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Bewaffnete Konflikte, Klimakrise und COVID-19: Wie sich die weltweite Hungerkrise verschärft

155 Millionen Menschen leben aktuell in extremer Hungersnot, 20 Millionen mehr als noch vor nur einem Jahr. Die aktuelle Lage hat sich dabei durch andauernde bewaffnete Konflikte, die voranschreitende Klimakrise und Folgen der COVID-19-Pandemie drastisch verschlechtert. Wie genau diese multiplen Krisen zusammenhängen und wieso aktuelle Hungerkrisen noch tödlicher sind als das Coronavirus, beleuchtet ein aktueller Report der Hilfsorganisation Oxfam. 

Frauen tragen Lebensmittel in einem Flüchtlingscamp in Uganda, Hungerkrise

Das “Hunger-Virus”

 

Während große Teile des globalen Nordens ihre Bevölkerung mit Impfstoffen versorgen können und das alltägliche Leben gerade langsam wieder in alte Bahnen zurückkehrt, werden sich große Teile der Welt noch lange nicht von dem Virus und dessen Konsequenzen erholen können. Im Gegenteil: Aus einer neuen Publikation der Hilfsorganisation Oxfam geht hervor, dass sich durch die Pandemie nicht nur soziale Ungleichheiten verstärken und Menschen ihre Heimat verlassen müssen, sondern auch, dass sich die weltweite Hungerkrise dramatisch verschlimmert hat. Laut aktuellen Schätzungen sterben jede Minute elf Menschen durch Hungersnot oder in Folge dessen. Im Vergleich dazu liegt die Sterblichkeitsrate von COVID-19 bei sieben Menschen pro Minute. Als Hauptursachen für diesen “Hunger-Virus” identifiziert Oxfam bewaffnete Konflikte, die sich verschärfende Klimakrise und sozio-ökonomische Folgen der Pandemie. Dabei sind laut aktuellem Oxfam-Report zehn Länder besonders von Nahrungsmittelknappheit betroffen: Jemen, die Demokratische Republik Kongo, Afghanistan, Venezuela, die Sahelzone, Äthiopien, Südsudan, Sudan, Syrien und Haiti.

 

Bewaffnete Konflikte, Klimakrise und COVID-19 

 

Anhaltende bewaffnete Konflikte, sozial-ökonomische Folgen der Pandemie und eine sich verschärfende Klimakrise verschlimmern Armut und Hungersnot weltweit. Während Länder des globalen Südens in den letzten eineinhalb Jahren besonders stark unter COVID-19, den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie und ungerechter Impfstoff-Verteilung gelitten haben, hat sich auch die Anzahl bewaffneter Konflikte in vielen dieser Länder nicht verringert. Kriege und bewaffnete Konflikte führen nicht nur dazu, dass Menschen aus ihrer Heimat fliehen müssen. Sie sind auch die Ursache dafür, dass Menschen keine Mittel mehr haben, um Lebensmittel für sich und ihre Familien zu kaufen. Aktuell sind bewaffnete Konflikte für die Hungersnot von fast 100 Millionen Menschen in 23 Ländern verantwortlich, das sind alleine 22 Millionen Menschen mehr als letztes Jahr. Dabei sind Frauen und junge Mädchen besonders stark von Konflikten und Hunger betroffen. Sie stehen oft in der Verantwortung, Lebensmittel zu besorgen und sind durch Konflikte und Vertreibung körperlicher und sexualisierter Gewalt ausgesetzt.

Auch die Lage der Klimakrise hat sich während der COVID-19-Pandemie verschlechtert. 2020 war das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Steigende Temperaturen sorgen weltweit für ein vermehrtes Auftreten extremer Naturkatastrophen: Stürme, Überflutungen und extreme Dürre haben letztes Jahr fast 16 Millionen Menschen in Hungerkrisen gestürzt. Dabei ist nicht nur die Klimapolitik der Länder unzureichend, die für große Teile der Klimakrise verantwortlich sind, jedoch anteilhaft am wenigsten unter ihr leiden. Auch staatliche Finanzierungen flossen im letzten Jahr kaum in das Aufhalten der Klimakrise. Diese wurden vermehrt in die Bekämpfung der Pandemie investiert. Profitiert haben hiervon besonders Länder des globalen Nordens. Menschen im globale Süden bleiben den Auswirkungen des Klimawandels, bewaffneter Konflikte und der Pandemie nach wie vor ausgesetzt.

