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Borani Banjan und Ferni – Gerichte aus Afghanistan

Wie lernt man am besten eine andere Kultur kennen? Natürlich durch die Menschen oder die Sprache. Aber auch durchs Essen. Gemeinsam mit Über den Tellerrand Hamburg e. V. haben wir einen Abend lang typische afghanische Gerichte gekocht, uns in die Restaurants Kabuls geträumt und einen neuen Blick auf das Land bekommen.

Gerichte aus Afghanistan

Frische Tomaten, Auberginen, Minze, Brot, Zwiebeln und Knoblauch. Die Zutaten für unser 3-Gänge-Menü aus Afghanistan liegen fein säuberlich nebeneinander auf dem Bartresen. Der Blick des jungen Mannes fällt auf die Auberginen. Er runzelt die Stirn, denkt kurz nach. “Das sind die Falschen”, sagt er trocken und blickt in die Runde. Die Umstehenden schauen sich fragend an. “Die Kleinen wären besser gewesen. Immer die Kleinen kaufen. Die zerfallen nicht.” Aber es wird schon gehen, fügt der junge Mann hinzu. Ein kleines Lächeln erscheint im rechten Mundwinkel. Ayaz, 34 Jahre alt, aus Ghazni und Ehrenamtlicher bei Über den Tellerrand Hamburg e. V., ist an diesem Abend unser Küchenchef.

Wie bei einer WG-Party

Immer wieder ertönt die Klingel. Jede Person, die reinkommt, betritt neugierig den Raum. Wer wohl die anderen sind? Als Erstes fällt der Blick der meisten auf die “Küche”. Sie besteht aus einem Bartresen inklusive Spülbecken, Kühlschränken sowie zwei mobilen Herdplatten. Besonders Ayaz und Freba steht die Frage “Hier kochen wir?” klar ins Gesicht geschrieben. Doch sie verschwindet, als sie den Klang von Dari hören. Schnell entsteht ein munteres Stimmengewirr aus Deutsch und der Landessprache Afghanistans.

Küchenchef Ayaz

“Wollen wir uns erstmal vorstellen und ein wenig über uns erzählen?”, schlägt Karla von Über den Tellerrand Hamburg vor. Für einen kurzen Moment wird es ganz still, keine*r traut sich anzufangen. Ayaz erzählt, dass er seit zwei, drei Jahren bei Über den Tellerrand Hamburg dabei ist. Freba ist ebenfalls aus Afghanistan und Teil von Über den Tellerrand Hamburg. Ihr Blick und ihre Stimme sind fest. “Meine Kinder sind erwachsen und aus dem Haus. Jetzt habe ich Zeit für andere Dinge”, erklärt sie mit einem winzigen Lächeln. Sie wirkt entschlossen, ihr Wissen weiterzugeben. Nachdem auch wir anderen uns vorgestellt haben, nimmt Ayaz seine Rolle als Küchenchef verlegen an. Der Rest krempelt die Ärmel hoch.

“Wie möchtest du das geschnitten haben?”

Linsensuppe, Borani Banjan und Ferni – mit diesen Gerichten reisen wir gedanklich in die Restaurants Kabuls. Sahar hat für Ferni extra ein “special Powder” mitgebracht. Sina erklärt, dass Borani Banjan, ein Gericht mit gebratenen Auberginen und Tomaten, sehr typisch sei für die afghanische Küche: “Es ist eigentlich eine Vorspeise, kann aber auch gut als Hauptgericht gegessen werden.” Doch bevor die Aufgaben verteilt und geschnippelt werden kann, wird über die Rezepte diskutiert. Auf Dari. Ayaz, Freba, Sahar und Sina blicken auf die Zutaten, nehmen sie in die Hand, drehen und wenden sie. Ihre Blicke sind skeptisch, sie murmeln, zucken mit den Schultern und schauen sich gegenseitig fragend an. Um was es geht, können wir anderen nur erahnen und schauen uns ratlos und amüsiert an.

“Wir fangen einfach an”, beschließt Ayaz und legt für einen kurzen Moment seine Schüchternheit ab. Wir verteilen das Sammelsurium an Messern sowie Brettern und holen Schalen, Töpfe und andere Kochutensilien aus den kleinen Schränken. Immer wieder schielen wir zu Ayaz. “Wie soll ich die Auberginen schneiden?” fragt jemand. “Die Auberginen werden zuerst geschält und in Scheiben geschnitten”, antwortet Ayaz routiniert. Freba fügt hinzu: “Sie kommen dann ins Salzwasser. Auberginen müssen immer noch mit Salz bestreut werden und ziehen, aber so geht es schneller.” Nach und nach werden Auberginen, Tomaten, Zwiebeln sowie alle anderen Zutaten klein geschnitten.

