Bittersüße Diaspora

Menschen, die ihr Heimatland verlassen haben, um in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen, werden oft mit vielen Hürden wie Diskriminierung und Rassismus auf dem Weg zur Integration konfrontiert. Diese Probleme werden auch an die folgenden Generationen weitergetragen.

brenda Kusi-Appiah

 

Wie die meisten Eltern meiner Freunde sind auch meine Eltern aus ihrem Herkunftsland ausgewandert. Meine Eltern kommen ursprünglich aus Ghana, ich aber wurde in Deutschland geboren. Gemessen an der Gesamtbevölkerung leben zwischen 5,6 % und 11,1 % Ghanaer*innen nicht in ihrem Herkunftsland. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen aus dem Jahre 2013 zufolge haben sich ghanaische Migranten in über 33 verschiedenen Ländern angesiedelt. Während viele in den westafrikanischen Nachbarländern Nigeria und Elfenbeinküste verbleiben, verschlägt es auch einen großen Teil nach Europa, Kanada, und in die USA. Meine ganze Familie ist auf dem europäischen und amerikanischen Kontinent verstreut. Es gibt kaum einen Kontinent wo sich keine Tante, Cousine, oder sonstige Verwandte auffinden lassen.

Was macht die Diaspora aus?

Der Begriff Diaspora stammt aus dem Griechischen und leitet sich vom Begriff „Verstreuung“ ab. Diaspora beschreibt das Schicksal von Menschen gleicher religiöser, nationaler, kultureller, und ethnischer Zugehörigkeit, die ihr Heimatland verlassen haben. Oder die unfreiwillig aus ihrem Heimatland vertrieben wurden, und dann in der Ferne eigene Gemeinschaften gegründet haben. Sie verbinden daher oftmals die gleichen Probleme wie Rassismus oder Identitätskrisen, die sie an die nächsten Generationen weitergeben. Der Begriff wurde ursprünglich nur für die jüdische Diaspora verwendet, die durch die Zerstörung des jüdischen Reiches, des Tempels, und der Vertreibung der jüdischen Bevölkerung ins Ausland, begründet wurde. Heutzutage findet der Begriff auch für andere kulturelle Gruppen Anwendung.

Das Gefühl, anders zu sein

Es ist das Gefühl, wenn sich ausländische Gemeinden ihre eigenen Räume geschaffen haben, in denen sie ungestört religiösen und traditionellen Traditionen nachkommen können. Sei es mit dem Zelebrieren von bestimmten Feiertagen und Festen oder durch traditionelle Restaurants. Beim Gefühl der Ausgrenzung spielen nicht nur kulturelle und religiöse Eigenheiten eine Rolle, sondern auch soziale und ökonomische Hintergründe. Migrant*innen arbeiten oft im Niedriglohnsektor, weshalb sie und ihre Familien nur einen beschränkten Zugang zu sozialer Teilhabe haben. Dieser ist jedoch unerlässlich für die Integration in einem neuen Land. Es entsteht eine Trennwand zwischen den Einheimischen und den Zugewanderten.

Zudem kommt, dass viele Mitglieder der Diaspora die ersten in ihrer Familie sind, die studieren. Sie verfügen daher weder über finanzielle, noch über akademische Unterstützung und fühlen sich auf sich selbst gestellt. Da ich einen älteren Bruder habe, der sein Studium schon abgeschlossen hat, kann ich mich mit Fragen immer an ihn wenden. Trotzdem muss ich mit dem Gefühl, fehl am Platz zu sein oder mehr als meine Deutschen Kommiliton*innen leisten zu müssen, oft kämpfen. Hinzu  kommt, dass die Migrationsgeschichte von Deutschland in Vergleich zu anderen westlichen Nationen eine relativ neue ist, und Migrant*innen und Menschen mit einem Migrationshintergrund sich erstmal behaupten müssen oder Räume schaffen müssen, indem sie geschützt existieren können. Meine Freund*innen und ich könnten stundenlang über unfaire Behandlung in Schule, Universität oder am Arbeitsplatz erzählen. Seien es unangebrachte Kommentare von Schüler*innen, Arbeitskolleg*innen oder Lehrkräften, sogenannte Mikroaggressionen. Wie die Frage „Woher man den wirklich komme“ oder der Kommentar „Du, sprichst aber gut Deutsch“, die allesamt suggerieren, dass man nicht dazugehört. Bis hin zu offensichtlichen rassistischen Anfeindungen und Beleidigungen. Oder schlechtere Noten in der Schule im Vergleich zu deutschen Mitschülern, und das für die genau gleiche Leistung.

Ergebnisse einer Studie

Die Studie „(Biased) Grading of Students Performance: Students Names Perfomance Level, and Implicit Attitudes“ der Uni Mannheim zeigt, dass Grundschulkinder mit Migrationshintergrund bei der gleichen Fehlerzahl wie ihre Mitschüler*innen ohne Migrationshintergrund schlechter benotet werden. Dies lässt sich auf unterbewusste rassistische Vorurteile der Lehrkräfte gegenüber Schülern*innen mit Migrationshintergrund zurückführen. Ähnliche Studien gibt es über die Suche auf dem Wohnungs- oder Arbeitsmarkt. Die Studie „Zwischen Integration und Ausgrenzung – Lebensverhältnisse türkischer Migranten der zweiten Generation“ von der Universität Oldenburg kommt etwa zu dem Schluss, dass Menschen mit Migrationshintergrund oder ausländischem Namen bei der Wohnung und Arbeitssuche benachteiligt werden.

Hoffnungen und Träume

Trotz der vielen Hindernisse und Hürde, mit denen Mitglieder der Diaspora täglich konfrontiert werden, fallen im Gespräch mit meinen Freund*innen auch die Begriffe „Hoffnung“ und „Träume“ immer wieder. Es gibt viele Menschen, die ihr Heimatland unfreiwillig verlassen mussten und für die Deutschland sichere politische und ökonomische Verhältnisse bietet. Auch für Menschen, die in Deutschland geboren sind, ist Deutschland ein sehr attraktiver Ort. Genau wie meine Freund*innen verbinde ich mit Deutschland Stabilität, finanzielle Sicherheit und ein schier endloses Angebot an Möglichkeiten. Obwohl das schiere Angebot an Möglichkeiten nur eine Illusion bleibt, die an weitere Faktoren wie Herkunft und den sozioökonomischen Hintergrund geknüpft ist. Mir und meinen Freund*innen ist jedoch auch bewusst, dass uns viele Möglichkeiten in den Heimatländern unserer Eltern verwehrt bleiben würden.

Hier geht es zum Link zu unserem Podcast „curry on“ über Diasporaschmerz

brenda Kusi-Appiah
Brenda studiert Politikwissenschaften und öffentliches Recht in Frankfurt. Sie hat ghanaische Wurzeln und interessiert sich vor allem für gesellschaftspolitische und kulturelle Themen. Neben ihrer Arbeit bei einer gemeinnützigen Organisation verbringt sie ihre Freizeit mit dem Schreiben.

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brenda Kusi-Appiah
Brenda studiert Politikwissenschaften und öffentliches Recht in Frankfurt. Sie hat ghanaische Wurzeln und interessiert sich vor allem für gesellschaftspolitische und kulturelle Themen. Neben ihrer Arbeit bei einer gemeinnützigen Organisation verbringt sie ihre Freizeit mit dem Schreiben.

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