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Grupa Granica – Menschenrechtsanwältin Marta Górczyńska im Gespräch

Marta Górczyńska ist polnische Anwältin für Menschenrechte, spezialisiert auf Asyl- und Migrationsrecht, und Aktivistin. Als Mitglied der Helsinki Foundation for Human Rights erhielt sie Anfang September 2022, stellvertretend den PRO ASYL Menschenrechtspreis.

Fotograf: privat

Zusammen, als Teil des Netzwerks Grupa Granica (dt. Grenzgruppe), setzen sie sich unermüdlich für Geflüchtete und Migrant*innen an der belarussischen Grenze ein.  Auch gegen den Widerstand der polnischen Regierung und ihren Behörden. Diese seien, so Marta Górczyńska, in erster Linie für das enorme menschliche Leid an der Grenze verantwortlich.

„Es sind die Politiker*innen, die Gesetze für Pushbacks unterzeichnen. Und es sind die Behörden, die Beamt*innen, die diese Gesetze umsetzen. Wer Migrant*innen bei Minustemperaturen zwingt einen Grenzfluss zurück nach Belarus zu überqueren und damit den möglichen Tod dieser Menschen in Kauf nimmt, muss zur Rechenschaft gezogen werden.“

Der Klang ihrer Stimme verrät Wut und Empörung, aber zuallererst eine tiefe Entschlossenheit. Auch die Europäische Union trage eine Mitschuld. „Sie hat nichts unternommen und die Augen vor dem verschlossen, was an der polnischen Grenze passiert. Das ist vielleicht nicht überraschend, da wir es auch von anderen EU-Außengrenzen kennen, aber schockierend ist es dennoch.“

Marwa, ein syrisches Mädchen

Marta erzählt die Geschichte von Marwa, die ihr sehr nahe ging. Ein syrisches Mädchen, das sich entschloss, über die polnisch-belarussische Grenze zu ihren Eltern nach Deutschland zu fliehen, weil sie kein offizielles Visum bekommen konnte. „Sie hatte es vergeblich versucht, aber sie war bereits älter als 18 und laut der deutschen Botschaft damit volljährig, was einen Familiennachzug ausschloss.“ Außerdem leidet sie an Epilepsie – eine Krankheit, die im kriegsgebeutelten Syrien nicht behandelt werden kann, weil es keine Medikamente gibt. Ihr Leben und Alltag dort wurden für sie immer schwieriger.

„Marwa wurde im Oktober 2021 von unseren Aktivist*innen im Wald gefunden. Fast wäre sie gestorben. Sie lief barfuß durch den Wald, ihre Schuhe waren so durchnässt, dass sie sie irgendwann einfach auszog. Sie hörte nicht auf zu zittern, ihre Füße waren eiskalt.“ Am Rande von Dehydrierung, Erschöpfung und Unterkühlung wird sie ins Krankenhaus gebracht und kämpft zwei Monate lang ums Überleben. „Können Sie sich das vorstellen? Beinahe hätten man ihre Füße amputieren müssen.“

Es ist Marta und andere Aktivist*innen von Grupa Granica zu verdanken, dass die deutschen Behörden ihr schließlich erlauben, mit ihren Eltern in Deutschland zu leben. Marta sagt: „Es war also ein Happy End, aber mit einem langen Kampf, zwei Monaten Krankenhaus und Ungewissheit, einem komplizierten Verfahren und viel Schmerz und Tränen. Und nicht jeder hat so viel Glück.“

Unterwegs in der Grenzregion

Marta lebt in Warschau. Seit letzten Herbst arbeitet sie nur noch selten im Büro. Jeder Tag sehe anders aus, doch das sei auch das Schöne an ihrer schwierigen Arbeit, so Marta. Sie ist viel in der Grenzregion unterwegs. Dort spricht sie mit Aktivist*innen und Ärzt*innen und mit Förster*innen und einheimischen Polinnen und Polen über die Lage vor Ort. Sogar mit Grenzschutzbeamt*innen und Polizist*innen, sofern diese es wollen. Und nicht zuletzt berät und unterstützt sie Asylsuchende und Migrant*innen.

