Journalismus neu denken und ausprobieren

Journalistische Ausbildungsstätten suchen Nachwuchs. Da stellt sich die Frage, ob sie mit dem, was sie anbieten noch das treffen, was sich junge Menschen mit journalistischem Interesse vorstellen. Hussam Al Zaher macht sich Gedanken darüber, wie das Berufsbild und der Weg dorthin attraktiver werden könnte - und was sich dafür ändern müsste.

Der Nachrichtenüberblick, zu sehen ist die Illustration einer Frau, die sich an ihre Laptop arbeitet
Fotograf: kohero Magazin

Eine Schule für Journalismus hat mich zu einer Kampagne eingeladen, die junge Menschen dazu motivieren sollte, sich zum Journalisten oder zur Journalistin ausbilden zu lassen. Leider konnte ich aus Zeitgründen nicht an dieser Kampagne teilnehmen. 

Diese Kampagne hat bei mir viele Fragen aufgeworfen: Warum möchten junge Menschen keine journalistische Ausbildung machen? Warum wollen das nur wenige Jüngere? Ist es, weil die Welt sich verändert und die Schulen ihre Ausbildung noch nicht an diese Veränderung angepasst haben? Sollte die Kampagne die Lösung dieses Problems sein? 

Die große Frage ist, ob junge Leute durch meinen Beitrag Mut bekommen sollten, an einer bestimmten Journalismus-Schule zu studieren. Ja, Menschen lassen sich durch andere inspirieren und lernen voneinander. Aber wenn eine Schule Probleme hat mit zu wenigen Bewerbungen junger Menschen, kann das nicht alleine durch eine Kampagne gelöst werden.

 

Wo liegt das Problem genau?

Zuerst sollten wir schauen, woher dieses Problem kommt. Liegt es an den jungen Leuten, am System oder vielleicht an der Welt? Vielleicht ist ein Problem, dass die Schulen noch nicht bemerkt haben, dass die Sprache sich verändert hat und sie deshalb ihre Sprache modernisieren sollten. Junge Leute, die man heute erreichen möchte, benutzen und verstehen eine andere Sprache.

Oder ist es so, dass in der digitalen Welt viele junge Menschen vieles selbst ausprobieren und lernen, dass sie andere Informationen und ein anderes Bildungsangebot brauchen, als das, was die Schule bietet?

 

Vielleicht können und dürfen nur Eliten Journalist*in sein?

Meistens ist der Weg zum Journalisten oder zur Journalistin sehr hart. Man muss viel lernen und arbeiten, einen Master haben, während oder nach dem Studium viele unbezahlte Praktika machen, viele langweilige Aufgaben übernehmen, die die Redaktion nicht machen möchte. Dann muss er oder sie ein Volontariat finden, mit viel Glück beim Rundfunk oder Fernsehen, wo er oder sie bei gutem Gehalt erste Schritte machen kann und sich auf sein oder ihr Talent fokussieren kann.

Mit weniger Glück findet er oder sie ein Volontariat bei einer Lokalredaktion mit viel Arbeit und wenig Geld. Während des Volontariats müssen viele Kontakte geknüpft und Netzwerke aufgebaut werden, um Aussichten auf einen Job zu haben.

Das System ist so, dass es nur die Besten und Stärksten schaffen, als Journalist*in zu arbeiten. Weil gute Journalisten und Journalistinnen eine gute Bildung brauchen, schaffen es meistens nur Kinder von gebildeten Eltern aus der Mittelschicht, also eine Elite, meistens Menschen ohne Migrationshintergrund. Das ist ein Teil des Problems, warum die deutschen Medien nicht die Vielfalt abbilden, die es in der Gesellschaft gibt.

 

Vielfältige Erwartungen – aber keine Vielfalt, die sich in den Medien abbildet

Die Medienunternehmen erschweren vielen Menschen den Zugang, erstens weil sie unbezahlte oder gering bezahlte Praktika anbieten und zweitens, weil sie nicht nur Journalist*innen brauchen, sondern auch Schriftsteller*innen, Autor*innen, Sprachwissenschaftler*innen. Am besten alles in einer Person. Die Stellen werden nur an Bewerber*innen vergeben, die viele Praktika nachweisen können. Die Unternehmen suchen Menschen mit viel Erfahrung und wollen nicht in junge Leute investieren.

Ich habe keine journalistische Ausbildung gemacht, bin eher durch Zufall Journalist geworden. Ich habe einfach angefangen zu arbeiten und habe Erfahrungen gesammelt und aus Fehlern gelernt. Deshalb frage ich mich, ob Erfahrung bedeutet, alles so zu machen, wie man es schon immer gemacht hat, ohne offen zu sein für Modernisierung und neue Ideen. Dadurch lernen junge Leute nicht, weiterzudenken und neue Formate zu entwickeln. 

