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Rechte Weltbilder und die Norm weißer Männlichkeit

Unterdrückung und Diskriminierung aufgrund von Geschlecht oder Sexualität existieren weltweit. Ein weiteres Unterdrückungsverhältnis sind rassistische Strukturen. Im politisch rechten Spektrum verflechten sich antifeministische und rassistische Ideologien mit nationalistischem Denken — das ist zentral im Weltbild der Rechten. Ihre Werte gründen auf einer Weltanschauung, die Ungleichheit und Hierarchien für naturgegeben hält. Gefahr droht für eine vielfältige, inklusive und emanzipierte Gesellschaft. Eine theoriebasierte Erörterung.

Rechte Weltbilder und die Norm weißer Männlichkeit
Fotograf: Alejandro Luengo. Unsplash

Im Zentrum rechter Weltanschauungen steht grundsätzlich eine Ungleichheit der Menschen, dargestellt als „natürliche“ Differenz. Die politische Rechte leitet Rollenverteilungen und Hierarchien daraus ab, die als gegeben und unveränderlich erscheinen. Diese Vorstellungen beinhalten Forderungen nach Einschränkungen grundlegender Rechte auf struktureller Ebene von FLINTA*[1]-Personen und Menschen mit Migrationserbe, um Privilegien v.a. von weißen Männern zu sichern. Die extrem rechte Partei AfD verschärft diese Verhältnisse.

Die Norm dominanter Männlichkeiten

Geschlechtliche Normen manifestieren sich im Kindesalter. Forschungen des Erziehungswissenschaftlers Kurt Möller[2] zeigen, wie von klein auf ein Bild von überlegener Männlichkeit geschaffen wird – Durchsetzungsfähigkeit und Risikobereitschaft gelten bereits unter Kindern als wichtige männliche Eigenschaften. Später verspüren viele männlich-sozialisierte Jugendliche den Druck, die eigene Heterosexualität als Demonstration „wahrer“ Männlichkeit beweisen zu müssen. Auf Schulhöfen ist „schwul“ seit jeher ein weit verbreitetes Schimpfwort. Ein Denken und Handeln, das (cis-) männliche Überlegenheit gegenüber weiblich-sozialisierten und queeren Personen umfasst, wird verinnerlicht. Diese Prozesse vollziehen sich gewöhnlich unterbewusst – und sind Ergebnis unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Möller stellte in seiner Studie fest, dass solche (geschlechtsverbundenen) Werte im sozialen Umfeld bereits bei Jugendlichen Ungleichheitsvorstellungen verfestigen. Die Konsequenz kann eine Anfälligkeit für rechtes Gedankengut sein.

Männlichkeit und bestimmte Vorstellungen einer Geschlechterordnung sind äußerst präsent in der Rechten. Damit mobilisiert die AfD leicht Menschen, die traditionelle Geschlechterbilder befürworten. Das spiegelt sich in den politischen Programmen, dem Auftreten und der inneren Struktur der AfD wider.

Exklusive Familienbilder sind antifeministisch

Ein konservatives Familienbild, das auch in der Gesamtgesellschaft dominiert, war in der Rechten schon immer zentral. Der Soziologe Sebastian Scheele[3] beobachtet in den letzten Jahren im rechten antifeministischen Diskurs verstärkt eine Zentrierung auf die Familie. Die familiäre Norm schließt verheiratete heterosexuelle monogame cisgender Paare inklusive gemeinsamer Kinder ein. Andere familiäre und geschlechtliche Konstellationen gelten als Abweichung vom Ideal. Das Konstrukt behauptet für sich Exklusivität und positioniert sich dadurch antifeministisch.

Die AfD argumentiert in ihrer Bevölkerungspolitik gegen geschlechtliche und sexuelle Vielfalt, gendersensible Sprache oder Geschlechterforschung[4]. Dadurch schafft die extrem rechte Partei niedrigschwellige Identifikationsmöglichkeiten. Das konservative Familienkonstrukt bietet vielen Menschen eine Anschlussfähigkeit und mobilisiert für weiteres rechtes Gedankengut[5].

