Schau nicht zurück mein Freund

Das warme Morgengrauen gab den Blick frei über die vielen Berge und Hügel rund um die Favela von Rocinha, vielleicht die größte in Rio de Janeiro, wer weiß das schon.

Fotograf: Babette Hnup

Es sah nach einem schönen Tag aus und die Sonne warf ihr noch schüchternes Licht auf diesen einzigartigen Wirrwarr von Gassen und Gässchen, größere und kleinere Häuser, die sich augenscheinlich ohne jegliche Ordnung in allen Himmelsrichtungen streckten – manchmal fast übereinander gebaut.
Nur die Stimmung an diesem Morgen war ganz anders. Keine Männer auf dem frühen Weg zur Arbeit oder Mütter mit ihren Kindern waren auf den Gassen und kleinen Straßen zu sehen. Die Straßenverkäufer, die sonst allerhand Essbares um diese Uhrzeit den Bewohnern anboten, hatten offensichtlich kein Interesse an diesem Morgen auf die Straße zu gehen.

Rocinha – Kriegsschauplatz der Drogenkartelle

Denn es herrschte ein blutiger Krieg in Rocinha, seit fast einem Monat. Die zwei mächtigsten Drogenkartelle des Landes, das Rote Kommando (RC aus Rio) und das PCC, das Erste Kommando der Hauptstadt aus São Paulo, trugen einen Kampf des Terrors in dieser Gegend aus, um die besten Vertriebs- und Handelsrouten für sich zu gewinnen. Waffen, Drogen und Menschen wurden aus dem fernen Paraguay und Bolivien nach Rocinha und in andere großen Favelas der Stadt geschmuggelt. Wer diese Wege für sich sichern konnte, hatte die Kontrolle über ein Riesengebiet von potenziellen Drogenkunden. Ein Geschäft von vielen Millionen Dollar, das keiner mit einem anderen teilen wollte.

Die Hunderten Soldaten beider Kartelle wussten, was auf dem Spiel stand. Wie David, der Luchs. Liegend auf dem Dach eines der kleinen Häuser oben am Eingang zum Wald hielt er sein Werkzeug fest in seinen dünnen Händen umklammert. Das Präzisionsgewehr schmiegte sich an seine Brust wie eine zärtliche Braut. Durch das Fernzielrohr konnte er bis zum Standstreifen auf der anderen Seite der Stadtautobahn am Fuße der Favela gut sehen. Es wäre ihm sicher möglich, einen sonnenhungrigen und ahnungslosen Menschen am Strand zu treffen. Nur um sich später damit zu brüsten, er sei der beste Scharfschütze des PCC.
Er hatte aber eine andere Aufgabe: Die Gegner des Roten Kommandos abzuknallen, so schnell und so genau wie nur möglich. Und so spähte er konzentriert die Gegend unter ihm aus, um die kleinste Bewegung eines Gegners wahrzunehmen und auf den richtigen Moment für den Abschuss zu warten. So wie die anderen Soldaten des PCC, versammelt in einem der höheren Viertel der Favela.

Der Kampf beginnt

Weiter unten, in dem am dichtesten bevölkerten Gebiet von Rocinha, bereiteten sich die Kämpfer des RC auf die bevorstehende Schlacht vor. Jeder von ihnen wusste, wie schwer es sein würde, die engen Gassen unter feindlichem Feuer hochzurennen, ohne sich als Zielscheibe den Gegnern zu präsentieren. Sie hatten aber einen mächtigen Vorteil, die meisten waren Kinder aus Rocinha, dort waren sie zur Welt gekommen und dort lernten sie jede kleine Gasse und jedes kleine Versteck kennen.
So wie Elias, der Linke. Sein Spitzname entstand aus der schlichten Tatsache, dass er Linkshänder war. Und auch ein gefürchteter Killer, der schon mehrere Male verwundete Gegner eiskalt vor den Augen seiner Armee erschossen hatte. Er war jetzt einer der Kämpfer, der den Weg nach oben frei schießen sollte. Dabei würde ihm seine bekannte silberne 9 mm Glock, seine Hauptwaffe, die in der linken Hand auf ihren Einsatz wartete, behilflich sein. Am Gürtel trug er noch eine Magnum 357, das ideale Werkzeug, um auf kurze Distanz einen Menschen fast bis zur Unkenntlichkeit zu formen.

Auf beiden Seiten streckte sich die Spannung jetzt wie ein Drahtseil durch die Favela. Die erste Kugel wurde von wem auch immer gefeuert, sie flog durch den warmen Morgen und hinterließ ein zischendes Geräusch wie ein Eisvogel, der auf seine Beute jagt machte. Sekunden später ergossen sich bleierne Tropfen über das Kriegsgebiet.
Die Geschosse hinterließen dicke Löcher und Narben an den umliegenden Häusern und Strommasten. Die fluchenden Schreie der Männer formten mit den kreischenden Geräuschen der Kugelsalven eine furchterregende Hintergrundmusik der anrollenden Tragödie in diesem Amphitheater des Todes.

