In diesem Newsletter:
- Gaza-Plan auf Eis: Netanjahu spielt auf Zeit
- Israels Polizeiminister fordert mehr Tötungen in Gaza
- Südlibanon: Tote bei Angriff auf Hisbollah-Ziele
- Syriens Ex-Machthaber Baschar al-Assad zum Tode verurteilt
- Trump begrüßt das Mekka-Abkommen
Du ließt wana update mit 428 anderen aus unserer kohero Community. Diese Ausgabe von Montag, dem 19. August 2026, umfasst rund 1.755 Wörter – und ca. 7 Minuten Lesezeit.
Salam,
seit Tagen dringen Siedler*innen in die Randgebiete von Qusra in das Westjordanland ein. Sie greifen Bewohner*innen an und errichten Zelte sowie Weideflächen dicht an den Häusern. Einzelne Wohnhäuser werden umzingelt sowie die Wasser- und Stromversorgung unterbrochen. Die Familien sind so von Versorgung, Nahrung und Bewegungsfreiheit abgeschnitten. Das berichten lokale Quellen aus dem Dorf südöstlich von Nablus.
Qusra ist kein Einzelfall, aber ein Brennpunkt. Im Gazastreifen und im Libanon halten brüchige Waffenruhen. Das besetzte Westjordanland wird derweil zum neuen Schauplatz der Eskalation. Dort greifen die Siedler*innengewalt, israelische Militäroperationen und politische Entscheidungen ineinander.
Siedler*innengewalt: 190 Angriffe pro Monat
In den vergangenen sieben Tagen berichteten Medien, Menschenrechtsorganisationen und UN-Stellen übereinstimmend über eine deutliche Eskalation der Gewalt durch israelische Siedler*innen. Diese Woche steht für einen längerfristigen Trend. Im bisherigen Jahresverlauf 2026 registrierten die UN im Durchschnitt rund 190 Angriffe pro Monat – nach ihren Angaben ein Höchststand.
Die Angriffe treffen nicht nur Einzelne, sondern die Lebensgrundlagen ganzer palästinensischer Gemeinden. OCHA dokumentierte Übergriffe auf Wohnhäuser und kommunale Infrastruktur in Burqa, Khalet al-Luza und At Tuwani. Aus Masafer Yatta und anderen Regionen berichten Bewohner*innen zudem von Brandanschlägen, zerstörten Autos, abgebrannten Feldern, Viehdiebstahl und Angriffen auf Dörfer.
Die Gewalt fordert auch Todesopfer. Nach UN-Angaben starben seit Jahresbeginn mindestens 18 Palästinenser*innen in Vorfällen mit Siedler*innen – teils durch direkte Gewalt von Siedler*innen, teils bei Einsätzen israelischer Sicherheitskräfte. Human Rights Watch warnt vor einer weiteren Radikalisierung extremistischer Siedler*innengruppen und vor einer Dynamik, in der Übergriffe zunehmend systematisch und schwerer kontrollierbar würden.
Armee und Siedler: auffällige Überschneidungen
Siedler*innenangriffe und israelische Militäroperationen überschneiden sich zeitlich und räumlich. Wo die Armee Razzien durchführt, Häuser durchsucht und zerstört sowie Menschen festnimmt, gehen Siedler*innen vielfach aggressiver vor. Menschenrechtsgruppen und palästinensische Beobachter*innen werfen der Armee vor, die Gewalt damit zu begünstigen. Selbst dort, wo Soldat*innen nicht direkt an Angriffen beteiligt seien, bleibe der Schutz palästinensischer Gemeinden häufig unzureichend.
Diese Angriffe schaffen nicht nur unmittelbare Gefahr. Sie setzen die Bevölkerung dauerhaft unter Druck, Dörfer zu verlassen, Felder aufzugeben und den Zugang zu Wasser, Weideland und Verkehrswegen zu verlieren.
Israel Katz verlagert die Strafverfolgung
Eine politische Dimension bekommt diese Entwicklung durch eine Ankündigung des israelischen Verteidigungsministers Ysrael Katz vom Freitag, dem 14. August. Demnach soll die israelische Polizei unter Führung des rechtsextremen Ministers Itamar Ben-Gvir künftig für die Strafverfolgung in den israelischen Siedlungen im besetzten Westjordanland zuständig sein. Wann und in welchem Umfang das gelten soll, ist offen.
Völkerrechtlich gilt das Westjordanland einschließlich Ostjerusalems als besetztes Gebiet. Die israelische Armee trägt dort als Besatzungsmacht besondere Verantwortung für den Schutz der Zivilbevölkerung und die öffentliche Ordnung. Wer Zuständigkeiten an zivile israelische Behörden abgibt, behandelt Teile des besetzten Gebiets stärker wie gewöhnliches israelisches Staatsgebiet.
