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„Kontra Familiennachzug“: eine Antwort

Tomas Avenarius schrieb am Sonntag, 10. Dezember, dem Internationalen Tag der Menschenrechte, einen Kommentar zur Familiennachzug-Debatte in der Süddeutschen Zeitung. Er betitelte diesen “Kontra Familiennachzug: Der Integration hilft er kaum”. Hier ist meine Antwort an Herrn Avenarius.

Fotograf: Mike Fox via Unsplash

Der Artikel bezieht sich auf “diejenigen Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak, die unter subsidiärem Schutz stehen”. Für Herrn Avenarius bedeutet dieser Schutzgrad zwingend, dass diese Menschen “nach einem Frieden”, wie auch immer dieser aussehen möge, zurück in ihre Heimatländer sollen, um diese “aufzubauen”. Für diese Menschen bezweifelt Herr Avenarius, dass eine Familienzusammenführung die Integration verbessern würde. Im Gegenteil, er behauptet, dass sich “mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit” die Familie mangelhaft integrieren würden. Beweise werden nicht genannt, aber es gelte, die Härte des Rechtsstaats zu akzeptieren.

Nur schwer nachzuvollziehen

Mir als Leserin erscheint die von Herrn Avenarius genutzte Definition von Integration äußerst fragwürdig. Vielleicht nicht auf den ersten Blick – er schreibt, Integration passiere durch das Erlernen der deutschen Sprache, durch das Verstehen der Kultur und der Verhaltensweisen. Dies mag für viele zwar eher nach Anpassung und nicht nach Partizipation klingen, aber dennoch finde ich es eine weitgehend akzeptable Beschreibung. Wenn Herr Avenarius jedoch darüber hinaus schreibt, dass diese Leistung mit dem Nachzug z.B. einer Ehefrau und zwei Kindern nicht erfolgen kann, komme ich aus dem Staunen fast nicht wieder heraus. Um nur zwei Gründe zu nennen: Es ist für mich nicht schwer nachzuvollziehen, dass das Erlernen einer komplizierten Sprache nahezu unmöglich ist, wenn man jeden Tag an die Ehepartner, die Kinder oder die Eltern in einem Kriegsgebiet denken muss. Wenn man durch Bilder aus den sozialen Medien sehen muss, wie Syrien, Irak oder Afghanistan weiterhin im Krieg versinken. Zweitens erscheint es mir doch sehr verwunderlich, einerseits das Verstehen der Kultur und der Verhaltensweisen für die Integration zu verlangen und andererseits z.B. das Kennenlernen der Verhaltensweisen auf Elternabenden, beim Laternenlauf oder im Frauensportkurs zu verhindern, indem der Familiennachzug ausgesetzt bleibt.

Für eine Zukunft arbeiten, die es nicht geben wird

Die Essenz meiner Kritik ist aber vor allem ausgelöst durch die Beschreibung von Deutschland als “Gastland”. Jene Menschen mit subsidiärem Schutz seien Gäste. Stellt sich da nicht die Frage, warum dann ein so hoher Aufwand zur Integration geleistet werden soll, wenn es sowieso keine Zukunft in Deutschland gibt? Herr Avenarius scheint dem Alltag eines Geflüchteten in Deutschland doch sehr fern zu sein, wenn er fordert, dass Lehren absolviert werden sollen, aber gleichzeitig eine Rückkehr nach Syrien oder Irak eigentlich geboten ist. Mal abgesehen davon, dass sich diese Integrationsleistungen um einiges schwieriger gestalten, wenn man abends seine Kleinkinder nur per Skype heranwachsen sehen kann, stellt sich doch die Frage wie man sich motivieren soll, für eine Zukunft zu arbeiten die es nicht geben wird. Es gibt Studien die dies belegen. Und es gibt viele, beeindruckende Berichte über Menschen in Deutschland, die nicht wirklich ankommen können, weil ihre Zukunft und die ihrer Familiensituation so ungewiss ist. Zuletzt dieses kurzes Interview von ZDF heuteplus, welches ich sehr empfehlen kann.

