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Karneval in Rio – die Perkussion bleibt kalt

In meiner Heimatstadt Rio de Janeiro sprechen wir in der Zeit vor dem Karneval von  "Die Perkussionen aufheizen". Unzählige Sambagruppen, auch "Blöcke" genannt, paradieren bereits ab Mitte Januar in einer mehr oder weniger organisierten Form durch die Straßen.  Praktisch in jedem Wohnviertel der Stadt gibt es mindestens einen solchen "Block ", einige mit bis zu 500 Teilnehmern.

Karneval in Rio - die Perkussion bleibt kalt
Fotograf: Robert Nyman on Unsplash

Auch ich war einige Male bei solchen Samba-Paraden dabei, auch in Hamburg. Es  ist eine Zeit, um Körper und Geist auf die vier Tage des Karnevals vorzubereiten. Für die meisten ist das ein Synonym für Frohsinn, Entspannung und finanzielle Ausgaben für Kostüme und Instrumente. Diese Zeit bringt für einige wirtschaftliche Bereiche sehr  viel und intensive Arbeit. Und hier entsteht ein Problem.

Wirtschaftliche Situation

Rio de Janeiro befindet sich in einer äußerst angespannten wirtschaftlichen Situation und könnte, theoretisch, auf keinen Fall auf den Umsatz eines solchen Riesenfestes verzichten. Laut der Bundeshandelskammer setzte der Karneval allein in Rio de Janeiro im letzten Jahr etwa 400 Millionen Euro um. Die Hotels meldeten fast 100% an belegten Kapazitäten während der Festwoche – was auch sehr viele wertvollen Jobs bedeutet. Das gleiche gilt für die Gastronomie der Stadt. Etwa 10.000 Menschen wurden als Straßenverkäufer akkreditiert. Aber die aktuelle Situation zwingt diese gigantische und komplexe Infrastruktur des Karnevals auf die Knie. Und die Perkussion bleibt kalt.

Kein Karneval 2021

Angesichts des großen finanziellen Verlusts gab es Überlegungen, das Fest auf Juli diesen Jahres zu verlegen. Das gabe es bisher noch nie. Diese Überlegung war ein letzter verzweifelter Versuch irgendetwas zu retten, um die Ausfälle einigermaßen auszugleichen. Aber der Gesundheitsschutz der Bürger kommt in diesem Jahr an allererste Stelle, denn die steigenden Ansteckungszahlen der letzten Wochen lassen keine andere Wahl.

Und es ist davon auszugehen, dass uns die Pandemie in den nächsten sechs Monaten auf keinen Fall in Ruhe lassen wird. Trotz der hohen Verluste für die Stadt hat mittlerweile der neue Bürgermeister, Eduardo Paes, selbst ein begeisterte Karnevalist, das Fest komplett abgesagt. Weder im Februar noch Juli oder sonst wann in 2021 wird irgendetwas stattfinden.

Verständnis von allen Seiten

Die Organisatoren, Verbände der Samba-Schulen und Künstler unterstützen diese Entscheidung, auch wenn es sehr schmerzt. Ohne eine ausreichende Massenimpfung wäre das Event ein hohes Risiko für die bereits angeschlagene Gesundheit der Bürger der Stadt.

Nach den Worten des Bürgermeisters, könnte das größte Fest der Welt erst wieder 2022 Millionen von feiernden Menschen auf die Straßen bringen. Er hat bereits angekündigt, besondere Maßnahmen zu treffen, damit die Arbeiter der Industrie des Karnevals etwas Einkommen in diesem Jahr haben können.

Die „Königin“ der Sambaschule Imperio Serrano, Quiteria Chagas, hat die Entscheidung des Bürgermeisters verteidigt: „Der Karneval bringt Milliarden für die Stadtkassen und das gesamte Volk profitiert davon. Die Welt erlebt eine äußerst schwere Zeit, so viele Tote und das ökonomische Chaos. Das wichtigste jetzt ist Leben zu retten und die Bevölkerung durch die Impfung zu immunisieren. Wir gehören dem Samba, sind aber realistisch und Karneval ist nicht nur immer Freude. Der Bürgermeister hat sich richtig positioniert“.

Der Präsident der Sambaschule Salgueiro hat Verständnis für die Absage und hat sämtliche Aktivitäten dieser traditionellen Institution gestoppt. Er sagt: „Der Widerstand gegen alle möglichen Probleme war schon immer in unserer Seele und wir hoffen, dass wir bald wieder das Lächeln, die Freude und die Unterhaltung Tausender Mitarbeiter zurück bringen. Sie brauchen den Karneval, um ihr Leben zu bestreiten“.

Gracyanne Barbosa, die Königin der Perkussion der Sambaschule Uniao da Ilha drückt ihre Sorge aus: „Ich akzeptiere die Entscheidung, bin aber sehr besorgt über all diejenigen, die vom Karneval abhängig sind, um ihre Familien zu ernähren. Das Fest erzeugt Tausende von direkten und indirekten Beschäftigungen. Alle leiden, die Sambaschulen, die Karnevalisten und die Arbeiter. Unsere Hoffnung ist, dass wir in 2022 dieses größte Straßenfest der Welt feiern können“.

Karneval in Hamburg

Auch hier in Hamburg arbeiten einige meiner Bekannten schon Monate im Voraus, um den Karneval in der Hansestadt zu organisieren. Es sind Näher*innen, Musiker*innen und Gastronomen, die während des Festes in Shows, kleinen Umzügen und Bällen tätig sind. Auch für sie bedeuten die aktuellen Maßnahmen einen großen, nicht nur finanziellen, Verlust.

Karneval als Geisteszustand

Der Karneval ist für viele von uns nicht nur ein Fest, sondern ein Geisteszustand. Eine Zeit, in der wir für ein paar Tage den Winter, die Kälte und die Sorgen vergessen. Die Zeilen eines alten Sambaliedes erinnern uns an die vielen Menschen, die vom Karneval leben und ihn in der Seele erleben: „Ehre diejenigen, die das ganze Jahr zusammenarbeiten: Bildhauer*innen, Maler*innen, Dekorateur*innen. Es sind  außerdem Tischler*innen, Glaser, Näher*nnen, Kostümbildner*innen, Zeichner*innen und Handwerker. Menschen, die hart arbeiten, um eine Illusion aufzubauen und die Träume haben. Wie die ältere Tänzerin, die mal eine junge Sambakönigin war. Der Sambatänzer ist ein Künstler“.

Leonardo De Araujo
Leonardo De Araujo, geboren in Rio de Janeiro, Brasilien lebt seit etwas mehr als 30 Jahren in Deutschland, vorwiegend in Hamburg. Nach einigen Berufsjahren in Werbeagenturen hat er 35 Jahre in der Fernsehproduktion gearbeitet. Nebenbei hat er sich auch als Drehbuchautor und Fotograf beschäftigt – und für das Flüchtling-Magazin, heute kohero, geschrieben.
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Leonardo De Araujo
Leonardo De Araujo, geboren in Rio de Janeiro, Brasilien lebt seit etwas mehr als 30 Jahren in Deutschland, vorwiegend in Hamburg. Nach einigen Berufsjahren in Werbeagenturen hat er 35 Jahre in der Fernsehproduktion gearbeitet. Nebenbei hat er sich auch als Drehbuchautor und Fotograf beschäftigt – und für das Flüchtling-Magazin, heute kohero, geschrieben.

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