kohero erklärt: Racial Profiling

Im neuen Format „kohero erklärt“ greifen wir Begriffe rund um das Thema „Vielfalt in der Gesellschaft“ auf, definieren sie und betten sie in einen größeren Zusammenhang ein. Aus aktuellem Anlass widmen wir uns diesmal dem Thema Racial Profiling.

Fotograf: Andrea Ferrario on Unsplash

Als am 8. August 2022 der 16-jährige Mouhamed Lamine Dramé von der Polizei erschossen wurde, ist ein seit Jahren thematisiertes Problem erneut durch die Medien gegangen: Polizeieinsätze gegen BiPoC. In dem Zusammenhang kommt immer auch der Begriff Racial Profiling zur Sprache. Aber wie genau kommt es zu dieser Praxis? Welche soziologischen Prinzipien verbergen sich dahinter und warum ist es nicht so einfach, Racial Profiling zu stoppen?

Der Begriff Racial Profiling umfasst laut Definition der Bundeszentrale für politische Bildung alle polizeilichen Maßnahmen und Maßnahmen von anderen Sicherheits-, Einwanderungs- und Zollbeamt*innen wie Identitätskontrollen, Befragungen, Überwachungen, Dursuchungen oder auch Verhaftungen, wenn sie nicht auf Grundlage eines konkreten Verdachts oder von Gefahr erfolgen, sondern aufgrund von rassifizierten oder ethnisierten Merkmalen – vor allem Hautfarbe oder (vermutete) Religionszugehörigkeit.

Keine rechtliche Definition

Der Begriff selbst stammt aus den USA. Dort wird diese Praxis mittlerweile von einigen Institutionen (u.a. Gerichten) als Problem anerkannt. Davon ist Deutschland noch weit entfernt. Hier gibt es keine rechtliche Definition und schon gar keine expliziten Verbote für die Anwendung von Racial Profiling. Mehr noch, hier bieten Bundes- und Landespolizeigesetze deutliche Handlungsspielräume für die beschriebenen polizeilichen Maßnahmen.

Zur Kontrolle und Verhinderung unerlaubter Einreisen sind verdachts- und anlassunabhängige Personenkontrollen in Grenzregionen bis zu 30 Kilometer ins Landesinnere, an Flughäfen, in Zügen und an Bahnhöfen und auf Autobahnen möglich. Außerdem dürfen örtliche Polizeibehörden in „Gefahrengebieten“, an „gefährlichen“ oder „gefährdeten“ Orten mithilfe polizeilicher Erfahrungswerte oder Kriminalstatistiken anlasslos Personen- und Identitätskontrollen durchführen und Personen durchsuchen. Sogar das Gelände dürfen sie videoüberwachen.

Vorurteile und Stereotype

Vorurteile werden definiert als negative oder ablehnende Einstellungen einem Menschen oder einer Menschengruppe gegenüber. Dieser Gruppe werden aufgrund stereotyper Vorstellungen bestimmte Eigenschaften von vornherein zugeschrieben, die so starr und gefühlsmäßig aufgeladen sind, dass sie selbst bei abweichender Erfahrung kaum korrigiert werden können. Vorurteile können zu einer schnellen und präzisen Orientierung in einer komplexen sozialen Umwelt beitragen.

Stereotype sind die personenbezogenen Eigenschaften einer Gruppe von Menschen. Der kognitive Teil eines Vorurteils ist ein Stereotyp.

Handlungsfähigkeit und Kontrolle werden durch stereotypisierende Wahrnehmungs- und Urteilsprozesse und Vorurteile unterstützt. Außerdem können Vorurteile helfen, ein positives Selbstbild zu bekommen und zu bewahren, weil sie zur Abwertung und Diskriminierung anderer beitragen und so zu einer positiven Selbsteinschätzung führen. Vorurteile, die man mit anderen teilt, können auch das Gefühl der Zusammengehörigkeit und gegenseitige Sympathie fördern. Sie tragen zu einer stärkeren Identitätsbildung als Gruppe bei.