Wenn ich den Kommentar von Herrn Avenarius lese, erscheint es mir doch wirklich so, als hätte die deutsche Gesellschaft seit den „Gastarbeiter“-Zeiten in den 50er Jahren nicht viel gelernt. Es gibt deutsche Bürger und es gibt Gäste. Die einen haben das Grundgesetz, den besonderen Schutz von Ehe und Familie … und von den anderen wird erwartet, dass sie bitteschön schnellstmöglich wieder gehen. Die Deutschen mögen eure Mieten, eure Arbeitskraft und euer Essen, aber euch auch Grundrechte zu gewähren, das mögen sie nicht.

Die Aussetzung des Familiennachzugs ist zu 100% kontraproduktiv

Herr Avenarius befürchtet anscheinend Parallelgesellschaften und dass sich Familien abschotten. Diese Angst lässt sich (für manche) nachvollziehen. Er scheint sich jedoch weniger Gedanken darum gemacht zu haben, dass es um einiges leichter ist, sich abzuschotten, wenn man über Jahre zwangsweise von seiner Familie getrennt, in einer Wohnunterkunft abseits der Gesellschaft leben muss. Ich hoffe, dass wir als Gesellschaft noch dazu lernen können. Und wenn Herr Avenarius schreibt, dass Menschlichkeit in der Politik nicht ausschlaggebend sein darf, dann hoffe ich wenigstens, dass wir einsehen werden, dass die Aussetzung des Familiennachzugs zu 100% kontraproduktiv ist.

P.S.: Es gibt natürlich auch die Menschen, die behaupten, dass die in Deutschland angekommenen Geflüchteten ihre Familien nicht hätten zurück lassen sollen. Solche Meinungen werden vielleicht nicht in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht, aber in ihren Kommentarspalten  auf jeden Fall. Diesen Menschen wünsche ich zu Weihnachten eine große Dosis an Empathie und Menschlichkeit. Und dass sie versuchen, sich mit der Realität einer Flucht aus Syrien oder Afghanistan auseinanderzusetzen. Wer Englisch kann, dem empfehle ich Khaled Hosseinis “Sea Prayer”. Oder man kann durch unzählige Berichte der hier Angekommenen erfahren, wie gefährlich die Mittelmeer-Route ist – oder in  Berichten lesen, wie drastisch die Gefahrenlagen unterwegs insbesondere für Frauen und Mädchen sind.

Lilly Murmann
Lilly ist seit 2016 für verschiedene Hamburger Projekte im Bereich der Geflüchtetenhilfe aktiv. Bei kohero (zuvor Flüchtling-Magazin) wirkt sie seit 2018 mit und schreibt meistens auf Twitter und gelegentlich im Schreibtandem. Außerdem absolviert sie an der Universität Hamburg ihren Master im Bereich Public & Nonprofit Studien. „Ich mache beim kohero Magazin mit weil ich den bodenständigen und nachhaltigen Ansatz des Magazins sehr gut finde. Wir alle sitzen sprichwörtlich im gleichen Boot – also wir leben miteinander und nebeneinander, da ist es doch wichtig sich kennenzulernen und sich auszutauschen.“
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Lilly Murmann
Lilly ist seit 2016 für verschiedene Hamburger Projekte im Bereich der Geflüchtetenhilfe aktiv. Bei kohero (zuvor Flüchtling-Magazin) wirkt sie seit 2018 mit und schreibt meistens auf Twitter und gelegentlich im Schreibtandem. Außerdem absolviert sie an der Universität Hamburg ihren Master im Bereich Public & Nonprofit Studien. „Ich mache beim kohero Magazin mit weil ich den bodenständigen und nachhaltigen Ansatz des Magazins sehr gut finde. Wir alle sitzen sprichwörtlich im gleichen Boot – also wir leben miteinander und nebeneinander, da ist es doch wichtig sich kennenzulernen und sich auszutauschen.“

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