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Diese Woche gibt es das wana update schon heute, statt wie gewohnt am Mittwoch. Das neu unterzeichnete Mekka-Abkommen hat bei kohero-Gründer Hussam Al Zaher, dem Host des ehemaligen syrien updates, einige Gedanken ausgelöst. Wie könnte eine neue Ordnung in der südwestasiatischen Region aussehen? Inwieweit ist dieses Abkommen zukunftsfähig? Und welche Parallelen gibt es zum damaligen Bagdad-Abkommen?
Du ließt wana update mit 428 anderen aus unserer kohero Community. Diese Ausgabe von Montag, dem 10. August 2026, umfasst rund 3.425 Wörter – und ca. 13 Minuten Lesezeit.
Salam,
kann das in diesem Jahr in Mekka unterzeichnete Verteidigungsabkommen uns zurück nach Bagdad ins Jahr 1955 führen? Können sich die Türkei und Pakistan, die vor mehr als siebzig Jahren Teil eines Bündnisses waren, das mitten im Kalten Krieg entstand, heute erneut in einem Sicherheitssystem wiederfinden? Einem Sicherheitssystem, das dem damaligen geografisch erstaunlich ähnlich sieht, aber politisch von einer beinahe entgegengesetzten Idee ausgeht.
Vielleicht liegt die eigentliche Verbindung zwischen Bagdad und Mekka aber gar nicht in den Staaten, die damals und heute am Tisch sitzen, sondern in einer Frage, die Südwestasien seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs begleitet. Wer entscheidet eigentlich, wovor sich die Region schützen muss?
Als am 24. Februar 1955 der Bagdad-Pakt zwischen dem Irak und der Türkei unterzeichnet wurde, ging es nicht nur um eine militärische Zusammenarbeit zwischen zwei Nachbarstaaten. Es ging um eine umfassende westliche Idee zur Sicherheitsordnung Südwestasiens. Geplant war eine Verteidigungslinie, die von der Türkei über den Irak bis in den Iran und Pakistan reichen sollte. Diese Linie sollte einen Gürtel entlang der südlichen Flanke der Sowjetunion bilden. Das Ziel bestand darin, den Einfluss Moskaus zu begrenzen und zugleich sicherzustellen, dass die Region innerhalb der westlichen Sicherheitsarchitektur blieb. Großbritannien, Pakistan und der Iran traten dem Bündnis bei. Die Vereinigten Staaten wurden zwar kein vollständiges Mitglied, unterstützten den Pakt jedoch politisch und militärisch. Auf der Landkarte sah das überzeugend aus: Es war eine beinahe geschlossene Linie von der NATO-Grenze in der Türkei bis nach Südwestasien. Das Problem lag jedoch weniger in der Geografie als in der Frage, gegen wen diese Linie eigentlich schützen sollte.
Washington und London sahen die Sowjetunion. Pakistan hingegen sah vor allem Indien. Die irakische Monarchie wiederum erblickte in der Bindung an den Westen eine Chance, ihre Stellung in der arabischen Welt gegenüber dem damaligen ägyptischen Staatspräsidenten Gamal Abdel Nasser zu festigen. Nasser wiederum sah darin den Versuch, den alten britischen Einfluss in einem neuen militärischen Gewand fortzuführen. Schon damals zeigte sich damit eine Schwäche vieler von außen entworfener Sicherheitsordnungen in der Region, die sie bis heute begleitet: Staaten können in dasselbe Bündnis gebracht werden, ohne dass sie deshalb denselben Feind sehen. Saudi-Arabien gehörte damals zu den Gegner*innen des Bagdad-Pakts. Riad teilte keineswegs alle politischen Vorstellungen Nassers, wollte aber ebenso wenig, dass der haschemitische Irak gemeinsam mit Großbritannien zum Zentrum einer neuen arabischen Sicherheitsordnung wurde. Mehr als sieben Jahrzehnte später haben sich die Rollen erstaunlich verschoben.
