Ein Dialog muss stattfinden, damit Ängste und Vorurteile abgebaut werden können

Selten wurde das Thema Integration in Deutschland so sehr diskutiert wie in der jüngsten Vergangenheit. Wie kann Integration im Alltag aussehen und welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit sie überhaupt funktioniert? Diese und weitere spannende Fragen beantwortet Fe-Muin vom Netzwerk Fluchtort Hamburg 5.0.

Fotograf: Thorsten Wenning

Die Bundeszentrale für politische Bildung bezeichnet Integration als „die gesellschaftliche Eingliederung von Personen, die sich durch ihre ethnische Zugehörigkeit, Religion oder Sprache unterscheiden“. Bitte definieren Sie den Begriff Integration in eigenen Worten.

„Mir persönlich gefällt der Begriff Integration nicht. Vom soziologischen Blickwinkel heraus betrachtet, bedeutet der Begriff Integration ursprünglich, dass ein neuer Mensch auf eine schon bestehende Gruppe trifft. Dieser Neuankömmling muss dann immens viel Kraft und Energie aufbringen, um in diese Gruppe aufgenommen zu werden.“

Wie kann man dem Neuankömmling in diesem Prozess unterstützen?

„Da sind wir eigentlich – von der Definition her – bei der Inklusion. Denn auch die schon bestehende Gruppe muss sich öffnen, muss den Neuankömmling aufnehmen, muss also selbst aktiv werden. Doch momentan ist die Definition des Begriffes Integration eher schwammig geworden, die Grenzen sind nicht ganz klar. Zwar muss die Gruppe, in die der Neue integriert werden soll, auch etwas tun, aber im Grunde bedeutet Integration immer noch, dass der neu ankommende Mensch derjenige ist, der Arbeit aufbringen muss, um in die Gruppe aufgenommen zu werden.“

Sie arbeiten für das Netzwerk Fluchtort Hamburg 5.0. Wodurch leistet dieses Netzwerk seinen Beitrag zur Integration?

„Integration wird in der deutschen Gesetzgebung maßgeblich durch zwei Faktoren bestimmt. Einmal ist es das Erlernen der Sprache, hinzu kommt dann später die Teilnahme am Arbeitsleben. Wenn ein Mensch neu in Deutschland ankommt, muss er unsere Sprache lernen, um seinen Integrationswillen zu zeigen.
Daran führt kein Weg vorbei. Und natürlich ist Arbeit der nächste wichtige Aspekt, um klar machen zu können, dass man ein Teil der Gesellschaft werden will. Daher versuchen wir hier beim Netzwerk Fluchtort Hamburg 5.0 möglichst viele Menschen aus der ganzen Welt in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Wir kümmern uns beispielsweise darum, dass Qualifikationen, wie Diplome oder Abschlusszeugnisse, anerkannt werden. Und wir vermitteln Praktika. Denn durch Praktika können die Geflüchteten schon mal ein wenig in die Arbeitswelt reinschnuppern. Oft ergeben sich daraus später auch Arbeitsplätze, wenn es dem Praktikanten gelingt, seinen zukünftigen Arbeitgeber zu beweisen, dass er fit und motiviert ist. Darüber hinaus vermitteln wir Plätze in Sprachkurse.“

Mit welchen Schwierigkeiten sehen Sie sich in Ihrer täglichen Arbeit konfrontiert?

„Vorurteile spielen hier leider eine große Rolle. Der Arbeitgeber für ein Praktikum denkt beispielsweise, dass eine Qualifikation aus Afghanistan nichts wert sei. Das ist die eine Problematik. Hinzu kommt, dass es mitunter sehr lange dauert, bis die Qualifikationen auch tatsächlich anerkannt werden. Die Kammer benötigt in etwa drei bis vier Monate. Aber schon im Vorfeld muss das Zeugnis überhaupt erstmal beschafft werden, dann muss es übersetzt und im nächsten Schritt beglaubigt werden. Das alles braucht sehr viel Zeit. Und es muss ein Antrag auf Kostenübernahme gestellt werden. Wir reden hier von Kosten von bis zu 6000 Euro für eine Berufsanerkennung einer normalen Ausbildung. Das ist sehr viel Geld. Daher macht es Sinn, den Antrag erst zu stellen, wenn man schon beim Jobcenter registriert ist, denn in den meisten Fällen übernimmt dann das Jobcenter die Kosten. Aber leider nicht bei allen. Denn es kommt auch vor, dass das Jobcenter entscheidet, dass eine Anerkennung nicht notwendig sei. Weil die Chancen, dass in dem gelernten Beruf auch tatsächlich Arbeit gefunden wird, zu gering sind. Dann wird meistens eine Umschulung vorgeschlagen oder sogar eine komplett neue Ausbildung. Manchmal wird auch gar keine Qualifizierung benötigt, da es genügend Jobs gibt, die keine erfordern.“

Was ist noch Bestandteil Ihrer Arbeit?

