Darf ich meine Geschichte benutzen?

Dürfen Geflüchtete ihre Geschichte nutzen, um Werbung für etwas zu machen oder Spenden zu sammeln? Ist das moralisch vertretbar? Hussam setzt sich mit diesen Fragen kritisch auseinander.

An einem Wintersonntag habe ich zufällig einen Post von einem jungen Mann auf LinkedIn gesehen, der ‘viral’ gegangen war. Ich las den Post meiner Verlobten vor und war überrascht, wie krass und eindrucksvoll der Postautor sein persönliches Schicksal veröffentlichte. Es ging um sein Ankommen, sein Scheitern, seinen Erfolg und zum Schluss um den Aufbau seines Businesses. Meine erste Frage war: Ist es moralisch vertretbar, seine eigene, sehr persönliche Geschichte so online zu nutzen, um Kunden zu gewinnen? Er hat nämlich eine Agentur gegründet und hat auf seiner Werbung dafür  seine persönliche Geschichte veröffentlicht. Ich stellte diese Frage auch laut, woraufhin meine Verlobte zurück fragte: “Und darf man seine persönliche Geschichte benutzen, um Spenden zu sammeln?” 

Persönliche Geschichten als Basis für Crowdfundings

Dann musste ich direkt an mich, an kohero und an viele Menschen in meinem Umfeld denken. Wie ihr wahrscheinlich wisst, habe ich das kohero Magazin damals 2017 als “Flüchtlingsmagazin”gegründet. Seitdem haben wir als gemeinnütziges Projekt Spenden gesammelt, unter anderem durch zwei Crowdfundings. Die Natur der Crowdfundings – vielleicht von Spendensammeln insgesamt – basiert sehr stark auf persönlichen Geschichten und Schicksalen. Deswegen habe ich auch immer wieder meine Person, meine Geschichte als Geflüchteter und meinen Weg in den Fokus gestellt, wie ich vom Flüchtling zum Gründer wurde und so weiter. 

Dabei ist der Vergleich zwischen Kundenaquise auf LinkedIn und ein Crowdfunding für ein gemeinnütziges Projekt wie kohero auch nicht ganz richtig. Es gibt große Unterschiede und ich möchte dabei nicht zu negativ sein. Wir hatten in beiden Crowdfundings großen Erfolg und ich weiß, wie wertvoll jede Unterstützung für das kohero Magazin ist. Dabei ist es egal, ob es eine finanzielle Spende, eine Zeitspende oder ein Like auf Facebook ist. Ich frage mich nur, wie die Auswirkungen  sind, wenn wir uns selber als Geflüchtete oder Ex-Geflüchtete so in den Mittelpunkt stellen. Ist es Stolz auf die eigene Geschichte? Oder machen wir uns selber zum Produkt? 

Hilfe in der syrischen Kultur

Ich komme aus einer Gesellschaft, in der wir ungerne öffentlich um Hilfe bitten, außer vielleicht in der Familie oder im engen Kreis von Freunden. Deswegen dauerte es bei mir ein bisschen länger, bis ich über die sozialen Medien fragen konnte, ob meine Freunde und Bekannte überhaupt spenden möchten. Gleichzeitig habe ich in den letzten Jahren auch viel über Gemeinnützigkeit, Fundraising und Spenden gelernt und weiß, dass das persönliche “Storytelling” überall empfohlen wird. 

Crowdfunding 2021

Im zweiten Crowdfunding, welches wir Anfang 2021 für kohero gemacht haben, haben wir auch einige unserer Autor*innen gefragt, ob sie kurze Videos für uns machen, in denen sie unser Crowdfunding-Motto in die Kamera sagen. Ich war total begeistert davon, wie viele mitgemacht haben, aber viele haben ihre Videos nicht wieder auf ihren persönlichen Accounts geteilt. Zu der Zeit habe ich mir nicht viel dabei gedacht, aber heute denke ich: vielleicht ist das wegen unserer Kultur? Oder vielleicht fanden sie es nicht angebracht? Vielleicht war es ihnen unangenehm, aber sie wollten mir auch nicht nein sagen? Oder… ich habe sie nicht gefragt. Ich weiß nicht warum nicht.

