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„Wir können das Paradies auf Erden nicht machen“. Ein Dialog über den Glauben

In ihren "Dialog über den Glauben" steigen Julia Von Weymarn und Hussam Al Zaher diesmal gleich mit einer ganz schwierigen Frage ein: Was passiert nach dem Tod? Dazu eine Vorstellung oder Erklärung zu formulieren, ist vermutlich in keiner Kultur oder Religion einfach. Es sind also eher Fragen als Antworten, die Menschen gemeinsam bewegen, wenn es um Leben und Tod, um Seele und Sehnsucht geht – so auch bei folgendem Austausch:

Fotograf: Eugenia Loginova

Was ist Dir wichtig im Leben?

Das ist eine richtig interessante Frage und ich frage mich in diesem Moment: Was ist richtig im Leben? Oder genauer gesagt: Wie kann ich ein richtiges Leben führen?

Da muss ich Dich gleich zurückfragen: Wichtig und richtig sind für mich zwei unterschiedliche Wörter. Es kann etwas für mich im Leben wichtig sein, was aber überhaupt nicht richtig ist. Oder anders herum. Wie siehst Du das? Warum hast Du das Wort “richtig” gewählt?

Ich bin auch Deiner Meinung. Aber genau jetzt war der richtige Zeitpunkt, um die Frage nach dem richtigen Leben zu stellen.

Glaubst Du nicht, dass Du ein richtiges Leben führst?

Wichtiges ist für die Menschen ganz unterschiedlich, weil das von innen kommt. Richtiges aber ist weniger unterschiedlich, weil das von außen kommt. Die Religion versucht uns immer zu sagen, was für uns richtig ist, nicht was für uns wichtig ist. Wobei ich glaube, dass die Religion sogar oft beides gleichsetzt: Was richtig ist, ist auch wichtig.  Ich weiß nicht warum, vielleicht weil ein Gesetz gemacht wurde für das, was richtig ist. Das ist vermutlich einfacher als ein Gesetz für das, was wichtig ist. Vielleicht kann uns die Religion nur bestimmte Anordnungen geben zu dem, was richtig ist. Das können Menschen dann befolgen und glauben. Aber was wichtig ist – das ist nicht für alle Menschen gleich. Die Menschen sind sehr unterschiedlich mit ihren Prioritäten. Sprachlich vermischt sich wichtig und richtig auf Deutsch aber leicht.

Beim Glauben geht es bei uns, so denke ich, um Spiritualität. Hier aber ist der Materialismus sehr wichtig und ich versuche, mit beidem zu leben.

Was meinst Du mit Materialismus?

Mit Materialismus meine ich: Ich glaube an das, was ich sehen kann oder berühren kann, und alles kommt von der Materie, es ist wissenschaftlich erklärbar. Nicht Gott hat alles geschaffen. Bei Spiritualität denke ich an Religion: Da geht es um den Glauben, dass alles von Allah/ Gott kommt, und das bedeutet, dass wir auch über das Jenseits nachdenken müssen.

Das verstehe ich nicht. Warum müsst ihr über das Jenseits nachdenken, wenn Allah an alles denkt und alles macht?

Weil die Menschen nicht das Paradies auf Erden machen können. Es gibt keine Gleichheit auf der Welt. Es gibt viele arme Menschen auf der Welt, weil wir kein utopisches Land auf der Welt schaffen können. Hier liegt ein Teil von unserem Problem: dass wir nicht an die Menschen und an uns glauben können. Denn unsere Erfahrung mit den Menschen sind oft schlecht, weil wir nur Diktatur erlebt haben. Oder weil wir in unserem Land mit dem Krieg leben müssen.

Aber gibt es nicht auch positive Beispiele aus eurer Gesellschaft – von Menschen, die Großes und Gutes bewirkt haben?

Ja, natürlich gibt es viele Beispiele. Allein die familiäre Atmosphäre ist ein gutes Beispiel, nicht nur zwischen den Familien, sondern auch zwischen den Bewohnern einer Straße oder manchmal eines ganzen Dorfes oder eines Stadtteils. Die Idee ist, dass man zu einer Gruppe gehört und das ist, was die Religion vielleicht schaffen kann. Das bedeutet auch, keinen Plan für unser Leben zu haben, weil Allah einen Plan für uns macht. Und wenn Allah will, dann kann alles mit uns passieren. Das bedeutet auch: Unser Glück kommt aus und von Allah, weil er sehr stark ist.

Ganz naiv gedacht, dürftet Ihr euch dann doch überhaupt keine Sorgen machen, keine Gedanken, denn Allah hat sowieso alles vorher bestimmt, oder?

Dankeschön, da hast Du recht. Aber es gibt Unterschiede zwischen den Gedanken der Gesellschaft und den Gedanken eines Menschen in der Gesellschaft. Das bedeutet nicht, dass wir nicht planen, sondern wir planen, aber ohne Plan, zum Beispiel: Wenn wir die Entscheidung treffen, dass wir heiraten möchten, aber wir haben kein Geld, dann glauben wir, dass Allah uns hilft, und wir müssen nicht darüber nachdenken, wie das geht. Allah schickt uns die Menschen, die uns helfen wollen und uns Geld geben. Unsere Familien, unsere Verwandten, unsere Freunde sollten uns helfen, und wir wissen das. Das Geld kommt, warum müssen wir denken?

Oder wenn wir ein Kind haben möchten, dann denken wir nicht, wie viel Geld brauchen wir und wie viel Geld geben wir aus, sondern wir denken, dass das Geld mit dem Kind von Allah kommt. Daher haben wir sehr viele Kinder, auch wenn unsere Eltern nicht viel Geld haben. Deutsche denken über einen Kinderwunsch eher nach wie über ein Haus: Sie denken an die Kosten.

Im Gespräch: Julia Von Weymarn und Hussam Al Zaher

“Ohne Entscheidungen kann man nicht leben”. Ein Dialog über den Glauben – Teil 2

“Die Seele braucht etwas anderes als Materialismus”. Ein Dialog über den Glauben – Teil 3

Hussam studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland. Er ist Gründer und Chefredakteur von kohero. „Das Magazin nicht nur mein Traum ist, sondern es macht mich aus. Wir sind eine Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen.“
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