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„Unterdrückung zu benennen ist eine Chance“

Wie können wir wirkliche Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft erlangen? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Politologin Dr. Emilia Roig. Wir haben mit ihr über die Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien, die irrationalen Angst vor Gleichstellung und die Absurdität der Gender-Debatte gesprochen.

Fotograf: Privat. Emilia Roig (geb.1983), französische Politologin, Sachbuchautorin und Aktivistin, lebt und schreibt in Berlin, Körnerpark, Berlin, 8.6.2021

Dr. Emilia Roig ist Politikwissenschaftlerin und kämpft als Aktivistin gegen jegliche Form von Diskriminierung in unserer Gesellschaft. Sie wuchs als Tochter eines jüdisch-algerischen Vaters und einer aus Martinique stammenden Mutter in Frankreich auf. Ein Master-Studium und eine Promotion zum Thema intersektionale Diskriminierung an der Humboldt-Universität Berlin brachten sie nach Deutschland. In ihrem Buch Why We Matter: Das Ende der Unterdrückung analysiert sie anhand einer einzigartigen Mischung aus Forschungsergebnissen und persönlichen Erfahrungen, wie sich Muster der Unterdrückung durch alle Bereiche unseres Lebens ziehen – sei es Zuhause, in der Schule, bei der Arbeit oder in den Medien.

 

In Ihrem Buchtitel verkünden Sie hoffnungsvoll das Ende der Unterdrückung. Doch von welcher Unterdrückung sprechen Sie genau?

Ich spreche über den Kapitalismus, das Patriarchat und den Kolonialismus. Das sind die großen Unterdrückungssysteme, auf denen unsere Gesellschaft beruht. Und das ist nicht unbedingt bösartig gemeint, sondern bedeutet lediglich, dass diese Systeme unsere Arbeitsmärkte, das Schulsystem, unser politisches System und die Medien strukturieren. Es ist wichtig zu betonen, dass diese drei Systeme zusammen die Basis der Unterdrückung bilden. Und wenn wir wirklich über Diskriminierung sprechen wollen, dann ist es unmöglich, über Diskriminierung zu sprechen, ohne über diese drei Systeme zu sprechen.

 

Sie betonen besonders, dass wir diese drei Unterdrückungssysteme zusammen, also intersektional, betrachten müssen, um Ungerechtigkeit effektiv zu bekämpfen. Was bedeutet Intersektionalität genau?

Das Konzept der Intersektionalität wurde von Schwarzen Frauen in den USA erfunden, um die Lücke in der Gesellschaft zu beschreiben, in der sie sich befinden. Als Schwarze Frauen sind sie einerseits in der Mainstream feministischen Bewegung Rassismus ausgesetzt und andererseits erfahren sie in der Antirassismus-Bewegung patriarchale Gewalt und Sexismus. Intersektionalität heißt Macht und Privilegien, die aufgrund von Gender und Hautfarbe, aber auch aufgrund von anderen multiplen Achsen der Identitäten vergeben werden, innerhalb von Kategorien und Bewegungen sichtbar zu machen. Dabei ist Intersektionalität nicht nur eine Theorie, sondern auch ein politisches Projekt. Es geht darum, Unterdrückung an der Wurzel zu packen und in ihrer Komplexität zu verstehen, um sie besser bekämpfen zu können.

 

Das heißt, wir müssen auch Diskriminierung innerhalb von Diskriminierung bekämpfen. Doch ein Problem ist, dass wir Menschen oftmals nur die Bereiche wahrnehmen, wo wir diskriminiert oder ungerecht behandelt werden. Die Bereiche, in denen wir Macht und Privilegien besitzen, sind für viele unsichtbar. Warum ist das so? 

Ich vergleiche Privilegien gerne mit Jokern in einem Kartenspiel. Es gibt Spieler*innen, die eine unbegrenzte Anzahl von Jokern bekommen. Einfach so. Sie wissen aber nicht, dass die anderen Spieler*innen nicht über diese Joker verfügen. Ich glaube, dieser Vergleich ist sehr passend, da Spieler*innen mit Jokern, um zu gewinnen, trotzdem strategisch, konzentriert, motiviert und intelligent sein müssen. Die Joker allein werden nicht reichen, aber sie helfen enorm.

 

Und so ist es auch mit Privilegien?

Ja, genau. Menschen, die über Privilegien verfügen, merken nicht, dass ihnen geholfen wird. Sie merken nicht, dass sie gewissen Schwierigkeiten und Barrieren nicht ausgesetzt sind. Und deswegen tendieren sie dazu, davon auszugehen, dass sie sich ihren Erfolg selbst erkämpfen oder verschaffen, indem sie besonders fleißig oder motiviert sind. Aber diese individuellen Eigenschaften sind nicht die einzige Erklärung für Ungleichheiten in unserer Gesellschaft. Es gibt andere – vor allem systematische – Gründe.

 

„Unterdrückung ist ein System, indem wir alle eine Rolle spielen.“

 

Zum Beispiel?

Gründe für Ungleichheit können zum einen auf einer sozialen Ebene stattfinden. Deine Eltern können dir vielleicht helfen, einen Praktikumsplatz zu bekommen, oder haben die Möglichkeit, einen Tutor für Nachhilfe oder dein Studium zu bezahlen. Auf einer anderen Ebene wirkt wiederum Rassismus. Eine weiße Person auf der Straße wird zum Beispiel nie von der Polizei Rassismus erfahren. Und weil das auch nie Teil ihrer Erfahrung war oder sein wird, kann diese Person diese Ebene, nämlich Rassismus, ausblenden.