In Mekka unterzeichneten Saudi-Arabien, die Türkei und Pakistan ein Verteidigungsabkommen, das auf dem Grundsatz der kollektiven Sicherheit beruht. Ein großer Unterschied zum letzten Abkommen: Großbritannien und die Vereinigten Staaten sind darin nicht enthalten. Saudi-Arabien, das sich in den 1950er Jahren gegen eine von außen mitgestaltete Sicherheitsarchitektur stellte, befindet sich hingegen heute im Zentrum des Versuchs, eine solche Architektur aus der Region selbst heraus zu entwickeln.
Das allein macht aus Mekka jedoch noch keinen neuen Bagdad-Pakt. Es macht den Vergleich jedoch interessant. Erneut verändert sich die internationale Ordnung. Erneut möchte Washington, dass seine Partner*innen mehr Verantwortung für ihre eigene Sicherheit übernehmen. Erneut stellt sich die Frage, ob die Staaten der Region unter „Sicherheit” dasselbe verstehen wie die Vereinigten Staaten.
Der 7. Oktober
Um zu verstehen, warum dieses Abkommen gerade jetzt an Bedeutung gewinnen könnte, muss man einige Jahre zurückdenken.
Noch im September 2023 schien eine andere Zukunft für die Region Südwestasien denkbar. Die Abraham-Abkommen hatten die Beziehungen Israels zu mehreren arabischen Staaten normalisiert. Mit I2U2 existierte ein Kooperationsformat zwischen Indien, Israel, den Vereinigten Arabischen Emiraten und den Vereinigten Staaten. Beim G20-Gipfel in Neu-Delhi wurde zudem der India-Middle East-Europe Economic Corridor (IMEC) angekündigt.
Die Idee dahinter war mehr als nur eine neue Handelsroute. Indien sollte über den Golf mit Europa verbunden werden. Dazu sollten Häfen, Eisenbahnstrecken, Energie- und Datenleitungen miteinander verknüpft werden. Saudi-Arabien hätte eine entscheidende geografische Drehscheibe werden können und Israel eine mögliche Verbindung zwischen der arabischen Halbinsel und dem europäischen Markt.
Es entstand die Vorstellung von einer Region, in der alte politische Konflikte nicht unbedingt gelöst, sondern durch Handel, Infrastruktur und gemeinsame wirtschaftliche Interessen allmählich in den Hintergrund treten könnten. Dabei sollte Israel nicht länger am Rand der regionalen Ordnung stehen, sondern zunehmend Teil ihrer Mitte werden. Ein entscheidendes Element fehlte jedoch noch: Die Normalisierung der Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und Israel.
Dann kam der 7. Oktober 2023: Der terroristische Angriff der Hamas auf Israel und die israelische Kriegsführung in Gaza zerstören nicht nur einen großen Teil der Stadt und kosten zehntausenden Menschen das Leben, sondern verändern auch die politische Landschaft der gesamten Region.
Was vor dem 7. Oktober als langsame Integration Israels in eine neue regionale Ordnung erschien, verwandelte sich innerhalb weniger Jahre in eine wesentlich widersprüchlichere Situation: Israel blieb zwar wirtschaftlich und militärisch mit Teilen der Region verbunden, setzte aber gleichzeitig militärische Gewalt auf immer mehr Schauplätzen ein. Gaza blieb nicht der einzige Kriegsschauplatz. Die militärische Konfrontation weitete sich auf den Libanon, Syrien, den Iran und weitere Teile der Region aus.
Damit entstand für die arabischen Staaten eine Frage, die vor dem 7. Oktober zumindest weniger dringlich war: Kann Israel ein zentraler Bestandteil einer zukünftigen regionalen Sicherheitsordnung sein und gleichzeitig eine Macht, vor deren militärischer Reichweite sich Staaten derselben Region schützen müssen? Das bedeutet jedoch nicht, dass Saudi-Arabien, die Türkei oder Pakistan Israel zum gemeinsamen Feind erklärt hätten. Genau diese Behauptung wäre zu einfach. Doch seit dem 7. Oktober ist Israel stärker als zuvor Teil der regionalen Bedrohungsberechnungen geworden. Und dieser Unterschied ist entscheidend.