Eine formelle Annexion im juristischen Sinn ist das nicht. Der stellvertretende Vorsitzende der Palästinensischen Autonomiebehörde, Hussein al-Scheich, bezeichnete die Entscheidung aber als weiteren Versuch, israelische Souveränität und israelisches Recht über das Westjordanland einschließlich Ostjerusalems durchzusetzen und die aus seiner Sicht rechtswidrige Annexion palästinensischer Gebiete zu festigen. Aus palästinensischer Sicht greifen dabei mehrere Mechanismen ineinander: Israelisches Recht in den Siedlungen, die Einbindung der Siedlungsräume in israelische Verwaltungsstrukturen und eine verschwimmende Grenze zwischen Israel und dem besetzten Westjordanland.
Qusra: ein Dorf im Weg
In Qusra wird dieser Zusammenhang sichtbar. Die israelische Entscheidung fiel zeitlich mit einer anhaltenden Blockade und einer Serie von Angriffen auf die Ortschaft zusammen. Das Dorf liegt strategisch. Es steht Plänen im Weg, einen zusammenhängenden Siedlungsgürtel von der israelischen Küstenebene über das zentrale Westjordanland bis ins Jordantal zu schaffen.
Siedlungen und Außenposten umgeben Qusra bereits. Nordöstlich liegt Migdalim, das Ansprüche auf große Teile des landwirtschaftlich genutzten Landes der Ortschaft erhebt. In den Hügeln im Süden und Südosten liegen die Außenposten Isch Kodesh, Ahiya und Kida. Vor allem Isch Kodesh gilt in palästinensischen und israelischen Menschenrechtsberichten seit Jahren als Ausgangspunkt wiederholter Angriffe auf umliegende Gemeinden.
Diese Siedlungsräume sind wiederum mit dem Block „Groß-Schilo“ verbunden, zu dem unter anderem Schilo, Eli, Ma’aleh Levona und Schvut Rachel gehören. Aus palästinensischer Perspektive dient diese Verdichtung dazu, die Siedlungen im zentralen Westjordanland mit Siedlungsgebieten Richtung Jordantal zu verbinden – und die palästinensischen Gebiete weiter zu zerstückeln.
Qusra steht damit für die gesamte Lage im Westjordanland: Gewalt durch Siedler*innen, militärische Kontrolle und Verwaltungsentscheidungen greifen ineinander. Die Folgen tragen palästinensische Familien und Dorfgemeinschaften. Politisch geht es um mehr als einzelne Angriffe – um die Frage, ob sich eine neue Realität verfestigt, in der israelische Kontrolle wächst und der Handlungsspielraum der palästinensischen Seite schrumpft.
Liebe Grüße,
Ahmad Shihabi
Redaktion

Frage der Woche
Hast du noch Fragen offen? Stell uns deine Frage über die Lage in Westasien und Nordafrika. Wir werden sie in der nächsten Ausgabe beantworten.
Gaza-Plan auf Eis: Netanjahu spielt auf Zeit
Kommentar von Ahmad Shihabi
US-Gesandter Jared Kushner soll den Gaza-Plan in Gang bringen. Doch der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zögert – zweieinhalb Monate vor der Wahl in Israel.
Jared Kushner will das Gaza-Abkommen nicht neu verhandeln. Der US-Gesandte ist Anfang dieser Woche nach Israel gekommen, um es umzusetzen. Rund zehn Monate nach dem Abschluss dreht sich der Streit nicht mehr um das Ende des Krieges, sondern um zwei andere Fragen: Wer erfüllt zuerst seine Verpflichtungen? Und wer bestimmt die Bedingungen für Rückzug, Entwaffnung und die Zeit danach?
Das Abkommen von Sharm el-Sheikh
Die Grundlage des Besuchs liegt im Abkommen von Sharm el-Sheikh vom Oktober 2025. Es beendete den Krieg und legte fest, wie es im Gazastreifen weitergehen soll. Ende Juli 2026 einigte sich der „Friedensrat" auf einen Fahrplan mit 15 Punkten. Er setzt die nächste Phase des 20-Punkte-Plans von US-Präsident Donald Trump um.
Der Fahrplan verlangt, dass die Hamas ihre Waffen abgibt und sich aus der Regierung zurückzieht. Ein palästinensisches Technokratenkomitee soll den Gazastreifen verwalten, eine internationale Stabilisierungstruppe soll ihn sichern und der Wiederaufbau soll beginnen. Im Gegenzug wird sich Israel Schritt für Schritt zurückziehen – je nachdem, wie weit die Entwaffnung voranschreitet und wie diese überprüft wird.
Parlamentswahlen in Israel
Am 9. August erklärte Benjamin Netanjahu jedoch, dass Israel das Dokument in seiner derzeitigen Form ablehne. „Die israelische Armee wird sich nicht zurückziehen, bis die Hamas vollständig entwaffnet ist“, sagte er. Ein US-Beamter erklärte später allerdings, Netanjahu habe Kushner versprochen, dem Plan eine Chance zu geben und die Angriffe einzudämmen, damit die Entwaffnung beginnen kann.