 

„Die Negativfolgen der Pandemie trafen dabei besonders die Menschen, die bereits von sozialer Ungleichheit betroffen waren“

 

Neben bewaffneter Konflikte und der Klimakrise hat auch die COVID-19-Pandemie direkt sowie indirekt zur Verschärfung der Hungerkrise geführt. Durch Lockdowns, wirtschaftliche Einbrüche und die Schließung von Grenzen hat sich die Lebenssituation vieler Menschen weltweit verschlechtert. Von Massenarmut bis Massenarbeitslosigkeit: Im Jahr 2020 haben 33 Millionen Arbeitnehmer*innen ihren Job verloren. Die wirtschaftlichen Negativfolgen der Pandemie trafen dabei besonders die Menschen, die bereits zuvor von sozialer Ungleichheit betroffen waren. Die Lebensmittelpreise sind ein zentrales Beispiel. 2020 sind die Preise für Lebensmittel um fast 40 Prozent gestiegen. Das ist der höchste Anstieg von Nahrungsmittelpreisen seit über einem Jahrzehnt. Und selbst wenn Menschen noch finanziell dazu in der Lage sind, Lebensmittel zu kaufen, so sind diese etwa durch Grenzschließungen oft nicht verfügbar. Besonders in Ländern wie Haiti oder Jemen, die den Großteil ihrer Lebensmittel importieren, ist das fatal.

 

Was muss getan werden? 

 

Welthunger kann nur gestoppt werden, wenn Regierungen des globalen Nordens sich zusammenschließen und gemeinsam Maßnahmen zur Bekämpfung der Hungerkrise umsetzen. Es muss gleichermaßen dafür gearbeitet werden, bewaffnete Konflikte zu beenden, etwa durch das Stoppen von Waffenexporten ins Ausland, eine Klimapolitik durchzusetzen, die die Pariser Klimaziele erreichen würde, und die Menschen und Länder, die besonders schwer durch die COVID-19-Pandemie und deren Folgen getroffen wurden, bei der Eindämmung zu unterstützen. Beispielsweise durch eine faire weltweite Impfstoff-Verteilung und die Aufhebung von Impfstoff-Patenten. Regierungen dürfen sich nicht nur im nationalstaatlichen Sinne auf die Bekämpfung des COVID-19-Virus konzentrieren, wenn weltweit noch weitaus mehr Menschen an der Hungerkrise sterben. Der Oxfam-Bericht hat dafür sieben konkrete “urgent actions” formuliert, an die Regierungen sich halten sollen:

  1. Sofortige Bereitstellung finanzieller Nothilfen in Hunger-Krisengebieten.
  2. Parteien bewaffneter Konflikte müssen sicherstellen, dass humanitäre Hilfe in Krisengebieten ankommt.
  3. Konfliktparteien müssen nachhaltig Frieden schließen, bei dem Menschenrechte, Sicherheit und die Bekämpfung von Hungerkrisen an erster Stelle stehen.
  4. Das Auf- und Ausbauen fairer und nachhaltiger Nahrungsmittelketten.
  5. Frauen verstärkt als Entscheidungträger*innen bei COVID-19-Resolutionen einbinden.
  6. Einen fairen Zugang zu Impfstoffen und Impfstoff-Patenten für alle ermöglichen.
  7. Strengere Maßnahmen zur Bekämpfung der Klimakrise.
Louisa Pröschel
Louisa hat Politikwissenschaft an der Universität Hamburg studiert und arbeitet als Werkstudentin am Leibniz-Institut für Medienforschung. Bei kohero möchte sie ihre Forscherinnenbrille absetzen und sich dem Handwerk Journalismus widmen, um mit Menschen über wichtige gesellschaftspolitische Themen zu sprechen und zu schreiben.
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Louisa Pröschel
Louisa hat Politikwissenschaft an der Universität Hamburg studiert und arbeitet als Werkstudentin am Leibniz-Institut für Medienforschung. Bei kohero möchte sie ihre Forscherinnenbrille absetzen und sich dem Handwerk Journalismus widmen, um mit Menschen über wichtige gesellschaftspolitische Themen zu sprechen und zu schreiben.

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