Über die Familie zum nationalen Volkskonstrukt

Das Ideal der Zweigeschlechtlichkeit von Eltern wird als biologisch-natürlich dargestellt. Es unterteilt die Familie und die Gesellschaft in abgegrenzte und hierarchisch angeordnete Gruppen. In dem patriarchal familiären Modell kennt jede*r seinen*ihren Platz und Positionen sind nur begrenzt aushandelbar[6]. Die Rechte instrumentalisiert das traditionelle Geschlechterbild und präsentiert den Zustand sozialer Ungleichheit und Hierarchie als unausweichlich und naturhaft. Dieses antifeministische Familienmodell formt die Vorstellung der Nation.

Ein rechtes Verständnis der „natürlichen“ Abgrenzung zu anderen Nationen, Kulturen oder Religionen hat sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt. Die nationale Gesellschaft wird dabei als Einheit konstruiert, bei der die Familie die Grundlage des „deutschen Volkes“ bildet und Träger*in des biologischen Erbes ist. Hierbei werden vor allem Frauen als „Reproduzent*innen der Nation“ aufgerufen, sich um den Erhalt der Familie zu sorgen[7]. Das legt eine weibliche Verantwortung für den Erhalt der Bevölkerung nahe.

Das zentrale Element der Ungleichheit und Hierarchie im rechten Gedankengut wertet Menschen ab, die nicht dem Ideal entsprechen (können oder wollen). Wer einen Statusverlust oder Ausschluss befürchtet, ist daher anfällig für solche Gedanken. Das kann zu einer Projektion von potentieller Gefahr auf Andere im Außen führen[8]. Durch rassistische und diskriminierende Zuschreibungen soll die eigene Identität aufgewertet werden. Vorurteile bieten dem Individuum und dem Kollektiv durch die Konstruktion „Wir gegen die anderen“ Identität, Selbstwert und Zugehörigkeit. Ausgrenzungen wirken kompensatorisch.

Rechte Instrumentalisierung von Frauenrechten

Widersprüche offenbaren sich im geschlechterpolitischen Vorgehen der Rechten: Trotz allem werden Mann und Frau heute oft als gleichgestellt dargestellt. Birgit Sauer[9], Professorin der Politikwissenschaft an der Universität Wien, beschreibt dies als rechte Strategie, die der „eigenen“ Kultur eine bereits erreichte Geschlechteremanzipation zuschreibt. Das führt zu einer allgemeinen Abwertung vermeintlich frauenunterdrückender, ethnischer oder religiöser Kulturen. Diese kulturelle Hierarchisierung kennzeichnet moderne Rassismen, die sich von biologischen Interpretationen vergangener Jahrhunderte lösen.

Die Instrumentalisierung feministischer Anliegen wie Frauenrechte stigmatisiert männlich-gelesene Migranten als Prototyp des Vergewaltigers. Besonders deutlich zeigen dies Reaktionen der AfD zu den sexualisierten Übergriffen der Silvesternacht 2015 in Köln. Pauschale Verurteilungen spezifischer Gruppen missachten die Bedrohung durch Männer in der Gesamtgesellschaft. Das verschleiert Gewalt gegen FLINTA*-Menschen, die über alle Grenzen hinweg existiert.

Geschlechterverständnisse wandeln sich auch in der Rechten – so werden heute Frauen als emanzipiert verstanden und neue Rollenbilder der Geschlechter präsentiert. Das versteckt dahinterliegende rechte Werte. Familiäre Normen stehen im Zentrum rechter Ideologien. Dabei lebt die Rechte davon, dass das Ideal der klassischen Kleinfamilie in der Gesamtgesellschaft vorherrscht. Das ist gefährlich, weil sich geschlechtliche Ansätze mit einer nationalistischen und rassistischen Ideologie kombinieren lassen. Ein normiertes Verständnis von Familie und das grundlegende Ungleichheitsverständnis der Rechten halten Ausgrenzungen und Diskriminierungen gegenüber queeren Lebensformen oder Menschen mit Migrationserbe aufrecht.

Luisa Stühlmeyer hat zum Thema Antifeminismus und Geschlechterverhältnisse in der politischen Rechten ihre Bachelorthesis geschrieben.