Damit steckt Netanjahu in der Klemme. Washington will seine Erfolge in Gaza sichern. Die israelische Rechte dagegen sieht in jedem Rückzug und in jeder Machtübergabe an eine palästinensische Seite ein gefährliches Zugeständnis vor den Parlamentswahlen im Oktober 2026.
Beobachter*innen führen die Ablehnung auf ebendiese Wahl zurück. Zweieinhalb Monate vor dem Termin wirke Netanjahu „hin- und hergerissen zwischen Trump und Smotrich“, wie in den israelischen Medien beschrieben wurde. Washington drängt auf konkrete Schritte in Gaza, während seine rechten Koalitionspartner*innen und die Likud-Wahlkampagne von ihm verlangen, „keinen Millimeter zurückzuweichen oder nachzugeben“.
Spiel auf Zeit
Deshalb verzögert Netanjahu die Umsetzung des Plans. Er will Zeit gewinnen, um sich bis zur Wahl einen politischen Spielraum gegenüber dem Druck der Rechten und seiner Koalitionspartner zu sichern.
Die eigentliche Bewährungsprobe für Kushner könnte deshalb nicht darin bestehen, Netanjahu vom Plan zu überzeugen. Sie liegt in der Frage, ob Trump bereit ist, ihn am Zeitspiel bis zur Wahl im Oktober zu hindern.

Israels Polizeiminister fordert mehr Tötungen in Gaza
Vor den Gesprächen über die Nachkriegsordnung im Gazastreifen hat der israelische, rechtsextreme Polizeiminister Itamar Ben-Gvir zur Tötung weiterer Palästinenser*innen in dem Küstenstreifen aufgerufen.
In einem Podcast mit Rom Braslavski, einer ehemaligen Geisel in Gaza, sagte Itamar Ben-Gvir, es sei kein Geheimnis, dass er in dieser Frage Meinungsverschiedenheiten mit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu habe. „Ich denke, dass man gezielte Tötungen in Gaza ausführen sollte, jede Nacht 30, 40 Menschen entfernen“, sagte der Vorsitzende der Partei Otzma Jehudit (Jüdische Kraft). Dabei beziehe er sich nicht nur auf militante Palästinenser*innen, die eine unmittelbare Gefahr darstellten, so der Polizeiminister. Im Gazastreifen gebe es vielmehr Menschen, die es nicht verdient hätten, zu leben.
Südlibanon: Tote bei Angriff auf Hisbollah-Ziele
Bei zwei israelischen Luftangriffen im Südlibanon wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Beirut mindestens elf Menschen getötet und 19 weitere verletzt.
Demnach wurden zwei Häuser in den Außenbezirken der Städte Ansar und Deir al-Sahrani getroffen. Bei dem Angriff in Ansar wurden offiziellen Angaben zufolge sieben Menschen getötet und zwei weitere verletzt. In Deir al-Sahrani wurden vier Tote und 17 Verletzte gemeldet.
Syriens Ex-Machthaber Baschar al-Assad zum Tode verurteilt
Ein Gericht in Syrien hat den ehemaligen Machthaber Baschar al-Assad in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Die Richter*innen begründeten das Urteil mit Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es handelt sich um das erste Urteil gegen Assad, der sich derzeit in Russland im Exil befindet.
Zum Tode verurteilt wurde auch der frühere hochrangige Sicherheitsverantwortliche Atef Nadschib, ein Cousin Assads. Nadschib war bei der Verhandlung anwesend und wurde ebenfalls wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen. Die Richter*innen waren überzeugt, dass er diese als Leiter der Sicherheitsbehörden in der syrischen Provinz Daraa begangen hatte. Unter anderem wurde ihm die vorsätzliche Tötung von Kindern unter 15 Jahren sowie Folter mit Todesfolge zur Last gelegt.
Trump begrüßt das Mekka-Abkommen
US-Präsident Donald Trump hat das zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan geschlossene Verteidigungsabkommen begrüßt. „Es zeigt, wie der Nahe Osten zusammenkommt und wie die Länder endlich in der Lage sein werden, sich auf bedeutendere Weise zu verteidigen“, schrieb Trump in seinem Onlinedienst Truth Social.
Er bezeichnete das Vorgehen als einen „großen, mutigen, wichtigen ersten Schritt“. Die mehrheitlich sunnitischen Staaten Saudi-Arabien, Türkei und Pakistan hatten das „Gemeinsame Verteidigungsabkommen von Mekka“ am 7. August bekannt gegeben. Sie schlossen es angesichts des Iran-Kriegs und seiner Folgen. Das pakistanische Außenministerium erklärte, mit dem Pakt werde ein Angriff auf ein Mitglied als Angriff auf alle angesehen.
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