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Kultur der Liebe #3: Wunsch nach sexueller Selbstbestimmung

Sorour ist im Iran in einem sehr konservativen Umfeld aufgewachsen und hatte zum ersten Mal mit 16 Jahren Kontakt zu Jungen – allerdings in Deutschland. Im dritten Beitrag unserer Reihe "Kultur der Liebe" spricht sie über ihre ersten Erfahrungen beim Daten, Vorurteile und den Wunsch, sich sexuell frei auszuleben.

Kultur der Liebe #3: Sorour
Fotograf: Maxi Spalek (sie/ihr; Illustratorin)

Dating und Liebe – das kann sehr schön aber auch sehr anstrengend sein. Schön, weil man auf eine Person treffen kann, die einen inspiriert, mit der man Nähe und Intimität austauschen kann. Anstrengend, weil wir in einer Gesellschaft leben, die immer schnelllebiger wird, mit sexistischen und rassistischen Stereotypen und Normen. Welche Erfahrungen machen Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung in Deutschland beim Daten und in der Liebe? 

Zwei Menschen treffen aufeinander und damit auch zwei (kulturelle) Identitäten mit unterschiedlichen Erwartungen, Sozialisierungen und Erfahrungen. Unterschiedliche Wünsche, Freiheiten und manchmal auch Sprachen. Dabei kann es zu Missverständnissen, Vorurteilen, neuen Einblicken und Gemeinsamkeiten kommen. 

 

Sorour ist 20 Jahre alt. Sie ist mit ihrer Mutter und ihrer Schwester im Iran in einer sehr konservativen Gesellschaft aufgewachsen. Das soziale Leben dort ist nach Geschlechtern aufgeteilt. Zur Schule ist sie nur mit Mädchen gegangen, auch in ihrer Familie hatte sie keinen Kontakt zu männlichen Altersgenossen. Erst als sie mit 16 Jahren nach Deutschland kommt, lernt sie auch Jungs kennen. Die Umstellung auf ein neues Leben in einer neuen Gesellschaft auf einem neuen Kontinent war eine Herausforderung. Mittlerweile ist sie sich sehr bewusst über das was sie will, über ihre sexuelle Identität und Bedürfnisse. In Deutschland kann sie diese freier ausleben und stößt trotzdem immer wieder auf Vorurteile und Grenzen, die mit stereotypischen Bildern einer iranischen Frau zu tun haben. 

 

„Es wurde nicht gerne gesehen, dass ein Mädchen nicht nur Freundinnen, sondern auch Freunde hat“

 

Im Iran hatte ich überhaupt keine Möglichkeit, irgendwelche romantischen Beziehungen zu entwickeln. Die Gesellschaftsstruktur war sehr konservativ, der freund*innenschaftliche, romantische und sexuelle Kontakt zwischen Männern und Frauen eigentlich verboten. Es wurde nicht einmal gerne gesehen, dass ein Mädchen nicht nur Freundinnen, sondern auch Freunde hat. Der einzige legitime Kontakt von einer Frau und einem Mann, wenn sie nicht miteinander verwandt sind, ist im Rahmen einer Ehe. Freundinnen von mir hatten heimlich einen Freund, aber dafür wäre ich zu feige gewesen. Und weil wir keinen wirklichen Kontakt zu unseren Verwandten hatten, hatte ich keinen einzigen Kontakt zu Männern oder Jungen und somit auch gar nicht die Möglichkeit gehabt, eine geheime Beziehung zu führen.

Das gesellschaftliche System ist sehr eingrenzend,  was Liebe und Sexualität betrifft. Erst in Deutschland habe ich männliche Freunde kennengelernt, auch die ersten männlichen iranischen Freunde. Damals habe ich mich auch nur zu Frauen hingezogen gefühlt. Das einzige was ich erlebt habe, war mein erster Kuss. Den hatte ich mit einem Mädchen, auf die Lippen, und das war sehr schön.

 

„Ich war einfach satt von diesem Bild“

 

Ich bin so genervt von dem Thema Heirat in der iranischen und muslimischen Kultur. Nicht nur, dass es als der einzige legitime Rahmen zur Auslebung der eigenen Sexualität gilt, sondern auch das Frauenbild, das durch diese Partner*innenschaft vermittelt wird. Dieses konservative Bild von Partner*innenschaft war für mich schon immer negativ besetzt. Ich stellte mir das so vor, dass ich morgens aufstehe, Frühstück mache, meinen Mann aufwecke und dann die Kinder vorbereite, sie gehen zur Schule, wir haben schlechten Sex. Ich habe vielleicht keinen Job, ich bin unglücklich und abhängig von meinem Mann. Und ich war mir immer sicher, dass ich sowas nicht will. Ich war einfach satt von diesem Bild. Und ich will auf gar keinen Fall schlechten Sex haben! Für mich war es auch klar, dass die Auslebung meiner Sexualität nichts mit Liebe zu einem anderen Menschen zu tun haben muss. Ich möchte unverbindlichen Sex haben.

