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Keine syrische Identität ohne gemeinsame Erinnerungen

Zum 10. Jahrestag der syrischen Revolution frage ich mich: Wie hat sich die syrische Gesellschaft nach all den Jahren verändert und welche Träume haben wir verwirklicht? Welche Auswirkungen hat das auf die syrische Identität? Und was wünsche ich mir für die Zukunft?

Keine syrische Identität
Fotograf: kohero Magazin

„Wir haben es gewagt zu träumen und werden die Würde nicht bereuen” – dieses Zitat eines arabischen Dichters haben viele Syrer*innen zu ihren Profilfotos auf Facebook hinzugefügt, anlässlich des 10. Jahrestags der syrischen Revolution. Berühmt geworden ist das Zitat als Stickerei auf dem rosafarbenen Kleid der Oscar-nominierten Filmemacherin  Waad al-Kateab, das sie auf dem roten Teppich der Oscar-Verleihung 2020 getragen hat. 

Das Zitat hat auch viele und große Diskussionen in den sozialen Medien hervorgerufen. Viele haben sich gefragt: Welche Würde haben wir jetzt, im Jahr 2021, wenn so viele Syrer*innen unter den schlechtesten Bedingungen in Nord Syrien, im Libanon oder in Griechenland leben? 

Hier einige Zahlen und Fakten, die diese Situation deutlich machen:

  • Seit 2011 sind 387100 Menschen  durch den Krieg und durch Angriffe des Regimes gestorben.
  • Expert*innen schätzen, dass der Krieg 22.149 Kindern das Leben genommen hat.
  • 88.000 Syrer*innen sind durch Folter gestorben.
  • 2.1 Millionen Syrer*innen tragen Wunden von dem Krieg.
  • 1.400 Syrer*innen sind durch Chemiewaffen gestorben.
  • 6,5 Millionen sind Vertriebene in ihrem eigenen Land.
  • 5,6 Millionen Menschen sind aus Syrien geflüchtet.


Wenn wir solche Zahlen lesen, ist es verständlich, dass wir uns fragen: Welche Träumen haben wir verwirklicht? Können wir, die überlebt haben, sagen, dass wir es nicht bereuen? 

Gemeinsam erinnern und Erfahrungen teilen

Anderseits habe ich auch von vielen Syrer*innen gelesen, die sehr begeistert von diesem Zitat sind. Sie haben auf Twitter, Facebook, Instagram und Clubhouse ihre und unsere Träume geteilt. Sie haben sich gemeinsam daran erinnert, wie die Revolution angefangen hat. Und sie haben darauf hingewiesen, dass wir heute in Freiheit (die einen in Deutschland, andere in Kanada oder Frankreich) und ohne eine Diktatur leben. Es gibt aber auch viele, die der Meinung sind, dass sich das Zitat vielleicht auch auf unsere Zukunft bezieht. 

Ich persönlich finde: Nach 10 Jahren im Krieg, auf der Flucht und im Exil zeigt dieses Zitat und die Auseinandersetzung damit, wie sehr die syrische Gesellschaft geteilt ist. Die Frage ist immer noch, ob wir ein Syrien haben, oder mehrere? Erinnern wir uns an die eine Revolution, oder hat jede*r eine eigene Geschichte davon? 

Der Blick in die Vergangenheit

Um zu verstehen, wieso wir heute sind, wo wir sind, sollten wir zusammen über die Vergangenheit sprechen. Es ist wichtig, dass wir als Syrer*innen zusammen kommen und uns kritische, aber faire Fragen stellen: Warum war diese Revolution nicht erfolgreich? Was hat dazu geführt, dass diese Revolution zum Bürgerkrieg und zum regionalen Kriegsplatz wurde? Können wir diese Fragen beantworten, ohne nur “den anderen” die ganze Schuld zu geben?

Für mich gibt es viele Punkte, über die alle Syrer*innen miteinander diskutieren sollten. Es fängt mit der Frage an, wie die syrische Gesellschaft vor 2011 war. 

Viele Beobachter*innen und auch Syrer*innen sagen, dass “wir” vor der Revolution gut miteinander gelebt haben. Ob als Christen, Sunniten, Shiiten, Druzen, Alawiten und Yeziden. Aber das ist leider falsch. Was wir jetzt erleben, zeigt uns, dass wir nebeneinander und unter Angst vor dem Regime gelebt haben. Wir waren nicht ehrlich miteinander und haben nicht über alle schwierigen Themen gesprochen, wie Diskriminierung oder Zusammenhalt miteinander. Statt dessen haben wir einfach weiter gelebt, aber mit unserer gesellschaftlichen Enttäuschung. 

