„Syrien braucht unsere Hilfe“

Die humanitäre Situation in Syrien ist ernst. Deswegen kamen am vergangenen Sonnabend viele Syrer in Wedel zusammen, um einen Container mit medizinischen Geräten für ihr Heimatland zu packen.

Zahlreiche Helfer packen mit an
Fotograf: Sophie Martin

Draußen ist es kalt und stürmisch, von der Sonne ist nichts zu sehen. Ein typischer, verregneter Tag Ende Oktober. Das bunte Laub sammelt sich auf dem Weg, fällt langsam von den immer kahler werdenden Bäumen, rötlich und gelblich gefärbt, Farbkleckse in dem tristen, grauen Nebel. Der rostbraune Container auf der Straße fällt sofort auf. Er wirkt riesig, geräumig, weitläufig.

Hilfsgüter für Syrien

Der Platz vor dem alten Bunker in Wedel füllt sich nach und nach mit Menschen. Darunter sind viele Syrer, die in dicke Jacken mit wärmenden, langen Schals und Handschuhen gekleidet sind. Sie alle sind heute zusammengekommen, um Hilfsgüter in ihre Heimat zu schicken. Die Freie Deutsch Syrische Gesellschaft organisiert die Aktion in Kooperation mit Hanseatic Help.

„Wir sind hier, um diesen Container mit medizinischen Geräten und Krankenhausbetten zu füllen. Es handelt sich bei den Sachen um Spenden von Krankenhäusern hier in der Gegend. Ich denke, er wird in circa zwei Wochen in Idlib ankommen“, beginnt Hassan Ied von der Freien Deutsch Syrischen Gesellschaft das Gespräch mit unserer Zeitung. Ied kommt selber aus Damaskus. Er hat in Deutschland Humanmedizin studiert und lange Zeit als Arzt gearbeitet. Sein Verein wurde 2012, im zweiten Jahr der syrischen Revolution, gegründet. Er ist eine unabhängige Non-Profit-Organisation und steht für Freiheit und Vielfalt, für Gleichberichtigung, Freundschaft und Frieden. Diese Werte fehlen in Syrien.

 Die humanitäre Lage in Syrien

Laut der UN sind über 13 Millionen Menschen in Syrien auf humanitäre Hilfe und Schutz angewiesen, Tendenz steigend. Doch viele dieser Menschen leben in Regionen, die für Hilfsorganisationen schwer zu erreichen sind. In den belagerten Zonen sind viele Syrer von der Außenwelt abgeschnitten. Die internationale Hilfe kann nicht richtig greifen. Sowohl das syrische Regime als auch Terrororganisationen wie Al-Quaida oder der IS behindern ihre Arbeit. Nach fast zehn Jahren Krieg ist die Grundversorgung der Menschen vor Ort nicht mehr gewährleistet. Hunger, Krankheiten und Tod gehören zum syrischen Alltag. Besonders Krankenhäuser wurden im Laufe des Krieges immer wieder Ziele der Bombardements.

 Die angespannte Lage in Idlib

Besonders kritisch ist die Situation in Idlib.

„Momentan ist die Lage in Idlib zwar ruhig, aber keineswegs stabil. Die Kämpfe können jederzeit wieder losgehen“, erläutert Ied während er ein Bett mit Kabelbindern zusammenbindet. Mittlerweile haben die Helfer die ersten dieser Krankenhausbetten mit Hilfe eines Gabelstaplers in das Innere des Containers verfrachtet. Währenddessen transportieren andere immer mehr Geräte aus dem Bunker nach draußen. Es sind Wortfetzen auf Arabisch zu hören, die mit dem Schnaufen der hart schuftenden Männer vermischt sind. Viele haben ihre Jacken ausgezogen, arbeiten jetzt im T-Shirt und geraten trotz der Kälte ins Schwitzen. Es ist ein Kraftakt, die sperrigen und klobigen Betten heil in den Container zu bekommen.

„Ich helfe hier heute mit, weil ich meinen Landsleuten helfen will. Ich habe Angst um meine Heimat, komme selber aus Idlib, wo die Situation immer mehr eskaliert“, erzählt ein junger Mann, während er sich mit der rechten Hand den Schweiß von der Stirn wischt, „Idlib braucht unsere Unterstützung und zwar jetzt“.

Idlib ist mit circa 165.000 Einwohnern die Hauptstadt des Gouvernements Idlib im Nordwesten von Syrien. 2015 wurde Idlib durch die von der Türkei gegründeten islamistischen Gruppe Dschaisch al-Fatah in schweren Kämpfen und innerhalb kürzester Zeit eingenommen. Im März hatten Russland und die Türkei die Waffenruhe für die syrische Rebellenhochburg ausgehandelt. Allerdings habens sie sich nicht an ihr Abkommen gehalten: Am 26. Oktober griffen russische Kampfjets eine von der Türkei unterstützte Miliz an. Hierbei starben mehr als 50 Menschen, darunter viele Zivilisten, weiter 50 wurden verletzt, zum Teil schwer.

