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7 Min. Lesezeit wana update News

Abgeschnitten im Südlibanon: Die Dilemma christlicher Dörfer

Der Krieg im Südlibanon erwartet eine neue Eskalation. Laut israelischen Medien plant ihre Armee die Verteidigungslinien im libanesischen Grenzgebiet zu stärken. Was bedeutet das für die christlichen Dörfer in der „Sicherheitszone” die noch bewohnt sind?

Abgeschnitten im Südlibanon: Die Dilemma christlicher Dörfer
Das Haus von Rachad El Amil in Rmeich (Privat)

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Du ließt wana update mit 434 anderen aus unserer kohero Community. Diese Ausgabe von Montag, dem 30. September 2026, umfasst rund 1.600 Wörter – und ca. 7 Minuten Lesezeit.


Marhaba,

in der „Sicherheitszone” im libanesischen Grenzgebiet liegen über 50 Dörfer in Trümmern. Nur in drei christlichen Orten leben noch Menschen. Die kommenden Monaten sind für ihr Bleiben entscheidend. Die Deutschlibanesen Rachad El Amil und Joseph Makhoul berichten über das Leben dort und die Sorgen aus der Ferne.

Trotz Evakuierungsbefehlen und einer Bodenoffensive seit März entschieden sich die meisten Bewohner*innen der Dörfer Rmeich, Debel und Ain Ebel im Südlibanon zu bleiben. Der 37-jährige Joseph Makhoul ist einer von ihnen. Er ist in Deutschland aufgewachsen. Seine aus Rmeich stammende Familie betreibt in Bonn das Restaurant „Phoenicia Lounge“ und einen Großhandel für libanesische Weine. Im Jahr 2018 gründeten sein Vater und sein Onkel in Rmeich das Weingut „Domaine de Rmeich“, dessen Produktion Joseph vor Ort leitet.

Trotz des aktuellen Krieges arbeitet er im Kriegsgebiet weiter, um sein Geschäft nicht zu verlieren. „Die Zukunft ist nicht klar, und wir vertrauen keiner der beiden Seiten. Aber ich entscheide mich erst einmal zu bleiben“, sagt er am Telefon.

Rmeich liegt im äußersten Süden des Libanon direkt an der Grenze zu Israel. Vor dem Krieg lebten dort schätzungsweise rund 7.000 Menschen ständig. Etwa genauso viele pendelten am Wochenende aus Beirut dorthin oder leben im Ausland. Die Häuser des Ortes stehen zwischen Weideflächen und Olivenhainen. Seit dem aktuellen Krieg liegt das Dorf zwischen den Ruinen der überwiegend schiitischen umliegenden Dörfer.

By The Great Mule of Eupatoria - Wikimedia

„Um uns herum ist alles plattgemacht worden mit Sprengstoff und Bulldozern“, sagt Makhoul. Die Menschen in Rmeich und den beiden kleineren Nachbardörfern Debel und Ain Ebel leben in einem sicherheitspolitischen Vakuum, nachdem die libanesische Armee die Region Ende März verlassen hat, um eine direkte Konfrontation mit den israelischen Streitkräften zu vermeiden.

Leben hinter Kontrollpunkten

Gerade hatte Joseph seine Weinlese mit der Hilfe von syrischen Arbeiter*innen geschafft. Wie lange diese dort bleiben dürfen ist noch unklar. Die Ernte hat sich in den letzten zwei Jahren halbiert, nachdem er seine Weinfelder in unmittelbarer Grenznähe in Rmeich nicht mehr betreten durfte. Auch seine Mitarbeiterin, die Kellermeisterin, die die Weinproduktion eigentlich begleiten müsste, kann nur aus der Ferne am Telefon beraten. Sie kommt aus einer weiter nördlichen Region und darf nicht mehr in den Süden fahren. Die von Israel errichtete „Sicherheitszone” darf von niemandem von außerhalb betreten werden.

Die Weinanlage in Rmeich (privat)

Die Bewohner*innen der drei christlichen Dörfer dürfen die Region mittlerweile verlassen, nachdem einen Waffenstillstand im Juni eingetreten ist. Dafür müssen sie einen Kontrollpunkt passieren, der bei der mittlerweile weitgehend zerstörten Küstenstadt Naqoura errichtet wurde – dort hat die UN-Friedensmission UNIFIL ihren Sitz. Alle anderen Wege und Brücken sind zerstört worden. Bevor die Einwohner*innen der drei christlichen Dörfer über den Checkpoint die Region verlassen können, müssen sie Fotos des Autos und eine Ausweiskopie über UNIFIL an die israelische Armee übermitteln.

