Wenn Medien diskriminieren

"Frames", die in unserer Sprache allgegenwärtig sind, helfen, Informationen zu strukturieren und leichter verständlich zu machen. Doch sie können auch diskriminieren und ganze Weltsichten beeinflussen. Besonders sichtbar wird dies am Beispiel der Berichterstattung über den Islam.

Ein Beispiel für Framing
Fotograf: Photo by Aidan Bartos on Unsplash

„Das Ende der Z-Sauce – Ist das ein notwendiger Schritt?“ diskutiert Steffen Hallaschka in seiner Sendung „Die letzte Instanz“. Eingeladen sind vier weiße Gäste, die die überwiegende Meinung vertreten, ein sprachliches Umdenken bei der Namensgebung dieser Sauce sei nicht notwendig. Dass das Z-Wort eine von „Klischees überlagerte Fremdbezeichnung der Mehrheitsgesellschaft ist, die von den meisten Angehörigen der Sinti*zze und Rom*nja als diskriminierend abgelehnt wird“ (Zentralrat Deutscher Sinti und Roma 2015), scheint wohl zweitrangig im Kampf um eine gute Quote. Die öffentliche Kritik erscheint daher als logische und längst überfällige Konsequenz einer rücksichtslosen Debatte. Denn insbesondere nach globalen Gleichberechtigungsbewegungen wie Black Lives Matter, #metoo und #sayhername stößt dieser Umgang mit Minderheiten auf Empörung und Ablehnung. Forderungen nach Diskriminierungsfreiheit und Gleichberechtigung werden überall dort gestellt, wo Minderheiten strukturell benachteiligt werden.

 

Sprache als scharfe Waffe

Eine häufig unterschätzte Struktur stellt dabei unsere Sprache dar. Sprache ist mächtig. Sie prägt unser Denken und Handeln – meist sogar unterbewusst. Damit wird sie schnell zu einer Waffe, die so mächtig wie verletzend sein kann. Bei allem Gesagten werden eigene Wertvorstellungen vermittelt, die weder objektiv sind noch allgemeingültig. Viel zu schnell ist etwas gesagt, das einer bestimmten Sache oder Gruppe nicht gerecht wird. So entsteht Diskriminierung.

Sprachliche Diskriminierung reduziert sich dabei nicht nur auf die Verwendung politisch inkorrekter oder unsensibler Bezeichnungen und Wörter. Oft erscheint sie viel komplexer und latenter. Ein allgegenwärtiges sprachliches Phänomen stellt dabei das sogenannte Framing dar. Frames, also Deutungsrahmen, sind omnipräsent in unserer Sprache (vgl. Schmidt 2014; vgl. Wehling 2016, 191). Sie können helfen, Informationen zu strukturieren und sie leichter verständlich zu machen. Die wohl beliebteste Metapher für dieses Phänomen ist das altbekannte halbvolle, beziehungsweise halbleere Glas. Das halbvolle Glas framet eine positive Lebenseinstellung, wohingegen die Beschreibung des Füllstandes als halbleer eher eine pessimistische Einstellung offenlegt. So simpel dieses Beispiel auch erscheinen mag – Framing kann ganze Weltsichten beeinflussen.

 

Mediale Frames formen das Bild „des Islam“

Zwar mag der Effekt einfache sprachliche Lösungen für komplexe Sachverhalte finden. Jedoch können etablierte Narrative und Frames schnell problematisch werden, da sie nur eine Seite der Medaille zeigen. Diskutieren in einer Talkshow vier weiße Menschen über das Existenzrecht des Namens einer Sauce, die einen rassistischen Stereotypen einer fremden Gruppe reproduziert, so bildet sich schnell ein Frame, der die Position der diskriminierten Personen in keiner Weise einbezieht. Die Situation polarisiert und beeinflusst die Meinung der Zuschauer*innen. So wird Framing über religiöse und ethnische Minderheiten häufig zum Verhängnis für die Betroffenen.

Die größte religiöse Minderheit in Europa stellt der Islam dar. Im mehrheitlich christlichen Deutschland macht der Anteil der Muslim*innen 5,4% bis 5,7% der Bevölkerung aus (Bundesministerium des Innern 2016), das entspricht 4,4 bis 4,7 Millionen Menschen (Stand: 2015). Bei Befragungen der deutschen Bevölkerung schätzte diese die Zahl der Muslim*innen in der deutschen Gesellschaft auf über vier Mal so hoch ein (vgl. Skinner et al. 2018, 29).