Gespräch mit dem Journalisten Adil

„Das muss aufhören“, sagt Adil (Name auf Wunsch von der Redaktion geändert). Adil möchte ungern mit seinem richtigen Namen genannt werden, schätzt die Anonymität. Der Fotograf und Journalist kommt aus Damaskus und ist in größter Sorge um sein Heimatland.

„Es gibt so gut wie keine medizinische Versorgung mehr in dem Gebiet um Idlib, die Krankenhäuser wurden fast alle zerstört, die Menschen sind hilflos, viele haben durch die Bombardierungen Arme und Beine verloren. Jetzt kommt der Winter, das macht alles noch schlimmer. Wissen Sie, der Winter in Syrien ist nicht so wie hier, nein, er ist kalt, richtig bitter, bitter kalt. Ich mache mir Sorgen um meine Landsleute: Wo sollen sie schlafen, was sollen sie essen?“, sagt Adil und in seiner Stimme klingen Trauer und Verzweiflung mit, aber auch Wut und Aufregung.

„Das Assad-Regime muss weg, nur dann kann Frieden entstehen. Und Russland, der Iran, die USA und die Türkei müssen verschwinden. So wie die Konstellation momentan ist, ist ein Frieden für Syrien unmöglich“, ergänzt Adil. Er packt seine Canon aus der Tasche, entfernt den Objektivdeckel, hält die Kamera vor seine Augen und schießt ein paar Fotos. Das sind Fotos von helfenden Händen, von Syrern, die mit anpacken, voller Motivation und Tatendrang. Fotos von medizinischen Geräten, von Krankenhausbetten, Sonografiegeräten und Röntgenapparaten. Adil ist Zeitzeuge, dokumentiert die Geschehnisse um sich herum mit seiner Kamera. In Syrien hat er deswegen Probleme bekommen und ist in Schwierigkeiten geraten.

Adil über seine Arbeit in Syrien

„Ich habe eine Reportage über die Geschehnisse in Damaskus gemacht. Dann kamen sie zu meiner Wohnung, haben meine Frau gefragt, wo ich bin. Mein Name stand auf einer Liste. Auf dieser Liste stehen die Namen von denjenigen, die inhaftiert werden sollen. Das war im Jahr 2011. 2013 bin ich dann in die Türkei geflüchtet“, ergänzt Adil. Mehr will der sympathische Reporter mit der angenehm melodischen Stimme zu diesen Geschehnissen nicht sagen.

Es fängt an zu nieseln und die Kälte dringt langsam durch die Kleidung. Adil zieht den Reisverschluss von seiner Jacke zu, reibt seine Hände gegeneinander, die Kamera baumelt über seiner rechten Schulter.

„Mein Land, meine Heimat ist krank und ich hoffe so sehr, dass es wieder gesund wird. Aber nach fast zehn Jahren Krieg gibt es eigentlich keine Hoffnung mehr. Und trotzdem wünsche ich mir so sehr, dass die Menschen dort endlich frei werden, dass wir eine neue Regierung bekommen und mit dieser neuen Regierung auch Demokratie. Ich glaube, nein, ich bin mir sicher, dass alle syrischen Flüchtlinge sofort in ihr Land, in ihre Heimat zurückkehren würden“, äußert sich Adil leise, mit Bedacht.

Der Arabische Frühling in Syrien

Seit den ersten Protesten im Frühjahr 2011 im Zuge des Arabischen Frühlings befindet sich Syrien in einem Bürgerkrieg. Die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Assad-treuen Truppen, örtlichen Rebellengruppen und später dem IS hören nicht auf. Auslöser für diese Konflikte war ein zunächst friedlicher Protest gegen das autoritäre Regime von Präsident Baschar al-Assad. Zunehmend findet der syrische Bürgerkrieg  jedoch unter Beteiligung von Drittstaaten statt. Die Bündnispartner Assads – der Iran und die vom Iran unterstützte libanesische Hisbollah-Terror-Miliz und Russland mit seinem Militäreinsatz – machten aus dem Kampf innerhalb Syriens schnell einen regionalen Stellvertreterkrieg.

Die Bildung eines internationalen Bündnisses unter der Führung der Vereinigten Staaten gegen den IS verstärkten diesen Effekt noch. Unter anderem kämpft der schiitische Iran gegen das sunnitische Saudi-Arabien und Katar, und Russland und die USA um die Vormacht in der Region. 2016 griff die Türkei mit ihrer Militäroffensive in Nordsyrien massiv in den Konflikt ein.

Der Einfluss von Russland, dem Iran und der Türkei

Assad und seine Familiendynastie sowie das ihn stützende Machtsystem können nicht ohne die militärische Hilfe Russlands und des Irans überleben. Moskau und Teheran sind die wichtigsten Verbündeten Assads.

Seit November 2019 versucht der UN-Sondergesandte zu Syrien, Geir Pedersen, ein syrisch-syrisches Verfassungskomitee zusammenzubringen. Das Ziel ist, dass die Regierung, die Opposition sowie Vertreter der Zivilgesellschaft unter Schirmherrschaft der Vereinten Nationen eine neue Verfassung diskutieren sollen.