Der Luchs und der Linkshänder

David schrie, dass er bereits zwei Gegner weggeschossen hatte und der Kämpfer in einer Position etwas oberhalb von Elias verkündete die Tötung eines feindlichen Aufpassers. Der Weg nach oben konnte bestiegen werden. Im Befehlston ordnete jemand hinter David die Männer an, sich die Bahn nach unten zu erkämpfen.
David sprang vom Dach auf die Straße und ging vorsichtig den engen Weg nach unten – zu den Gegnern. Elias schlich sich an den Häuserwänden der engen Gassen vorbei und suchte mit dem Blick nach Feinden. Es wurde weiter geschossen. Schreie und Flüche begleiteten die Schlacht. Elias bog in eine enge Gasse ein, wo die Häuser dicht an dicht standen. Er ging vorsichtig einige Schritte nach vorne mit beiden Waffen in den Händen. Vor einem der Häuser blieb er stehen. Eine schwarze, hochschwangere Frau hielt sich den Bauch und bat leise um Hilfe. Sie krümmte sich vor Schmerzen. Vor ihr, direkt am Eingang lag ein toter Mann, sein Körper war von Kugeln durchlöchert, so wie die Wände der meisten Häuser in der Gasse.

Elias hielt inne, schaute sich die Frau an und warf noch einen Blick in die Umgebung. Er kannte sie und den Toten. Maria und Samuel, einfache Arbeiter, auch Kinder Rocinhas. Maria lies sich auf den Boden nieder und bat zwischen Tränen erneut um Hilfe. Elias schaut sie unsicher an, ging aber auf sie zu und kniete sich neben sie nieder.
Ein plötzliches Geräusch im Hintergrund entging nicht seine Aufmerksamkeit. Er drehte sich mit beiden Waffen in den Händen um. Nicht weit entfernt stand David, zielte mit dem Gewehr auf Elias, wirkte aber unsicher. Das Bild vor ihm passte nicht zu seinem Krieg. Elias hat ihm direkt in die Augen geschaut und blickte zu Maria auf seiner Seite. David senkte das Gewehr, machte ein paar schüchterne Schritte und blieb vor Elias stehen. Er nickte als Elias ihm leise sagte, sie sollten Maria hineinbringen. Die Männer trugen sie vorsichtig ins einfache Haus. Es war leicht das Bett zu finden, der Schuppen war kaum größer als ein Zimmer.

Eine Geburt schweißt zusammen

David und Elias legten ihre Waffen beiseite und legten Maria vorsichtig ins Bett. Sie stöhnte und schrie, dass sie nicht mehr kann. David hat sie zärtlich angefasst und leise, fast liebevoll gesagt, was sie jetzt machen müssen. Elias wunderte sich über die Fertigkeit von David, er kannte seinen Ruf. David bat Elias, Wasser und Tücher zu bringen. Elias ging aus dem einfachen Zimmer und verschwand in die schäbige Küche nebenan.
David hat Maria beruhigt und sie festgehalten, während sie sich durch die Presswehen kämpfte.
Elias kam zurück, David nahm ein nasses Tuch und wischte Maria die Schweißperlen von der Stirn. Es sollte ein heißer Tag werden, schon jetzt war es richtig stickig in der winzigen Bude. David sagte Elias, er soll Maria am Rücken halten, er selbst hatte bereits angefangen den Kopf des Babys vorsichtig anzufassen. Er ermutigte Maria leise, weiter zu pressen, das Kind war schon halb zu sehen. Mit einem letzten Druck brachte Maria einen Jungen zur Welt.
David legte ihn auf Marias Brust, sie umarmte das Baby zärtlich, das ein leises Wimmern von sich gab. Elias schaute David beeindruckt an und sagte, er wisse jetzt, dass sein Gegner nicht nur ein Bote des Todes sei. David gab zu verstehen, dass er als Junge bereits ein paar Geburten bei sich zu Hause erlebt hatte.

Flucht vor der Polizei

Zu den vereinzelten Schüssen, die noch draußen zu hören waren, kam jetzt ein neues, dröhnendes Geräusch von tief fliegenden Hubschraubern hinzu. Beide wussten, dass die Eliteeinheiten der Polizei jeden Moment ihre Offensive starten würden, und wenn es nur mit dem Zweck geschah, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass sie tätig wurden. Wenige Sekunde später waren die lauten Schritte und Schreie der Polizisten zu hören, die Rocinha durchkämmten.
Aus der näheren Umgebung waren jetzt viele Schüsse zu hören, eins der Kartelle wollte den Bullen offensichtlich Paroli bieten. Nicht weit vom Haus entfernt konnten David und Elias hören, wie Polizeisoldaten in Häuser gingen und Bewohner anschrien. Sie schauten sich an und wussten, dass sie jetzt zwischen beiden Linien steckten. Elias sagte David, sie müssen abhauen. Keiner wusste, welche Drogenfraktion jetzt in der Nähe kämpfte. Sie schauten noch einmal auf Maria, die sich bedankte und sagte, dass ihr Kind Cristiano heißen soll.