Verbindung zur Willkommenskultur

Für mich sind diese Fragen auch sehr eng mit der deutschen Willkommenskultur verbunden. In den Jahren 2015 und 2016 wurden viele Projekte und Initiativen gegründet mit dem Ziel, die ankommenden Geflüchteten zu unterstützen und ihnen bei der großen Aufgabe “Integration” zu helfen. Viele dieser  Projekte sind auch heute noch da. Sie haben teilweise sehr erfolgreiche Social Media Accounts, auf denen sie von ihren Aktivitäten berichten und diese zeigen. Zum Beispiel, wenn sie mit den Kindern aus Familien mit Fluchtgeschichte eine Reise zum Hamburger Dom machen, oder wenn sie gemeinsame Essen zwischen neuen und alten Hamburger*innen organisieren. So weit so gut, oder? Wir kennen alle diese Art von Posts und mögen sie, es macht Hoffnung zu sehen, was die Zivilgesellschaft leisten kann und wie viel Engagement und Zusammenhalt es gibt. Und durch diese Fotos werden wir auch motiviert, mitzumachen, mitzuhelfen und mitzuunterstützen. 

Spendenkampagnen und Persönlichkeitsrechte

Aber was ist, wenn die Geschichten von diesen Aktivitäten ein paar Monate später für das Weihnachtsfundraising benutzt werden? Klar können viele soziale Projekte aus der Refugee Unterstützung die Möglichkeiten von Social Media nutzen, um mehr Aufmerksamkeit für ihre Spendenkampagnen zu bekommen. Kohero macht das auch, wie ich schon beschrieben habe. Es kommt aber die Frage hoch, ob das überhaupt moralisch ok ist? Was ist mit den Persönlichkeitsrechten von den Menschen in den Fotos? Wissen sie, dass sie als lächelnde Geflüchtete Spenden gewinnen? Möchten sie diese Rolle einnehmen? Wurden sie überhaupt gefragt? 

Wirkung von Fotos

Vielleicht ist es auch zynisch, solche Fragen zu stellen. Schließlich wissen wir alle, dass ein Bild mehr als 1000 Worte sagen kann. Gerade im Kontext der Geflüchteten, der Migration und des langen Krieges in Syrien haben Fotos mehr Menschen bewegt. Es war doch das Foto von dem jungen Alan Kurdi, der viel zu früh und auf schreckliche Weise sterben musste, das viele Europäer*innen auf die Geflüchteten von 2015 aufmerksam machte. Das Bild von seinem kleinen Körper im türkischen Sand war traurigerweise einer der Auslöser für die Willkommenskultur, die später so viel Gutes brachte. 

Neu in Deutschland

Als ich noch ganz neu in Hamburg und in Deutschland war, habe ich auch an vielen Projekten teilgenommen und sie haben mich sehr viel unterstützt. Viele haben mir sehr geholfen meine neue Gesellschaft zu verstehen. Ich habe tolle, engagierte, gute Menschen kennengelernt und viele kenne ich bis heute, auch als Freundinnen und Freunde. Natürlich haben sie auch ab und zu mein Foto benutzt, um zu zeigen: das ist Hussam und so haben wir ihm geholfen. Damals hatte ich kein Problem damit, weil ich wusste, wie wichtig  so ein Foto und eine Geschichte für ein Projekt sein kann.

Ich habe mir damals selber mehr Fragen gestellt: Erstens, bin ich ‘nur’ noch Geflüchteter, oder “Ex-Refugee”, wie ein Kollege von der taz zu mir sagte? Zweitens, was ist wenn ich seit längerer Zeit keine Hilfe oder Unterstützung von diesem Projekt bekommen habe? Drittens, was mache ich, wenn die Projekte aus der Willkommenskultur sich auch mit der Zeit verändern und entwickeln, und heute vielleicht ein ganz anderes Angebot machen? Bis wann können sie mein Bild und meine persönliche Geschichte benutzen? Bis wann sollte ich diese Person, die Hilfe braucht und bekommt, in der Öffentlichkeit sein? 

Wirkung persönlicher Geschichten

Natürlich spreche ich hier nicht nur aus meiner Perspektive, sondern auch aus den Erfahrungen von vielen Freund*innen und Bekannten, die Ähnliches erlebt haben wie ich. Ich glaube, viele wissen, dass unsere persönlichen Geschichten, Erfahrungen, Schmerzen und Erfolge als Geflüchtete (und die passenden Fotos) Empathie schaffen. Sie bringen uns den Nicht-Geflüchteten Gesellschaften näher und überzeugen auch Geld zu spenden oder sich zu engagieren. Ich glaube, die meisten von uns haben das akzeptiert. Aber vielleicht sollten wir öfters eine Pause machen und fragen: Ist das noch moralisch vertretbar? 

Hussam studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland. Er ist Gründer und Chefredakteur von kohero. „Das Magazin nicht nur mein Traum ist, sondern es macht mich aus. Wir sind eine Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen.“
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Hussam studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland. Er ist Gründer und Chefredakteur von kohero. „Das Magazin nicht nur mein Traum ist, sondern es macht mich aus. Wir sind eine Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen.“

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