Ein Grund für eine derart falsche Wahrnehmung der Gesellschaftsverhältnisse ist, dass ein Großteil der mehrheitlich christlichen Menschen in Deutschland nur in ihren eigenen Religionskreisen leben. Da diese „zu wenig direkten Kontakt zu Muslimen oder zur islamischen Welt pflegen, wird ihr Islambild nachhaltig von den Massenmedien geprägt“ (Hafez und Richter 2007, 9 40). Medien haben also eine hohe Verantwortung gegenüber der repräsentierten Gruppe. Sie entscheiden mit, wie die meisten Deutschen über ihre muslimischen Mitmenschen denken.

 

Terror und Angst schaffen ein negatives Bild

So hoch der Vermittlungsbedarf in unserer zunehmend multikulturellen Gesellschaft ist – immer wieder tritt ein Frame in den Vordergrund, wenn über „den Islam“ debattiert wird: der unabdingbare Zusammenhang zum Terror. Er zieht sich durch unsere Diskussionskultur und nimmt dabei die verschiedensten Formen an. Sein Ursprung findet sich in der Auslandsberichterstattung, die spätestens seit den Terroranschlägen 2001 in New York sensibilisiert ist für Islamismus. Dadurch etablierte sich schon früh die Verbindung des Islam mit hauptsächlich konfliktlastigen Themen (vgl. Hafez und Richter 2007, 40).

Diese „unhinterfragte Verknüpfung von Islam und Terrorismusneigung“ (Halm et al. 2007, 11 ff.) lässt völlig vergessen, dass die Religion des Islam wenig mit Islamismus zu tun hat – jener ist eine politische Ideologie. Zwar basiert Islamismus auf dem Islam, jedoch ideologisiert er diesen und propagiert, die Gesellschaft zu islamisieren oder eine islamische Herrschaftsordnung zu errichten (vgl. Mediendienst Integration 2019, 187). Dabei richtet er sich gegen eine demokratische Grundordnung (vgl. Bundesministerium des Innern und für Bau und Heimat 2018, 170).

Getreu nach dem journalistischen Motto „Only bad news are good news” taucht Islamismus bzw. der Islam vor allem dann in den Medien auf, wenn islamistische Attentate das Weltgeschehen aufrütteln. Konsequenz: Zu oft, wenn der Islam in den Medien auftaucht, steht er in einem negativen Kontext. Für den Islamismus scheint negative Berichterstattung eine logische Konsequenz zu sein, für das Bild des Islam ist es jedoch fatal. Das alltägliche Leben mit der Religion rückt in den Hintergrund und wird von der News-Agenda sogar verfälscht.

 

Unter einem Frame lässt sich rechtsextremes Gedankengut vermitteln

Immer wieder wird eine schwierige Integration als gesellschaftliches Problem angeprangert, das Land sei überfordert mit den Menschenmassen, die Zuflucht suchen. Die tragische Ironie der Situation gleicht nahezu einer Täter-Opfer-Umkehr, bei der die deutsche Bevölkerung Opfer der vermeintlich schmarotzenden Menschenmassen aus dem Ausland wird. Merke: Menschen fliehen, weil sie in Not sind. Das Narrativ etabliert sich dennoch, sodass der Frame Angst in den Vordergrund tritt.

Dabei schwelt diese Angst komplex und vielschichtig über der Gesellschaft. Sie überträgt sich auf verschiedene Bereiche des alltäglichen Lebens. So bekunden viele Menschen Angst vor dem Verlust von Sicherheit aufgrund drohenden Terrors, aber auch Besorgnis, den eigenen Lebensstandard wirtschaftlich und sozial „herunterschrauben zu müssen“ (Wohlt et al. 2017, 181 f.).

Hier mündet auch die Kritik an Gruppen wie Pegida, die seit 2014 verstärkt in Deutschland demonstriert. Unter anderem kritisieren sie die Asylpolitik und die Arbeit der Medien – und mahnen dabei vor einer „Islamisierung“ Deutschlands. Dabei geht es schätzungsweise nur einem Viertel der Anhänger*innen tatsächlich um den Islam. Vielmehr besteht auch hier die Angst „um die eigenen (gefühlten) Privilegien“ (vgl. Vorländer 2015.). Unter einem emotionsbeladenen Frame lässt sich so einfacher rechtsextremes Gedankengut vermitteln. 2007 schreibt der Medienwissenschaftler Hafez: „Die demoskopische Lage des letzten Jahrzehnts zeigt […] einen Trend auf, wonach ein Großteil der deutschen Bürger Angst vor dem Islam hat“. Organisationen wie Pegida erschweren den Start für Muslim*innen zusätzlich, wenn sie reelle Ängste und Bedenken zu Terror oder dem Islam für ihre Ideologien ausnutzen.