Grundlage von Vorurteilen sind Kategorisierungen, also die Unterteilung der Umwelt in abgrenzbare Gruppierungen. Wichtig bei der Kategorisierung ist, dass wahrgenommene Unterschiede zwischen den Mitgliedern verschiedener Gruppen übertrieben und Unterschiede zwischen den Mitgliedern innerhalb derselben Gruppen vernachlässigt werden. Bei der Kategorisierung wird außerdem die Gleichartigkeit von Mitgliedern der einzelnen Gruppen überschätzt. Dadurch wird die Komplexität der sozialen Umwelt weiter reduziert. So kann also die soziale Umwelt in Personen und Gruppen, die „dazugehören“ und solche, die „nicht dazugehören“ eingeteilt werden. Das trägt zu einem Gefühl der sozialen Zugehörigkeit bei. Die soziale Identität wird gestärkt.

Stereotype als „mentale Abkürzung“

Zwischen Eigen- und Fremdgruppen finden soziale Vergleichsprozesse statt, die so organisiert werden, dass die eigene Gruppe positive Ergebnisse bekommt. Der*die Fremde wird dafür nicht als Individuum mit spezifischen Eigenschaften, Zielen und Motiven wahrgenommen, sondern ausschließlich als Mitglied einer fremden Gruppe gesehen und als ein*e typischer Vertreter*in dieser Gruppe kategorisiert. Durch die Kategorisierung werden also einzelnen Gruppen Eigenschaften zugeschrieben. Das passiert nicht immer neutral und wird als Stereotyp auf die Individuen dieser Gruppen übertragen.

Stereotype helfen dabei als „mentale Abkürzungen“, weil aufgrund der Zuordnung einer Person zu einer bestimmten Gruppierung auch auf die individuellen Eigenschaften dieser Person geschlossen wird. Wesentlich ist, dass die Beurteilung von Personen durch Stereotype oftmals wegen der stark generalisierten und durch kognitive Prozesse verzerrten Informationen zu falschen Schlüssen führt.

Eine besondere Form von Vorurteilen sind ethnische Vorurteile, also negative, abwertende und feindselige Aussagen und Ansichten über ethnische Gruppen, wobei diese Aussagen und Ansichten stereotyp und wirklichkeitsunangemessen sind. Das heißt, dass sie auf fehlerhaften Verallgemeinerungen beruhen, vereinfacht und starr sind. Eine Form des ethnischen Vorurteils ist beispielsweise die Xenophobie (Fremdenfeindlichkeit).

Institutioneller Rassismus

Abwertende Aussagen und Urteile über bestimmte ethnische Gruppen gibt es aber nicht nur als Einstellungen einzelner Personen, sondern auch als gesellschaftliche Ideologien. Die Abwertung anderer durch ethnische Vorurteile geht häufig einher mit einer Aufwertung der Eigengruppe, z.B. des eigenen Volkes. Wichtig ist, dass ethnische Vorurteile übernommen werden und nicht das Resultat eigener Erfahrungen mit einer Gruppe sind. Da Vorurteile ein Teil moderner Gesellschaften sind, ist ihre Übernahme ein Teil des sozialen Lernens und der Sozialisation.

Institutioneller Rassismus bezeichnet Rassismen, die von Institutionen der Gesellschaft, ihren Gesetzen, Normen und staatlichen Institutionen ausgehen. Der institutionelle Rassismus kann dabei als ein Pendant zum alltäglichen Rassismus in der Mehrheitsgesellschaft verstanden werden. Er zeigt sich durch Ausgrenzung, Benachteiligung oder Herabsetzung von Menschen.

Innerhalb der Institutionen werden Rassismen weitergegeben und weiterentwickelt. Normen und Praktiken der Institutionen sind ein Medium für die Verbreitung von Rassismus. Symptome dieser Ausgrenzungsmethoden lassen sich durch die Entmenschlichung anderer Ethnien, durch Gewalt, aber auch durch systematische Ungleichbehandlung erkennen.

 

Racial Profiling – soziologisch betrachtet

Der der Polizei allgemein zugeschriebene Korpsgeist führt zu einem starken Zusammenhalt innerhalb der Institution. Das gemeinsame Bekämpfen von Verbrechen kann als Wahrung des Gruppeninteresses der Polizei gewertet werden. Das stabilisierende Gruppeninteresse wirkt sich wiederum auf die Kategorisierung und Stereotypisierung aus, sodass Polizist*innen ihr Selbstbild als „Gesetzeswahrende“ auffassen, und sich damit positiv von den „anderen“, den Kriminellen, abgrenzen.

