„Ein ganz normales Leben, nichts Besonderes“

Amir ist 2015 vor politischer Verfolgung aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet. Doch unterschiedliche Gründe hindern ihn daran, wirklich anzukommen: Die Ausländerbehörde, abgelehnte Anträge, der Lockdown. Und obwohl es für ihn letztlich zwecklos ist, die Ursachen seiner komplizierten Situation zu entflechten, erzählt er seine Geschichte. Es ist die Geschichte eines Geflüchteten, der seit sechs Jahren darauf wartet, ein normales Leben führen zu können.

Nahaufnahme von zwei Händen, die an einem Motor arbeiten; Geschichte eines Geflüchteten

Amir wirkt müde am Telefon. Er hat kohero um Rat gebeten, da ihm seine Arbeitserlaubnis entzogen wurde und er fürchtet, abgeschoben zu werden. Zwei Mal ist sein Asylantrag abgelehnt worden, nun lebt er mit einer Duldung in Fulda. Man hört seinen hessischen Akzent, wenn er sagt: „Der Richter glaubt mir ned, das mein Leben in Gefahr ist, wenn ich zurück in den Iran gehe“.

Amir ist 28 Jahre alt und stammt aus dem kurdischen Teil des Irans im Westen des Landes. Er hat im Iran studiert und einen Abschluss im Fach der Buchhaltung. Seine Familie hat er das letzte Mal vor über fünf Jahren gesehen, bevor er geflüchtet ist. Warum er flüchten musste? „Ich will darüber nicht mehr reden, es hat keinen Sinn mehr.“, sagt er kurz angebunden, aber dann erzählt er doch etwas: Mit zwei Lehrern und einigen Kommiliton*innen hat er eine politische Gruppe gegründet, die gegen das iranische Regime protestiert hat. Sie werden von einem Freund in der Gruppe verraten, bei Regimespionen oder inoffiziellen Polizist*innen, auf Persisch heißen sie اطلاعات [ettelā’āt], „Informanten“, wie er sagt. Sie kommen manchmal aus anderen arabischen Ländern, wie Syrien oder dem Libanon, sie führen Imbisse oder kleine Geschäfte, aber eigentlich arbeiten sie als zivile Polizist*innen.

Als die Gruppe verraten wird, werden zwei der Mitglieder getötet, und Amir bekommt Angst: „Weißt du, in unserem Land, wenn man gegen das Regime protestiert, darauf steht unbedingt die Todesstrafe“, erklärt er. Amir beschließt zu flüchten. Sein Ziel ist nicht unbedingt Deutschland, er will einfach nur weg aus dem Iran. Kurdische Schleuser helfen ihm über die Grenze in die Türkei, und sie sagen ihm: In der Türkei kannst du nicht bleiben, du wirst abgeschoben. Geh besser weiter nach Europa, aber in Osteuropa kannst du auch nicht bleiben. Geh nach Deutschland, oder Holland, geh weiter.

„Wenn ich zurück in den Iran muss, werde ich umgebracht. Ich muss in Deutschland bleiben.“

Also läuft Amir weiter, die meiste Zeit ist er allein unterwegs, zu Fuß. Auf dem Weg lernt er manchmal andere Geflüchtete kennen, andere Kurd*innen, die heute über ganz Europa verstreut oder zurück im Iran sind. „Die Schleuser in Europa waren schlechter, sie wollen Geld verdienen, klar, aber manche betrügen oder schlagen uns“, sagt er. Mit 250 Leuten auf einem Schlauchboot setzt er auf eine kleine griechische Insel über. Dort greift ihn das Deutsche Rote Kreuz auf und bringt ihn in einem Bus nach Deutschland. Er ist jetzt illegal in Deutschland, doch er ist sich sicher: „Wenn ich zurück in den Iran muss, werde ich umgebracht. Ich muss in Deutschland bleiben.“

Amir ist müde nach sechs Monaten Flucht. Er landet in einem Asylheim in Fulda mit fast 2000 Menschen, zu acht auf einem Zimmer für sechs Monate. Amir hat Schlafstörungen und kommt in den Mehrbettzimmern nicht mehr zur Ruhe. Dann wird er verlegt in ein kleineres Heim, wo er mit 30 Menschen auf 40 bis 50 qm wohnt. Trotzdem ist er allein. Er hat das Gefühl, niemandem vertrauen zu können. Die Menschen um ihn herum haben nichts zu tun, sie telefonieren, singen, schnarchen, streiten. Einige sind wach bis morgens früh, einige trinken, weil es sonst nichts zu tun gibt. Viele von ihnen hängen schon fast ein Jahr im Asylheim fest. Die Geflüchteten werden dort sich selbst überlassen, und wo so viele Menschen aufeinander wohnen, die nicht wissen, wie es weiter geht, entstehen ständig Konflikte. „So ist das Asylbewerberheim: Es gibt immer Streit.“, sagt Amir.

