen in einer konservativen Gesellschaft, Datingerfahrungen und den Wunsch nach einer Enttabuisierung von queerer Liebe.

Kultur der Liebe 2, Kahled
Fotograf: Maxi Spalek (sie/ihr; Illustratorin)

Dating und Liebe – das kann sehr schön aber auch sehr anstrengend sein. Schön, weil man auf eine Person treffen kann, die einen inspiriert, mit der man Nähe und Intimität austauschen kann. Anstrengend, weil wir in einer Gesellschaft leben, die immer schnelllebiger wird, mit sexistischen und rassistischen Stereotypen und Normen. Welche Erfahrungen machen Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung in Deutschland beim Daten und in der Liebe? 

Zwei Menschen treffen aufeinander und damit auch zwei (kulturelle) Identitäten mit unterschiedlichen Erwartungen, Sozialisierungen und Erfahrungen. Unterschiedliche Wünsche, Freiheiten und manchmal auch Sprachen. Dabei kann es zu Missverständnissen, Vorurteilen, neuen Einblicken und Gemeinsamkeiten kommen. 

Khaled ist 27 Jahre alt. Er ist in Alexandria in Ägypten aufgewachsen und hatte, bevor er 18 geworden ist, noch keine Erfahrungen mit Dating. Als schwuler Mann ist es sehr schwierig, in einer konservativen Gesellschaft die eigene sexuelle Identität auszuleben. Gesetzlich ist Homosexualität in Ägypten zwar nicht verboten, aber in der Gesellschaft gilt sie als Tabubruch und wird verurteilt. Schon mit sechs Jahren merkt er, dass er sich mehr für Jungs interessiert als für Mädchen, auch wenn er zu dieser Zeit noch nicht wusste, was das überhaupt bedeutet. Als schwul identifiziert hat er sich dann im Alter von 13 Jahren. Während seines Studiums findet er ein Umfeld, in dem er seine Sexualität offener ausleben kann. Unter anderem für sein Masterstudium entscheidet sich Khaled nach Deutschland zu kommen und lebt nun seit 2019 in Hamburg. 

 

„Das ist auch der Grund, warum ich nach Deutschland gekommen bin. Usm mein Leben zu führen, ohne dass die Meinung von meiner Familie und der Gesellschaft eine große Rolle spielt“

Das erste Mal bin ich mit 18 Jahren mit anderen schwulen Männern in Kontakt gekommen, über Facebook-Gruppen und Dating-Apps. Eigentlich hätte ich das auch schon früher machen können, aber irgendwie hatte ich ein bisschen Angst davor. Die meisten Apps waren ab 18 Jahren und ich wollte nicht neben dem Tabu des Schwulseins auch noch eine andere Regel brechen. Das Internet bot zwar die Möglichkeit, überhaupt mit anderen schwulen Männern in Kontakt zu kommen, aber es war ehrlich gesagt auch sehr gefährlich, auf diese Art und Weise zu daten. Einerseits ist es immer so, dass es gefährlich ist, sich mit Fremden aus dem Internet zu treffen, denn du kennst die Person nicht und du kannst nicht wissen, wie sie tatsächlich drauf ist.

Dazu kommt aber, dass du als schwuler Mann nicht einmal die Möglichkeit hast, zur Polizei zu gehen, wenn etwas passiert. Was sollst du denen denn sagen? Dass du auf einem homosexuellen Date warst? Dann wirst du eher verhaftet als die Person, die dir etwas angetan hat. Deshalb war ich immer sehr vorsichtig in Ägypten. Ich hatte eine Checkliste für mich, bevor ich mich mit Personen getroffen habe. Das ist auch der Grund, warum ich nach Deutschland gekommen bin. Um einfach mein Leben zu führen, ohne, dass die Meinung von meiner Familie und der Gesellschaft eine große Rolle spielt. In Deutschland fühle ich mich viel sicherer beim Online-Dating, obwohl ich trotzdem vorsichtig bin.

„Du musst deine Familie austricksen, um mit deinem Partner zu wohnen, wenn du 24 Jahre alt bist“

 

Als ich 24 Jahre alt war, hatte ich meinen ersten Freund. Ich habe sogar mit ihm zusammengewohnt. Das ist sehr ungewöhnlich in Ägypten, weil du eigentlich zu Hause wohnen bleibst bis du heiratest oder in eine andere Stadt ziehst. Es gibt eigentlich sehr wenig Gründe, die von der Familie akzeptiert werden, dass du ausziehst. Erst recht wenn du als Mann mit deinem Partner zusammenleben möchtest. Ich musste meine Familie austricksen, und das, obwohl ich 24 Jahre alt war und mein eigenes Geld verdient habe. Ich habe meinen damaligen Freund über eine Dating-App kennengelernt. Er ist für das Studium nach Alexandria gezogen und hatte deshalb seine eigene Wohnung. Eine eigene Wohnung, Leben ohne die Familie, bedeutet viele Freiheiten. Du kannst dein Leben selbstbestimmt gestalten. Und zum Beispiel mit deinem Partner deine Beziehung frei ausleben und den Alltag miteinander teilen.