Wen schützt eine US-amerikanische Sicherheitsgarantie?
Dieses Dilemma wurde besonders deutlich, als die militärische Eskalation auch Staaten betraf, deren Sicherheit eng mit den Vereinigten Staaten verbunden ist. Für die Golfstaaten geht es dabei nicht nur um Israel, sondern um eine grundsätzlichere Frage: Was ist eine US-amerikanische Sicherheitsgarantie heute noch wert und wo liegen ihre Grenzen?
Seit Jahrzehnten beruht ein wesentlicher Teil der Sicherheitsordnung am Golf auf einer einfachen Arbeitsteilung: Die Golfmonarchien liefern Energie, investieren enorme Summen in westliche Volkswirtschaften und kaufen amerikanische und europäische Waffen, während die Vereinigten Staaten militärische Präsenz und strategische Rückendeckung gewährleisten. Doch Washington möchte seine Ressourcen langfristig stärker auf China und den indo-pazifischen Raum konzentrieren und erwartet gleichzeitig von seinen Partner*innen, mehr Verantwortung für ihre eigene Verteidigung zu übernehmen.
Für Washington klingt das nach „burden sharing“, also einer gerechten Verteilung der sicherheitspolitischen Lasten. Aus der Perspektive Riads, Ankaras oder anderer Hauptstädte kann dieselbe Entwicklung jedoch etwas ganz anderes bedeuten. Man soll selbstständiger werden, ohne genau zu wissen, ob die US-amerikanische Schutzgarantie im entscheidenden Moment noch dieselbe sein wird wie früher. Und genau hier beginnt die historische Parallele zum Bagdad-Pakt interessant zu werden.
Auch in den fünfziger Jahren wollte Washington, dass südwestasiatische Staaten einen Anteil der globalen Herausforderungen der USA übernehmen. Damals hieß diese Herausforderung Sowjetunion. Heute ist der wichtigste Konkurrent China. Doch die sich wandelnden Prioritäten der USA entsprechen nicht automatisch denen der südwestasiatischen Nationen.
Was also geschieht, wenn Saudi-Arabien, die Türkei und Pakistan genau das tun, was die Vereinigten Staaten seit Jahren von ihren Partnern verlangen? Sie übernehmen mehr Verantwortung für ihre eigene Sicherheit und entscheiden anschließend selbst, gegen welche Risiken sie diese gewährleisten wollen. Mit zunehmender Selbstständigkeit sinkt ebenfalls die Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Ironie des Mekka-Pakts: Washington könnte bekommen, was es verlangt – eine Region, die weniger von US-amerikanischem Schutz abhängig ist –, und müsste gleichzeitig feststellen, dass aus der Selbstständigkeit nicht zwangsläufig die von Washington vorgesehene Ordnung resultiert.
Syrien und der Aufstieg der Türkei
Kaum ein Ereignis hat die Machtverhältnisse in der Region zuletzt so stark verändert wie der Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024. Für den Iran bedeutet dies einen schweren strategischen Verlust. Syrien war für den Iran über Jahrzehnte hinweg nicht nur ein Verbündeter, sondern auch ein geografischer Korridor, der Teheran mit dem Libanon und der Hisbollah verband und dem Iran Zugang zum östlichen Mittelmeer verschaffte. Für die Türkei verlief die Entwicklung beinahe spiegelverkehrt. Nach mehr als einem Jahrzehnt Krieg, der Unterstützung syrischer Oppositionsgruppen, der Aufnahme von Millionen Geflüchteten und wiederholten militärischen Interventionen gewann Ankara durch den politischen Umbruch in Damaskus einen Einfluss, den es zuvor nicht besessen hatte. Syrien wurde damit jedoch nicht einfach von einem iranischen zu einem türkischen Einflussraum. Eine solche Beschreibung wäre zu einfach für ein Land, in dem weiterhin zahlreiche regionale und internationale Interessen aufeinandertreffen. Doch das Kräfteverhältnis hat sich deutlich zugunsten Ankaras verschoben.