Die Bedeutungen von Freiheit

Als die Revolution dann angefangen hat und manche Syrer*innen ihre Freiheit gefordert haben, gab es kein gemeinsames Verständnis von Freiheit. Niemand hatte die Chance, darüber zu diskutieren, welche Freiheit wir möchten. Für wen und wie weit kann sie gehen? Daraus entstand die Frage nach der Definition von Freiheit in Syrien. Ist es die Freiheit von dem Assad Regime? Freiheit von der Baath Partei? Von dem diktatorische System? Freiheit nur im politischen Kontext, oder auch in der Gesellschaft? In der Religion und in der Bildung? Oder Freiheit in den Herzen von jeder Person?

Dieser wenig definierte Begriff hat dazu geführt, dass sich unterschiedliche Gruppen entwickelt haben – was auch zu erwarten war. Das Problem in Syrien ist aber, dass es nie die Zeit gab, diese Diskussionen miteinander oder in den Medien zu führen. Jede und jeder hat zu seiner oder ihrer Freiheit eingeladen und nach 10 Jahren sind wir nicht viel weiter gekommen. 

Sagen wir, es gab 2011 und 2012 drei Gruppierungen: Eine gegen Assad, eine für Assad und eine, die aus verschiedenen Gründen keine klare Position hat. Manchen ist es egal, manche haben mit beiden Seiten Probleme. Andere haben zu große Sorgen, um sich für oder gegen Assad zu stellen. Obwohl die dritte Gruppe meiner Meinung nach die größte Gruppe ist, ist ihre Stimme bis jetzt nicht laut genug im syrischen Diskurs. Vielleicht, weil die Grenzen zwischen den Gruppen nicht immer klar sind. Und weil es in der Natur dieser schweigenden Mehrheit liegt, sich nicht in den sozialen Medien mit anderen zu streiten.

Wie gesagt, manche die ich kenne, interessieren sich gar nicht dafür, was passieren wird, sondern konzentrieren sich auf ihr Überleben. Auch wenn sie nicht aktiv an der Revolution oder am Krieg teilgenommen haben, versuchen sie einfach weiterzuleben, so gut es möglich ist. Leider interessiert sich fast niemand für diese Gruppe und die anderen beiden Gruppen können auch wenig mit ihnen anfangen. Oft sind sie gegen ihre inaktiven Landsleute und versuchen sie zu verurteilen. ”Entweder du bist mit uns oder du bist gegen uns” – das ist vor allem in den sozialen Medien ein Motto unserer Diskussionen. 

Die wirtschaftlichen Gründe der Revolution

Viele Syrer*innen beachten bis heute nicht die wirtschaftlichen Aspekte, die auch ein Grund für den Beginn der syrischen Revolution sind. Wir diskutieren auf Facebook miteinander hauptsächlich auf der politischen Ebene. Zum Beispiel darüber, wie viele junge Menschen gegen das diktatorische System demonstriert haben. Aber die wirtschaftliche Situation hatte auch einen sehr großen Einfluss auf den Verlauf der Revolution. Zu Beginn haben die Demonstrationen viel Zulauf aus den ländlichen Regionen und den Dörfern erhalten. Darin liegt eine wichtige Perspektive auf die Revolution.

Aber stattdessen streiten wir heute, an welchem Tag wir “feiern“ sollen – am 15. oder 18. März. Am 15.03. haben die ersten Demonstrationen in Damaksus gegen Assad unter dem Einfluss des arabischen Frühlings stattgefunden. Am 18.03. fanden die ersten Demonstrationen in Daraa gegen die Leitung des regionalen Geheimdienstes statt. Diese hat 18 Kinder gefoltert und getötet, weil sie in ihrer Schule Sprüche gegen Assad an die Wand geschrieben haben.

Diese Diskussion zwischen dem 15. und dem 18. hat ein Journalist auf aljazeera.net als Symbol für die Teilung der syrischen Gesellschaft beschrieben. Ein Teil kommt aus der Hauptstadt Damaskus und der Großstadt Aleppo, getragen von der traditionellen Politik, die gegen Assad und vom arabischen Frühling beeinflusst sind. Die Zweiten von die Bauern und Arbeitern aus Daraa und anderen Dörfern. Einen gemeinsamen Plan für die Revolution gab es nicht.