Durch ein Fenster in der kargen Toilette sprangen Elias und David raus und suchten unter den Häusern Schutz, direkt neben dem verdreckten Rinnsal, der die Abfälle der Bewohner den Berg runter spülte. Sie mussten nur wenige Minuten dort kauernd ausharren, bis die Stimmen der Polizisten vor dem Haus zu hören waren. Sie spotteten über den toten Samuel und rannten ins Haus. Das Bild von Maria und Cristiano auf ihrer Brust zwang sie dazu, schnell nach den Sanitätern zu rufen, bevor sie die verlassenen, hochwertigen Waffen von David und Elias unter gedämpftem Jubel einsammelten. Die Befehlskette wurde nach unten gegeben und schon waren sie verschwunden, auf den Weg nach oben, wo die Waffen jetzt eine Ruhepause einhielten.

Rocinha den Rücken kehren

Elias sagte David, sie sollten jetzt verschwinden, er kenne die Wege und Pfade, wo kaum ein Mensch anzutreffen sei. Er stand auf, David haderte einen Moment, bis Elias ihm klar machte, dass sie jetzt nicht mehr wissen, wer in Rocinha das Sagen hat, wer ist König und wer Knecht. Am Rinnsal ging Elias einige Schritte entlang, David stand auf und folgte ihm. Nach wenigen Meter bog Elias in einen kleinen Weg durch ein Waldstück, David dicht hinter ihm. Bis auf wenige streunende Hunde treffen sie auf keine Menschenseele. Sie gingen jetzt schnell, bis sie an einem Platz ankamen, am Ende des kleinen Waldes, direkt neben dem großen, wilden Müllplatz, da wo bis auf wenige Müllsammler kein Mensch sich lang aufhielt.
Der Gestank war erbärmlich und die Müllsammler hatten keinen Blick für die beide übrig. Sie waren jetzt ganz dicht an der Stadtautobahn, einen Katzensprung vor dem Asphalt, der das urbane Dickicht, diesen Urwald aus Beton, von deren Umwelt aus armseligen Häusern, Dreck, Gewalt und armen Dienern der Gesellschaft trennte. Elias sagte David, es gibt jetzt keinen Weg zurück mehr, sie haben die Regel gebrochen und den Befehlen nicht gehorcht, sollten sie zurück gehen wäre ihr Tod sicher.

Aus Gegnern werden Freunde

David schaute unentschlossen, folgte aber Elias über die Fußgängerbrücke über der Stadtautobahn, die Himmel und Hölle trennt, auch wenn unklar ist, auf welche Seite sich was befindet. Noch bevor sie bei den Hochhäusern ankamen, mit ihren vielen Einkaufszentren, Bürotürmen und Horden von gut aussehenden Menschen auf dem Weg zum Strand oder der Arbeit, erwähnte Elias einen guten Bekannten aus dem Süden des Landes, der ihm Einiges schuldete.
Der Mann hat es zu Einiges gebracht und besitzt jetzt verschiedene Geschäfte. Sie können bei ihm sicher ein neues Leben starten, das wäre was. David blieb stehen und schaute auf die Hügel von Rocinha, dieses kleine unordentliche Universum, wo er die letzten Monate seines Lebens verbracht hatte. Elias machte ihm klar, dass das alte Leben jetzt vorbei sei und dass sie gemeinsam irgendetwas Besseres erreichen können. Der letzte Satz von Elias überzeugte David, sich mit den Massen auf dem Bürgersteig zu verschmelzen.
„Schau nicht zurück mein Freund. Wir müssen was für unsere Zukunft tun. Und wir werden es schaffen, garantiert.“ Davids Antwort erfolgte nur für seine eigenen inneren Ohren: „Ja, das werden wir. Zusammen.“

Leonardo De Araujo
Leonardo De Araujo, geboren in Rio de Janeiro, Brasilien lebt seit etwas mehr als 30 Jahren in Deutschland, vorwiegend in Hamburg. Nach einigen Berufsjahren in Werbeagenturen hat er 35 Jahre in der Fernsehproduktion gearbeitet. Nebenbei hat er sich auch als Drehbuchautor und Fotograf beschäftigt – und für das Flüchtling-Magazin, heute kohero, geschrieben.
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Leonardo De Araujo
Leonardo De Araujo, geboren in Rio de Janeiro, Brasilien lebt seit etwas mehr als 30 Jahren in Deutschland, vorwiegend in Hamburg. Nach einigen Berufsjahren in Werbeagenturen hat er 35 Jahre in der Fernsehproduktion gearbeitet. Nebenbei hat er sich auch als Drehbuchautor und Fotograf beschäftigt – und für das Flüchtling-Magazin, heute kohero, geschrieben.

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