Sprache und ich

Sprache – das ist mehr als ein paar Worte oder Sätze und die Grammatik, die die Sprache regelt. Sprache – das bedeutet unsere Gedanken, unser Gefühl, unser Selbst. Diese Erfahrung mach man besonders stark, wenn man eine neue Sprache lernt. Hussam Al Zaher teilt seine Erfahrungen aus dem Sprachexil und seine Gedanken zu den Fragen: Welche Sprache habe ich? Wie hat die neue Sprache mich verändert? Welche Bedeutung hat die Muttersprache?

Sprachweh nach Muttersprache
Fotograf: Hussam Al Zaher

Letzten Samstag habe ich einen Bekannten getroffen. Seit langer Zeit habe ich endlich mal wieder in meiner arabischen Muttersprache, nach der ich Sprachweh hatte, über interessante Themen diskutiert, die ich bis jetzt nur in der deutschen Sprache diskutiert habe.

Wenn ich mit meinen Bekannten auf Arabisch über Kolonialismus, Postkolonialismus, Feminismus, Integration, das Leben im Exil, über Heimweh spreche, denke ich die Worte zuerst auf Deutsch und übersetze sie dann ins Arabische. Das war für mich eine Überraschung, als ich das bemerkt habe.

Ich habe dieses Gefühl, wenn ich Freunden oder Bekannten auf Arabisch vom kohero Magazin erzähle. Ich habe es mir so erklärt, dass mein Gehirn zuerst die deutschen Worte schickt, weil ich ja fast nur auf Deutsch über das Magazin spreche – obwohl ich Arabisch spreche.

 

Drei Sprachen

Das hat mich zum Nachdenken darüber gebracht, welche meine Sprache ist. Auf diese Frage zu antworten, ist auf jeden Fall nicht einfach. Meine Muttersprache ist Arabisch mit dem Akzent meiner Familie, die Sprache, die ich mit meiner Familie und meinen Freund*innen spreche. Dieser Akzent ist anders als der Damaszener-Akzent, in dem ich mit Fremden spreche. Ich spreche manchmal im Damaszener-Akzent, um keine Vorurteile und Diskriminierung zu erleben. Meine Sprache kommt aus Golan. Als Israel 1967 Golan übernommen hat, wurden viele Bewohner*innen vertrieben und kamen nach Damaskus oder in die Nähe von Damaskus. Sie lebten dort in Slums und die Leute wurden und ließen sich nicht richtig integrieren. Deswegen ist es fast zum Lachen, dass ich wieder ein Vertriebener bin. Denn ich war schon für viele Damaszener ein Vertriebener, weil meine Eltern Vertriebene waren und damit auch ich nicht zu Damaskus gehören durfte. Und nun bin ich es zum zweiten Mal. Aber diesmal bin ich wegen des Krieges, der mich aus dem ganzen Land vertreibt, geflüchtet. 

Meine zweite Muttersprache ist Hocharabisch, das ich in der Schule und an der Uni gelernt habe. Ich lese und schreibe in dieser Sprache. Aber ich spreche diese Sprache nicht. Weil ich sie seit längerer Zeit nicht benutzt habe, mache ich auch manchmal Fehler beim Schreiben. Das macht mir Angst. Seit 2013 habe ich nicht mehr als zehn Artikel in Hocharabisch geschrieben. Seit 2016 schreibe ich auf Facebook oft auf Deutsch.

Die dritte Sprache, die ich spreche, ist Deutsch, die ich bei meiner Arbeit und zu Hause mit meiner Verlobten spreche. Sie ist meine Alltagssprache und in ihr denke ich auch. Ich schreibe seit 2017 fast nur noch auf Deutsch. Jedoch nicht in richtigem Deutsch sondern ich benutze, wie eine Bekannte einmal gesagt hat, mein “Hussamdeutsch”. Die Sprache ist einfach, ohne Grammatik, ohne Artikel und mit starkem Akzent. Obwohl ich die Sprache täglich benutze, kann ich manchmal keinen richtigen Satz auf Deutsch sprechen.

 

Meine Beziehung zur deutschen Sprache

Viele Freund*innen und Bekannte sagen mir, dass es doch wichtig wäre, die deutsche Sprache zu beherrschen, wenn ich als Journalist arbeiten will. Wegen dieser Kritik bekomme ich manchmal Angst vor Fehlern und Vorurteilen, wenn ich etwas schreibe und veröffentliche.

