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Warum ich auf Solidarität in der Corona-Zeit hoffe

Corona ist anstrengend. Nicht nur als Krankheit bedeutet sie für alle Betroffenen eine körperliche Herausforderung, sondern auch als gesellschaftliche Aufgabe. Denn Corona spaltet, lässt Meinungen oft unversöhnlich aufeinander prallen, verbreitet Streit und Missgunst selbst unter Freund:innen und in Familien. Dieser Erfahrungsbericht erzählt davon. Und er endet mit einem Bild, das trotzdem hoffen lässt.

Coronavirus. Zeichnungen: Eugenia Loginova
Fotograf: Eugenia Loginova

Corona hat die meisten von uns Menschen überrascht und in den letzten eineinhalb Jahren manche verunsichert. Viele leben mit neuer Angst, Sorge, Krankheit oder auch Armut. Angst und Sorgen kreisen um uns selbst, aber auch um unsere Familien, unsere Freund:innen und um die ganze Gesellschaft. 

Ich habe in meinem Artikel „Einen Fuß in der Tür“ für die taz nord einige besonderen Erlebnisse von geflüchteten Menschen während der langen Coronazeit beschrieben. Hier kommen nun weitere Eindrücke hinzu. Vielleicht haben das schon mehrere Menschen so oder ähnlich erlebt. Es geht (leider) mal wieder um die Corona-Pandemie, um Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen und um Angst. 

Wer die aktuellen Nachrichten liest, der:die weiß, dass viele Informationen über das Virus SARS-COV2 veröffentlicht wurden, und der:die weiß auch, wie viele Menschen jetzt gerade auf einer Intensivstation behandelt werden müssen. Was wir nicht genau wissen können ist, wie viele Menschen mit Langzeitfolgen leben müssen. Andere Sachen lassen sich nicht so leicht in eine Statistik übersetzten, zum Beispiel wie viele Ärzte, Ärztinnen, Pfleger:innen und Gesundheitsschaffende gekämpft haben, um jede Seele vor einer schweren Krankheit zu retten. 

Überzeugungsgespräche zu Corona sind selten erfolgreich

Was sich auch nicht leicht in Zahlen sagen lässt, ist wie Menschen in unserem Umfeld und Bekanntenkreisen mit diesen Informationen über das Virus umgehen. Was macht Angst vor einer bisher unbekannten Krankheit mit einem Menschen? Wer wird unsicher, wer aggressiv, wer demütig? 

Ich kenne einige Menschen, die sagen: Das ist alles nicht so schlimm. Ich kann nicht genau sagen, woher diese Meinung kommt. Manchmal sprechen sie über die Pharmaunternehmen, die mit Medikamenten sehr viel Geld verdienen. Oder sie sprechen über die Kraft der Natur und von „natürlichen“ Abwehrkräften der Menschen. Oder die Menschen haben einfach noch niemanden in ihrem engen Kreis, der:die unter Corona leiden musste und kann deswegen keine Gefahr erkennen. Es gibt viele weitere Gründe. Alle, die schon mal versucht haben, eine Person von den Coronaproblemen zu überzeugen, kennen diese und andere Argumente vermutlich.

Nach meiner Erfahrung war noch kein Überzeugungsgespräch erfolgreich. Jedenfalls ist das mein Gefühl nach solchen Gesprächen. Es ist möglich, dass sich einige von uns nach so einem Gespräch sagen: „Ich hoffe, dass mein:e Freund:in kein Corona bekommt, damit er oder sie nicht selbst sehen muss, wie schlimm eine Infektion sein kann!“ 

Hoffentlich muss er oder sie die Krankheit nicht erst selbst erleben – oder vielleicht doch?

Ich finde es falsch, so zu denken. Denn wer sollte jemandem eine Krankheit wünschen? Und gleichzeitig finde ich es interessant, die Gründe dahinter anzugucken. Versuche ich, die andere Person zu meiner Überzeugung zu zwingen, weil ich besser informiert bin? Oder denken wir, die überzeugen wollen, dass die andere Person uns braucht?  

Und was wäre wenn, diese:r Freund:in, der wir vielleicht heimlich eine Infektion gewünscht haben, dann einen vergleichbar leichten Verlauf hat, mit nur ein bisschen Kopfschmerzen? Ärgern wir uns dann auch darüber, weil das Schicksal ihre:seine Falschinformation bestätigt hat? 

Obwohl wir als Gesellschaft seit Februar 2020 lernen mussten, wie wir uns als Menschen vor dem Covid-19 schützen können, können wir diese Fragen nur schwer beantworten. Denn am Ende des Tages wollen wir uns ja alle schützen, nur auf unterschiedlichen Wege.

Barmherzigkeit meint Mitgefühl füreinander

Ich habe mir selber viele von diesen Fragen gestellt, auch wenn ich mit anderen Syrer:innen spreche. Ich versuche dann, die verschiedenen Statistiken zu sehen, die auch viele Genesene aufzeigen. Diese Menschen haben Covid-19 überlebt und müssen (hoffentlich) nicht mehr leiden. Aber trotzdem denke ich, dass die Menschen, die daran glauben dass, sie zu dieser Gruppe gehören werden, zu egoistisch denken. Was ist mit den 92.000 Menschen, die mit Covid-19 gestorben sind? Haben sie und ihre Angehörigen nicht mehr Solidarität verdient? 

Als gläubiger Mann kann ich mich neben den Zahlen auch an meine Religion wenden. Der islamische Prophet Mohammed (Gott segne ihn und schenke ihm Heil) soll gesagt haben: „Die Gläubigen sind in ihrer Zuneigung, Barmherzigkeit und ihrem Mitleid zueinander einem Körper gleich: Wenn ein Teil davon leidet, reagiert der ganze Körper mit Schlaflosigkeit und Fieber!“ Mit diesem Bild im Kopf versuche ich auf unsere Gesellschaft zu gucken und auf ein Ende der Corona-Pandemie zu hoffen. 

 

Hussam studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland. Er ist Gründer und Chefredakteur von kohero. „Das Magazin nicht nur mein Traum ist, sondern es macht mich aus. Wir sind eine Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen.“
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Hussam studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland. Er ist Gründer und Chefredakteur von kohero. „Das Magazin nicht nur mein Traum ist, sondern es macht mich aus. Wir sind eine Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen.“

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