Berichten diese von Gewalt durch polnische oder belarussische Sicherheitskräfte, reicht sie außerdem Beschwerde bei den Behörden ein. „Die Pläne dieser Menschen spielen dabei für uns keine Rolle – ob sie in Polen bleiben oder weiterziehen wollen, das ist ihre ganz eigene Entscheidung. Was wir tun, ist, ihnen zu helfen, eine informierte Entscheidung zu treffen. Wir erklären ihnen die rechtliche Situation, z. B. wie sie in Polen Asyl beantragen können. Und was passieren könnte, wenn sie es nicht tun – dass sie am Ende aufgegriffen und inhaftiert werden könnten. Sie haben dann all die Informationen, die ihnen von den Behörden und Sicherheitskräften nicht zur Verfügung gestellt werden. Außerdem versuchen wir auch, dafür zu sorgen, dass die Behörden diese Rechte respektieren.“

Arbeit im Asyl- und Migrationsrecht

Für sie sei es ganz natürlich gewesen, sich für die Menschen einzusetzen, die durch die Politik und Politiker*innen in eine solche Notlage manövriert werden, so Marta. Schon seit zehn Jahren arbeitet sie im Asyl- und Migrationsrecht. Von Anfang an hilft sie Menschen, die nach Polen einwandern. Das Faszinierende für sie sei schon immer gewesen, Menschen aus der ganzen Welt zu treffen.

„Die aller Ersten, denen ich damals, 2011, geholfen habe, erinnere ich mich, waren ein Musiker aus dem Iran und eine junge Frau aus Somalia. Ich ging einfach zu ihnen und hörte mir ihre Geschichten an. Das war so beeindruckend. Leider habe ich auch schnell gemerkt, dass sie mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Nicht nur mit der polnischen Bürokratie und dem anderen Rechtssystem, sondern auch mit Leid, das wir uns kaum vorstellen können und das sie aus ihrem vorigen Leben mit sich tragen.“

Motivation durch Hoffnung

Marta berichtet auch, dass das letzte Jahr sehr, zu sehr, an ihr zehrte. „Ich habe mich so sehr auf diese Arbeit und alles, was damit verbunden ist, eingelassen und war so lange auf Adrenalin, dass mir irgendwann klar wurde: Entweder ich höre jetzt auf und mache eine Pause, oder ich brenne aus und mache für den Rest meines Lebens nichts mehr in diese Richtung. Das war mir eine Lehre, aber notwendig, um mich am Laufen zu halten.“

Mit ihrem Van sei sie dann im Sommer sechs Wochen quer durch den Balkan gereist und habe dabei versucht, so wenig wie möglich an die Grenze zu denken. Sie wirkt erholt und guter Dinge. Außerdem sei es die Hoffnung, dass wir in dieser Welt eines Tages wirklich etwas erreichen können, die sie immer wieder aufs Neue motiviere. „Ein Fall nach dem anderen, eine Krise nach der anderen, können wir sie zum Besseren verändern und können unsere Erfahrungen dabei nutzen. Erfahrungen, die uns zeigen, wie wir unsere Welt bezüglich Migration und Grenzen gestalten können und wollen.“

Hier könnt ihr einen Artikel über die Situation an der polnisch-belarussischen Grenze im November 2021 lesen.

 

No news from the border?
Die Arbeit von Grupa Granica an der polnisch-belarussischen Grenze (mit Marta Górczyńska)
25.01.2023, Café Knallhart, UHH Campus

Hier gibt es mehr Infos zur Veranstaltung und du kommst zur Anmeldung.

Louisa lebt und arbeitet in Hamburg. Neben der Frage, was Gruppen vulnerabler oder widerstandsfähiger macht als andere, der sie sich auch beruflich widmet, fragt und wundert sie sich immer wieder, was Grenzen und damit verbunden „Ausgrenzung“ bedeuten – gesellschaftlich, geopolitisch, kulturell. „kohero schafft und lebt einen Kontext, der Grenzen – als Gegenpole zum interkulturellen Zusammenleben – permanent hinterfragt, im positiven Sinn überschreitet und dies vielschichtig in den öffentlichen Diskurs einbringt. Daran möchte ich mich beteiligen.“

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Louisa lebt und arbeitet in Hamburg. Neben der Frage, was Gruppen vulnerabler oder widerstandsfähiger macht als andere, der sie sich auch beruflich widmet, fragt und wundert sie sich immer wieder, was Grenzen und damit verbunden „Ausgrenzung“ bedeuten – gesellschaftlich, geopolitisch, kulturell. „kohero schafft und lebt einen Kontext, der Grenzen – als Gegenpole zum interkulturellen Zusammenleben – permanent hinterfragt, im positiven Sinn überschreitet und dies vielschichtig in den öffentlichen Diskurs einbringt. Daran möchte ich mich beteiligen.“

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