Ein afghanischer Kochabend

Ein kleines Tänzchen schadet nie

“Es fehlt noch Musik!”, bemerkt Sina. Kaum ausgesprochen, ertönt Ahmad Zahir aus dem Lautsprecher ihres Handys. Freba verrät: “Das ist der afghanische Elvis Presley. Er hat sich sogar so angezogen wie Elvis! Ehrlich!” “Den kennt jede*r in Afghanistan”, ergänzt Sina und beginnt ihre Arme rhythmisch zur Musik zu bewegen. “Bei uns tanzt man viel mit den Armen”, lacht sie und bringt uns dazu, die Sachen für einen kurzen Moment liegen zu lassen und mitzumachen.

Die Küchencrew im Einsatz

Wer mit dem Schneiden fertig ist, unterhält sich – über Erfahrungen, Auslandsreisen, Zukunftswünsche, die aktuelle Situation. Fast unbemerkt wird als Erstes der Nachtisch zubereitet. Freba hilft Sahar, die etwas Sorge hat, dass das Ferni nichts wird. “Ich habe das noch nie gemacht”, gesteht sie mit zitternder Stimme. Die Zubereitung ist zum Glück einfach. Schnell wird die weiße Flüssigkeit in kleine Schüsseln gefüllt und zum Abkühlen nach draußen gestellt. Auch die Linsensuppe entsteht wie von selbst und köchelt leise vor sich hin. Nachdem die ersten zwei Gerichte so gut wie fertig sind, beginnt Ayaz, die Auberginenscheiben zu braten. Er wirkt dabei konzentriert, lächelt verlegen, wenn er sich unterhält. Für so viele hat er noch nicht gekocht, erzählt er und seine Augen funkeln. Als Küchenchef wirkt er zufrieden.

Wir brauchen nur Geduld

Langsam kommt der Hunger. “Es würde schneller gehen, wenn wir mehr Kochplatten hätten”, bemerkt Ayaz. “Ach, wir brauchen nur Geduld”, begegnet Freba ihm optimistisch. Während wir dabei zusehen, wie sich die gebratenen Auberginenscheiben stapeln, erzählt Freba von sich. Vor knapp 15 Jahren kam sie nach Deutschland, lebte zuerst in einem kleinen Dorf. Sie spricht neben Dari auch Russisch und fühlte sich eine Zeit lang der russischen Community verbundener. In Hamburg arbeitet sie im Bereich Bau und Elektrotechnik und ist die einzige Frau in der technischen Abteilung. “Ach, das geht schon. Die kennen mich ja”, winkt sie die Frage, ob es nicht manchmal anstrengend sei, die einzige Frau zu sein, mit einem Lächeln weg.

In der Luft liegt der schwere Duft von gebratenen Zwiebeln, Knoblauch und Auberginen. Im Nachbarraum werden zwei große Tische liebevoll eingedeckt. Sogar an die Teelichter wird gedacht. Die Musik ist mittlerweile verstummt. Als auch die Hauptspeise fertig ist, kommt es erneut zu einem kurzen Austausch auf Dari. Ayaz und Sina diskutieren offensichtlich darüber, wie das Essen angerichtet werden soll. Mit gekonnten Bewegungen verteilt Ayaz die Hauptspeise auf mehreren Platten, die direkt rüber getragen werden. Die anderen warten mittlerweile am Esstisch, wo schon Vor- und Nachspeise bereitstehen.

Mit den Händen schmeckt es am besten

Es ist halb zehn. Nach knapp drei Stunden sitzen wir nun gemeinsam am Tisch, vor uns das Essen. Für einen Moment blicken wir uns erwartungsvoll an. Dann werden Stühle nach hinten geschoben, um besser ans Essen zu kommen. Die ersten Bissen werden probiert und hier und da erklingt ein wohliges “Mhhh”. Abwechselnd erzählen Ayaz, Freba, Sina und Sahar von den Eigenschaften der Esskultur der afghanischen Küche. “Lautes Lachen beim Essen ist bei uns nicht erlaubt”, erzählt Ayaz. “Was sich total widerspricht, weil wir laut sind”, lacht Sina. “Man darf reden und lachen, aber alles in Maßen. Gute Manieren eben”, sagt Freba mit einem leicht mahnenden Ton und genießt ihre Suppe. Ayaz erzählt weiter, dass die Menschen in Afghanistan auf den Boden sitzen und ihr Essen mit der Hand zu sich nehmen. “Mit den Händen schmeckt es am besten”, schwärmt er und Sina stimmt zu, “so verfälscht du nicht den Geschmack.”

Nach dem Kochen lassen wir uns die Gerichte aus Afghanistan schmecken

Auch wenn wir zum Essen auf Stühlen sitzen, schmeckt es hervorragend. Immer wieder werden die Schüsseln herumgereicht und löffelweise nachgenommen. Die afghanische Küche sei nicht aufwendig, aber schnell sei sie auch nicht, erzählen die vier. Besonders der Reis ist zeitintensiv. “Er wird erst gekocht, aber nicht durch und dann wird er mit dem Topf in den Ofen getan, damit er durchgaren kann. Und auch die Gewürze werden separat in Öl und Wasser erhitzt und dann über den Reis gegossen”, erklären Sina und Freba. In Afghanistan koche man für 20, obwohl man nur zu dritt ist, lachen sie.