Für Israel ergibt sich daraus ein neues Problem. Jahrelang konzentrierte sich die israelische Strategie in Syrien vor allem auf den Iran und die Hisbollah. Ein stärkerer türkischer Einfluss verändert jedoch die Gleichung, da die Türkei weder eine Miliz noch ein isolierter Regionalstaat ist, sondern NATO-Mitglied und eine der größten Militärmächte der Region. Zudem ist das Land inzwischen Produzent eigener Drohnen, Raketen, Kriegsschiffe und anderer Waffensysteme.
Der Rückgang des iranischen Einflusses in Syrien hat deshalb ein sicherheitspolitisches Vakuum hinterlassen. Er hat die Frage aufgeworfen, welche Macht dieses Vakuum künftig füllt und wie weit Israel bereit ist, einen wachsenden türkischen Einfluss unmittelbar an seiner nördlichen Peripherie zu akzeptieren. Damit erhält auch die Zusammenarbeit zwischen Ankara und Riad eine neue Bedeutung.
Wer Syrien wieder aufbaut, entscheidet, wohin Syrien gehört
Der Wiederaufbau Syriens klingt zunächst nach Elektrizitätsnetzen, Krankenhäusern, Schulen, Wohnungen und Straßen. Bei einem zerstörten Staat an einer geografischen Schnittstelle zwischen Golf, Irak, Türkei und Mittelmeer entscheidet die Infrastruktur jedoch zugleich darüber, mit welchen Wirtschaftsräumen dieser Staat verbunden sein wird.
Saudi-Arabien, Katar und die Türkei haben ein starkes Interesse daran, Syrien wirtschaftlich wieder in die Region einzubinden. Wer Kraftwerke finanziert, Straßen baut, Eisenbahnlinien erneuert und Handelsverbindungen schafft, der baut nicht nur ein zerstörtes Land wieder auf. Er zeichnet gleichzeitig dessen wirtschaftliche Landkarte für die kommenden Jahrzehnte – und diese könnte weit über Syrien hinausreichen. Denn die Kriege der vergangenen Jahre haben den Golfstaaten erneut gezeigt, wie verletzlich ihre geografische Lage ist.
Im Osten liegt die Straße von Hormus. Im Westen führen die Routen durch das Rote Meer und den Bab al-Mandab. Beide können im Falle einer militärischen Eskalation zu Engpässen werden. Was früher vor allem eine logistische Frage war, wird damit zu einer Frage der nationalen Sicherheit: Wie erreichen saudische oder katarische Energielieferungen ihre Märkte, wenn die Straße von Hormus gefährlich wird? Wie erreichen Waren Europa, wenn der Bab al-Mandab nicht sicher ist? Plötzlich gewinnen alte Landkarten neue Bedeutung.
Eine Verbindung vom Golf über Saudi-Arabien, Jordanien, den Irak oder Syrien in Richtung Türkei und Europa wäre dann nicht nur ein Infrastrukturprojekt, sondern auch eine strategische Alternative.
Der Kampf um Korridore
Hier trifft der Mekka-Pakt auf eine andere Entwicklung, die auf den ersten Blick kaum militärisch erscheint: Der Wettbewerb um die Handelswege.
Das IMEC-Projekt sollte Indien über die Emirate und Saudi-Arabien mit dem Mittelmeer und Europa verbinden. In der ursprünglichen Vorstellung dieses Korridors spielte Israel eine wichtige Rolle. Nach dem 7. Oktober ist die wirtschaftliche Logik dieses Projekts zwar nicht verschwunden, seine politische Logik hat sich jedoch komplizierter gestaltet. Saudi-Arabien benötigt Verbindungen nach Indien und Europa. Indien wiederum benötigt Zugang zu westlichen Märkten. Europa sucht nach neuen Handels- und Energierouten. Aber muss eine solche Route zwangsläufig über Israel verlaufen? Syrien, der Irak und die Türkei eröffnen zumindest theoretisch andere Möglichkeiten.