In Deutschland ist die Gesellschaft sexuell sehr viel offener und selbstbestimmter. Ich dachte, das passt viel mehr zu mir, jetzt einfach diese freie Frau zu sein, die selber über ihr Leben bestimmt und nicht nur fremdbestimmt wird. Diese neuen Freiheiten wollte ich genießen. Ich hatte noch keine sexuellen Erfahrungen und war sehr interessiert, diese neuen Dinge auszuprobieren. Hier habe ich zum Beispiel gemerkt, dass ich auch Jungs gut finde. Ich weiß auch, dass es nicht nur dieses eine Bild der iranischen und muslimischen Kultur gibt, es ist nur sehr präsent. Und davon möchte ich mich loslösen.

 

„Für mich ist das so, dass ich mich sehr für andere Kulturen interessiere, mich aber immer nur in meiner eigenen Kultur befinde“

 

Ich finde es allerdings gar nicht so leicht, diese neuen Freiheiten hier zu nutzen. Ich weiß nicht, wie ich Menschen treffen kann, um diese neuen Erfahrungen zu sammeln. Auf Dating-Apps habe ich keine Lust. Über eine Schreibgruppe habe ich einen deutschen Jungen kennengelernt. Ich war gar nicht romantisch an ihm interessiert, aber er war der einzige Junge in meinem Umfeld und ich wollte ausprobieren, ihn zu küssen. Er wollte mich dann direkt seiner Familie vorstellen und da hatte ich das Gefühl, dass er das nur macht, weil ich Iranerin bin. Als ob ich diese arme Frau bin, die Probleme bekommt, weil sie einen Jungen geküsst hat. Ich denke, er hätte das nicht gemacht, wäre ich eine Deutsche.

Es ist nicht das einzige Mal, dass ich das Gefühl hatte, mit einem Bild von einer iranischen Frau konfrontiert zu werden, dem ich nicht entspreche. Einmal habe ich mich mit einem Syrer getroffen und es wirkte, als würde er mich nur daten, weil ich Iranerin bin und ich deshalb eine treue Ehefrau und gute Mutter wäre. Er wollte heiraten, aber keine europäische Frauen, da die immer fremd gehen würden. Am Liebsten hätte ich ihm gesagt, dass ich auch Iranerinnen kenne, die ihre Männer betrügen. Und ich dachte nur, dass das genau das ist, was ich nicht möchte. Das hätte ich genauso gut im Iran machen können. Mit ihm habe ich mich nicht mehr getroffen.

Ich hatte aber immer noch Lust, auch sexuelle Erfahrungen zu machen. Über den Freund einer Freundin habe ich dann einen Afghanen, der im Iran aufgewachsen ist, kennengelernt. Ich habe ihm dann einfach gesagt, dass ich gerne Sex mit ihm haben würde, um das auszuprobieren. Er war erstmal überrascht. Er meinte, ich würde so brav wirken, wie ein “Vorzeigeflüchtling”, die sich nur für die Schule interessiert. Eben nicht die selbstbestimmte iranische Frau, die nach Sex fragt. Das war das erste Mal, dass ich solche Erfahrungen auf meiner Muttersprache erleben konnte, davor habe ich mit den Jungs, die ich getroffen habe, nur Deutsch gesprochen.

Ich interessiere mich eigentlich sehr für andere Kulturen und fühle mich auch sicher genug, um auf Deutsch zu daten. Aber ich befinde mich immer nur in meiner eigenen Kultur. Es wirkt für mich so, als ob Deutsche kein Interesse daran haben, eine Ausländerin wie mich zu daten. Als ob sie keine Lust auf Stress hätten und sich deshalb zurückhalten, wobei wieder das Bild der unfreien und unselbstbestimmten iranischen Frau auf mich projiziert wird, was mich sehr  nervt.

 

Sorours Wunsch in Bezug auf Dating und Liebe ist, dass Frauen sich mehr erlauben. Sie hat das Gefühl, viele Frauen trauen sich nicht, aufgrund ihrer Kultur, der Vorurteile oder der Angst beschimpft und stigmatisiert zu werden, ihre Sexualität frei auszuleben. Wichtig ist es ihr dabei vor allem, dass Frauen sich diese Freiheiten auch untereinander zugestehen und sich nicht gegenseitig für ihre sexuellen Aktivitäten verurteilen. 

 

 

Die Reihe „Kultur der Liebe“ erscheint zweiwöchentlich. Möchtest auch du Teil unserer Reihe werden und uns von deinen Erfahrungen rund ums Dating erzählen? Melde dich unter team@kohero-magazin.de oder per DM auf Instagram oder Facebook. Die Porträts der Reihe “Kultur der Liebe” werden von Maxi Spalek illustriert.

Emma Bleck
Emma kommt aus Hamburg und hat dort “Kultur der Metropole” an der Hafencity Universität studiert. Seitdem ist sie kritische Alltagsforscherin und befasst sich mit machtkritischen Gesellschaftsanalysen. Sie liest gerne und interessiert sich für Sprachen, Feminismus und Migration. Nebenbei engagiert sie sich politisch.

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Emma Bleck
Emma kommt aus Hamburg und hat dort “Kultur der Metropole” an der Hafencity Universität studiert. Seitdem ist sie kritische Alltagsforscherin und befasst sich mit machtkritischen Gesellschaftsanalysen. Sie liest gerne und interessiert sich für Sprachen, Feminismus und Migration. Nebenbei engagiert sie sich politisch.

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