 


Antifeminismus in Kürze

  • Organisierter Antifeminismus positioniert sich ausdrücklich auf heteronormative Weise gegen eine Vielfalt sexueller, geschlechtlicher und familialer Lebensformen. Das Ideal einer Familie mit Mutter, Vater und Kindern ist zentral.
  • Antifeministisches Gedankengut ist leicht kompatibel mit weiteren rechten Ideologien wie Rassismus.
  • Verbreitung: Antifeministische Denk- und Verhaltensmuster sind oft in alltäglichen Zusammenhängen erkennbar. Darüber hinaus sind diese Vorstellungen oft Bestandteil terroristischer Anschläge wie 2011 in Oslo und Utøyo. Die Incel-Szene als antifeministische Akteur*in ist in den letzten Jahren präsent in kritischen medialen Diskursen. Die extrem rechte Partei AfD ist Vertreter*in des Antifeminismus in deutschen Parlamenten.
  • Im gegenwärtigen Antifeminismus vereinen sich unterschiedliche Akteur*innen aus der Gesamtgesellschaft v.a. durch Bezüge gegen ‚Gender‘. Eine Ablehnung aller Formen von kritischen Auseinandersetzungen mit Geschlecht und Geschlechterverhältnissen sticht hervor.

 

[1] FLINTA* ist eine Abkürzung für (Cis-)Frauen, Lesben, Intersex-, Nicht-Binäre-, Trans- und Agender-Menschen. Das hier verwendete * verdeutlicht, dass auch darüber hinaus geschlechtliche und sexuelle Formen existieren. Der Begriff FLINTA* versucht verschiedene Gruppen von Menschen bewusst miteinzubeziehen.

[2] Möller, Kurt (2011): Konstruktionen von Männlichkeiten in unterschiedlichen Phänomenbereichen des Rechtsextremismus. In: Birsl, Ursula (Hg.): Rechtsextremismus und Gender. Opladen. S. 129-145.

[3] Scheele, Christian (2016): Vom Antifeminismus zu ‚Anti-Genderismus‘? Eine diskursive Verschiebung und ihre Hintergründe. Keynote auf der Tagung „Gegner*innenaufklärung – Informationen und Analysen zu Anti-Feminismus“. Gunda-Werner-Institut in der Heinrich-Böll-Stiftung am 31.05.2016.

[4] Kemper, Andreas (2016): Geschlechter- und familienpolitische Positionen der AfD. Vortrag auf der Tagung „Gegner*innenaufklärung – Informationen und Analysen zu Anti-Feminismus“. Gunda-Werner-Institut in der Heinrich-Böll-Stiftung am 31.05.2016.

[5] Sauer, Birgit (2017): Gesellschaftstheoretische Überlegungen zum europäischen Rechtspopulismus. Zum Erklärungspotenzial der Kategorie Geschlecht. In: Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft (Hg.): Politische Vierteljahresschrift. 58. Jg., 1/2017. Heidelberg.

[6] Rommelspacher, Birgit (2011): Frauen und Männer im Rechtsextremismus – Motive, Konzepte und Rollenverständnisse. In: Birsl, Ursula (Hg.) Rechtsextremismus und Gender. Opladen

[7] Sauer, Birgit / Kuhar, Roman / Ajanović, Edma / Saarinen, Aino (2017): Exklusive intersections. Constructions of gender and sexuality. In: Lazaridi, Gabriella / Campani, Giovanna (Hg.) Understanding the Populist Shift. Othering in a Europe in crisis. Abingdon/New York.

[8] Rommelspacher, Birgit (2011): Frauen und Männer im Rechtsextremismus – Motive, Konzepte und Rollenverständnisse. In: Birsl, Ursula (Hg.) Rechtsextremismus und Gender. Opladen

[9] Sauer, Birgit (2017): Gesellschaftstheoretische Überlegungen zum europäischen Rechtspopulismus. Zum Erklärungspotenzial der Kategorie Geschlecht. In: Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft (Hg.): Politische Vierteljahresschrift. 58. Jg., 1/2017. Heidelberg.

Luisa hat Kultur der Metropole in Hamburg studiert und beschäftigt sich gern mit politischen Themen, v.a. im Kontext feministischer Diskurse. Bei kohero ist sie seit Januar 2021 und möchte sich hier für einen Dialog zwischen Menschen mit den verschiedensten Hintergründen einsetzen.
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