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Israel aus der Wüste – die Fechter Gottes

Was bedeutet Israel? Was hat es mit dem Judentum zu tun? Lest hier den Meinungsbeitrag eines deutschen Israeliten.

Fotograf: Toa Heftiba on Unsplash

Meine Familie Israel aus der Wüste – die Fechter:innen G*ttes (im Judentum schreiben wir aus Achtung „G*tt“ nicht aus).

Geboren bin ich in Israel, aufgewachsen in der judäischen Wüste, innerhalb meines Volkes. Ich meine also nicht den Staat Israel, sondern das Volk Israel. Mit „Volk“ meine ich Familie, oder auf Hebräisch mischpacha.

Was bedeutet Israel?

Aber was bedeutet „Israel“ ישראל? Die Tora erzählt uns die Geschichte Jaakows, dem Enkel von Awraham. Ein Mann, der mit seinem Bruder Esaw um den Segen ihres Vaters stritt und ins Exil fliehen muss. Im Exil heiratet Jaakow, bekommt viele Kinder und wird wohlhabend. Er will zurückkehren in seine Heimat. In der Nacht, bevor Jaakow plant seinen Bruder zu treffen, ist er voller Sorgen und Ängste – pachadim (Hebräisch für „Ängste“).

Plötzlich erscheint ein Unbekannter, der mit Jaakow zu Ringen beginnt. Später stellt sich heraus, dass es sich um einen Engel handelt, der gleich stark ist wie Jaakow. Sie streiten und ringen bis zur Morgendämmerung und der Engel bittet Jaakow, er solle ihn loslassen. Aber Jaakow sagt darauf: „Ich lasse dich nicht, außer du segnest mich.“ Der Engel fragt nach seinem Namen und Jaakow antwortet: „Jaakow“ יעקוב. Darauf sagt der Engel: „Nicht Jaakow werde ab nun dein Name gesprochen, sondern Jissrael, Fechter G*ttes, denn du fichtst mit G*ttheit und mit Menschheit und überstandest“ Der Engel segnete ihn.

Hinterfragen und kritisieren – und dabei mitfühlend bleiben

Fechter:in G*ttes. Wer ist hier mit „Fechter:in“ gemeint? Eine Person, die streitet und ringt, debattiert und diskutiert. Eine Person, die nichts ohne Rückfragen einfach hinnimmt und Geschehnisse akzeptiert, sondern Sachen hinterfragt, kritisch beäugt, nicht schweigt, sich nicht unterkriegen lässt.

Warum wird von Fechter:in „G*ttes“ gesprochen?

Weil in meinem Verständnis vom Judentum G*tt das Symbolbild allen ethischen Wollens ist. G*tt ist für mich Mitgefühl.

Also eine Person, die beim Fechten ethisch handelt, die jede Form von Gewalt ablehnt, die Gefühle erkennt und respektiert. Die sich genauso für die eigenen, wie auch die Rechte anderer einsetzt.

Sich bei Verbrechen nicht abwendet, seine Mitmenschen als Ebenbürtige ansieht, keine toxischen Herrschaftsverhältnisse, keinen Zwang akzeptiert, sondern Einvernehmlichkeit respektiert.

Das ist für mich die Bedeutung des Namen Israels, meines Volkes, den Kinder Jaakows, den Kinder Israels. Geboren sind wir als kleine Familie im Lande Kanaan. Als Zwölf Stämme wurden wir versklavt. Doch G*tt – mit starker Hand – führte uns hinaus in die Freiheit, ins gelobte Land und gab uns die Zehn Gebote, asseret hadiwrot. G*tt erinnerte uns: Ihr sollt eure Mitmenschen gut behandeln, denn auch ihr wart Versklavte in Ägypten und kennt dieses Leid allzu gut. Dies ist das Vermächtnis des Jüdischen Volkes.

Ein Weg voller Leid – verübt durch Menschen an Menschen

Meine über 3.000 Jahre alte antike Familie überlebte viele Diktaturen: die antiken Ägypter, die Babylonier, die Assyrer, die antiken Griechen, die Römer, die römisch-katholische Kirche, die NS-Diktatur. Wir konnten die Hölle auf Erden nur beinahe überleben. Wir hielten dabei stets an unserer Tora fest, an unserer Identität, am Leben.