“Ich würde es gern morgen wieder essen.”

Langsam kehrt Ruhe ein. Wir sind müde, aber glücklich. Wir möchten wissen, ob Ayaz, Freba, Sahar und Sina lieber zu Hause afghanisch kochen oder auch mal auswärts essen. Sofort ist ein schroffes “Nein” von Freba zu hören und wir anderen lachen. “Afghanisch kann ich auch zu Hause kochen”, erläutert sie. Sie gehe lieber deutsch oder chinesisch essen.

Und was muss man unbedingt probieren, wenn man afghanisch essen geht? “Kabuli Palau”, kommt es bei Ayaz, Freba, Sahar und Sina wie aus der Pistole geschossen, “das ist unser Nationalgericht!” Kabuli Palau oder Qabili Palau ist ein Reisgericht mit Lamm, Möhren und Rosinen, das durch die besonderen Gewürze ganz besonders schmeckt. Als sie darüber reden, kommen sie ins Schwärmen und ihre Augen leuchten. Auch Bolani und Mantu, beides Teigtaschen, müsse man probieren. Die Teigtaschen sind unterschiedlich gefüllt, etwa mit Lauch. “Lauch ist super. Alles was stinkt … Zwiebeln, Knoblauch …”, lacht Sina.

Obwohl wir alle satt sind, können wir uns die Gerichte gut vorstellen. Vor uns stehen die leeren Teller und die Reste. Wir haben gut gegessen, es sei aber etwas kalt gewesen, bemerkt Ayaz selbstkritisch. “Ich würde es gern morgen wieder essen”, gähnt jemand mit einem zufriedenen Lächeln. Es folgt Ferni als Nachtisch. MIt aufgeregten Blick beobachtet Sahar uns anderen. Es schmeckt süß, aber nicht zu süß, genau richtig für einen perfekten Abschluss. Freba erinnert lächelnd: “Sahar war so aufgeregt, dass es nicht funktioniert.”

Es setzt die typische Stille ein, wenn alle essen und ihren Gedanken nachhängen.

Sina, Sahar und Freba schwärmen von anderen süßen Speisen aus Afghanistan. Es gebe ein Gebäck, das aussehe wie kleine Hüte oder Cream Rolls, ganz modern. In Afghanistan ist Gebäck jedoch nicht nur süß, sondern auch salzig. Für jeden Geschmack sei was dabei. Und immer ist Kardamom im Rezept.

Zurück in den Alltag und in die Nacht

Wir unterhalten uns nach dem Essen noch eine Weile. Dabei bestimmen vor allem Ayaz, Sahar und Freba das Gespräch. Es geht um die jeweilige persönliche Situation. Ayaz, der seine Schüchternheit abgelegt hat, berichtet vom Deutschlernen, von Bewerbungen, Tests, Anträgen und den zahlreichen Steinen auf seinem Weg. Wir machen ihm Mut, besonders Freba hat für ihn aufbauende Worte: “Viele haben das durchgemacht. Mach, was du kannst. Wenn das Papier kommt, das kommt, dann kommt der Rest auch.” Sie berichtet von Menschen, die sie kennt und die ihre Aufenthaltserlaubnis Jahre später erhalten haben.

Er dürfe einfach nicht aufgeben, auch wenn es schwer sei, sind wir der Meinung und ein Schweigen legt sich über uns.

Wir beschließen, dass es an der Zeit sei, abzuräumen. Stühle werden zurückgeschoben und jede*r nimmt, was er/sie tragen kann. Zusammen geht das Aufräumen ganz einfach. Statt einem Stimmengewirr ist nun immer wieder ein Gähnen zu hören. Die Müdigkeit ist groß. Die Ersten verabschieden sich. Es sei ein ganz toller Abend gewesen, doch nun müsse man zur Bahn, denn der Heimweg ist noch lang. Zwei müssen morgen noch arbeiten. “Dann los, los. Raus mit euch!” Hier noch ein Teller, da noch eine Schüssel und die “Küche” sieht aus wie vorher. Als das Licht im leetHub gelöscht wird, liegt noch immer der Geruch von gebratenen Zwiebeln, Knoblauch und Auberginen in der Luft.

 

Appetit bekommen? Ein Rezept aus Afghanistan findest du hier.

Beruflich wie privat haben es Diane Wörter angetan. Doch nicht nur beim Schreiben und Lesen geht ihr Herz auf, sondern auch beim Lindy Hop. Wenn sie nicht tanzt, trifft man sich in Museen, Kinos oder auf Konzerten. Bei kohero setzet sie ihr Können im Social-Media-Bereich ein. „Für mich ist kohero eine spannende Möglichkeit mich für etwas Gutes einzusetzen und das zu tun, was ich eh gerne mach: kreativ arbeiten, schreiben und Menschen kennenlernen.“

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