Ich schreibe meine Artikel immer in “meinem” Deutsch und sie werden von meinen Tandem-Partner*innen lektoriert. Dafür bin ich dankbar, aber ich würde gerne alleine schreiben können. Leider schaffe ich das bis heute nicht. Ich benutze die deutsche Sprache zwar, aber ich spreche sie nicht ganz richtig und fühle mich komisch und fremd, wenn ich spreche.

Als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich fast jeden Tag neue Dinge, neue Perspektiven, neue Ideen, neue Probleme, neue Möglichkeiten, neue Kultur und neue Menschen kennengelernt. All das Neue habe ich auf Deutsch gelernt. Oder besser gesagt, durch die deutsche Sprache entdeckt.

Ich habe viel mit Freund*innen, Bekannten, mit meiner neuen Familie auf Deutsch diskutiert. Und ich habe über das, was wir diskutiert haben, auch auf Deutsch nachgedacht. Leider spreche ich noch nicht so gut und kann meine Gedanken nicht immer gut äußern.

Mein Gefühl ist, dass ich die letzten sieben Jahre viel erlebt, gelernt und entdeckt habe, wofür Menschen normalerweise eine viel längere Zeit brauchen.

 

Der Verlust der Muttersprache

Als in Syrien der Krieg nach der Revolution begann, war ich 23 Jahre alt. Damals war ich noch jung, aber ich glaubte, dass ich die Welt verstehen kann, weil ich mich gut über diese Welt, über Syrien und die Region informiert hatte. Ich las täglich Zeitung, hörte Nachrichten, sah Talkshows: Aber jetzt weiß ich, dass ich damals doch noch sehr jung und naiv war.

Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, dass mein Leben stillgestanden hat, als der Krieg nach der Revolution begann und ich in dieser Zeit nichts gemacht habe, was ich in einem Lebenslauf schreiben könnte, um mich für eine Stelle zu bewerben. Ich war zwar noch an der Uni und legte ein paar Prüfungen ab, aber eigentlich hatte ich nichts gemacht, außer Nachrichten zu sehen und zu hören, mich zu informieren, was wo passiert ist.

Wegen all dem habe ich Angst, dass ich irgendwann keine Muttersprache mehr habe, in der ich mich finden kann. Die Umgangssprache kann ich nicht schreiben, das Hocharabische leider nicht sprechen, in der deutschen Sprache kann ich beides, aber leider beherrsche ich sie noch nicht ausreichend. Manchmal habe ich das Gefühl, ein Kind zu sein, wenn ich diese Sprache anwenden muss, wenn ich über Dinge außerhalb des Magazins spreche. Wenn ich jedoch über das Magazin spreche, ist das nicht so. Ich habe ein starkes und sicheres Gefühl, wenn ich spreche, auch wenn meine Kolleg*innen mich manchmal nicht so gut verstehen.

 

Was bedeutet Muttersprache?

Aber was bedeutet eigentlich Muttersprache? Ist es die Sprache, die du als Kind gelernt hast oder ist es die Sprache, in der du die Welt entdeckt hast, egal ob als Kind oder auch, als du schon erwachsen warst? Oder ist es die Sprache, die du immer schreibend, sprechend, denkend benutzt hast, oder die du beherrscht? Oder stimmt alles? Es ist nicht einfach, eine Antwort darauf zu finden. Ich bin nicht zufrieden mit meiner schriftlichen Sprache, dem Hocharabisch, mit dem Arabisch, das ich spreche und auch nicht mit der deutschen Sprache, in der ich denke. Deshalb frage ich mich, ob ich überhaupt eine Sprache oder Muttersprache habe oder vielleicht sogar drei?

Nicht zuletzt ist die Sprache auch ein Weg, wie wir mit uns selbst sprechen, nachdenken, die Welt sehen, Dialoge schaffen. Die Sprache ist wichtig für die Träume, die Arbeit, das Leben.

Die Sprache ist auch die Art, wie wir leben. Sie ist die Methode, uns zu erinnern. Wegen meiner Erfahrung im Exil habe ich entdeckt, dass Heimat nicht mehr als Erinnerung ist. Es könnte bedeutet, dass die Sprache unsere Heimat ist? Oder ist die Sprache eine Methode, um eine Heimat zu finden? Die Sprache ist oder kann für uns eine Heimat sein? Verliere ich, wenn ich meine Heimat verliere, auch meine Sprache? Oder suche ich eine neue Sprache, weil ich eine Heimat suche? Oder beides?

Was sagst du dazu?

Hussam studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland. Er ist Gründer und Chefredakteur von kohero. „Das Magazin nicht nur mein Traum ist, sondern es macht mich aus. Wir sind eine Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen.“
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