Über die humanitäre Lage im Dorf will Makhoul nicht klagen. Während des Kriegs von März bis Juni war die Versorgung der Dörfer durch christliche Hilfsorganisationen wie die Caritas nur unter Begleitung der UNIFIL und mit Vermittlung des Vatikans möglich. Seit dem erklärten Waffenstillstand dürfen wieder Lastwagen mit Nahrungsmitteln in die Region fahren. Für Strom haben die meisten Solaranlagen installiert, auch Ölgeneratoren helfen. Vor kurzem hat Italien humanitäre Hilfe versprochen.

Israel schürt Misstrauen

Die Kontrollpunkte sind Teil weiterer Maßnahmen, die darauf hindeuten, dass ein Rückzug der israelischen Armee nicht zu erwarten ist. Das verunsichert die Menschen in Rmeich und macht Makhoul Sorgen um die Zukunft seines Geschäfts. Container aus der Region zu verschicken, werde von libanesischer Seite aus unmöglich gemacht. „Sie vertrauen uns in unserem eigenen Land nicht mehr“, sagt Makhoul.

Und das hat historische Gründe: Von 1983 bis 2000 war der Südlibanon von Israel besetzt. Viele Schiiten schlossen sich daraufhin der Hisbollah an, um gegen die Besatzung zu kämpfen. Viele Christen – aber auch einige Schiiten – gingen hingegen zur pro-israelischen Miliz South Lebanon Army. Letztere gibt es zwar seit 26 Jahren nicht mehr, dennoch taucht der Vorwurf des Hochverrats immer wieder auf. So kam es in den vergangenen drei Jahren mehrfach zu Konflikten, als die Hisbollah versuchte, gegen den Widerstand der Bewohner*innen Raketen in den christlichen Dörfern zu installieren.

Israel schürte zusätzliches Misstrauen zwischen den Konfessionen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu behauptete im Juli, einige christliche Dörfer hätten um eine Annexion durch Israel gebeten – ihre Bürgermeister wiesen das zurück. „Wir wollen nur in unserem Land bleiben“, sagt Makhoul. Auch die christlichen Dörfer blieben von Angriffen nicht verschont. In Rmeich, Debel und Ain Ebel wurden Häuser bombardiert und mehrere Menschen getötet.

Kein Zuhause mehr

Die Hälfte der Bevölkerung von Rmeich lebt schon lange im Ausland oder in Beirut. Sie bauen trotzdem Häuser in der Heimat und wollen den Kontakt halten. Genau das tat vor sieben Jahren auch der Deutschlibanese Rachad El Amil. Jetzt hat er alles verloren. Der 55-jährige Familienvater lebte von 1988 bis 2003 in Deutschland, wo er eine Ausbildung absolvierte und in der Gastronomie arbeitete.

Im Jahr 2019 verwirklichte El Amil seinen Lebenstraum: Mit seinen Ersparnissen baute er in Rmeich ein Steinhaus und eine Veranstaltungsstätte für Hochzeiten. Als der Krieg im Jahr 2024 eskalierte, wurde sein Haus beschädigt und die Veranstaltungsstätte brannte ab. El Amil begann daraufhin in Karlsruhe neu und eröffnete das Restaurant „Tyros“. Auf seinem Handy zeigt er Bilder seines zerstörten Hauses, das heute in einem von Israel kontrollierten Gebiet liegt und für ihn nicht mehr erreichbar ist. „Für mich gibt es kein Zuhause mehr“, sagt El Amil.

Europa muss Druck ausüben

Mit seinen Verwandten im Dorf steht El Amil ständig in Kontakt. Alle beschäftigt vor allem die Frage, wie es in den kommenden Monaten weitergeht. Ende 2026 läuft das Mandat der UNIFIL aus, nachdem Israel und die USA darauf drängten, den Einsatz nach fast 50 Jahren nicht mehr zu verlängern. Als Folge müssen mehr als 10.000 Soldaten aus rund 50 Ländern den Südlibanon verlassen, darunter die deutsche Marine, die vor der Küste stationiert ist. Für Rmeich ist das von großer Bedeutung. Seit rund 20 Jahren arbeiten einige Hundert Bewohner*innen für die UN-Mission. Damit trugen die Friedenstruppen seit dem letzten Krieg 2006 nicht nur zu einer – fragilen – Sicherheit, sondern auch zur wirtschaftlichen Belebung der Region bei.