Hoffnungen und Meinungen am Anfang der Revolution

Viele Revolutionär*innen haben geglaubt, dass Assad sehr bald nach den ersten Demonstrationen gestürzt werden würde. Auf den Demonstrationen, auf denen für Assad protestiert wurde, hörte man Sätze wie “Syria al Assad”, was übersetzt etwa “Assads Syrien” bedeutet. Sie sollten zeigen, dass die Familie Assad, das Regime, der Staat und das Land alles zusammen gehört.

Für manche Revolutionär*innen  galt es, alles zu stürzen, nicht nur Bashar alleine als Präsident. Deswegen haben viele Leute gegen Assad eine neue Armee gegründet. Viele junge Menschen waren gegen die Syrische Flagge, die von der Baath Partei stammte, und haben stattdessen eine neue Flagge (die eigentlich eine alte war) getragen.

Andere Syrer*innen haben die syrische Fußballmannschaft kritisiert, weil diese Mannschaft regelmäßig von Assad für Propaganda benutzt wurde. Es gab Online-Kampagnen mit den Hashtags “Die Nationalmannschaft vertritt mich nicht”. Ich kann niemandem die Schuld dafür geben, aber ich finde ich es doch schade, dass wir damals nicht die Chance hatten, weiter zu denken. Wenn Assad damals gestürzt worden wäre, wie hätte Syrien dann ausgesehen? Hätten wir mit zwei Flaggen und zwei Nationalmannschaften leben sollen? Die Bomben des Regimes, die Waffen der regionalen Mächte und die Ideologien der Milizen haben uns diese Chance genommen. 

10 Jahre später – die Situation heute

Und heute? Wer die Nachrichten verfolgt, stellt fest, dass Syrien mehr oder weniger in drei Teile gespalten ist. Ein Teil für Assad, ein Teil für syrische Kurd*innen und ein Teil für die Freie Syrische Armee (die unter türkischen Kommando steht). In diesen Teilen zerbricht die syrische Gesellschaft noch weiter. Und dann kommen noch syrische Geflüchtete in der ganzen Welt dazu. Viele von ihnen haben ein neues Leben begonnen, sie leben in neuen Wohnungen und haben Arbeit gefunden. Sie sprechen neue Sprachen und haben neue Kulturen kennengelernt. Manch erleben Einsamkeit, Diskriminierung oder ihre Refugee Life Crisis. Andere syrische Geflüchtete leben noch in katastrophalen Lagern. Ihre Kinde gehen nicht zur Schule, viele sorgen sich um die nächste Generation. 

All diese Entwicklungen haben zu sehr unterschiedlichen Wegen, Leidensgeschichten, Perspektiven, Meinungen und Erinnerungen geführt. Wie die syrische Autorin Dima Wannous bei einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung gesagt hat: “Wir als Syrer haben das gemeinsame Gedächtnis verloren, und das Gedächtnis ist die Identität. Wie können wir ohne gemeinsame Identität und Erinnerung zusammenleben?” 

Ich habe die Hoffnung, dass wir in den nächsten 10 Jahren mehr miteinander diskutieren können. Wir können von unseren unterschiedlichen politischen, wirtschaftlichen, historischen und sozialen Perspektiven lernen und vielleicht sogar Lösungen finden. Auf diesen Diskussionen aufbauend können neue Bündnisse (vielleicht sogar Parteien) aufgebaut werden. Keine Kopien von europäischen Parteien oder Systemen, sondern diese können aus den vielen syrischen Gesellschaftsgruppen heraus wachsen. In der Hoffnung, dass alle Syrer*innen irgendwann ihre Stimme abgeben dürfen, können diese Parteien streiten, diskutieren, koalieren und die Hoffnung für morgen schaffen. 

Bis dahin sollten wir alle als Syrer und Syrerinnen verstehen, wie wir mehr miteinander streiten, diskutieren und Fragen stellen, damit wir uns besser kennenlernen und eine neue, gemeinsame und ehrliche syrische Identität aufbauen. 

 

Jahrestag der syrischen Revolution: wiederholt sich die Geschichte?

Hussam studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland. Er ist Gründer und Chefredakteur von kohero. „Das Magazin nicht nur mein Traum ist, sondern es macht mich aus. Wir sind eine Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen.“
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