Die Abtreibung: Begrabene Geschichte

Das Thema Abtreibung ist vielerorts noch immer ein Tabu. Zehn Jahre nach der Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in meinem Land – Uruguay – frage ich mich, ob die Legalität den Frauen hilft, ihre Erfahrungen mit ihrem engsten Umfeld zu teilen. Wird die soziale Belastung gemildert?

Fotograf: Gayatri Malhotra on Unsplash

Um Mitternacht an Weihnachten 2012 sagte mir meine Mama, dass sie mir ein Geheimnis verraten wolle. Ohne weitere Vorrede erzählte sie, dass sie in den 80er Jahren vor der Heirat mit meinem Vater eine Abtreibung vorgenommen hatte. Und sie fügte hinzu: „Was hätte die Familie von mir gedacht, wenn sie erfahren hätte, dass ich schwanger war, bevor ich geheiratet habe!“

Das Recht auf Schwangerschaftsabbruch

Warum erzählte meine Mutter das fast dreißig Jahre nach dem Ereignis? Einige Monate vorher, im Oktober 2012 wurde der Schwangerschaftsabbruch bis zur 12. Schwangerschaftswoche in meinem Heimatland Uruguay legalisiert. Darüber hinaus haben Frauen das Recht auf einen kostenlosen Schwangerschaftsabbruch. Damit stand das Thema auf der öffentlichen Agenda und es kamen zahlreiche Erfahrungen von Frauen zum Vorschein.

„Unterstützung ist sehr wichtig. Auch, wenn man die Entscheidung selbst trifft, ist es wichtig, dass man sich unterstützt fühlt.“

Laut der feministischen Nichtregierungsorganisation MYSU (Mujer y Salud en Uruguay) haben zwischen 2012 und 2021 75.115 Frauen in Uruguay einen legalen Schwangerschaftsabbruch vorgenommen. Fast zehn Jahre nach der Legalisierung der Abtreibung frage ich mich, ob Frauen, die diese Erfahrung gemacht haben, deswegen mehr als zuvor mit ihrem Umfeld darüber sprechen. Dafür habe ich mit Marissela (32) geredet. Sie hat zwei Kinder und in den letzten vier Jahren zweimal abgetrieben. Als sie sich für den Schwangerschaftsabbruch entschied, wurde sie von ihrem Partner, ihrer Mutter und ihren Freund*innen unterstützt. Sie führte den Eingriff zusammen mit ihrem Partner zu Hause durch. Außerdem gründeten ihre Freund*innen eine Whatsapp-Gruppe, um sie während des Prozesses zu begleiten.

„Unterstützung ist sehr wichtig. Auch, wenn man die Entscheidung selbst trifft, ist es wichtig, dass man sich unterstützt fühlt. Es ist ein lebensverändernder Entschluss, sich für eine Abtreibung zu entscheiden, beziehungsweise eine durchführen zu lassen. Ich habe eine Freundin, die aus ideologischen Gründen gegen die Abtreibung ist. Obwohl sie mir ihre Position deutlich gezeigt hat, sagte sie mir auch, dass sie mich bei meiner Entscheidung unterstützen würde und bot mir ihre Hilfe an.“

„Der Schwangerschaftsabbruch ist ein sehr persönlicher und privater Akt und immer noch ein großes gesellschaftliches Stigma.“

Obwohl die meisten in ihrem Umfeld von ihrer Entscheidung wussten, beschloss Marissela, ihrem Vater nichts davon zu erzählen. Sie wollte nicht wissen, wie er auf diese Nachricht reagieren würde, denn sie glaubt, dass ältere Männer das nicht so leicht verstehen. Auch wollte sie die Entscheidung nicht am Arbeitsplatz bekannt geben, weil ihre Kollegen alle „Machos“ seien, wie sie berichtet.

Laut Gesetz müssen in Uruguay die Gesundheitszentren über ein interdisziplinäres Team (Sozialteam, psychologisches Team und Gynäkologie) verfügen, das Frauen berät, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen wollen. Jedes Team arbeite allerdings anders, erzählt die Sozialarbeiterin Maria Eugenia Fontes.