 

Vertrauen, um an die eigenen Möglichkeiten zu glauben

Welches Potential steckt in den frischen Gedanken von jungen Leuten, von Menschen, mit noch einer anderen als der deutschen Hausmedien-Perspektive? Wie wäre es, wenn sie journalistische Erfahrungen sammeln könnten, über neue Formate nachdenken, neue Ideen haben und umsetzen, nicht nur auf den amerikanischen Markt schauen und sich daran orientieren?

Hier bei kohero spielen wir in einer anderen Liga. Aber wir versuchen mit unseren Ehrenamtlichen und Praktikant*innen über neue Formate nachzudenken, sie umzusetzen, Neues zu entdecken. Viele junge Menschen brauchen Vertrauen, um an ihre Arbeiten und Möglichkeiten zu glauben. Und Freiraum zum Entwickeln und Ausprobieren.

 

Welche Möglichkeiten gibt es?

Social Media und die digitale Entwicklung bieten vielen jungen Leuten mehr Möglichkeiten, mehrere Plattformen, auf die sie in direktem Kontakt zu Menschen sind, besondere Inhalte entwickeln und Community bauen können.

Zum Beispiel hat der SWR einen Podcast mit TikTok-Sternchen Jule Nagel gemacht: julesboringlife ist tiktok Influencer mit 5,5 Mio. Followern. Die ersten Folgen waren zu den Themen Mauerfall und Freundschaft. 

Der SWR hat auch mit den Instagrammerinnen Johanna Kürwitz und Victoria Lauer den jungen Politik-Podcast “Die&Du” gegründet. Beide Podcasts richten sich an die Generation Z. Auch viele andere Medien suchen neue Ideen, um diese Generation zu erreichen.

 

Flexibler arbeiten zu den eigenen Bedingungen

Eine andere, sehr gute Idee hatte der MDR mit dem Nachwuchsprogramm “MDR fresh”. Hier können junge Talente auch ohne Hochschulabschluss neun Monate lang bei guter Bezahlung praktische Erfahrungen sammeln in den Bereichen Video- und Audioproduktion, Social Media, Radio und Fernsehen. Mit diesem Format möchte der MDR Menschen „mit unterschiedlichen Lebensperspektiven” erreichen, speziell auch mit Migrationshintergrund. Die Teilnehmer*innen erhalten monatlich 1.790 Euro und die Möglichkeit einer beruflichen Perspektive beim MDR.

Einen interessanten Aspekt spricht Prof. Tanjev Schultz von der Uni Mainz an: „Und der Nachwuchs ist anspruchsvoller geworden, etwa mit Blick auf Perspektiven für die berufliche Weiterbildung, aber auch für die eigene Work-Life-Balance.” Und:  „Viele junge Leute wollen zwar flexibel arbeiten, aber zu ihren eigenen Bedingungen.”

 

Was heißt das für die Journalismus-Schulen?

Die Journalismus-Schulen sollten prüfen, ob ihre Inhalte veraltet sind und neue, moderne Ausbildungsangebote entwickeln. Durch Social Media haben junge Leute viele Erfahrungen gesammelt, möchten Neues ausprobieren, Fehler machen dürfen, und am Ende auch Geld für ihre Arbeit bekommen. Vielleicht haben sie einen Podcast gegründet, ihren persönlichen Newsletter entwickelt.

Wenn die Schulen die jungen Leute erreichen wollen, müssen sie bereit sein, mit ihnen zusammen ihre Projekte zu entwickeln. Viele sind in der Lage, eine Community auf Instagram oder TikTok aufzubauen und Inhalte für ihre Zielgruppe zu produzieren. Vielleicht ist es inhaltlich oder sprachlich noch nicht perfekt. Genau auf diese jungen Leute, die sich weiterentwickeln wollen, können und sollten sich die Schulen fokussieren und ihnen die Möglichkeit zu dieser Weiterentwicklung bieten.

Corona, Digitales, Social Media haben die Medien und den Journalismus verändert und werden sie weiter verändern. Die Frage ist, wie offen die deutschen Medien für Veränderungen sind, oder ob sie – wie die deutsche Gesellschaft insgesamt – Angst vor Veränderung haben. Nur die Zeit kann die Frage beantworten.

 

Hussam studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland. Er ist Gründer und Chefredakteur von kohero. „Das Magazin nicht nur mein Traum ist, sondern es macht mich aus. Wir sind eine Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen.“

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Hussam studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland. Er ist Gründer und Chefredakteur von kohero. „Das Magazin nicht nur mein Traum ist, sondern es macht mich aus. Wir sind eine Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen.“

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