Die politischen Bemühungen in Syrien gestalten sich jedoch als sehr komplex. Russland, der Iran und die Türkei versuchen mit dem Astana-Format, wichtige Bereiche des Friedensprozesses von der UNO abzuziehen um den eigenen Einfluss zu stärken. Mit dem Astana-Prozeß haben die drei Staaten eine Plattform für Verhandlungen über die Zukunft Syriens geschaffen. Dieses Gesprächsforum hat auch erreicht, die Streitthemen dieser drei Garantiemächte zu kanalisieren.

„Die EU sowie die meisten europäischen Staaten machen ihre Hilfe und Unterstützung für Syrien abhängig von politischen Reformen. Reformen, die beispielsweise Sicherheit für die Rückkehr von Flüchtlingen schaffen sollen. Assad hat bis dato jedoch jedes Entgegenkommen abgelehnt“, fährt Adil fort.

 Ein Mittagessen für die Helfer

Inzwischen ist es Mittag geworden. Viele der Betten und der medizinischen Geräte sind in dem Container verstaut, aber es gibt dennoch viel zu tun für die freiwilligen Helfer. Doch erstmal ist es an der Zeit, etwas zu essen. Alle sind nach der anstrengenden Arbeit durstig und hungrig, müssen sich kurz ausruhen und neue Kraft tanken. Es gibt typisch syrisches Essen: Reis mit Hähnchen und Gemüse aus dem Ofen, dazu einen frischen, gemischtem Salat. Nach und nach gehen die Anwesenden in die große, geräumige Küche im Innersten des Bunkers, nehmen sich einen Teller und Besteck, dann füllen sie ihn mit dem wunderbar duftenden Essen. Gespeist wird draußen an der frischen Luft, auf Holzstühlen, die Teller auf den Knien.

„Meine ganze Familie ist noch in Syrien, mein Vater, meine Mutter und meine Schwester. Ich mache mir große Sorgen. Doch ich hatte auch Glück, ich konnte meine Frau und meine vier Kinder hierher nach Deutschland holen, ich habe eine Familienzusammenführung gemacht, Gott sei Dank hat das geklappt. Gerade für Frauen ist die Situation in Syrien nicht tragbar. Und trotzdem hoffe ich inständig, dass sich die Situation in meiner Heimat entspannt, dass Ruhe einkehrt“, ergänzt Adil während er isst.

Die syrischen Friedensbemühungen

Die Friedensbemühungen in Syrien begannen Anfang 2017 mit der Errichtung von acht Deeskalationszonen. Hinzu kamen Aushandlungen über regionale Waffenstilstände und Versöhnungsabkommen. Dieser Prozess wurde 2018 auf einer syrisch-syrischen Versöhnungskonferenz im russischen Sotschi fortgesetzt. Sieben dieser Deeskalationszonen wurden vom syrischen Regime ohne größeren türkischen, amerikanischen oder anderen westlichen Widerstand zurückerobert.

Anfang 2020 stieß die russisch-türkische Einigkeit in der syrischen Provinz Idlib an ihre Grenzen. Die letzte Deeskalationszone wurde durch heftige Bombardements der syrischen Armee mit russischer Unterstützung zerstört und mehrere hunderttausend Zivilisten wurden in Richtung Norden vertrieben. Daraufhin schloss die Türkei ihre Grenzen. Dies führte zu einer erneuten humanitären Katastrophe, die bis heute andauert.

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Die Zerstörung der medizinischen Infrastruktur

„Wir müssen handeln und zwar jetzt. Syrien braucht unsere Hilfe. Die Ausbreitung des Covid 19 Virus verschärft die ohnehin schon angespannte Lage massiv“, sagt Adil und seine Stimme klingt dabei aufgeregt, wenn nicht sogar aufgebracht.

Die medizinische Infrastruktur in Idlib ist in den vergangenen Jahren größtenteils durch Luftangriffe der eigenen Regierung und Russlands zerstört worden. Die wenigen verbliebenen, funktionsfähigen Krankenhäuser verfügen über eine mangelnde Ausstattung an Geräten, Medizin und Personal.

„Genau deswegen müssen wir etwas tun, wir sind jetzt aufgefordert, zu handeln. Gerade in Idlib leben die Menschen unter desaströsen, hygienischen Umständen. Sie brauchen Schutz, sie brauchen Hilfe“, erzählt Adil und jetzt schwingt Trauer in seiner Stimme mit.

„Wir geben die Hoffnung für Syrien nicht auf. Niemals.“, sagt Adil zum Abschluss.

Und genau das ist der Grund, warum an diesem grauen, tristen Samstagvormittag so viele Menschen zusammengekommen sind, um Hilfe in das von Krieg gebeutelte Syrien zu schicken. Der Nieselregen hält immer noch an und auch der Nebel ist noch nicht endgültig verschwunden. Und trotzdem zeigt sich am Himmel ganz, ganz kurz die Sonne zwischen den Wolken.

Quellen:

caritas-international.de

awointernational.de/

bpb.de

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