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Stolpersteine als Teil der Erinnerungskultur – angemessen oder unwürdig?

Fast 6.000 Stolpersteine erinnern uns in Hamburg an die Opfer der NS-Diktatur. Sind die kleinen Messingsteine eine wichtige Erinnerungsstätte oder unwürdiges Gedenken im Schmutz der Straße? Stimmen aus der jüdischen Gemeinde. 

Ein Stolperstein zwischen grauen Steinen eines Bürgersteigs
Fotograf: Marius Nürnberg

Schimmernd durchbrechen unscheinbare Messingplatten graue Gehwege — Stolpersteine rufen europaweit zum Gedenken auf. Das größte dezentrale Mahnmal der Welt erinnert an das Menschheitsverbrechen der NS-Diktatur. Feine Gravuren nennen die Opfer der Nationalsozialisten beim Namen: Jüd:innen, Sinti:zze und Rom:nja, Homosexuelle, politische und religiöse Gegner:innen, Menschen mit Behinderung, Straftäter:innen.

Unterschiedliche Ansichten

Wie stehen Mitglieder der jüdischen Gemeinde zu dieser Form der Erinnerungskultur? Sie sind die zahlenmäßig am stärksten betroffene Gruppe des Völkermordes. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, und Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, vertreten unterschiedliche Ansichten.

Der Künstler Gunter Demnig und sein Anliegen

Seit 1992 verlegt der Berliner Künstler Gunter Demnig in Zusammenarbeit mit ehrenamtlich Helfenden Stolpersteine. In einem Interview mit dem General-Anzeiger aus dem Jahr 2013 beschreibt er sein Anliegen: „Das Grauen, der Terror hat angefangen, wo die Menschen zu Hause waren; Auschwitz war weit weg und wohl für die große Mehrheit nicht vorstellbar. Das bedeutet: Gedenken nicht an oftmals abgelegenen Orten, sondern dort, wo es angefangen hat“.

Vor den letzten frei gewählten Wohnungen der Opfer regen heute mehr als 75.000 Steine (Stand Dez. 2019) in 26 europäischen Ländern zum Nachdenken an. Alleine 5.950 liegen auf Hamburger Grund (Stand April 2021). Eine detaillierte Übersicht mit Namen, Deportations- und Todestag liefert folgende Karte.

Größtenteils positive Wahrnehmung

Für das Präsidium des Zentralrats der Juden in Deutschland stellen Stolpersteine „eine sehr gute und würdige Art des Gedenkens an die Opfer der Shoah dar“. Durch das Lesen der Inschriften verbeuge man sich wortwörtlich vor den Opfern des Nationalsozialismus. Dazu sagt der Vorsitzende Dr. Josef Schuster: „Sie rufen zum einen in Erinnerung, dass die NS-Opfer Nachbarn waren. Zum anderen sind die Stolpersteine eine Art des Erinnerns, für das man nicht extra eine Gedenkstätte aufsuchen muss, sondern mit der die Menschen mitten im Alltag konfrontiert werden“. Weiter könne sich jede/r durch eine Patenschaft oder durch die Pflege einer Platte am Erhalt beteiligen. „In den meisten jüdischen Gemeinden stoßen die Steine auf positive Resonanz“, so Schuster.

Gedenken „auf Augenhöhe“ gefordert

Charlotte Knobloch ist seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Sie hält das Verlegen von Messingsteinen aus „mehreren Gründen für den falschen Weg, um das richtige Ziel zu erreichen“. Die 1932 Geborene erlebte die Zeit des Nationalsozialismus und entging durch das Untertauchen auf einem Bauernhof der Ermordung im KZ Theresienstadt. „Natürlich ist es grundsätzlich positiv, dass dezentrales Gedenken in unseren Städten mehr und mehr Raum bekommt. Gerade in einer Zeit, da immer weniger Zeitzeugen unter uns sind […] ist es besonders wichtig, die Vergangenheit buchstäblich in unserer Mitte lebendig zu halten“.

Doch Knobloch sieht Stolpersteine auch als „unwürdiges Gedenken im Straßenschmutz“. Die Namen der Opfer würden mit Füßen getreten und Hunde verrichteten ihr Geschäft darauf. Der Stadtrat München verbot 2004 und 2015 das Verlegen auf städtischem Grund, auch wegen ihres Vetos. Sie wünscht sich, dass Städte das Gedenken mit der nötigen Würde gestalten. Langfristig hofft sie auf alternative Modelle.

Das Münchner Modell der „Erinnerungszeichen“, Tafeln mit Biografien und Bildern an Hauswänden, hält sie für eine besonders gelungene Lösung. „Vor allem […] sind sie eben nicht auf Bodenniveau eingelassen, sondern begegnen dem Betrachter so, wie Menschen einander begegnen sollten: auf Augenhöhe“.

Wachsende Besorgnis

Auch wenn die Meinungen der beiden über eine angemessene Erinnerungskultur auseinandergehen, stimmen Knobloch und Schuster jedoch in einem Punkt überein: Antisemitismus nehme zu. „Wir beobachten, dass Hemmungen schwinden, antisemitische Ansichten zu äußern. Vor allem in den sozialen Medien ist das ein massives Problem“, meint Schuster und fügt hinzu: „Nicht nur für Juden, sondern für viele Minderheiten in unserem Land sind die Verbreitung von Hate Speech und Radikalisierung gefährlich. Die Bundesregierung hat ein umfangreiches Maßnahmenpaket gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus beschlossen. Das muss auch umgesetzt werden“.

Knobloch beobachtet die Entwicklung der letzten Jahre mit Sorge. Beschneidungsdebatte, antiisraelische Demonstrationen, das Wachsen der AfD hätten ihr Vertrauen zerstört: „Wir erfahren zwar auch viel Rückhalt aus Politik und Gesellschaft, aber die Aussichten haben sich überall eingetrübt. Gerade bei den Jüngeren denken einige darüber nach, welchen Plan B sie haben für den Fall, dass die Lage sich weiter verschlechtert. Das ist heute vielleicht noch kein existenzielles Problem für die jüdische Gemeinschaft. Aber ich will mir nicht ausmalen, welche Auswirkungen das in 15 oder 20 Jahren hat“.

Marius arbeitet als Berater in der Öffentlichkeitsarbeit für verschiedene Kunden. Wenn er nach Feierabend genug vom Redaktionswahnsinn hat, entspannt er am liebsten bei einer tiefenbetonten Dub-Platte. Am Wochenende zieht er sich regelmäßig mit seiner Freundin in Hamburgs Wälder und menschenarme Gegenden. „Ich engagiere mich fürs Magazin, weil ich den Stimmen Geflüchteter mehr gesellschaftliche Beachtung verschaffen will.“
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