Um bei meinem Exfreund einzuziehen, habe ich es ausgenutzt, dass meine Mutter und mein Großvater nicht miteinander sprechen. Ich teilte meiner Mutter mit, ich würde zu meinem Großvater ziehen, aufgrund der Differenzen, die wir beide hatten. Etwa wenn ich spät oder betrunken nach Hause kam. Nach einem halben Jahr ist das dann doch rausgekommen. Meine Mutter konnte mich nicht erreichen und hat meinen Großvater angerufen. Er hat ihr erzählt, er hätte mich schon seit zwei Monaten nicht gesehen. Trotzdem ist irgendwie nicht rausgekommen, dass ich in einer homosexuellen Beziehung bin. Ich denke, meine Mutter hat eine Vermutung zu meiner Sexualität, sie hat mich ja auch nie mit einer Frau gesehen. Es wäre keine große Überraschung für sie. Auch wenn meine Sexualität nicht mit ihrer Interpretation ihrer Religion zusammenpasst, weiß ich, dass sie mich immer lieben wird und als Teil der Familie sieht. Darüber bin ich sehr froh.

 

„Das waren alles Sachen, die sehr fremd für mich waren“

 

In Deutschland hab ich dann erlebt, wie schwule Männer ihre Liebe offener ausdrücken. Für mich war es sehr ungewohnt, dass ich auf Dates plötzlich Händchen halten kann und man sich in der Öffentlichkeit küssen kann. Oder auch, dass mein deutscher Exfreund mich seine Eltern vorgestellt hat. Das waren alles Sachen, die sehr fremd für mich waren. Aber die Art des schwulen Datings ist hier wie in Ägypten und vielleicht auch wie überall. Das ist ja bekannt und nichts Neues. Viele Männer sind auf Sex aus. Ich persönlich bin nicht auf der Suche nach Sexdates, ich suche aber auch nicht aktiv nach einer Beziehung. Ich finde es einfach interessant, neue Leute zu treffen. Wenn sich daraus mehr ergibt ist das schön und wenn nicht, dann ist das auch nicht schlimm. Tatsächlich sind viele meiner männlichen Freunde, in Ägypten und in Deutschland, Männer, die ich über Dating-Apps getroffen habe.

Bei Dates stört es mich, wenn ich mit einem typischen Stereotyp konfrontiert werde. Freunde haben mir schon von ähnlichen Erfahrungen erzählt. Aufgrund meiner Körperbehaarung und dunklen Haut wird mir zugeschrieben, dominant zu sein. Ich will nicht, dass dieses Bild von mir nur aufgrund meines Aussehens oder meiner Herkunft im Kopf der anderen Person entsteht. Ich muss aber auch gestehen, dass ich bei mir selbst merke, dass ich manchmal Präferenzen habe, was das Aussehen angeht. Und da interessiert mich dann eher ein westliches, europäisches Aussehen. Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht auch andere gut finden kann. Ich habe auch mit Männern Erfahrungen gemacht, die nicht diesem Bild entsprachen und auch meine beiden Exfreunde entsprachen dem nicht. Ich denke, dass das ein Prozess ist, der veränderbar bleibt. Es ist nicht so, dass ich kategorisch Menschen vom Äußeren her ausschließe.

 

Khaleds Wunsch im Bezug auf Dating und Liebe ist, dass es in Ägypten mehr sexuelle Aufklärung für junge Menschen gibt. Besonders in Schulen soll darüber gesprochen werden, damit es kein Tabuthema bleibt. Die fehlende Aufklärung führe zu fehlendem Wissen und toxischen oder sogar falsche Ideen davon, wie Sex funktioniert. Khaled denkt, dies wäre vor allem bei heterosexuellen Männern ein großes Problem. Er merkt das Schambehaftete daran, dass er es nicht mag, auf Arabisch zu daten. Denn viele sexuelle Begriffe kennt er gar nicht auf Arabisch, sie sind schambehaftet oder werden als Schimpfwörter benutzt. Für ihn wäre es schön, wenn sich eine “healthy sex culture” in arabischer Sprache entwickeln würde, die auch queer-freundlich ist. 

 

Die Reihe „Kultur der Liebe“ erscheint zweiwöchentlich. Möchtest auch du Teil unserer Reihe werden und uns von deinen Erfahrungen rund ums Dating erzählen? Melde dich unter team@kohero-magazin.de oder per DM auf Instagram oder Facebook. Die Porträts der Reihe “Kultur der Liebe” werden von Maxi Spalek illustriert.

Emma Bleck
Emma kommt aus Hamburg und hat dort “Kultur der Metropole” an der Hafencity Universität studiert. Seitdem ist sie kritische Alltagsforscherin und befasst sich mit machtkritischen Gesellschaftsanalysen. Sie liest gerne und interessiert sich für Sprachen, Feminismus und Migration. Nebenbei engagiert sie sich politisch.
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Emma Bleck
Emma kommt aus Hamburg und hat dort “Kultur der Metropole” an der Hafencity Universität studiert. Seitdem ist sie kritische Alltagsforscherin und befasst sich mit machtkritischen Gesellschaftsanalysen. Sie liest gerne und interessiert sich für Sprachen, Feminismus und Migration. Nebenbei engagiert sie sich politisch.

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