 

Multimediale Reproduktion als Frame-Verstärker

Bleibt man bei Titeln von Talkshowsendungen, wird die Verknüpfung jener Frames schnell deutlich. In einer Folge von „Hart aber fair“ im September 2015, „Merkel bejubeln, an Mohammed glauben. Wie viel Islam gehört zu Deutschland?“, bezieht Frank Plasberg sich auf die (Achtung, Frame) sogenannte Willkommenspolitik der deutschen Kanzlerin. Diese hatte zu Zuversicht in den stärksten Jahren der Zuwanderung in Deutschland aufgerufen. Die Frage ob, nicht „wie viel“, wurde schon vielfach in der Politik diskutiert. Wolfgang Schäuble sagte schon 2006 in einer Regierungserklärung „Der Islam ist Teil Deutschlands und Europas“.

Mit der Formulierung des Titels wird das Thema bereits in eine gewisse Richtung gelenkt: Erstens impliziert sie ein Gefühl des „Wir“ (Deutschland) und „die Anderen“ (Muslim*innen) (vgl. Le 2018). Trotzdem wird manifestiert, dass der Islam zu Deutschland gehört. Jedoch wird diese Tatsache relativiert: Es wird gefragt wie viel des Islam, also der Religion, zu Deutschland gehöre. Eine Diskussionsrunde berät also TV-tauglich in knapp anderthalb Stunden über das Schicksal von Millionen von Muslim*innen in Deutschland.

 

Frames enttarnen und Inhalte reflektieren

Der Frame wird weiter geformt mit einer Zuschauer*innennachricht. Diese beginnt mit „ICH HABE ANGST!“ und wiederholt diesen Satz. Die Zuschauerin fragt sich, wie „mit einer hier etablierten Religion“ Friede gehalten werden könne, wenn die „Massen“ es selbst in ihrer eigenen Religion nicht schaffen würden. Damit bekundet sie ihre Besorgnis, spricht dazu gleichzeitig den islamistischen Terror in muslimisch geprägten Ländern an. Es folgt ein Einspieler, der diese Zuschauer*innenmail mit Zahlen unterstreicht: „Angst vor dem Muslimischen, Angst vor dem Islam, die haben viele hier in Deutschland.

Über die Hälfte der Bevölkerung, nämlich 57%, nimmt den Islam als Bedrohung wahr. Und ein noch höherer Anteil, 61%, vertritt die Ansicht, dass der Islam nicht in die westliche Welt passe“. Innerhalb der ersten Minuten wird hier die Grundlage für das folgende Gespräch geebnet, sie enthält das Framing-Komplettpaket: Angst, Bedrohung, Terror. Dabei steht diese Folge exemplarisch für ein strukturelles Problem des Formats und vielleicht gar der Medien generell, die sich ihrer Verantwortung zu wenig bewusst sind.

Mit den Medien als Hauptkommunikationsmittel unserer Zeit sind sie auch verantwortlich für eine Menge der Frames, die in alltäglichen Diskursen umherschwirren. Wie und worüber gesprochen wird, bestimmen häufig die Kanäle, über die wir uns informieren. Um sprachlicher Diskriminierung keinen Raum zu geben, sollten wir uns der Omnipräsenz von Frames bewusst sein. Nicht immer ist es einfach, sie zu enttarnen, geschweige denn sie auf ihre Ursprünge zu analysieren. Inhalte zu reflektieren und vermeintlich Diskriminierendes nicht zu reproduzieren kann und sollte jedoch jeder Mensch tun.

Chiara Bachels
Chiara hat Mehrsprachige Kommunikation in Köln und Aix-en-Provence studiert. Ihre Interessen Kunst und Kultur teilt sie am liebsten in Wort und Schrift: „Toleranz und Sensibilität für andere Kulturen rücken im Zusammenleben viel zu oft in den Hintergrund. Kohero bietet den Raum für eine Auseinandersetzung damit“
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Chiara Bachels
Chiara hat Mehrsprachige Kommunikation in Köln und Aix-en-Provence studiert. Ihre Interessen Kunst und Kultur teilt sie am liebsten in Wort und Schrift: „Toleranz und Sensibilität für andere Kulturen rücken im Zusammenleben viel zu oft in den Hintergrund. Kohero bietet den Raum für eine Auseinandersetzung damit“

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