„Unsere Hauptaufgabe ist ganz klar die Integration in den Arbeitsmarkt. Die Geflüchteten kommen zu mir in die Beratung und ich schaue mir erstmal ganz genau ihre Bewerbungsunterlagen an. Dann überlegen wir gemeinsam: Wo soll sich überhaupt beworben werden? Ist das Foto ansprechend und professionell? Danach muss ich dann sorgfältig schauen, ob eine Anerkennung überhaupt möglich ist. Ist das Ganze realistisch? Bedarf es überhaupt einer Anerkennung? Denn es kommt auch vor, dass eine Anerkennung gar nicht wichtig ist. Es gibt Berufe, die nicht reglementiert sind, wie zum Beispiel der Beruf des Automechanikers. Hier muss dann kein Anerkennungsverfahren eingeleitet werden. Sondern man kann direkt mit der Praktikumsplatzsuche losgelegen, damit der Flüchtling die Chance hat, zu zeigen, dass motiviert und fit ist. Also schaue ich, wo es Praktikumsplätze gibt, schreibe Firmen an, trete mit ihnen in Kontakt und vereinbare ein erstes Kennenlernen. Es ist also viel Vermittlungsarbeit, aber in einigen Fällen klappt es danach sogar mit einer Anstellung. Ein weiterer Bestandteil meiner Arbeit ist die Vermittlung in Deutschkurse (ESF-BAMF).“

Was glauben Sie, warum fällt es vielen Migranten so schwer, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren?

„Ich glaube, dies ist eine beidseitige Sache. Und ich würde die Frage gerne umformulieren. Es müsste vielmehr heißen: Warum ist Integration ein so schwieriger Prozess? Ich denke, ein Problem sind hierbei definitiv die Medien und die Art und Weise, wie Flucht, Migration und auch Integration in den Medien dargestellt wird. Als das Ganze in etwa vor zwei Jahren hochkochte, war in den Medien immer wieder die Rede von der „Flüchtlingskrise“ oder von der „Flüchtlingswelle“.  Diese beiden Begrifflichkeiten schüren sofort eine Angst, denn die Menschen wissen nicht genau, was da überhaupt auf sie zukommt, sie sind verunsichert. Die Medien haben alles sehr aufgebauscht. Und das erschwert meiner Meinung nach massiv die Integration. Und die Menschen, die sich gegen Integration sperren, sind oft diejenigen, die am wenigsten mit den Geflüchteten zu tun haben. Es gibt gar keinen Grund, Angst zu haben, denn es sind Menschen wie du und ich. Die meisten wollen einfach nur ein gesichertes Auskommen, einen sicheren Platz zum Schlafen und einen Lebensraum für sich und ihre Familien.“

Welche Verantwortung haben in diesem Zusammenhang der Staat und die Gesellschaft?

„Der Staat muss einen besseren Zugang zu Deutschkursen gewährleisten, denn das ist die einzige Basis, auf der die Flüchtlinge später kommunizieren können. Und Integrationskurse sind wichtig, denn sie haben in gewisser Weise auch die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der Geflüchtete irgendwann als mündiger Bürger in der deutschen Gesellschaft agieren kann. Aber es mangelt an Ressourcen. Hier müsste wirklich etwas getan werden. Und ich bin davon überzeugt, dass mehr Menschen möglichst früh der Zugang zu den Deutschkursen gewährleistet werden müsste. Die deutsche Sprache muss so früh wie möglich gefordert werden. Die meisten Menschen, die zu mir in die Beratung kommen, haben wirklich Lust, nach Beendigung des Deutschkurses zu arbeiten. Sie wollen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, wollen auch etwas zurückgeben. Und es muss mehr Austauschmöglichkeiten geben. Ein Dialog muss stattfinden, damit Ängste und Vorurteile abgebaut werden können.“

Was sind Ihrer Meinung nach Voraussetzungen für eine gelungene Integration?

„Der soziale Faktor spielt eine große Rolle. Neben der Sprache und der Arbeit darf dieser Integrationsfaktor nicht unterschätzt werden. Es muss wirklich aufgepasst werden, dass die Menschen nicht vereinsamen. Sie sind oftmals für Monate oder sogar Jahre nur unter sich in den Flüchtlingscamps, haben nur wenig Kontakt nach außen und sehr begrenzte Möglichkeiten am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Das verhindert, dass sie hier in Deutschland richtig ankommen. Es müsste also mehr Angebote für Flüchtlinge geben, zum Beispiel Freizeitaktivitäten wie Stadtausflüge, Sport oder Kino- und Theaterbesuche. Es muss gemeinsam in den Austausch, in den Dialog gegangen werden. Man muss „andere Seite“ kennengelernen. Das ist der erste Schritt, damit eine Öffnung stattfinden kann. Diese Öffnung multipliziert sich dann nach und nach. Man lernt einen Flüchtling kennen, erzählt Freunden von dieser Begegnung, davon, was man gemeinsam erlebt hat. So können Vorurteile und Ängste abgebaut werden. Kontakt und Begegnung, das ist, was wirklich wichtig ist!“

„Ich schreibe und fotografiere für das kohero Magazin, weil es durch seine unabhängige, kritische Berichterstattung einen wertvollen Beitrag zur Integration leistet. In der Redaktion arbeite ich mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern zusammen und dieser kulturelle Austausch motiviert und begeistert mich.“
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