 

Die ungleiche Verteilung von Macht und Privilegien wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus. Trotzdem wird in politischen Debatten über soziale Ungerechtigkeit, wie zum Beispiel Armut, selten über Unterdrückungsformen wie Rassismus als Mitursache gesprochen. Warum ist das so? 

Ich glaube das passiert, weil Menschen Unterdrückung sehr stark individualisieren. Das heißt, wir sehen Unterdrückung als etwas Schlechtes, das nur schlechte Menschen tun. Dabei ist Unterdrückung viel abstrakter. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen Menschen offenkundig und absichtlich Schlechtes tun. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Unterdrückung ist ein System, indem wir alle eingebettet sind. Und wir spielen alle eine Rolle in diesem System.

 

Wenn Unterdrückung nicht die Schuld des Einzelnen ist, sondern die eines Systems, warum scheuen wir uns trotzdem so davor, dieses System klar zu benennen und zu verurteilen? 

Unterdrückung beim Namen zu nennen ist eine enorme Chance, aber auch eine Bedrohung für die Gesellschaft, wie sie zurzeit existiert. Wenn wir zugeben, dass unsere Gesellschaft auf diesen Unterdrückungssystemen basiert, dann müssen wir alles neu denken. Wir müssen im Grunde eine tiefe Veränderung vorantreiben. Viele Menschen haben Angst davor, weil sie diese Veränderung als einen Verlust sehen. Die Menschen in der Gesellschaft, die momentan Zugang zu Ressourcen und Macht haben, haben Angst, dass ihnen diese weggenommen werden. Das Problem ist, dass die Verteilung von Macht, Freiheit und Gleichheit oft als ein Zero-sum game, also ein Nullsummenspiel, gesehen wird. Das heißt, wenn einige mehr Macht haben, dann haben die anderen weniger Macht. Das stimmt aber nicht.

 

Ist das wirklich immer so? Kommt es nicht immer wieder vor, dass Menschen Macht erlangen, indem sie andere unterdrücken? 

Im jetzigen System kann es in der Tat sein, dass mehr Gleichheit für eine Gruppe mehr Ungleichheit für andere bedeutet. Aber wir müssen etwas am System ändern, damit das nicht mehr der Fall ist. Wenn wir Unterdrückungssysteme wirklich aufbrechen und nicht nur oberflächlich bekämpfen, werden wir an den Punkt kommen, an dem Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit kein Nullsummenspiel, sondern eine Win-Win-Situation für alle sind. Es ist nicht der Sinn von Gleichstellungspolitik, Rechte wegzunehmen. Im Moment wird diese aber leider oft so verstanden und behandelt.

 

„Spaltung kommt nicht aus den Identitäten, sondern aus dem Widerstand gegen Gerechtigkeit und Gleichstellung.“

 

An welche Debatten denken Sie dabei? 

Das Thema Gendergerechte Sprache ist hierfür ein gutes Beispiel. Um das Gendern dreht sich wirklich die absurdeste Diskussion in Deutschland. Das ist eine Debatte, bei der man merkt, dass diejenigen, die Macht haben, versuchen, unsere Gespräche auf öffentlicher Ebene zu lenken. Die Angst ist: Wenn wir gendern, dann haben Männer weniger Macht. Das stimmt überhaupt nicht. Das sind irrationale Ängste, die wir adressieren müssen.

 

Ängste scheinen derzeit viele Debatten zu beherrschen. Wenn in politischen Debatten versucht wird, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Interessen von marginalisierten Gruppen zu lenken, wird zum Beispiel schnell der Vorwurf laut, dass die sogenannte Identitätspolitik unsere Gesellschaft spaltet. Was sagen Sie dazu?

Identitätspolitik ist nicht spaltend. Was spaltet, ist die Hierarchie, die hinter unseren Identitäten steckt. Außerdem müssen wir unsere Debatte darüber ändern. Identitätspolitik wird täglich von allen Seiten betrieben. Es ist auch Identitätspolitik, wenn bestimmte Parteien fast nur aus Männern oder weißen Menschen bestehen. Wir müssen erkennen: Spaltung kommt nicht aus den Identitäten, sondern aus dem Widerstand gegen Gerechtigkeit und Gleichstellung.

 

Hat dieses Interview dein Interesse geweckt? In der neueste Podcastfolge von Multivitamin haben wir mit Emilia Roig über Representation und Intersektionalität gesprochen. Sowohl die Folge als auch Roigs (Hör-)Buch Why we matter: das Ende der Unterdrückung sind auf Spotify zu hören.

Anna hat American Studies und Französisch in Mainz, Dijon und Sherbrooke (Québec) studiert. Sie liebt es zu reisen und neue Kulturen zu entdecken. Neben ihrem großen Interesse für interkulturelle Themen, begleitet sie schon immer eine Leidenschaft fürs Schreiben. „Es ist mein Wunsch, gesellschaftlich und kulturell relevante Themen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und die Geschichten von Menschen sichtbar zu machen, die wirklich etwas zu erzählen haben.“
Valeria kommt aus Ecuador und wohnt in Hamburg. Sie ist Kriminologin und arbeitet zurzeit als Sozialpädagogin in der Drogenhilfe. Das Schreiben ist für sie sowohl ein Rückzugsort, als auch ein Weg ihre Erlebnisse als Migrantin in Deutschland aufzuzeichnen. „Ich habe lange nach einer Plattform wie Kohero gesucht, für die keine Geschichte zu unwichtig ist und BIPoC Stimmen Gehör finden können. Die Erfahrungen im Schreibtandem und die Unterstützung meiner Tandempartnerin haben mich dazu ermutigt weiter zu schreiben.“
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