Vielleicht konkurrieren in den kommenden Jahrzehnten deshalb nicht nur militärische Bündnisse, sondern auch Korridore miteinander: Häfen gegen Häfen, Eisenbahnlinien gegen Eisenbahnlinien, Pipelines gegen Pipelines und Handelswege gegen Handelswege. Wer die Infrastruktur kontrolliert, muss keine Grenzen verschieben, um politischen Einfluss zu gewinnen.
Das Rote Meer und ein Netz, das noch kein Bündnis ist
An diesem Punkt kommt eine weitere Region ins Spiel, die in den europäischen Debatten über Südwestasien lange eher am Rand stand: Das Horn von Afrika.
Äthiopien sucht seit Jahren nach einem verlässlicheren Zugang zum Meer. Somaliland wiederum strebt internationale Anerkennung an. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben erhebliche wirtschaftliche und strategische Interessen an den Häfen der Region entwickelt. Israel unterhält enge Beziehungen zu Äthiopien und verfolgt eigene Sicherheitsinteressen rund um das Rote Meer. Aus diesen Entwicklungen lassen sich verschiedene Beziehungen erkennen: Auf der einen Seite stehen Israel, Indien und die Emirate, auf der anderen Seite Saudi-Arabien, die Türkei und Pakistan. Dazwischen befinden sich Äthiopien, Somaliland, der Jemen und der Sudan als Schauplätze eines neuen regionalen Ringens. Doch genau hier ist Vorsicht geboten. Die Beziehungen existieren zwar, ergeben aber noch kein geschlossenes Bündnis.
Es gibt ein institutionalisiertes I2U2-Format zwischen Indien, Israel, den Emiraten und den Vereinigten Staaten. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben Interessen an den Häfen am Horn von Afrika. Es gibt enge israelisch-äthiopische Beziehungen. Die Emirate unterstützen den Südübergangsrat im Jemen seit Langem. Im Sudan stehen schwere Vorwürfe im Raum, die Emirate würden die Rapid Support Forces unterstützen. Abu Dhabi weist diese Vorwürfe zurück.
Interessant ist deshalb weniger die Behauptung, all diese Akteur*innen gehörten zu einem einzigen Lager, sondern vielmehr die geografische Überschneidung ihrer Interessen. Diese führen zu denselben Häfen, denselben Meerengen und denselben Handelswegen. Äthiopien braucht das Meer. Die Emirate interessieren sich für Häfen und Handelsrouten. Israel wiederum ist an der Sicherheit des Roten Meeres und seiner südlichen Zugänge interessiert. Indien wiederum benötigt verlässliche Verbindungen nach Europa. Es bedarf keiner geheimen Pläne, damit aus solchen Interessen politische Nähe entsteht. Geopolitische Netzwerke entstehen häufig gerade deshalb, weil unterschiedliche Akteur*innen aus unterschiedlichen Gründen dieselbe Straße benutzen wollen.
Genau deshalb sollte die ägyptische Sorge um den äthiopischen GERD-Staudamm nicht vorschnell als Teil eines einheitlichen israelisch-äthiopischen Projekts interpretiert werden. Ägypten betrachtet den Nil und den Staudamm als zentrale Frage seiner nationalen Sicherheit, während Israel enge Beziehungen zu Äthiopien unterhält. Eine direkte israelische Strategie, Äthiopien über den Staudamm gegen ägyptische Interessen zu unterstützen, lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Die Überschneidung ist geopolitisch interessant, eine Kausalität müsste jedoch gesondert belegt werden.
Gerade diese Unterscheidung ist wichtig, um die Veränderungen in der Region zu verstehen: Es entstehen nicht unbedingt zwei neue, klar voneinander getrennte Blöcke, sondern mehrere Netzwerke, deren Interessen sich an manchen Orten überschneiden und an anderen widersprechen.