Sie arbeitet in einem einkommensschwachen Viertel in der Hauptstadt Montevideo. Ihr Team versucht, den Frauen während des Prozesses die nötige Unterstützung zu geben. In dem Viertel leben die Frauen oft zusammen mit anderen Familienmitgliedern in einem Haushalt. Wenn das Vorhaben ans Licht kommt, verbreitet sich die Meldung deswegen schnell in der Gemeinschaft. Kommentare aus dem Umfeld können sich negativ auf die Psyche Frauen auswirken, Schuldgefühle auslösen und ihre Entscheidung ändern.

„Der Schwangerschaftsabbruch ist ein sehr persönlicher und privater Akt und immer noch ein großes gesellschaftliches Stigma. Deshalb empfehlen wir Frauen, mit ihrem Vertrauenskreis darüber zu reden. Damit es kein Tabu bleibt und sie zu ihrer Entscheidung stehen können.”

Schutz der Privatsphäre

Das Team kann den Frauen auch helfen, wenn sie an ihrem Arbeitsplatz nicht mitteilen wollen, dass sie einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen werden. Deswegen stellen Frauenärzt*innen in manchen Fällen falsche Krankenbescheinigungen aus, damit die Frau zu Hause bleiben und ihre Privatsphäre schützen kann. „Es wäre schön, wenn man am Arbeitsplatz oder in anderen Lebensbereichen sagen könnte, dass man einen Schwangerschaftsabbruch hatte, wie bei jeder anderen medizinischen Maßnahme, aber leider ist das derzeit nicht der Fall”, ergänzt Marissela.

Wegen der Stigmatisierung wollte auch die 32-jährige Maria ihren Schwangerschaftsabbruch geheim halten. Als sie 26 Jahre alt war, lernte sie Diego kennen. Nachdem sie ein paar Monate zusammen waren, wurde Maria schwanger. Sie wollte die Schwangerschaft durchführen, er nicht Vater werden.  Maria stammt aus einer sehr katholischen Familie und hatte sich geschworen, niemals abzutreiben. Sie konnte sich jedoch auch nicht vorstellen, alleinerziehende Mutter zu sein.

„Ich bin zu dem Termin mit dem interdisziplinären Team gegangen und habe die Entscheidung getroffen, abzutreiben und es niemandem zu sagen. Ich habe das Medikament Misoprostol an den Tagen, an denen meine Eltern nicht zu Hause waren, eingenommen. Es war nicht einfach, das Verfahren allein zu Hause durchzuführen, es ist wirklich sehr schmerzhaft. Nach dem Eingriff habe ich wochenlang mit meinen Freunden darüber gesprochen.”

Frauen kämpfen seit langer Zeit für das Recht, über ihren eigenen Körper zu bestimmen und eine Abtreibung durchzuführen. Weltweit wird dieses Recht eher wieder eingeschränkt. Deswegen ist es wichtig, die Stimmen von Marissela oder Maria zu hören. Eine Abtreibung ist nicht nur eine politische Sache, sondern eine sehr persönliche.

 

Dieser Artikel ist im Schreibtandem mit Monika Volk entstanden. 

Pía hat in Uruguay Entwicklung/development studies studiert, vier Jahre in Hamburg gelebt und macht derzeit einen Master in Lateinamerikastudien in Berlin. „Narrative beeinflussen Entwicklungsprozesse. Deshalb ist es für Migrant*innen sehr wichtig, dass wir unsere Geschichten erzählen können. Ich nehme an kohero teil, weil wir hier unsere Ideen äußern und unsere Erfahrungen austauschen können.“

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Pía hat in Uruguay Entwicklung/development studies studiert, vier Jahre in Hamburg gelebt und macht derzeit einen Master in Lateinamerikastudien in Berlin. „Narrative beeinflussen Entwicklungsprozesse. Deshalb ist es für Migrant*innen sehr wichtig, dass wir unsere Geschichten erzählen können. Ich nehme an kohero teil, weil wir hier unsere Ideen äußern und unsere Erfahrungen austauschen können.“

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