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Bin ich eine Biodeutsche mit Migrationshintergrund?

Monika fragt sich, ob sie einen Migrationshintergrund hat, wie dieser eigentlich festgelegt wird und ob der Migrationshintergrund in unserer Gesellschaft überhaupt eine Rolle spielen sollte.

Fotograf: wir_sind_klein. pixabay

Wann habe ich einen Migrationshintergrund und worauf bezieht sich dieser? Auf die Beweggründe für Migration wie Krieg, Armut, Naturkatastrophen, Verfolgung, Suche nach Arbeit oder Auswanderung aus Abenteuerlust? Muss ich eine nationale Grenze überschreiten oder genügt ein Bundesland? Bin ich freiwillig gegangen oder wurde ich gezwungen – durch politischen Druck oder die Umstände? Laut Wikipedia ist Migration „die auf Dauer angelegte Verlagerung des Lebensmittelpunktes“. Hätte dies also jemand aus meiner Familie tun müssen?

Als Biodeutsche werden häufig Menschen ohne Migrationshintergrund bezeichnet. Ich mag die Bezeichnung biodeutsch nicht. Erstens muss ich dabei immer an Hühner oder Eier denken und mit denen will ich nicht verglichen werden. Zweitens ist das eine jämmerliche Bezeichnung für eine neue Schublade. Wie wird entschieden, ob ich eine Biodeutsche bin? Wie soll ich das nachweisen? Durch einen Stammbaum bis in die zehnte Generation? Mütterlicher- und väterlicherseits? Muss ich immer hier gelebt haben oder darf ich auch Jahre im Ausland verbringen? Gibt es auch Biotürken oder Biomexikaner?

Die Geschichte meiner Familie

Ich bin in Deutschland geboren, mein Vater nicht. Er kam als Kind aus Ungarn und gehörte einer deutschen Minderheit an, die nach dem zweiten Weltkrieg enteignet, vertrieben und deportiert wurde. Hätte mein Großvater seinen deutschen Familiennamen in die ungarische Schreibweise ändern lassen, wäre dies seiner Familie vielleicht erspart geblieben. Er hat sich aber zu seiner Volksgruppe bekannt und wurde deshalb dorthin zurückgeschickt, wo er hergekommen war. Genauer gesagt musste er in das Land, in dem seine Vorfahren im 18. Jahrhundert gelebt hatten. Diese waren vor 300 Jahren in Hessen angeworben worden, um in Ungarn zu siedeln und Land zu bearbeiten, dass durch Krieg zerstört und entvölkert war. Sie waren also sozusagen Arbeitsmigranten oder Gastarbeiter.

Mein Großvater konnte sich aber nicht aussuchen, wo er leben oder ob er nach Hessen zurückkehren wollte, sondern wurde mit seiner Familie in ein Lager in Bayern in eine Art Ankerzentrum gebracht. Später wurden sie dann bei einer deutschen Familie zwangsweise einquartiert. Die deutsche kulturelle Identität meiner Familie spielte keine Rolle, sie wurden wie die meisten Flüchtlinge abgelehnt und mussten sich die Zugehörigkeit zur Gesellschaft erkämpfen. Bin ich nun durch meine väterliche Seite Ur-Biodeutsche aus Hessen, Angehörige einer Minderheit aus Ungarn oder Tochter eines Flüchtlings, der sich gut integriert hat?

Mein Vater hat später ein einheimisches Mädchen geheiratet. Deren Mutter musste in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts als armes Bauernmädchen in die Stadt gehen, um als Dienstmädchen zu arbeiten. Sie war sozusagen eine Arbeitsmigrantin. Denn damals lag zwischen ihrem Heimatort und dem Arbeitsplatz immerhin eine Tagesreise mit Bahn und Fahrrad. Durch die mütterliche Seite habe ich also scheinbar auch einen Migrationshintergrund.

Welche Rolle spielt die Herkunft?

Wenn ich es mir genau überlege, kenne ich jede Menge Deutsche, bei denen das genauso ist. Sie haben Großeltern aus Polen, Tschechien, Ungarn oder Rumänien und sind sich oft gar nicht bewusst, dass sie von den über 11 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen abstammen, die nach 1945 in Deutschland unterwegs waren. Und eigentlich spielt das auch keine Rolle. Wenn es um das Thema Migration geht, möchte ich mich lieber Leoluca Orlando, dem Bürgermeister von Palermo anschließen. Er engagiert sich seit Jahren in diesem Bereich und bezeichnet die Bewohner seiner Stadt unabhängig von ihrem Migrationshintergrund alle als Bürger*innen bezeichnet.

Nach meiner Meinung sollten Bürger*innen unabhängig von der Herkunft ihrer Identitätspapiere die Rechte eines Staates genießen, ihre Pflichten erfüllen und ihren Teil zur Gemeinschaft beitragen. Sie sollten das Gesundheitssystem nutzen können, politisch wählen dürfen, bei Problemen die Hilfe von Behörden in Anspruch nehmen, Steuern zahlen, ihre Kinder zur Schule schicken, mit den Kolleg*innen auf dem Betriebsfest gemeinsam feiern, auf das Baby der Nachbarn aufpassen, bei der freiwilligen Feuerwehr oder im Sportverein aktiv sein und vieles mehr.

In diesem Sinne sind der junge Afghane, der seit Jahren ein Teil meiner Familie ist, und ich beide nicht Bioafghane oder Biodeutsche, sondern Bürger*innen unseres Staates, unseres Landkreises und unserer Gemeinde. In erster Linie aber sind wir Menschen.

Monika lebte in Chile und reiste durch Südamerika. Nach Jahren wissenschaftlicher Tätigkeit als Diplom-Ökotrophologin und einer Familienphase arbeitet sie in der Sozialbetreuung von Flüchtlingen und hat Migrationsmanagement studiert, was sie eigentlich schon immer interessiert hat.
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Aurel Crisafulli ist Lehrer und unterrichtet Deutsch als Fremdsprache für junge Geflüchtete. Er glaubt, dass das Abitur für eine erfolgreiche…

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Monika lebte in Chile und reiste durch Südamerika. Nach Jahren wissenschaftlicher Tätigkeit als Diplom-Ökotrophologin und einer Familienphase arbeitet sie in der Sozialbetreuung von Flüchtlingen und hat Migrationsmanagement studiert, was sie eigentlich schon immer interessiert hat.

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