Pakistan verändert die Gleichung
Auch Pakistan ist heute nicht mehr dasselbe Land, das im Jahr 1955 dem Bagdad-Pakt beitrat. Damals war es ein junger Staat, der militärisch stark von westlicher Unterstützung abhängig war und sich vor allem mit seinem Konflikt mit Indien beschäftigte. Heute ist Pakistan eine Atommacht. Das bedeutet jedoch nicht, dass Saudi-Arabien oder die Türkei automatisch unter einem pakistanischen nuklearen Schutzschirm stehen. Für eine solche Behauptung gibt es keine ausreichende Grundlage. Es bedeutet jedoch, dass ein Verteidigungsarrangement mit Pakistan strategisch anders bewertet wird als ein Bündnis mit einem konventionell bewaffneten Staat.
Abschreckung besteht schließlich nicht nur aus dem, was in einem Vertrag steht, sondern auch aus dem, was mögliche Gegner*innen für denkbar halten. Gleichzeitig bringt Pakistan genau jenes Problem mit, das schon den Bagdad-Pakt belastete. Sein wichtigstes sicherheitspolitisches Problem ist Indien. Für Saudi-Arabien ist Indien hingegen ein wichtiger Wirtschafts- und Handelspartner. Die Türkei wiederum blickt auf Syrien, das östliche Mittelmeer, die Kurd*innen und ihre zunehmend komplizierte Beziehung zu Israel. Saudi-Arabien konzentriert sich auf den Golf, den Iran, den Jemen, das Rote Meer und die Sicherheit seiner Handels- und Energierouten. Ein Vertrag könnte diese unterschiedlichen Landkarten überlagern. Er kann jedoch nicht garantieren, dass sich daraus eine einzige Landkarte ergibt.
Ob der Mekka-Pakt langfristig ernst genommen wird, lässt sich nicht anhand der Zeremonie seiner Unterzeichnung erkennen. Eindeutig wird es vielmehr erst in der ersten Krise, in der ein Mitglied tatsächlich auf die Unterstützung des Bündnisses angewiesen ist.
Israel ist nicht die neue Sowjetunion
An dieser Stelle stößt der Vergleich zwischen Bagdad und Mekka an seine wichtigste Grenze. Israel ist nicht die Sowjetunion des 21. Jahrhunderts und der Mekka-Pakt ist kein Bündnis, dessen Ziel die Eindämmung Israels ist. Eine solche Analogie würde mehr verdecken als erklären. Was soll das bedeuten? Ohne eine „Sowjetunion” fehlt die gemeinsame Grenze, die als roter Faden des Abkommens gilt.
Interessant ist dabei: Schon beim Bagdad-Pakt scheiterte der Versuch des Westens teilweise daran, dass Washington, London und die Staaten der südwestasiatischen Region unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, welche Gefahr eigentlich die wichtigste war – trotz der Grenze zur Sowjetunion und der Sicherheitsgarantie der Vereinigten Staaten, von der viele südwestasiatische Staaten abhängig waren. Heute könnte sich ein ähnlicher Konflikt um die Definition von Sicherheit wiederholen.
Washington möchte einerseits China eindämmen und andererseits Israel in eine stabile regionale Ordnung integrieren. Saudi-Arabien möchte seine wirtschaftliche Transformation schützen, sichere Handelswege schaffen und eine Einbindung in einen großen regionalen Krieg verhindern. Die Türkei möchte ihren Einfluss in Syrien sichern und als eigenständige Regionalmacht agieren. Pakistan blickt weiterhin auf Indien. Israel wiederum definiert seine Sicherheit zunehmend durch die Bereitschaft, Bedrohungen weit außerhalb seiner Grenzen militärisch zu bekämpfen.
All diese Vorstellungen von Sicherheit können zeitweise miteinander funktionieren. Sie müssen es aber nicht. Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Umbruch.