Die handelnden Polizist*innen sind sich ihrer Raster und Stereotype im Rahmen ihrer Arbeit nicht bewusst, wodurch sich die selektive Wahrnehmung durch das Racial Profiling verstärkt. Wenn häufig erneut in die gleiche Richtung gesucht wird und jeder Erfolg als Bestätigung gesehen wird, kommt es auch zu einer Verfestigung der Stereotype. Anders als von der Polizei häufig angenommen, ist Racial Profiling in der Regel allerdings nicht erfolgreich.

Laut des Polizeiwissenschaftlers Rafael Behr sind vor allem die mediale und politische Darstellung von Schwarzen Menschen als Kriminelle essenziell für die Konstruktion eines Stereotyps, das Polizist*innen in ihrem Alltag als Mitglied der Gesellschaft übernehmen. Auch Diskurse über „Ausländerkriminalität“ wirken sich auf das Verständnis einzelner Polizist*innen aus, was empirische Studien belegen.

Die Ermittlung illegaler Migration kann Gesetzeshüter*innen zur Annahme animieren, Schwarze Menschen als Ausländer*innen zu kategorisieren und zu unterstellen, dass diese deshalb potenziell gegen Einreisebestimmungen verstoßen. Außerdem liegt der Fokus der Polizeiarbeit auf sozialen Schichten, die beispielsweise aufgrund ihres unsicheren Asylstatus in Deutschland Angst vor dem Verlust ihrer Aufenthaltsgenehmigung haben. Deshalb ist die Anzeigebereitschaft dieser Gruppen bei rechtswidrigem Verhalten der Polizei geringer, weil sie häufig negative Konsequenzen befürchten. Auch herrscht in der Polizei ein gewisser Erfolgsdruck vor. Vor allem aus Prestigegründen sei es wichtig, möglichst viele Straftaten aufzudecken.

Self-fulfilling-prophecy

Bei Betroffenen entsteht durch Racial Profiling der Eindruck, dass die Benachteiligung aufgrund ihres Aussehens, vor allem auch im starken Kontrast zur Mehrheitsgesellschaft, verstärkt wird. Ihr Unmut drückt sich dann häufig in einer Abwehrhaltung gegenüber der Polizei aus. Dieses Missverhältnis kann so Auslöser einer „self-fulfilling-prophecy“ werden: Wenn Polizist*innen ein rassistisches Prüfungsraster in einer Kontrollsituation verwenden, fühlt sich die betroffene Person diskriminiert und zeigt das durch abwehrendes Verhalten. Die Polizei sieht darin ihre Stereotype bestätigt, und steigert daraufhin ihr Racial Profiling. Die betroffene Gruppe sieht darin dann eine Steigerung des Rassismus und reagiert umso ablehnender gegenüber der Staatsgewalt und dem Staatsapparat insgesamt.

Stereotype und ethnische Vorurteile können also die Polizeiarbeit und das Verhalten von Polizist*innen gegenüber Personen, die häufig einer bestimmten, „verdächtigen“, Kategorie zugeordnet werden, beeinflussen. Diese Kategorisierungen vereinfachen zwar die Polizeiarbeit, sind aber eindeutig das Ergebnis vorurteilsbehafteter Zuschreibungen. Kritisch zu betrachten ist außerdem, dass in diesem Fall durch eine Instanz, deren Hauptaufgabe die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols ist, Vorurteile und Stereotype zu Abwertung und Diskriminierung anderer führen. Das ist also eindeutig institutioneller Rassismus.

Dramatisch ist, dass dieser Einfluss auf die Reproduktion gesellschaftlicher Stereotype hat und eine weitere ethnische Grenzziehung zur Folge haben kann. So wird der bestehende institutionelle Rassismus verstärkt und führt damit auch zu vermehrtem Racial Profiling.

Franziska Bleher
Franzi hat einen Masterabschluss in European Studies von der Universität Passau. Schon als Studentin hat sie sich für die Themen Migration, Interkulturalität und Diversität begeistert. Heute lebt sie in Nürnberg und beschäftigt sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin mit verschiedenen Aspekten der Migration und Arbeitsmarktsintegration.

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Franziska Bleher
Franzi hat einen Masterabschluss in European Studies von der Universität Passau. Schon als Studentin hat sie sich für die Themen Migration, Interkulturalität und Diversität begeistert. Heute lebt sie in Nürnberg und beschäftigt sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin mit verschiedenen Aspekten der Migration und Arbeitsmarktsintegration.

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