By UNIFIL, Wikimedia

Warum bleiben die Menschen trotzdem? „Sie wollen nicht dasselbe Schicksal haben wie die Menschen in ihren Nachbardörfern, die entweder auf der Straße gelandet sind oder sehr hohe Mieten zahlen müssen, um in Würde zu leben“, sagt El Amil. Was er fürchtet, ist eine Entwicklung wie auf den syrischen Golanhöhen, die im Jahr 1981 von Israel annektiert wurden. Wie schon dort, rufen israelische Siedlergruppen dazu auf, auch im Südlibanon Dörfer zu gründen.

Die beiden Deutschlibanesen Rachad El Amil und Joseph Makhoul hoffen auf mehr politischen Druck aus Europa. Mehr als zehn EU-Mitgliedsstaaten haben sich bereit erklärt, eine gemeinsame Mission im Libanon zu unterstützen, darunter auch Deutschland. Laut EU-Chefdiplomatin Kaja Kallas soll bis Ende Oktober ein Beschluss gefasst werden.

Liebe Grüße
Silvana El Sayegh

*Dieser Artikel erschien erstmals am 23.09.2026 in der Kontext:Wochenzeitung.



Kurzüberblick der Region

Marokko bekommt erstmals eine Regierungschefin

Fatima Ezzahra El Mansouri wird als erste Frau in der Geschichte Marokkos die Regierung führen. König Mohammed VI. ernannte die 50-jährige Juristin und ministerin am Dienstag zur Regierungschefin. El Mansouris Partei für Authentizität und Modernität wurde bei der Parlamentswahl am 23. September mit 97 von 395 Sitzen stärkste Kraft. Mit ihrer Ernennung ist El Mansouri nach der Tunesierin Najla Bouden die zweite Frau, die in einem arabischen Staat das Amt der Regierungschefin übernimmt.

Arabische Parteien von Israels Wahl ausgeschlossen

Wenige Wochen vor der israelischen Parlamentswahl am 27. Oktober hat der Zentrale Wahlausschuss die beiden wichtigsten arabisch geprägten Wahllisten von der Teilnahme ausgeschlossen. Betroffen sind Ra’am unter Mansour Abbas sowie die Gemeinsame Liste, zu der Hadash, Ta’al und Balad gehören. Der Ausschluss ist allerdings noch nicht endgültig. Für die Regierungsbildung könnten die arabischen Parteien eine entscheidende Rolle spielen. Die letzten Umfragen sehen Netanjahus Lager und die zionistischen Oppositionsparteien mit jeweils 53 von 120 Sitzen gleichauf.

Ägypten soll vor dem 7. Oktober gewarnt haben

Der ägyptische Geheimdienst soll die israelische Regierung bereits vor dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 vor einer größeren Offensive gewarnt haben. Das berichtet das US-Magazin The Atlantic. Demnach reiste der damalige ägyptische Geheimdienstchef Abbas Kamel elf Tage vor dem Angriff heimlich nach Israel. Ob die Warnung Ministerpräsident Benjamin Netanjahu persönlich erreichte, ist nicht geklärt.

Die neuen Informationen werden bekannt, nachdem bereits ein Buch über eine Warnung aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) berichtet hatte. Netanjahus Büro bezeichnete den Bericht als falsch. Die VAE haben den Bericht bislang weder ausdrücklich bestätigt noch dementiert. Am Sonntag reiste Netanjahu unangekündigt nach Abu Dhabi. Nach Informationen der Nachrichtenagentur AP soll Netanjahu den VAE-Präsidenten dabei gebeten haben, den Bericht über die Warnung vor dem 7. Oktober öffentlich zu dementieren.


Zahl der Woche

Die Stücke waren nach Angaben der Staatsanwaltschaft von Manhattan illegal aus Syrien gestohlen und später in den USA beschlagnahmt worden. Zu den zurückgegebenen Objekten gehören 14 Mosaike aus einer römischen Villa, mehr als 3.000 Jahre alte Figuren sowie ein monumentales Grabrelief aus der antiken Stadt Palmyra.

Auch der Libanon erhielt im September drei geraubte antike Kulturgüter aus den USA zurück. Die vom FBI sichergestellten Fragmente römischer Sarkophage stammen vermutlich aus illegalen Ausgrabungen in der südlibanesischen Stadt Tyros und sind rund 1.800 Jahre alt.


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Dieser Newsletter wurde von Silvana El Sayegh geschrieben.
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