Kontakt nur via Whatsapp

Trotzdem macht Amir weiter, beantragt Asyl und eine private Wohnung wegen seiner Schlafstörungen. Um eine Ausbildung anfangen zu können, holt er den Hauptschulabschluss nach. Er macht einen Deutschkurs und nimmt einen Kredit auf, um den Führerschein machen zu können, Knie-Operationen und den Rechtsanwalt zu bezahlen. Manchmal telefoniert Amir mit seiner Familie über Whatsapp, und in den Gesprächen erfährt er, dass er im Iran immer noch gesucht wird. Seine Familie musste inzwischen aus dem kurdischen Teil des Irans in die Nähe der Hauptstadt umziehen. Amir kennt seine rechtliche Lage in Deutschland selbst kaum, aber für ihn ist klar, dass er nicht in den Iran zurückkehren kann. Sein Schicksal liegt jetzt in den Händen des Richters, der über seinen Asylantrag entscheidet.

Doch der Antrag wird abgelehnt. Der Richter glaubt ihm nicht, dass er im Iran verfolgt wird. Er bekommt lediglich eine Duldung. Amir ist frustriert: „Sie sehen doch, wie die Leute im Iran hingerichtet werden, wie können sie mir nicht glauben?“ Andere Geflüchtete machen gar nichts, und bekommen trotzdem alles, sagt er. Er schraubt seine Ansprüche herunter, sagt der Ausländerbehörde, er brauche keine eigene Wohnung, nur ein privates Zimmer, damit er wieder schlafen kann. Sie wollen ihm nicht helfen. Erst nach drei bis vier Jahren bestätigt ein Arzt, dass Amir alleine wohnen muss. Endlich darf er umziehen.

Im Oktober 2018 fängt er nach einer Woche Praktikum eine Ausbildung zum Mechatroniker an. „Den Hauptschulabschluss habe ich umsonst gemacht, mein Chef hat nicht mal die in die Zeugnisse geguckt“, sagt er. Aber das ist jetzt egal, Amir hat einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Er und sein Arbeitgeber hoffen, damit seine Chancen auf eine Bewilligung seines Asylantrages zu erhöhen. Damit er sich die Arztkosten, den Kredit, die Wohnung, die Versicherung und ein Handy finanzieren kann, arbeitet Amir sechs Tage die Woche, fünf in der Ausbildung und samstags zusätzlich als Nebenjob. Er mag die Arbeit, sein Chef ist zufrieden, Amir kann seine Rechnungen bezahlen. Es scheint bergauf zu gehen – bis sich mit der Corona-Pandemie eine neue Krise am Horizont abzeichnet.

Rückschläge und Chancen

Im Januar 2021, als Deutschland bereits im zweiten Lockdown steckt und sich eine allgemeine Pandemiemüdigkeit breit macht, bekommt Amir Post von der Ausländerbehörde. Er hat vier Monate Zeit, einen Reisepass vorzulegen, die Arbeitserlaubnis wird ihm ab dem 15. Januar entzogen. Für Amir, der kaum finanzielle Unterstützung vom Staat bekommt und jeden Monat 200€ seines Kredites zurückzahlen muss, ist das ein herber Rückschlag. „Jetzt habe ich nichts mehr, ich darf nicht arbeiten.“, sagt er.

Er versucht eine Identifikationsnummer im Iran zu beantragen, doch die Behörden haben wegen Corona zwei Monate lang geschlossen. Als er endlich eine vorläufige Bescheinigung vom iranischen Konsulat erhält, mit der Geduldete normalerweise weiterarbeiten dürfen, behält die Ausländerbehörde seine Arbeitserlaubnis trotzdem ein. Amir ist misstrauisch, denn er fürchtet, dass die Ausländerbehörde ihn aufgrund einer Vorstrafe, die er wegen einer Schlägerei im Asylbewerberheim bekommen hat, abschieben will.  Er hat außerdem von anderen Iraner*innen gehört, die ihren Reisepass abgegeben haben und dann abgeschoben wurden.

Amir ist wieder auf sich gestellt, und er wartet, wie alle anderen, dass die Pandemie vorüber geht. Aber er wartet auch vor dem iranischen Konsulat, wo sich die Menschen in langen Schlangen aufreihen, und er wartet darauf, dass die Behörden im Iran wieder öffnen. Er wartet auf Dinge, die für andere Menschen selbstverständlich sind. Denn fragt man ihn, was er sich für die Zukunft wünscht, sagt Amir: „Einfach ein normales Leben. Nach sechs Jahren wünsche ich mir ein normales Leben, wie andere eine Wohnung haben, wie andere arbeiten, nichts Großes. Einfach ein normales Leben.“

Mittlerweile sind einige Wochen vergangen. Amir hat seinen Reisepass vorgelegt und darf wieder arbeiten. Er hat eine Ausbildungsduldung beantragt und wartet auf eine Entscheidung der Behörde.

Emily ist Wahlhamburgerin, Sinologiestudentin und außerdem begeistert von Sprache und Politik. Bei kohero möchte sie diesen beiden Leidenschaften zusammenbringen und mehr über Migration und die Herausforderungen, denen Menschen dabei begegnen, lernen. Sie schreibt Artikel und arbeitet am Newsletter mit.
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