Von Bagdad nach Mekka
Im Jahr 1955 saßen die Türkei, der Irak, der Iran, Pakistan und Großbritannien in einer Sicherheitsordnung, deren strategische Logik maßgeblich vom Kalten Krieg geprägt war. Saudi-Arabien blieb außen vor. Nasser bekämpfte den Pakt. Die Vereinigten Staaten unterstützten den Pakt, ohne ihm vollständig beizutreten.
Mehr als sieben Jahrzehnte später sitzen Saudi-Arabien, die Türkei und Pakistan in Mekka zusammen. Großbritannien ist nicht dabei. Die Vereinigten Staaten sitzen ebenfalls nicht am Tisch. Der Iran sitzt nicht am Tisch. Israel sitzt nicht am Tisch. Vielleicht sind diese leeren Stühle wichtiger als die historische Ähnlichkeit der Namen, die auf den besetzten Stühlen stehen. Denn der Mekka-Pakt muss kein neuer Bagdad-Pakt, kein „islamischer NATO-Pakt“ und auch kein Anti-Israel-Bündnis werden, um politisch bedeutend zu sein.
Vielleicht bleibt er begrenzt. Vielleicht scheitert er auch an den unterschiedlichen Interessen seiner Mitglieder. Vielleicht entsteht daraus tatsächlich eine breitere regionale Sicherheitsarchitektur. Das lässt sich heute nicht voraussagen.
Das Bemerkenswerte liegt jedoch möglicherweise schon in seiner Entstehung: Staaten, die jahrzehntelang unter einem US-amerikanischen Sicherheitsschirm lebten oder in westliche Bündnissysteme eingebunden waren, beginnen, sich intensiver mit der Frage zu beschäftigen, welche zusätzlichen Sicherheitsstrukturen sie selbst benötigen.
Damit kehren wir zu der Frage zurück, die bereits den Bagdad-Pakt umtrieb. Wer bestimmt, wovor sich die Region schützen muss? Vor siebzig Jahren glaubten Washington und London, eine relativ klare Antwort auf diese Frage zu haben: Es ging darum, sich vor der Sowjetunion zu schützen. Heute ist die Antwort unübersichtlicher.
Der Iran kann sowohl Bedrohung als auch Verhandlungspartner sein. Israel kann Wirtschafts- und Technologiepartner sein und gleichzeitig ein militärisches Risiko für die Mitglieder*innen darstellen. Die Vereinigten Staaten können unverzichtbare Verbündete bleiben und trotzdem nicht mehr bereit sein, die regionale Ordnung zu unterstützen. China kann der größte globale Konkurrent Washingtons sein und zugleich einer der wichtigsten Handelspartner *innen der Golfstaaten.
Vielleicht entsteht deshalb in der südwestasiatischen Region gerade keine neue Version des Kalten Krieges, sondern etwas Unübersichtliches, das möglicherweise von Dauer ist: Eine Region, in der Staaten gleichzeitig Partner*innen und Konkurrent*innen sein können. Sicherheit würde dann nicht mehr ausschließlich von der stärkeren Armee abhängen, sondern von der Kontrolle über Häfen, Handelswege sowie die Finanzierung von Infrastruktur und in entscheidenden Momenten von Alternativen.
Der Bagdad-Pakt versuchte, die Region in eine globale Ordnung einzubauen, die anderswo entworfen worden war. Der Mekka-Pakt könnte, sollte er über die politische Symbolik seiner Unterzeichnung hinauswachsen, für die entgegengesetzte Bewegung stehen: Es wäre der Versuch einiger Staaten der Region, ihre eigene Ordnung zu entwerfen, während die alte noch existiert.
Vielleicht ist deshalb nicht die Frage entscheidend, ob Mekka zum neuen Bagdad wird.
Vielmehr ist entscheidend, ob die Staaten, die in Mekka zusammensaßen, stark genug sind, um erstmals selbst zu bestimmen, welche Bedeutung ein solches Bündnis haben soll.
Liebe Grüße,
Hussam Al Zaher
Gründer und Geschäftsführer

PC: Diese Text wurde mit Hilfe KI geschreiben.
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