Auch unsere Sprache, unsere Schriften, die Geschichte unserer Vorfahren in diesem irdischen Wahnsinn ließen wir nicht los und sprachen zu uns selbst, ins Innere: „Ich lasse dich nicht, außer du segnest mich.“ Wir haben den Glauben an die Menschlichkeit niemals aufgegeben, die in allen Menschen weiterlebt. Dies kennzeichnet – so denke ich – unseren unerschütterlichen Glauben.

Jüd*innen als Gemeinschaft

Es war jedoch nicht G*tt, der dieses Unglück über uns brachte, nicht Engel und nichts Göttliches, nichts Übernatürliches und auch keine Naturgewalt. Wir Jüd:innen sind – so denke ich – keine Schicksals-, sondern eine auf gemeinsame ethische und menschliche Prinzipien basierende Gemeinschaft: Zusammenhalt, Ebenbürtigkeit, Nächstenliebe, Freiheit, Individualität. Es waren Menschen, die diese Prinzipien bekämpften und dabei ihre jüdischen Mitmenschen angriffen, Menschen, die Angst hatten. Menschen, die Hass schürten,  die sich Diktaturen ergaben, Diktaturen errichteten und Hass systematisierten. Menschen, die ihre eigene Menschlichkeit leugneten und Unmenschliches taten.

Was bedeutet es jüdisch zu sein?

Jüdisch zu sein bedeutet für mich, diese toxischen Herrschaftsverhältnisse abzulehnen. Unmenschlichkeit abzulehnen. Hass abzulehnen. Gewalt – in allen seinen Formen – abzulehnen. Mitfühlendes Handeln anzustreben, und eine Gesellschaft, in der Mitgefühl und Menschlichkeit strukturell verankert sind. Das ist mein persönliches Verständnis der Thora, der heiligen Schrift des Judentums.

Die Oase der Menschlichkeit – auf die ich bis heute warte

Nur in einem solchen Geiste kann eine familiäre und inklusive Gesellschaft, eine wahrlich menschliche Zivilisation errichtet werden. Eine Zivilisation, die in den schwierigsten Zeiten zusammenhält und nicht in sich zusammenfällt. Die keine Schuldigen und Sündenböcke braucht, sondern mit Liebe und Wahrhaftigkeit das Schiff der Menschheit auch im schwersten Sturm zum sicheren Hafen steuert. Heraus aus der öden, kalten Wüste in die Oase der Menschlichkeit.

Die Tora

Die Tora, Grundlage aller abrahamitischen Religionen, ist mit dem Namen Israel unzertrennlich verbunden. Sie beinhaltet die Geschichte unserer Vorfahren.

Bnej Israel, Am Israel, sind die Zwölf Stämme, sind das Jüdische Volk. Und wir leben. Am Israel chai. Auch heute, insbesondere in diesen schwierigen Zeiten, sage ich, der im Exil – in der galut – lebt, zur Menschlichkeit: „Ich lasse dich nicht, außer du segnest mich.“ Und ich harre der Menschlichkeit in Mitten unserer Gesellschaft und warte bis zur Morgendämmerung:

„Mehr als die Wächter auf den Morgen, mehr als die Wächter auf den Morgen.“ )קל Psalm 130, Tehilim

David Michelsen ist eine Person jüdischen Glaubens, die in der BRD lebt.
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2 Antworten

  1. Lieber Michael Winsel,

    Vielen Dank für die Fragen 🙂

    Im Judentum wird mehrheitlich aus Achtung vor G*tt der Name nicht ausgesprochen und so auch „G*tt“ nicht ausgeschrieben.

    Bei Thora, Tora oder Torah handelt es sich um eine Übernahme desselben Hebräischen Wortes (תורה, auf Deutsch: „Lehre“).

    Ich hoffe ich konnte die Fragen beantworten.

    Liebe Grüße, Shalom

    Dein David

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